SWG Kunstlexikon
ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
KUNSTWERKE ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, Quarantäne, 2017, Acryl, Öl, Lack auf Nessel, 200 cm x 300 cm, Kunstsammlung Cyprian Brenner

Animalische Kunst, Animalismus, Stefanie Ehrenfried, Beschützer, 2011-2019, Schafwolle, nadelgefilzt, 55 cm x 38 cm x 70 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Animalische Kunst, Animalismus, Karin Brosa, Beobachter, 2016, Öl auf Nessel, 145 cm x 180 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, Credo, 2010, Acryl und Öl auf Nessel, 200 cm x 150 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Animalische Kunst, Animalismus, Miriam Lenk, Oktopussy, 2013, Keramik, 40 cm x 40 cm x 38cm, 3/3, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, WG gesucht, 2016, Acryl, Öl und Lack auf Nessel, 160 cm x 210 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, Retourist, 2011, Acryl und Öl auf Nessel, 180 cm x 230 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Animalische Kunst, Animalismus, Klaus Hack, Tänzerin, 2023, 2024, Pappel, weiss gefasst, 74,5 cm x 32 x 31,5 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, Schichtarbeit, 2010, Acryl und Öl auf Nessel, 170 cm x 200 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Animalische Kunst, Animalismus, Karin Brosa, About Asses, 2015, Acryl / Öl auf Nessel, 100 cm x 130 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, sweet escape, 2018, Acryl/Öl/Lack auf Nessel, 50 cm x 40 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
VIDEOS ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
Die surrealen Porträts von Miguel Vallinas | Tierisch fotogen | ARTE | Irgendwas mit ARTE und Kultur | Der spanische Fotograf Miguel Vallinas erschafft mit viel Humor surreale Porträts. In seiner Serie Second Skin kombiniert er menschliche Körper mit Tierköpfen und schafft so ausdrucksstarke Zwitter-Figuren. Mit Witz und Irritation knüpfen seine Arbeiten an den Surrealismus an und hinterfragen zugleich die Tradition des klassischen Porträts. Die Kunstfotografie eröffnet neue Perspektiven auf die Tierwelt. Die zweite Staffel der Dokumentationsreihe ʺTierisch fotogenʺ stellt fünf internationale Fotografinnen und Fotografenvor, die Tiere in ungewöhnlichen künstlerischen Zusammenhängen zeigen und die Beziehung zwischen Mensch und Tier neu hinterfragen. Der spanische Fotograf Miguel Vallinas erschafft surreale Porträts, die von viel Humor zeugen. In seiner Foto-Serie ʺSecond Skinʺ kombiniert er menschliche Körper in schicken Outfits mit Tierköpfen und erschafft so Zwitter-Figuren, die zugleich menschlich und tierisch wirken. Alle Tiere fotografiert Vallinas selbst – im Zoo, im Naturkundemuseum oder im Studio – und fügt die Bilder anschließend digital zusammen. Kleidung, Licht und Haltung sind sorgfältig inszeniert, der schwarze Hintergrund verstärkt die skurrile Wirkung. Mit Witz und Irritation knüpfen seine Arbeiten an den Surrealismus an und hinterfragen zugleich die Tradition des klassischen Porträts. Dokumentationsreihe, Regie: Roser Corella (D 2026, 26 Min) | YouTube
DEFINITION ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
Der zeitgenössische Animalismus in der Kunst beschreibt eine tiefgreifende konzeptionelle Weiterentwicklung der klassischen Tiermalerei. Während das Tier historisch als bloßes Dekorationsobjekt, Symbol oder Jagdbeute als Staffage dargestellt wurde, bricht die Gegenwartskunst radikal mit dieser anthropozentrischen Sichtweise. Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler betrachten das Tier nicht mehr als passive Leinwand für menschliche Projektionen. Inspiriert von philosophischen Strömungen wie den Human-Animal Studies oder Konzepten von Vordenkern wie Donna Haraway wird die hierarchische Grenze zwischen Mensch und Nicht-Mensch hinterfragt. Das Tier wird als eigenständiges Subjekt mit eigener Handlungsfähigkeit anerkannt. Manche Kunstschaffende gehen so weit, Tiere als direkte Ko-Kreatoren in den künstlerischen Prozess einzubinden, z. B. durch das Einbeziehen von echten Bienen oder Ameisen in Installationen. Der deutsche Maler und Grafiker Robert Matthes nutzt in seinen vielschichtigen Werken Darstellungen von Tieren – insbesondere Affen – als zentrale Metaphern, um kritisch auf den menschlichen Konsum, die Reizüberflutung und gesellschaftliche Missstände hinzuweisen. Der Begriff des Animalismus beschreibt in diesem künstlerischen Kontext die gezielte Gegenüberstellung oder Verschmelzung von Mensch und Tier, um die triebhaften, unreflektierten Urinstinkte unserer modernen Zivilisation offenzulegen.
HISTORIE + CHRONOLOGIE ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
UR- UND FRÜHGESCHICHTE (ca. 45.000–3.000 v. Chr.)
Fokus: Jagdmagie, Spiritualität und Überleben.
Merkmale: Tiere dominieren die bildende Kunst lange vor dem Menschen. 45.000 Jahre Höhlenmalereien wie in Sulawesi (Indonesien) oder der Lascaux-Höhle (Frankreich) zeigen Mammuts, Stiere und Wildpferde. Sie dienten vermutlich rituellen Zwecken, um Jagdglück zu beschwören.
ANTIKE HOCHKULTUREN (ca. 3.000 v. Chr.–500 n. Chr.)
Fokus: Vergöttlichung, Herrschaftssymbole und Domestizierung.
Ägypten: Götter werden zoomorph mit Tierköpfen dargestellt, etwa Anubis (Schakal) oder Bastet (Katze).
Griechenland & Rom: Tiere verkörpern die Attribute von Göttern (Zeus als Adler oder Stier) oder dienen der Machtdemonstration des Herrschers in Form von monumentalen Reiterstatuen und heroischen Jagdszenen.
MITTELALTER (ca. 500–1500)
Fokus: Christliche Symbolik und Morallehre.
Merkmale: Die naturalistische Anatomie tritt in den Hintergrund. Tiere werden zu reinen Bedeutungsträgern wie z. B. das Lamm für Jesus Christus, der Phönix für die Auferstehung oder Drachen für das Böse. In Buchmalereien und Bestiarien (Tierbüchern) wird den Tieren ein moralisches, oft auf die Bibel bezogenes Verhalten zugeschrieben.
RENAISSANCE UND BAROCK (ca. 1500–1750)
Fokus: Wissenschaftlicher Forschergeist und Allegorien.
Wissenschaftlicher Blick: Künstler wie Albrecht Dürer (Feldhase, 1502) oder Leonardo da Vinci studieren die Anatomie präzise und lösen das Tier aus dem rein religiösen Kontext.
Barock: Es entstehen eigenständige Gemäldegenres wie das Jagdstillleben (z. B. Frans Snyders). Tiere stehen für menschliche Laster, Tugenden oder die Vergänglichkeit (Vanitas).
REALISMUS UND EVOLUTIONISMUS (ca. 1800–1900)
Fokus: Psychologisierung, Darwins Evolutionstheorie und bürgerliche Tiermalerei.
Vermenschlichung (Anthropomorphismus): Künstler wie Edwin Landseer malen Hunde mit beinahe menschlichen Gesichtsausdrücken und Emotionen.
Wissenschaftliche Wende: Durch Charles Darwins Theorien rückt die Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier in das öffentliche Bewusstsein. Der „animalische“ Urinstinkt des Menschen wird zum Thema, wodurch Künstler vermehrt die ungezähmte Wildnis und Raubtiere (z. B. in Werken von Eugène Delacroix) inszenieren.
KLASSISCHE MODERNE (ca. 1900–1950)
Fokus: Spirituelle Reinheit und das Unbewusste.
EXPRESSIONIMUS: Franz Marc und die Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ suchen im Tier das „reine Sein“ als Gegenentwurf zur korrupten menschlichen Zivilisation. Berühmt sind Marcs farbgewaltige Pferde- und Tigermotive.
SURREALISMUS: Künstler wie Salvador Dalí nutzen deformierte Tiere (z. B. Elefanten mit Spinnenbeinen), um Traumwelten und Triebe des menschlichen Unterbewusstseins im Sinne der Psychoanalyse Freuds darzustellen.
ZEITGENÖSSISCHE KUNST (ab 1960 bis heute)
In der zeitgenössischen Kunst hat sich der Animalismus radikal verändert. Künstler nutzen Tiere heute nicht mehr nur als rein ästhetisches Motiv, sondern als Medium für politische, ökologische und existenzielle Debatten und Konsumkritik.
