SWG Kunstlexikon
KUNST IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN VON 1945 BIS ZUR GEGENWART
DEFINITION UND KUNSTHISTORISCHER KONTEXT
Die Kunst im deutschen Südwesten – geografisch deckungsgleich mit dem heutigen Bundesland Baden-Württemberg – bildet seit 1945 eine der dynamischsten und facettenreichsten Regionallandschaften der deutschen Nachkriegsmoderne. Geprägt durch die historischen Zentren Stuttgart und Karlsruhe sowie eine dezentrale Museums- und Galerienlandschaft, bewegt sich die Entwicklung im Spannungsfeld zwischen radikaler Abstraktion, expressiver Figuration, wegweisender Bildhauerei und zukunftsweisender Medienkunst.
ZEITLICHE GLIEDERUNG: KUNSTSTILE & AKTEURE
DIE NACHKRIEGSMODERNE UND DER AUFBRUCH IN DIE ABSTRAKTION IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1945–1959
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand der Südwesten im Zeichen des Wiederaufbaus und der Rehabilitierung der von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamierten Moderne. Neben der Abstraktion existierten wichtige Strömungen des expressiven Realismus und der klassischen figurorientierten Bildhauerei fort.
STILE & STRÖMUNGEN
Konstruktive Kunst
Absolute Malerei
frühes Informel
traditionelle und biomorphe Bildhauerei
Holzschnitt-Renaissance.
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
Georg Meistermann (1911–1990): In Solingen geborener Maler, Zeichner und überregional bedeutender Kunstpädagoge. Nach seinem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf (u. a. bei Heinrich Campendonk) wurde er von den Nationalsozialisten mit Ausstellungsverbot belegt. Ab 1952 wirkte er maßgeblich im Südwesten und leitete von 1955 bis 1960 eine hochkarätige Klasse für Malerei an der Karlsruher Kunstakademie. Meistermann gilt als der international herausragendste Erneuerer der Glasmalerei im 20. Jahrhundert. Seine monumentalen Fensterzyklen (wie in der Stuttgarter St.-Eberhard-Kirche oder dem Kölner Funkhaus) befreiten das Glas von seiner rein dienenden Rolle und verwandelten es in autonome Farb-Licht-Räume von lyrisch-abstrakter Tiefgründigkeit. Neben seinen Glasfenstern schuf er ein eindringliches Œuvre aus symbolhaften Gemälden und psychologischen Porträts (u. a. Willy Brandt). Als zweifacher documenta-Teilnehmer (1955, 1959), Träger des Hans-Molfenter-Preises der Stadt Stuttgart (1974) und langjähriger Präsident des Deutschen Künstlerbundes war er die intellektuelle und kulturpolitische Integrationsfigur, die der ungegenständlichen Nachkriegskunst im Südwesten institutionelles Gewicht verlieh.
Oskar Schlemmer (1888–1943): In Stuttgart geborener Maler, Bildhauer, Bühnenbildner, Choreograf und herausragendes Genie der Klassischen Moderne. Er studierte ab 1906 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und stieg als Meisterschüler in der legendären Kompositionsklasse von Adolf Hölzel zu einer der treibenden Kräfte der südwestdeutschen Avantgarde auf. Um das Zusammenspiel von Mensch, Raum und Bewegung radikal neu zu definieren, folgte er 1920 dem Ruf von Walter Gropius an das neu gegründete Bauhaus in Weimar, wo er als Meister die Wandmalerei- und Bildhauerei-Klassen prägte und ab 1923 die weltberühmte Bauhausbühne leitete. Schlemmers Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus geometrischer Abstraktion und universeller Humanitas aus: Sowohl in seinen tektonisch strengen Gemälden (wie dem ikonischen „Bauhaustreppe“-Motiv) als auch in seinen plastischen Reliefs und seinem epochemachenden „Triadischen Ballett“ (Uraufführung 1922 in Stuttgart) befreite er die menschliche Figur von anatomischen Details und steigerte sie zu mathematisch-idealen Raum- und Gliederpuppen-Chiffren. Von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert, verlor er alle Ämter und verbrachte seine letzten Lebensjahre in schmerzhafter innerer Emigration im Südwesten. Als einer der visionärsten Universalkünstler des 20. Jahrhunderts, der das Theater und die Malerei gleichermaßen revolutionierte, sicherte er der figürlich-konstruktiven Moderne einen absolut unumstößlichen, global prägenden Spitzenplatz in der Kunstgeschichte.