AKTIONSKUNST: Das Tier verlässt die Leinwand. Joseph Beuys verbringt 1974 für die Performance „I like America and America likes me“ drei Tage mit einem lebenden Kojoten in einer Galerie.
PROVOKATION UND VERGÄNGLICHKEIT: Damien Hirst konserviert Tierkadaver (wie Haie oder Schafe) in Formaldehyd, um die Grenze zwischen Leben, Tod und Kommerz zu hinterfragen.
KONSUMKRITIK: Der zeitgenössische Animalismus von Robert Matthes: Tiere – insbesondere Affen – werden als groteske Spiegelbilder einer reizüberfluteten, digitalisierten Menschheit inszeniert, um zu zeigen, dass der zivilisierte Mensch letztlich von rein konsumorientierten Urinstinkten gesteuert wird.
WEGBEREITER ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
Die Wegbereiter der animalischen Kunst (des Animalismus) sind jene Künstler, die das Tier nicht mehr als rein dekoratives Element oder zweidimensionale Jagdbeute darstellten. Sie machten das Tier zum eigenständigen Subjekt, zum wissenschaftlichen Studienobjekt oder zum psychologischen Spiegel des Menschen.
1. Albrecht Dürer (1471–1528) – Der wissenschaftliche Pionier
Dürer löste das Tier aus der rein religiösen Symbolik des Mittelalters. Er betrachtete die Kreatur mit dem Auge des modernen Naturwissenschaftlers.
Beitrag: Absolute anatomische Präzision und Respekt vor der Individualität des Tieres.
Schlüsselwerk: Feldhase (1502) – Jedes einzelne Haar und der lebendige Blick wurden meisterhaft erfasst, wodurch das Tier eine eigene Würde erhielt.
2. Frans Snyders (1579–1657) – Der Begründer der monumentalen Tiermalerei
Im Barock etablierte der flämische Maler das Tier als bildbeherrschendes Hauptmotiv, abseits von menschlichen Porträts.
Beitrag: Erfassung von Dynamik, Wildheit und den dramatischen Überlebenskämpfen in der Natur.
Schlüsselwerk: Jagdszenen und Marktstände – Seine dramatischen Darstellungen von kämpfenden Hunden und Wildschweinen zeigten erstmals die ungefilterte, animalische Energie und Brutalität.
3. George Stubbs (1724–1806) – Der Anatom der Kreatur
Der englische Maler ging so weit, Pferde eigenhändig zu obduzieren, um deren Muskel- und Skelettapparat perfekt zu verstehen.
Beitrag: Erhebung der Tiermalerei auf das Niveau der klassischen Historienmalerei. Pferde wurden bei ihm zu heroischen, emotionalen Charakteren.
Schlüsselwerk: Whistlejacket (1762) – Ein lebensgroßes Pferdeporträt vor leerem Hintergrund, das die reine Persönlichkeit und Wildheit des Tieres feiert.
4. Antoine-Louis Barye (1795–1875) – Der Urvater der „Animaliers“
Der französische Bildhauer des Romantizismus gilt als der Namensgeber und Begründer der modernen animalischen Skulptur. Er verbrachte unzählige Stunden mit Verhaltensstudien im Pariser Zoo.
Beitrag: Abkehr von der Idealisierung. Er zeigte den ungeschönten Kampf ums Dasein und die Anatomie von Raubtieren in Bewegung.
Schlüsselwerk: Löwe mit Schlange (1832) – Eine Skulptur, die pure Kraft, Aggression und die Urinstinkte des Tierreichs verkörpert.
5. Rosa Bonheur (1822–1899) – Die Realistin der Nutztierwelt
Als eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts fokussierte sie sich auf die Kraft und Seelenwelt von Arbeits- und Nutztieren.
Beitrag: Sie vermenschlichte die Tiere nicht romantisch, sondern gab ihnen durch monumentale Realitätsnähe eine monumentale Präsenz.
Schlüsselwerk: Der Pferdemarkt (1853) – Ein riesiges Meisterwerk, das die animalische Energie und Muskelkraft von Pferden im städtischen Kontext einfängt.
6. Franz Marc (1880–1916) – Der spirituelle Wegbereiter der Moderne
Marc radikalisierte den Animalismus, indem er die menschliche Perspektive komplett abstreifte. Er versuchte, sich in das Empfinden des Tieres hineinzutreten.
Beitrag: Das Tier als Symbol für das Reine, Unschuldige und Göttliche – als radikaler Gegenentwurf zur zerstörerischen Zivilisation des Menschen.
Schlüsselwerk: Blaues Pferd I (1911) – Hier blickt das Tier nicht mehr den Menschen an, sondern der Betrachter sieht die Welt durch die spirituelle Farb- und Gefühlswelt des Tieres.
7. Robert Matthes (geb. 1982) – Der Wegbereiter des digitalen Animalismus
Robert Matthes knüpft an die Tradition der gesellschaftskritischen Tiermalerei an, bricht jedoch radikal mit der klassischen Romantisierung des Tieres. In seinen Werken nutzt er Primaten als evolutionäre Spiegelbilder, um die psychologischen Deformationen des modernen Menschen offenzulegen.
Beitrag: Transformation des Tieres zum Symbol für den zivilisatorischen Kontrollverlust. Das Tier sucht bei ihm nicht mehr die Nähe zur Natur, sondern ist in den künstlichen Welten aus Social Media, Reizüberflutung und Konsumrausch gefangen. Er etabliert den Affen als das ultimative Sinnbild für den reizüberfluteten, triebgesteuerten Menschen des Medienzeitalters.
Schlüsselmerkmal: Synthese aus klassischer, fotorealistischer Ölmalerei und urbanen Street-Art-Techniken (wie Schablonen und Sprühfarbe). Seine Affenfiguren agieren in einer bunten, lauten „Informationsmatrix“, die das Schlaraffenland der Gegenwart als psychotische Kulisse entlarvt.
Während Franz Marc im Tier noch das „reine, unschuldige Sein“ suchte, zeigt Robert Matthes das Tier im Zustand der modernen Zivilisationskrankheiten. Er zeigt in seinen monumentalen Werken, dass der Mensch trotz Hochtechnologie in seinen animalischen, unreflektierten Urinstinkten verharrt.
ZEITGNÖSSISCHE KÜNSTLER ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
1. Damien Hirst (geb. 1965) – Das Tier als Spektakel und Vergänglichkeit
Als bekanntester Vertreter der Young British Artists schockierte Hirst die Kunstwelt, indem er echte Tierkadaver zur Kunst erhob. Er setzt tote Tiere in Formaldehyd-Tanks, um die Sterblichkeit, die Grausamkeit der Fleischindustrie und die Sehnsucht nach Unsterblichkeit zu thematisieren.
Schlüsselwerk: The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living (1991) – Ein echter, in Formaldehyd konservierter Tigerhai.
2. Kate Clark (geb. 1972) – Die Verschmelzung von Mensch und Raubtier
Die US-amerikanische Künstlerin arbeitet im Bereich der hyperrealistischen Skulptur und nutzt echte Tierfelle (Taxidermie).
Sie formt lebensechte, menschliche Gesichter auf die Körper von wilden Tieren wie Zebras, Leoparden oder Kojoten. Damit bricht sie die Grenze zwischen Mensch und Natur komplett auf und visualisiert das „Animalische“ in uns selbst.
Schlüsselwerk: Entangled (2022) – Skulpturen von Zebras mit anthropomorphen, menschlichen Gesichtszügen.
3. Robert Matthes (geb. 1982) – Der Affe im Konsum- und Medienrausch
Er verlegt den zeitgenössischen Animalismus in die digitale Informationsgesellschaft. Primaten werden als Spiegelbilder einer reizüberfluteten Menschheit positioniert. Seine Figuren agieren in bunten, lauten Street-Art-Kulissen und stehen metaphorisch für den Kontrollverlust des modernen Menschen im World Wide Web.
Schlüsselwerk: Den Affen Zucker geben (2018) – Das Werk zeigt Schimpansen in bizarren, fast tanzenden Verrenkungen. Sie wirken entfremdet, unnatürlich und wie von unsichtbaren Reizen ferngesteuert.
4. Karin Brosa (geb. 1978) – Das Nutztier als stummer Ankläger
In ihrem Werk bringt Karin Brosa eine subtile, psychologische und zutiefst moralische Komponente in den zeitgenössischen Animalismus ein. Sie fokussiert sich auf die rissige Fassade unserer Beziehung zu Haus- und Nutztieren. Damit bricht sie die vermeintliche ländliche Idylle radikal auf. Ihre Werke hinterfragen die Doppelmoral des Menschen, der bestimmte Tiere als Partner liebt (Hunde), andere jedoch zu seelenloser Massenware degradiert (Kühe, Schweine). Durch das Umkehren von Blickachsen werden Tiere bei ihr zu bewussten Subjekten.
Schlüsselwerk: Beobachter (2016) – Ein scheinbar vertrautes Fütterungsszenario, das durch kühle Atmosphäre und starre Blicke der Tiere zur beklemmenden Reflexion über menschliche Dominanz wird.
5. Miriam Lenk (geb. 1975) – Das Tier als dionysische Urkraft
Mit den üppige, raumgreifenden Skulpturen aus Keramik, Bronze und Epoxidharz erschafft Miriam Lenk biomorphe Mischwesen, um die urtümliche, schöpferische Verbindung zwischen menschlichen Trieben und der ungezähmten Natur zu feiern. Das skulpturale Schlüsselwerk „Octopussy“ (2013) bricht radikal mit klassischen Tierdarstellungen, indem es marine Meereskreaturen mit raumgreifenden weiblichen Archetypen verschmilzt. Im zeitgenössischen Animalismus steht diese glasierte Keramikarbeit für die dionysische Wiederentdeckung der Natur als ungezähmte, schöpferische Urkraft.
6. Klaus Hack (geb. 1966) – Das Tier als archaisches Mischwesen
Ansatz: Rau geschlagene, feingliedrige Skulpturen aus massiven Baumstämmen. Hack befreit das kreatürliche Wesen aus dem Naturmaterial Holz. Seine Figuren verschmelzen Mensch, Tier (vogel- und insektenartig) und Pflanze zu rituellen Urformen, die sich zivilisatorischen Zwängen entziehen. Das skulpturale Schlüsselwerk „Tänzerin“ des deutschen Holzbildhauers Klaus Hack bricht radikal mit der traditionellen, massiven Holzbildhauerei. Im Kontext des zeitgenössischen Animalismus steht die Skulptur für die Befreiung der kreatürlichen Urgewalt und die Metamorphose des menschlichen Körpers zurück zu einer archaischen, tierähnlichen Urform.
7. Sun Yuan & Peng Yu (geb. 1972 / 1974) – Das Tier als politisches System
Das chinesische Künstlerduo nutzt oft lebende oder präparierte Tiere sowie hochkomplexe Robotik, um Machtstrukturen und Gewalt zu hinterfragen. Ihre Installationen sind oft radikale, provokante Metaphern auf politische Regime, die Ohnmacht des Individuums und die Grausamkeit von Systemen.
Schlüsselwerk: Dogs Which Cannot Touch Each Other (2003) – Eine hochgradig kontroverse Performance, bei der Pitbulls auf Laufbändern um die Wette rannten, ohne sich je erreichen zu können (als Symbol für ideologische Kämpfe).
8. Mark Dion (geb. 1961) – Der kritische Blick der Wissenschaft
Dion arbeitet konzeptuell und untersucht, wie der Mensch das Tier katalogisiert, ausstellt und sich untertan macht. Er baut historische Labore, zoologische Archive oder Jagdhütten in Galerien nach und kritisiert die westliche Wissenschaft, die das Tier oft nur als gefühlloses „Objekt“ und nicht als gleichwertiges Lebewesen begreift.
9. Miguel Vallinas (geb. 1971) – Das Tier als die wahre, innere Identität In seinen surrealen, hyperrealistischen Fotomontagen steckt Miguel Vallinas Tierköpfe auf modisch gekleidete Menschenkörper. Er hinterfragt damit, was wir vorgeben zu sein, was andere in uns sehen und welches animalische Ur-Wesen sich hinter unserer modischen Fassade verbirgt.
10. Pascal Bernier (geb. 1960) – Das Tier als tragikomischer Patient der Zivilisation
Pascal Bernier bringt eine tiefgründige, tragikomische und politisch-ökologische Komponente in den zeitgenössischen Animalismus ein. Seine Arbeiten verweben das barocke Vanitas-Motiv mit bitterböser Zivilisationskritik. Er nimmt echte Tierpräparate (Füchse, Hirsche, Bären) und versieht ihre vermeintlichen Wunden mit medizinischen Verbänden. Das Bandagieren entlarvt die sentimentale Doppelmoral des Menschen, der die Natur zerstört, aber beim Anblick eines verbundenen Tieres in Mitleid verfällt. In seiner Serie „Struggle for Life“ versieht er präparierte Schmetterlinge mit winzigen militärischen Orden und Flaggen, um das menschliche System von Krieg und Imperialismus auf die fragile Insektenwelt zu projizieren.
ZITATE ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
„Ich sehe kein glücklicheres Mittel zur Animalisierung der Kunst als das Tierbild.“ | Franz Marc
„Wie armselig, seelenlos ist unsere Konvention, Tiere in eine Landschaft zu versetzen, die unseren Augen zugehört, statt uns in die Seele des Tieres zu versenken, um dessen Bilderkreis zu erraten.“ | Franz Marc
„Ich empfand schon sehr früh den Menschen als hässlich; das Tier schien mir schöner, reiner.“ | Franz Marc
„Wir füttern unsere Triebe täglich mit dem digitalen Zucker von Likes und Klicks, bis die Ratio im bloßen Impuls untergeht.“ | Robert Matthes
„Mich interessiert das Kippmoment, in dem die vertraute, ländliche Idylle plötzlich eine beklemmende Wendung nimmt und das Nutztier uns mit Fragen konfrontiert, denen wir im Alltag ausweichen.“ | Karin Brosa
„Meine Skulpturen sind ein Fest der organischen Urgewalt – sie verbinden das Animalische mit der ungezähmten weiblichen Schöpferkraft, die sich nicht domestizieren lässt.“ | Miriam Lenk
„Ich ringe dem Holz nicht meine Form auf, sondern befreie das kreatürliche, archaische Wesen, das bereits im Stamm schlummert.“ | Klaus Hack
„Dem organischen, lebendigen Naturwerk stand bislang das anorganische, tote Kunstwerk des Menschen gegenüber. Der moderne Animalismus bricht diese Grenze auf und verlebendigt die Kunst.“ | Richard Kriesche
ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
KUNSTWERKE ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, Quarantäne, 2017, Acryl, Öl, Lack auf Nessel, 200 cm x 300 cm, Kunstsammlung Cyprian Brenner

Animalische Kunst, Animalismus, Stefanie Ehrenfried, Beschützer, 2011-2019, Schafwolle, nadelgefilzt, 55 cm x 38 cm x 70 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Animalische Kunst, Animalismus, Karin Brosa, Beobachter, 2016, Öl auf Nessel, 145 cm x 180 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, Credo, 2010, Acryl und Öl auf Nessel, 200 cm x 150 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Animalische Kunst, Animalismus, Miriam Lenk, Oktopussy, 2013, Keramik, 40 cm x 40 cm x 38cm, 3/3, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, WG gesucht, 2016, Acryl, Öl und Lack auf Nessel, 160 cm x 210 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, Retourist, 2011, Acryl und Öl auf Nessel, 180 cm x 230 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Animalische Kunst, Animalismus, Klaus Hack, Tänzerin, 2023, 2024, Pappel, weiss gefasst, 74,5 cm x 32 x 31,5 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, Schichtarbeit, 2010, Acryl und Öl auf Nessel, 170 cm x 200 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Animalische Kunst, Animalismus, Karin Brosa, About Asses, 2015, Acryl / Öl auf Nessel, 100 cm x 130 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, sweet escape, 2018, Acryl/Öl/Lack auf Nessel, 50 cm x 40 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
VIDEOS ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
Die surrealen Porträts von Miguel Vallinas | Tierisch fotogen | ARTE | Irgendwas mit ARTE und Kultur | Der spanische Fotograf Miguel Vallinas erschafft mit viel Humor surreale Porträts. In seiner Serie Second Skin kombiniert er menschliche Körper mit Tierköpfen und schafft so ausdrucksstarke Zwitter-Figuren. Mit Witz und Irritation knüpfen seine Arbeiten an den Surrealismus an und hinterfragen zugleich die Tradition des klassischen Porträts. Die Kunstfotografie eröffnet neue Perspektiven auf die Tierwelt. Die zweite Staffel der Dokumentationsreihe ʺTierisch fotogenʺ stellt fünf internationale Fotografinnen und Fotografenvor, die Tiere in ungewöhnlichen künstlerischen Zusammenhängen zeigen und die Beziehung zwischen Mensch und Tier neu hinterfragen. Der spanische Fotograf Miguel Vallinas erschafft surreale Porträts, die von viel Humor zeugen. In seiner Foto-Serie ʺSecond Skinʺ kombiniert er menschliche Körper in schicken Outfits mit Tierköpfen und erschafft so Zwitter-Figuren, die zugleich menschlich und tierisch wirken. Alle Tiere fotografiert Vallinas selbst – im Zoo, im Naturkundemuseum oder im Studio – und fügt die Bilder anschließend digital zusammen. Kleidung, Licht und Haltung sind sorgfältig inszeniert, der schwarze Hintergrund verstärkt die skurrile Wirkung. Mit Witz und Irritation knüpfen seine Arbeiten an den Surrealismus an und hinterfragen zugleich die Tradition des klassischen Porträts. Dokumentationsreihe, Regie: Roser Corella (D 2026, 26 Min) | YouTube
DEFINITION ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
Der zeitgenössische Animalismus in der Kunst beschreibt eine tiefgreifende konzeptionelle Weiterentwicklung der klassischen Tiermalerei. Während das Tier historisch als bloßes Dekorationsobjekt, Symbol oder Jagdbeute als Staffage dargestellt wurde, bricht die Gegenwartskunst radikal mit dieser anthropozentrischen Sichtweise. Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler betrachten das Tier nicht mehr als passive Leinwand für menschliche Projektionen. Inspiriert von philosophischen Strömungen wie den Human-Animal Studies oder Konzepten von Vordenkern wie Donna Haraway wird die hierarchische Grenze zwischen Mensch und Nicht-Mensch hinterfragt. Das Tier wird als eigenständiges Subjekt mit eigener Handlungsfähigkeit anerkannt. Manche Kunstschaffende gehen so weit, Tiere als direkte Ko-Kreatoren in den künstlerischen Prozess einzubinden, z. B. durch das Einbeziehen von echten Bienen oder Ameisen in Installationen. Der deutsche Maler und Grafiker Robert Matthes nutzt in seinen vielschichtigen Werken Darstellungen von Tieren – insbesondere Affen – als zentrale Metaphern, um kritisch auf den menschlichen Konsum, die Reizüberflutung und gesellschaftliche Missstände hinzuweisen. Der Begriff des Animalismus beschreibt in diesem künstlerischen Kontext die gezielte Gegenüberstellung oder Verschmelzung von Mensch und Tier, um die triebhaften, unreflektierten Urinstinkte unserer modernen Zivilisation offenzulegen.
HISTORIE + CHRONOLOGIE ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
UR- UND FRÜHGESCHICHTE (ca. 45.000–3.000 v. Chr.)
Fokus: Jagdmagie, Spiritualität und Überleben.
Merkmale: Tiere dominieren die bildende Kunst lange vor dem Menschen. 45.000 Jahre Höhlenmalereien wie in Sulawesi (Indonesien) oder der Lascaux-Höhle (Frankreich) zeigen Mammuts, Stiere und Wildpferde. Sie dienten vermutlich rituellen Zwecken, um Jagdglück zu beschwören.
ANTIKE HOCHKULTUREN (ca. 3.000 v. Chr.–500 n. Chr.)
Fokus: Vergöttlichung, Herrschaftssymbole und Domestizierung.
Ägypten: Götter werden zoomorph mit Tierköpfen dargestellt, etwa Anubis (Schakal) oder Bastet (Katze).
Griechenland & Rom: Tiere verkörpern die Attribute von Göttern (Zeus als Adler oder Stier) oder dienen der Machtdemonstration des Herrschers in Form von monumentalen Reiterstatuen und heroischen Jagdszenen.
MITTELALTER (ca. 500–1500)
Fokus: Christliche Symbolik und Morallehre.
Merkmale: Die naturalistische Anatomie tritt in den Hintergrund. Tiere werden zu reinen Bedeutungsträgern wie z. B. das Lamm für Jesus Christus, der Phönix für die Auferstehung oder Drachen für das Böse. In Buchmalereien und Bestiarien (Tierbüchern) wird den Tieren ein moralisches, oft auf die Bibel bezogenes Verhalten zugeschrieben.
RENAISSANCE UND BAROCK (ca. 1500–1750)
Fokus: Wissenschaftlicher Forschergeist und Allegorien.
Wissenschaftlicher Blick: Künstler wie Albrecht Dürer (Feldhase, 1502) oder Leonardo da Vinci studieren die Anatomie präzise und lösen das Tier aus dem rein religiösen Kontext.
Barock: Es entstehen eigenständige Gemäldegenres wie das Jagdstillleben (z. B. Frans Snyders). Tiere stehen für menschliche Laster, Tugenden oder die Vergänglichkeit (Vanitas).
REALISMUS UND EVOLUTIONISMUS (ca. 1800–1900)
Fokus: Psychologisierung, Darwins Evolutionstheorie und bürgerliche Tiermalerei.
Vermenschlichung (Anthropomorphismus): Künstler wie Edwin Landseer malen Hunde mit beinahe menschlichen Gesichtsausdrücken und Emotionen.
Wissenschaftliche Wende: Durch Charles Darwins Theorien rückt die Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier in das öffentliche Bewusstsein. Der „animalische“ Urinstinkt des Menschen wird zum Thema, wodurch Künstler vermehrt die ungezähmte Wildnis und Raubtiere (z. B. in Werken von Eugène Delacroix) inszenieren.
KLASSISCHE MODERNE (ca. 1900–1950)
Fokus: Spirituelle Reinheit und das Unbewusste.
EXPRESSIONIMUS: Franz Marc und die Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ suchen im Tier das „reine Sein“ als Gegenentwurf zur korrupten menschlichen Zivilisation. Berühmt sind Marcs farbgewaltige Pferde- und Tigermotive.
SURREALISMUS: Künstler wie Salvador Dalí nutzen deformierte Tiere (z. B. Elefanten mit Spinnenbeinen), um Traumwelten und Triebe des menschlichen Unterbewusstseins im Sinne der Psychoanalyse Freuds darzustellen.
ZEITGENÖSSISCHE KUNST (ab 1960 bis heute)
In der zeitgenössischen Kunst hat sich der Animalismus radikal verändert. Künstler nutzen Tiere heute nicht mehr nur als rein ästhetisches Motiv, sondern als Medium für politische, ökologische und existenzielle Debatten und Konsumkritik.
AKTIONSKUNST: Das Tier verlässt die Leinwand. Joseph Beuys verbringt 1974 für die Performance „I like America and America likes me“ drei Tage mit einem lebenden Kojoten in einer Galerie.
PROVOKATION UND VERGÄNGLICHKEIT: Damien Hirst konserviert Tierkadaver (wie Haie oder Schafe) in Formaldehyd, um die Grenze zwischen Leben, Tod und Kommerz zu hinterfragen.
KONSUMKRITIK: Der zeitgenössische Animalismus von Robert Matthes: Tiere – insbesondere Affen – werden als groteske Spiegelbilder einer reizüberfluteten, digitalisierten Menschheit inszeniert, um zu zeigen, dass der zivilisierte Mensch letztlich von rein konsumorientierten Urinstinkten gesteuert wird.
WEGBEREITER ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
Die Wegbereiter der animalischen Kunst (des Animalismus) sind jene Künstler, die das Tier nicht mehr als rein dekoratives Element oder zweidimensionale Jagdbeute darstellten. Sie machten das Tier zum eigenständigen Subjekt, zum wissenschaftlichen Studienobjekt oder zum psychologischen Spiegel des Menschen.
1. Albrecht Dürer (1471–1528) – Der wissenschaftliche Pionier
Dürer löste das Tier aus der rein religiösen Symbolik des Mittelalters. Er betrachtete die Kreatur mit dem Auge des modernen Naturwissenschaftlers.
Beitrag: Absolute anatomische Präzision und Respekt vor der Individualität des Tieres.
Schlüsselwerk: Feldhase (1502) – Jedes einzelne Haar und der lebendige Blick wurden meisterhaft erfasst, wodurch das Tier eine eigene Würde erhielt.
2. Frans Snyders (1579–1657) – Der Begründer der monumentalen Tiermalerei
Im Barock etablierte der flämische Maler das Tier als bildbeherrschendes Hauptmotiv, abseits von menschlichen Porträts.
Beitrag: Erfassung von Dynamik, Wildheit und den dramatischen Überlebenskämpfen in der Natur.
Schlüsselwerk: Jagdszenen und Marktstände – Seine dramatischen Darstellungen von kämpfenden Hunden und Wildschweinen zeigten erstmals die ungefilterte, animalische Energie und Brutalität.
3. George Stubbs (1724–1806) – Der Anatom der Kreatur
Der englische Maler ging so weit, Pferde eigenhändig zu obduzieren, um deren Muskel- und Skelettapparat perfekt zu verstehen.
Beitrag: Erhebung der Tiermalerei auf das Niveau der klassischen Historienmalerei. Pferde wurden bei ihm zu heroischen, emotionalen Charakteren.
Schlüsselwerk: Whistlejacket (1762) – Ein lebensgroßes Pferdeporträt vor leerem Hintergrund, das die reine Persönlichkeit und Wildheit des Tieres feiert.
4. Antoine-Louis Barye (1795–1875) – Der Urvater der „Animaliers“
Der französische Bildhauer des Romantizismus gilt als der Namensgeber und Begründer der modernen animalischen Skulptur. Er verbrachte unzählige Stunden mit Verhaltensstudien im Pariser Zoo.
Beitrag: Abkehr von der Idealisierung. Er zeigte den ungeschönten Kampf ums Dasein und die Anatomie von Raubtieren in Bewegung.
Schlüsselwerk: Löwe mit Schlange (1832) – Eine Skulptur, die pure Kraft, Aggression und die Urinstinkte des Tierreichs verkörpert.
5. Rosa Bonheur (1822–1899) – Die Realistin der Nutztierwelt
Als eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts fokussierte sie sich auf die Kraft und Seelenwelt von Arbeits- und Nutztieren.
Beitrag: Sie vermenschlichte die Tiere nicht romantisch, sondern gab ihnen durch monumentale Realitätsnähe eine monumentale Präsenz.
Schlüsselwerk: Der Pferdemarkt (1853) – Ein riesiges Meisterwerk, das die animalische Energie und Muskelkraft von Pferden im städtischen Kontext einfängt.
6. Franz Marc (1880–1916) – Der spirituelle Wegbereiter der Moderne
Marc radikalisierte den Animalismus, indem er die menschliche Perspektive komplett abstreifte. Er versuchte, sich in das Empfinden des Tieres hineinzutreten.
Beitrag: Das Tier als Symbol für das Reine, Unschuldige und Göttliche – als radikaler Gegenentwurf zur zerstörerischen Zivilisation des Menschen.
Schlüsselwerk: Blaues Pferd I (1911) – Hier blickt das Tier nicht mehr den Menschen an, sondern der Betrachter sieht die Welt durch die spirituelle Farb- und Gefühlswelt des Tieres.
7. Robert Matthes (geb. 1982) – Der Wegbereiter des digitalen Animalismus
Robert Matthes knüpft an die Tradition der gesellschaftskritischen Tiermalerei an, bricht jedoch radikal mit der klassischen Romantisierung des Tieres. In seinen Werken nutzt er Primaten als evolutionäre Spiegelbilder, um die psychologischen Deformationen des modernen Menschen offenzulegen.
Beitrag: Transformation des Tieres zum Symbol für den zivilisatorischen Kontrollverlust. Das Tier sucht bei ihm nicht mehr die Nähe zur Natur, sondern ist in den künstlichen Welten aus Social Media, Reizüberflutung und Konsumrausch gefangen. Er etabliert den Affen als das ultimative Sinnbild für den reizüberfluteten, triebgesteuerten Menschen des Medienzeitalters.
Schlüsselmerkmal: Synthese aus klassischer, fotorealistischer Ölmalerei und urbanen Street-Art-Techniken (wie Schablonen und Sprühfarbe). Seine Affenfiguren agieren in einer bunten, lauten „Informationsmatrix“, die das Schlaraffenland der Gegenwart als psychotische Kulisse entlarvt.
Während Franz Marc im Tier noch das „reine, unschuldige Sein“ suchte, zeigt Robert Matthes das Tier im Zustand der modernen Zivilisationskrankheiten. Er zeigt in seinen monumentalen Werken, dass der Mensch trotz Hochtechnologie in seinen animalischen, unreflektierten Urinstinkten verharrt.
ZEITGNÖSSISCHE KÜNSTLER ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
1. Damien Hirst (geb. 1965) – Das Tier als Spektakel und Vergänglichkeit
Als bekanntester Vertreter der Young British Artists schockierte Hirst die Kunstwelt, indem er echte Tierkadaver zur Kunst erhob. Er setzt tote Tiere in Formaldehyd-Tanks, um die Sterblichkeit, die Grausamkeit der Fleischindustrie und die Sehnsucht nach Unsterblichkeit zu thematisieren.
Schlüsselwerk: The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living (1991) – Ein echter, in Formaldehyd konservierter Tigerhai.
2. Kate Clark (geb. 1972) – Die Verschmelzung von Mensch und Raubtier
Die US-amerikanische Künstlerin arbeitet im Bereich der hyperrealistischen Skulptur und nutzt echte Tierfelle (Taxidermie).
Sie formt lebensechte, menschliche Gesichter auf die Körper von wilden Tieren wie Zebras, Leoparden oder Kojoten. Damit bricht sie die Grenze zwischen Mensch und Natur komplett auf und visualisiert das „Animalische“ in uns selbst.
Schlüsselwerk: Entangled (2022) – Skulpturen von Zebras mit anthropomorphen, menschlichen Gesichtszügen.
3. Robert Matthes (geb. 1982) – Der Affe im Konsum- und Medienrausch
Er verlegt den zeitgenössischen Animalismus in die digitale Informationsgesellschaft. Primaten werden als Spiegelbilder einer reizüberfluteten Menschheit positioniert. Seine Figuren agieren in bunten, lauten Street-Art-Kulissen und stehen metaphorisch für den Kontrollverlust des modernen Menschen im World Wide Web.
Schlüsselwerk: Den Affen Zucker geben (2018) – Das Werk zeigt Schimpansen in bizarren, fast tanzenden Verrenkungen. Sie wirken entfremdet, unnatürlich und wie von unsichtbaren Reizen ferngesteuert.
4. Karin Brosa (geb. 1978) – Das Nutztier als stummer Ankläger
In ihrem Werk bringt Karin Brosa eine subtile, psychologische und zutiefst moralische Komponente in den zeitgenössischen Animalismus ein. Sie fokussiert sich auf die rissige Fassade unserer Beziehung zu Haus- und Nutztieren. Damit bricht sie die vermeintliche ländliche Idylle radikal auf. Ihre Werke hinterfragen die Doppelmoral des Menschen, der bestimmte Tiere als Partner liebt (Hunde), andere jedoch zu seelenloser Massenware degradiert (Kühe, Schweine). Durch das Umkehren von Blickachsen werden Tiere bei ihr zu bewussten Subjekten.
Schlüsselwerk: Beobachter (2016) – Ein scheinbar vertrautes Fütterungsszenario, das durch kühle Atmosphäre und starre Blicke der Tiere zur beklemmenden Reflexion über menschliche Dominanz wird.
5. Miriam Lenk (geb. 1975) – Das Tier als dionysische Urkraft
Mit den üppige, raumgreifenden Skulpturen aus Keramik, Bronze und Epoxidharz erschafft Miriam Lenk biomorphe Mischwesen, um die urtümliche, schöpferische Verbindung zwischen menschlichen Trieben und der ungezähmten Natur zu feiern. Das skulpturale Schlüsselwerk „Octopussy“ (2013) bricht radikal mit klassischen Tierdarstellungen, indem es marine Meereskreaturen mit raumgreifenden weiblichen Archetypen verschmilzt. Im zeitgenössischen Animalismus steht diese glasierte Keramikarbeit für die dionysische Wiederentdeckung der Natur als ungezähmte, schöpferische Urkraft.
6. Klaus Hack (geb. 1966) – Das Tier als archaisches Mischwesen
Ansatz: Rau geschlagene, feingliedrige Skulpturen aus massiven Baumstämmen. Hack befreit das kreatürliche Wesen aus dem Naturmaterial Holz. Seine Figuren verschmelzen Mensch, Tier (vogel- und insektenartig) und Pflanze zu rituellen Urformen, die sich zivilisatorischen Zwängen entziehen. Das skulpturale Schlüsselwerk „Tänzerin“ des deutschen Holzbildhauers Klaus Hack bricht radikal mit der traditionellen, massiven Holzbildhauerei. Im Kontext des zeitgenössischen Animalismus steht die Skulptur für die Befreiung der kreatürlichen Urgewalt und die Metamorphose des menschlichen Körpers zurück zu einer archaischen, tierähnlichen Urform.
7. Sun Yuan & Peng Yu (geb. 1972 / 1974) – Das Tier als politisches System
Das chinesische Künstlerduo nutzt oft lebende oder präparierte Tiere sowie hochkomplexe Robotik, um Machtstrukturen und Gewalt zu hinterfragen. Ihre Installationen sind oft radikale, provokante Metaphern auf politische Regime, die Ohnmacht des Individuums und die Grausamkeit von Systemen.
Schlüsselwerk: Dogs Which Cannot Touch Each Other (2003) – Eine hochgradig kontroverse Performance, bei der Pitbulls auf Laufbändern um die Wette rannten, ohne sich je erreichen zu können (als Symbol für ideologische Kämpfe).
8. Mark Dion (geb. 1961) – Der kritische Blick der Wissenschaft
Dion arbeitet konzeptuell und untersucht, wie der Mensch das Tier katalogisiert, ausstellt und sich untertan macht. Er baut historische Labore, zoologische Archive oder Jagdhütten in Galerien nach und kritisiert die westliche Wissenschaft, die das Tier oft nur als gefühlloses „Objekt“ und nicht als gleichwertiges Lebewesen begreift.
9. Miguel Vallinas (geb. 1971) – Das Tier als die wahre, innere Identität In seinen surrealen, hyperrealistischen Fotomontagen steckt Miguel Vallinas Tierköpfe auf modisch gekleidete Menschenkörper. Er hinterfragt damit, was wir vorgeben zu sein, was andere in uns sehen und welches animalische Ur-Wesen sich hinter unserer modischen Fassade verbirgt.
10. Pascal Bernier (geb. 1960) – Das Tier als tragikomischer Patient der Zivilisation
Pascal Bernier bringt eine tiefgründige, tragikomische und politisch-ökologische Komponente in den zeitgenössischen Animalismus ein. Seine Arbeiten verweben das barocke Vanitas-Motiv mit bitterböser Zivilisationskritik. Er nimmt echte Tierpräparate (Füchse, Hirsche, Bären) und versieht ihre vermeintlichen Wunden mit medizinischen Verbänden. Das Bandagieren entlarvt die sentimentale Doppelmoral des Menschen, der die Natur zerstört, aber beim Anblick eines verbundenen Tieres in Mitleid verfällt. In seiner Serie „Struggle for Life“ versieht er präparierte Schmetterlinge mit winzigen militärischen Orden und Flaggen, um das menschliche System von Krieg und Imperialismus auf die fragile Insektenwelt zu projizieren.
ZITATE ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
„Ich sehe kein glücklicheres Mittel zur Animalisierung der Kunst als das Tierbild.“ | Franz Marc
„Wie armselig, seelenlos ist unsere Konvention, Tiere in eine Landschaft zu versetzen, die unseren Augen zugehört, statt uns in die Seele des Tieres zu versenken, um dessen Bilderkreis zu erraten.“ | Franz Marc
„Ich empfand schon sehr früh den Menschen als hässlich; das Tier schien mir schöner, reiner.“ | Franz Marc
„Wir füttern unsere Triebe täglich mit dem digitalen Zucker von Likes und Klicks, bis die Ratio im bloßen Impuls untergeht.“ | Robert Matthes
„Mich interessiert das Kippmoment, in dem die vertraute, ländliche Idylle plötzlich eine beklemmende Wendung nimmt und das Nutztier uns mit Fragen konfrontiert, denen wir im Alltag ausweichen.“ | Karin Brosa
„Meine Skulpturen sind ein Fest der organischen Urgewalt – sie verbinden das Animalische mit der ungezähmten weiblichen Schöpferkraft, die sich nicht domestizieren lässt.“ | Miriam Lenk
„Ich ringe dem Holz nicht meine Form auf, sondern befreie das kreatürliche, archaische Wesen, das bereits im Stamm schlummert.“ | Klaus Hack
„Dem organischen, lebendigen Naturwerk stand bislang das anorganische, tote Kunstwerk des Menschen gegenüber. Der moderne Animalismus bricht diese Grenze auf und verlebendigt die Kunst.“ | Richard Kriesche
ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
KUNSTWERKE ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, Quarantäne, 2017, Acryl, Öl, Lack auf Nessel, 200 cm x 300 cm, Kunstsammlung Cyprian Brenner

Animalische Kunst, Animalismus, Stefanie Ehrenfried, Beschützer, 2011-2019, Schafwolle, nadelgefilzt, 55 cm x 38 cm x 70 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Animalische Kunst, Animalismus, Karin Brosa, Beobachter, 2016, Öl auf Nessel, 145 cm x 180 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, Credo, 2010, Acryl und Öl auf Nessel, 200 cm x 150 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Animalische Kunst, Animalismus, Miriam Lenk, Oktopussy, 2013, Keramik, 40 cm x 40 cm x 38cm, 3/3, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, WG gesucht, 2016, Acryl, Öl und Lack auf Nessel, 160 cm x 210 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, Retourist, 2011, Acryl und Öl auf Nessel, 180 cm x 230 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Animalische Kunst, Animalismus, Klaus Hack, Tänzerin, 2023, 2024, Pappel, weiss gefasst, 74,5 cm x 32 x 31,5 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, Schichtarbeit, 2010, Acryl und Öl auf Nessel, 170 cm x 200 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Animalische Kunst, Animalismus, Karin Brosa, About Asses, 2015, Acryl / Öl auf Nessel, 100 cm x 130 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Animalische Kunst, Animalismus, Robert Matthes, sweet escape, 2018, Acryl/Öl/Lack auf Nessel, 50 cm x 40 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
VIDEOS ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
Die surrealen Porträts von Miguel Vallinas | Tierisch fotogen | ARTE | Irgendwas mit ARTE und Kultur | Der spanische Fotograf Miguel Vallinas erschafft mit viel Humor surreale Porträts. In seiner Serie Second Skin kombiniert er menschliche Körper mit Tierköpfen und schafft so ausdrucksstarke Zwitter-Figuren. Mit Witz und Irritation knüpfen seine Arbeiten an den Surrealismus an und hinterfragen zugleich die Tradition des klassischen Porträts. Die Kunstfotografie eröffnet neue Perspektiven auf die Tierwelt. Die zweite Staffel der Dokumentationsreihe ʺTierisch fotogenʺ stellt fünf internationale Fotografinnen und Fotografenvor, die Tiere in ungewöhnlichen künstlerischen Zusammenhängen zeigen und die Beziehung zwischen Mensch und Tier neu hinterfragen. Der spanische Fotograf Miguel Vallinas erschafft surreale Porträts, die von viel Humor zeugen. In seiner Foto-Serie ʺSecond Skinʺ kombiniert er menschliche Körper in schicken Outfits mit Tierköpfen und erschafft so Zwitter-Figuren, die zugleich menschlich und tierisch wirken. Alle Tiere fotografiert Vallinas selbst – im Zoo, im Naturkundemuseum oder im Studio – und fügt die Bilder anschließend digital zusammen. Kleidung, Licht und Haltung sind sorgfältig inszeniert, der schwarze Hintergrund verstärkt die skurrile Wirkung. Mit Witz und Irritation knüpfen seine Arbeiten an den Surrealismus an und hinterfragen zugleich die Tradition des klassischen Porträts. Dokumentationsreihe, Regie: Roser Corella (D 2026, 26 Min) | YouTube
DEFINITION ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
Der zeitgenössische Animalismus in der Kunst beschreibt eine tiefgreifende konzeptionelle Weiterentwicklung der klassischen Tiermalerei. Während das Tier historisch als bloßes Dekorationsobjekt, Symbol oder Jagdbeute als Staffage dargestellt wurde, bricht die Gegenwartskunst radikal mit dieser anthropozentrischen Sichtweise. Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler betrachten das Tier nicht mehr als passive Leinwand für menschliche Projektionen. Inspiriert von philosophischen Strömungen wie den Human-Animal Studies oder Konzepten von Vordenkern wie Donna Haraway wird die hierarchische Grenze zwischen Mensch und Nicht-Mensch hinterfragt. Das Tier wird als eigenständiges Subjekt mit eigener Handlungsfähigkeit anerkannt. Manche Kunstschaffende gehen so weit, Tiere als direkte Ko-Kreatoren in den künstlerischen Prozess einzubinden, z. B. durch das Einbeziehen von echten Bienen oder Ameisen in Installationen. Der deutsche Maler und Grafiker Robert Matthes nutzt in seinen vielschichtigen Werken Darstellungen von Tieren – insbesondere Affen – als zentrale Metaphern, um kritisch auf den menschlichen Konsum, die Reizüberflutung und gesellschaftliche Missstände hinzuweisen. Der Begriff des Animalismus beschreibt in diesem künstlerischen Kontext die gezielte Gegenüberstellung oder Verschmelzung von Mensch und Tier, um die triebhaften, unreflektierten Urinstinkte unserer modernen Zivilisation offenzulegen.
HISTORIE + CHRONOLOGIE ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
UR- UND FRÜHGESCHICHTE (ca. 45.000–3.000 v. Chr.)
Fokus: Jagdmagie, Spiritualität und Überleben.
Merkmale: Tiere dominieren die bildende Kunst lange vor dem Menschen. 45.000 Jahre Höhlenmalereien wie in Sulawesi (Indonesien) oder der Lascaux-Höhle (Frankreich) zeigen Mammuts, Stiere und Wildpferde. Sie dienten vermutlich rituellen Zwecken, um Jagdglück zu beschwören.
ANTIKE HOCHKULTUREN (ca. 3.000 v. Chr.–500 n. Chr.)
Fokus: Vergöttlichung, Herrschaftssymbole und Domestizierung.
Ägypten: Götter werden zoomorph mit Tierköpfen dargestellt, etwa Anubis (Schakal) oder Bastet (Katze).
Griechenland & Rom: Tiere verkörpern die Attribute von Göttern (Zeus als Adler oder Stier) oder dienen der Machtdemonstration des Herrschers in Form von monumentalen Reiterstatuen und heroischen Jagdszenen.
MITTELALTER (ca. 500–1500)
Fokus: Christliche Symbolik und Morallehre.
Merkmale: Die naturalistische Anatomie tritt in den Hintergrund. Tiere werden zu reinen Bedeutungsträgern wie z. B. das Lamm für Jesus Christus, der Phönix für die Auferstehung oder Drachen für das Böse. In Buchmalereien und Bestiarien (Tierbüchern) wird den Tieren ein moralisches, oft auf die Bibel bezogenes Verhalten zugeschrieben.
RENAISSANCE UND BAROCK (ca. 1500–1750)
Fokus: Wissenschaftlicher Forschergeist und Allegorien.
Wissenschaftlicher Blick: Künstler wie Albrecht Dürer (Feldhase, 1502) oder Leonardo da Vinci studieren die Anatomie präzise und lösen das Tier aus dem rein religiösen Kontext.
Barock: Es entstehen eigenständige Gemäldegenres wie das Jagdstillleben (z. B. Frans Snyders). Tiere stehen für menschliche Laster, Tugenden oder die Vergänglichkeit (Vanitas).
REALISMUS UND EVOLUTIONISMUS (ca. 1800–1900)
Fokus: Psychologisierung, Darwins Evolutionstheorie und bürgerliche Tiermalerei.
Vermenschlichung (Anthropomorphismus): Künstler wie Edwin Landseer malen Hunde mit beinahe menschlichen Gesichtsausdrücken und Emotionen.
Wissenschaftliche Wende: Durch Charles Darwins Theorien rückt die Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier in das öffentliche Bewusstsein. Der „animalische“ Urinstinkt des Menschen wird zum Thema, wodurch Künstler vermehrt die ungezähmte Wildnis und Raubtiere (z. B. in Werken von Eugène Delacroix) inszenieren.
KLASSISCHE MODERNE (ca. 1900–1950)
Fokus: Spirituelle Reinheit und das Unbewusste.
EXPRESSIONIMUS: Franz Marc und die Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ suchen im Tier das „reine Sein“ als Gegenentwurf zur korrupten menschlichen Zivilisation. Berühmt sind Marcs farbgewaltige Pferde- und Tigermotive.
SURREALISMUS: Künstler wie Salvador Dalí nutzen deformierte Tiere (z. B. Elefanten mit Spinnenbeinen), um Traumwelten und Triebe des menschlichen Unterbewusstseins im Sinne der Psychoanalyse Freuds darzustellen.
ZEITGENÖSSISCHE KUNST (ab 1960 bis heute)
In der zeitgenössischen Kunst hat sich der Animalismus radikal verändert. Künstler nutzen Tiere heute nicht mehr nur als rein ästhetisches Motiv, sondern als Medium für politische, ökologische und existenzielle Debatten und Konsumkritik.
AKTIONSKUNST: Das Tier verlässt die Leinwand. Joseph Beuys verbringt 1974 für die Performance „I like America and America likes me“ drei Tage mit einem lebenden Kojoten in einer Galerie.
PROVOKATION UND VERGÄNGLICHKEIT: Damien Hirst konserviert Tierkadaver (wie Haie oder Schafe) in Formaldehyd, um die Grenze zwischen Leben, Tod und Kommerz zu hinterfragen.
KONSUMKRITIK: Der zeitgenössische Animalismus von Robert Matthes: Tiere – insbesondere Affen – werden als groteske Spiegelbilder einer reizüberfluteten, digitalisierten Menschheit inszeniert, um zu zeigen, dass der zivilisierte Mensch letztlich von rein konsumorientierten Urinstinkten gesteuert wird.
WEGBEREITER ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
Die Wegbereiter der animalischen Kunst (des Animalismus) sind jene Künstler, die das Tier nicht mehr als rein dekoratives Element oder zweidimensionale Jagdbeute darstellten. Sie machten das Tier zum eigenständigen Subjekt, zum wissenschaftlichen Studienobjekt oder zum psychologischen Spiegel des Menschen.
1. Albrecht Dürer (1471–1528) – Der wissenschaftliche Pionier
Dürer löste das Tier aus der rein religiösen Symbolik des Mittelalters. Er betrachtete die Kreatur mit dem Auge des modernen Naturwissenschaftlers.
Beitrag: Absolute anatomische Präzision und Respekt vor der Individualität des Tieres.
Schlüsselwerk: Feldhase (1502) – Jedes einzelne Haar und der lebendige Blick wurden meisterhaft erfasst, wodurch das Tier eine eigene Würde erhielt.
2. Frans Snyders (1579–1657) – Der Begründer der monumentalen Tiermalerei
Im Barock etablierte der flämische Maler das Tier als bildbeherrschendes Hauptmotiv, abseits von menschlichen Porträts.
Beitrag: Erfassung von Dynamik, Wildheit und den dramatischen Überlebenskämpfen in der Natur.
Schlüsselwerk: Jagdszenen und Marktstände – Seine dramatischen Darstellungen von kämpfenden Hunden und Wildschweinen zeigten erstmals die ungefilterte, animalische Energie und Brutalität.
3. George Stubbs (1724–1806) – Der Anatom der Kreatur
Der englische Maler ging so weit, Pferde eigenhändig zu obduzieren, um deren Muskel- und Skelettapparat perfekt zu verstehen.
Beitrag: Erhebung der Tiermalerei auf das Niveau der klassischen Historienmalerei. Pferde wurden bei ihm zu heroischen, emotionalen Charakteren.
Schlüsselwerk: Whistlejacket (1762) – Ein lebensgroßes Pferdeporträt vor leerem Hintergrund, das die reine Persönlichkeit und Wildheit des Tieres feiert.
4. Antoine-Louis Barye (1795–1875) – Der Urvater der „Animaliers“
Der französische Bildhauer des Romantizismus gilt als der Namensgeber und Begründer der modernen animalischen Skulptur. Er verbrachte unzählige Stunden mit Verhaltensstudien im Pariser Zoo.
Beitrag: Abkehr von der Idealisierung. Er zeigte den ungeschönten Kampf ums Dasein und die Anatomie von Raubtieren in Bewegung.
Schlüsselwerk: Löwe mit Schlange (1832) – Eine Skulptur, die pure Kraft, Aggression und die Urinstinkte des Tierreichs verkörpert.
5. Rosa Bonheur (1822–1899) – Die Realistin der Nutztierwelt
Als eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts fokussierte sie sich auf die Kraft und Seelenwelt von Arbeits- und Nutztieren.
Beitrag: Sie vermenschlichte die Tiere nicht romantisch, sondern gab ihnen durch monumentale Realitätsnähe eine monumentale Präsenz.
Schlüsselwerk: Der Pferdemarkt (1853) – Ein riesiges Meisterwerk, das die animalische Energie und Muskelkraft von Pferden im städtischen Kontext einfängt.
6. Franz Marc (1880–1916) – Der spirituelle Wegbereiter der Moderne
Marc radikalisierte den Animalismus, indem er die menschliche Perspektive komplett abstreifte. Er versuchte, sich in das Empfinden des Tieres hineinzutreten.
Beitrag: Das Tier als Symbol für das Reine, Unschuldige und Göttliche – als radikaler Gegenentwurf zur zerstörerischen Zivilisation des Menschen.
Schlüsselwerk: Blaues Pferd I (1911) – Hier blickt das Tier nicht mehr den Menschen an, sondern der Betrachter sieht die Welt durch die spirituelle Farb- und Gefühlswelt des Tieres.
7. Robert Matthes (geb. 1982) – Der Wegbereiter des digitalen Animalismus
Robert Matthes knüpft an die Tradition der gesellschaftskritischen Tiermalerei an, bricht jedoch radikal mit der klassischen Romantisierung des Tieres. In seinen Werken nutzt er Primaten als evolutionäre Spiegelbilder, um die psychologischen Deformationen des modernen Menschen offenzulegen.
Beitrag: Transformation des Tieres zum Symbol für den zivilisatorischen Kontrollverlust. Das Tier sucht bei ihm nicht mehr die Nähe zur Natur, sondern ist in den künstlichen Welten aus Social Media, Reizüberflutung und Konsumrausch gefangen. Er etabliert den Affen als das ultimative Sinnbild für den reizüberfluteten, triebgesteuerten Menschen des Medienzeitalters.
Schlüsselmerkmal: Synthese aus klassischer, fotorealistischer Ölmalerei und urbanen Street-Art-Techniken (wie Schablonen und Sprühfarbe). Seine Affenfiguren agieren in einer bunten, lauten „Informationsmatrix“, die das Schlaraffenland der Gegenwart als psychotische Kulisse entlarvt.
Während Franz Marc im Tier noch das „reine, unschuldige Sein“ suchte, zeigt Robert Matthes das Tier im Zustand der modernen Zivilisationskrankheiten. Er zeigt in seinen monumentalen Werken, dass der Mensch trotz Hochtechnologie in seinen animalischen, unreflektierten Urinstinkten verharrt.
ZEITGNÖSSISCHE KÜNSTLER ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
1. Damien Hirst (geb. 1965) – Das Tier als Spektakel und Vergänglichkeit
Als bekanntester Vertreter der Young British Artists schockierte Hirst die Kunstwelt, indem er echte Tierkadaver zur Kunst erhob. Er setzt tote Tiere in Formaldehyd-Tanks, um die Sterblichkeit, die Grausamkeit der Fleischindustrie und die Sehnsucht nach Unsterblichkeit zu thematisieren.
Schlüsselwerk: The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living (1991) – Ein echter, in Formaldehyd konservierter Tigerhai.
2. Kate Clark (geb. 1972) – Die Verschmelzung von Mensch und Raubtier
Die US-amerikanische Künstlerin arbeitet im Bereich der hyperrealistischen Skulptur und nutzt echte Tierfelle (Taxidermie).
Sie formt lebensechte, menschliche Gesichter auf die Körper von wilden Tieren wie Zebras, Leoparden oder Kojoten. Damit bricht sie die Grenze zwischen Mensch und Natur komplett auf und visualisiert das „Animalische“ in uns selbst.
Schlüsselwerk: Entangled (2022) – Skulpturen von Zebras mit anthropomorphen, menschlichen Gesichtszügen.
3. Robert Matthes (geb. 1982) – Der Affe im Konsum- und Medienrausch
Er verlegt den zeitgenössischen Animalismus in die digitale Informationsgesellschaft. Primaten werden als Spiegelbilder einer reizüberfluteten Menschheit positioniert. Seine Figuren agieren in bunten, lauten Street-Art-Kulissen und stehen metaphorisch für den Kontrollverlust des modernen Menschen im World Wide Web.
Schlüsselwerk: Den Affen Zucker geben (2018) – Das Werk zeigt Schimpansen in bizarren, fast tanzenden Verrenkungen. Sie wirken entfremdet, unnatürlich und wie von unsichtbaren Reizen ferngesteuert.
4. Karin Brosa (geb. 1978) – Das Nutztier als stummer Ankläger
In ihrem Werk bringt Karin Brosa eine subtile, psychologische und zutiefst moralische Komponente in den zeitgenössischen Animalismus ein. Sie fokussiert sich auf die rissige Fassade unserer Beziehung zu Haus- und Nutztieren. Damit bricht sie die vermeintliche ländliche Idylle radikal auf. Ihre Werke hinterfragen die Doppelmoral des Menschen, der bestimmte Tiere als Partner liebt (Hunde), andere jedoch zu seelenloser Massenware degradiert (Kühe, Schweine). Durch das Umkehren von Blickachsen werden Tiere bei ihr zu bewussten Subjekten.
Schlüsselwerk: Beobachter (2016) – Ein scheinbar vertrautes Fütterungsszenario, das durch kühle Atmosphäre und starre Blicke der Tiere zur beklemmenden Reflexion über menschliche Dominanz wird.
5. Miriam Lenk (geb. 1975) – Das Tier als dionysische Urkraft
Mit den üppige, raumgreifenden Skulpturen aus Keramik, Bronze und Epoxidharz erschafft Miriam Lenk biomorphe Mischwesen, um die urtümliche, schöpferische Verbindung zwischen menschlichen Trieben und der ungezähmten Natur zu feiern. Das skulpturale Schlüsselwerk „Octopussy“ (2013) bricht radikal mit klassischen Tierdarstellungen, indem es marine Meereskreaturen mit raumgreifenden weiblichen Archetypen verschmilzt. Im zeitgenössischen Animalismus steht diese glasierte Keramikarbeit für die dionysische Wiederentdeckung der Natur als ungezähmte, schöpferische Urkraft.
6. Klaus Hack (geb. 1966) – Das Tier als archaisches Mischwesen
Ansatz: Rau geschlagene, feingliedrige Skulpturen aus massiven Baumstämmen. Hack befreit das kreatürliche Wesen aus dem Naturmaterial Holz. Seine Figuren verschmelzen Mensch, Tier (vogel- und insektenartig) und Pflanze zu rituellen Urformen, die sich zivilisatorischen Zwängen entziehen. Das skulpturale Schlüsselwerk „Tänzerin“ des deutschen Holzbildhauers Klaus Hack bricht radikal mit der traditionellen, massiven Holzbildhauerei. Im Kontext des zeitgenössischen Animalismus steht die Skulptur für die Befreiung der kreatürlichen Urgewalt und die Metamorphose des menschlichen Körpers zurück zu einer archaischen, tierähnlichen Urform.
7. Sun Yuan & Peng Yu (geb. 1972 / 1974) – Das Tier als politisches System
Das chinesische Künstlerduo nutzt oft lebende oder präparierte Tiere sowie hochkomplexe Robotik, um Machtstrukturen und Gewalt zu hinterfragen. Ihre Installationen sind oft radikale, provokante Metaphern auf politische Regime, die Ohnmacht des Individuums und die Grausamkeit von Systemen.
Schlüsselwerk: Dogs Which Cannot Touch Each Other (2003) – Eine hochgradig kontroverse Performance, bei der Pitbulls auf Laufbändern um die Wette rannten, ohne sich je erreichen zu können (als Symbol für ideologische Kämpfe).
8. Mark Dion (geb. 1961) – Der kritische Blick der Wissenschaft
Dion arbeitet konzeptuell und untersucht, wie der Mensch das Tier katalogisiert, ausstellt und sich untertan macht. Er baut historische Labore, zoologische Archive oder Jagdhütten in Galerien nach und kritisiert die westliche Wissenschaft, die das Tier oft nur als gefühlloses „Objekt“ und nicht als gleichwertiges Lebewesen begreift.
9. Miguel Vallinas (geb. 1971) – Das Tier als die wahre, innere Identität In seinen surrealen, hyperrealistischen Fotomontagen steckt Miguel Vallinas Tierköpfe auf modisch gekleidete Menschenkörper. Er hinterfragt damit, was wir vorgeben zu sein, was andere in uns sehen und welches animalische Ur-Wesen sich hinter unserer modischen Fassade verbirgt.
10. Pascal Bernier (geb. 1960) – Das Tier als tragikomischer Patient der Zivilisation
Pascal Bernier bringt eine tiefgründige, tragikomische und politisch-ökologische Komponente in den zeitgenössischen Animalismus ein. Seine Arbeiten verweben das barocke Vanitas-Motiv mit bitterböser Zivilisationskritik. Er nimmt echte Tierpräparate (Füchse, Hirsche, Bären) und versieht ihre vermeintlichen Wunden mit medizinischen Verbänden. Das Bandagieren entlarvt die sentimentale Doppelmoral des Menschen, der die Natur zerstört, aber beim Anblick eines verbundenen Tieres in Mitleid verfällt. In seiner Serie „Struggle for Life“ versieht er präparierte Schmetterlinge mit winzigen militärischen Orden und Flaggen, um das menschliche System von Krieg und Imperialismus auf die fragile Insektenwelt zu projizieren.
ZITATE ANIMALISCHE KUNST – ANIMALISMUS
„Ich sehe kein glücklicheres Mittel zur Animalisierung der Kunst als das Tierbild.“ | Franz Marc
„Wie armselig, seelenlos ist unsere Konvention, Tiere in eine Landschaft zu versetzen, die unseren Augen zugehört, statt uns in die Seele des Tieres zu versenken, um dessen Bilderkreis zu erraten.“ | Franz Marc
„Ich empfand schon sehr früh den Menschen als hässlich; das Tier schien mir schöner, reiner.“ | Franz Marc
„Wir füttern unsere Triebe täglich mit dem digitalen Zucker von Likes und Klicks, bis die Ratio im bloßen Impuls untergeht.“ | Robert Matthes
„Mich interessiert das Kippmoment, in dem die vertraute, ländliche Idylle plötzlich eine beklemmende Wendung nimmt und das Nutztier uns mit Fragen konfrontiert, denen wir im Alltag ausweichen.“ | Karin Brosa
„Meine Skulpturen sind ein Fest der organischen Urgewalt – sie verbinden das Animalische mit der ungezähmten weiblichen Schöpferkraft, die sich nicht domestizieren lässt.“ | Miriam Lenk
„Ich ringe dem Holz nicht meine Form auf, sondern befreie das kreatürliche, archaische Wesen, das bereits im Stamm schlummert.“ | Klaus Hack
„Dem organischen, lebendigen Naturwerk stand bislang das anorganische, tote Kunstwerk des Menschen gegenüber. Der moderne Animalismus bricht diese Grenze auf und verlebendigt die Kunst.“ | Richard Kriesche