Willi Baumeister (1889–1955): In Stuttgart geborener Maler, Grafiker, Typograf, Bühnenbildner und herausragender Kunsttheoretiker. Er studierte an der Stuttgarter Akademie bei Adolf Hölzel und wurde 1933 von den Nationalsozialisten aus seiner Frankfurter Professur entlassen sowie als „entartet“ diffamiert. Während der inneren Emigration erforschte er im Verborgenen (u. a. in der Wuppertaler Lackfabrik von Dr. Kurt Herberts) die Chemie der Malmaterialien und vollendete seine theoretische Programmschrift „Das Unbekannte in der Kunst“ (1947), die zum wichtigsten Manifest der ungegenständlichen Nachkriegskunst in Deutschland wurde. Ab 1946 leitete er eine legendäre Klasse an der Stuttgarter Akademie. Baumeister gilt als die überragende Integrationsfigur der Nachkriegsmoderne. Seine berühmten Werkgruppen (wie die Eidos-, Gilgamesch- oder Montaru-Bilder) untersuchten das organische Wachstum von Formen, biomorphe Urzeichen und reliefartige Materialstrukturen aus Sand und Spachtelmassen. Als treibender Mitbegründer der Künstlergruppe ZEN 49, Mentor unzähliger nachfolgender Meister (u. a. Emil Cimiotti, Georg Karl Pfahler, Bernd Berner) und posthumer Teilnehmer der documenta 1 (1955) legte er das intellektuelle und praktische Fundament, das den Südwesten an die internationale Avantgarde anschloss.
Max Ackermann (1887–1975): In Berlin geborener Maler, Grafiker und herausragender Pionier der Abstraktion. Nach Stationen in Weimar (bei Henry van de Velde) und München kam er 1912 nach Stuttgart, um bei Adolf Hölzel zu studieren. Ackermann gilt kunsthistorisch als einer der frühesten Erfinder der „Absoluten Malerei“ in Deutschland; bereits um 1919 schuf er erste rein ungegenständliche Werke. Von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert, verlor er bei einem Bombenangriff auf sein Stuttgarter Atelier 1943 fast sein gesamtes bisheriges Œuvre. Nach 1945 wurde er zu einer zentralen Galionsfigur des künstlerischen Neubeginns am Bodensee und im Stuttgarter Raum. Seine monumentalen Farb-Rhythmogramme, Pastelle und Siebdrucke verbinden konstruktive Strenge mit musikalischen Prinzipien (wie in seinen berühmten kontrapunktischen Werkgruppen). Ackermann befreit die Farbe von jeglicher gegenständlichen Pflicht und führt sie zu reinen, harmonisch-kosmischen Lichtkompositionen. Als Mitorganisator wegweisender Abstrakten-Ausstellungen und Träger des Professorentitels ehrenhalber des Landes Baden-Württemberg (1964) verankerte er das meditative Erbe der Hölzel-Schule als bleibendes Fundament der Nachkriegsabstraktion.

Kunst im deutschen Südwesten, Max Ackermann, Familienidyll, 1917, Aquarell auf Bütten, 18 cm x 11 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Ida Kerkovius (1879–1964): In Riga geborene Malerin, Bildteppichweberin und herausragende Pionierin der ungegenständlichen Moderne. Sie kam 1903 nach Dachau zu Adolf Hölzel, folgte ihm 1908 nach Stuttgart und wurde dort seine Meisterschülerin und Assistentin in seiner legendären Kompositionsklasse. Um sich weiterzuentwickeln, ging sie 1920 für drei Jahre an das neu gegründete Bauhaus in Weimar, wo sie bei Itten, Kandinsky und Klee lernte und sich intensiv der Avantgarde-Weberei widmete. Von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert, verlor sie 1944 bei einem Luftangriff auf Stuttgart ihr Atelier und den Großteil ihres Lebenswerks. Nach 1945 wurde ihr neues Stuttgarter Atelier zu einem spirituellen Zentrum des künstlerischen Wiederaufbaus. Kerkovius’ Werk zeichnet sich durch eine singuläre Farberuptivität aus: Sowohl in ihren Ölbildern und leuchtenden Pastellen als auch in ihren kunsthistorisch wegweisenden Bildteppichen befreite sie die Farbe von jeglicher abbildenden Funktion und steigerte sie zu autonomen, tief poetischen und magisch-religiösen Lichtklängen. Als zweifache documenta-Teilnehmerin (1955, 1959), Trägerin des Großen Bundesverdienstkreuzes und Ehrenmitglied der Stuttgarter Kunstakademie (1954) sicherte sie weiblichen Positionen einen absolut gleichrangigen, prägenden Platz in der männlich dominierten Nachkriegsabstraktion des Südwestens.
Johannes Itten (1888–1967): In Wachseldorn (Kanton Bern, Schweiz) geborener Maler, Kunsttheoretiker und weltweit einflussreicher Kunstpädagoge der Moderne. Nach einer Ausbildung zum Primar- und Sekundarlehrer für Naturwissenschaften entschloss er sich endgültig zur Kunst und kam 1913 nach Stuttgart. An der dortigen Kunstakademie wurde er einer der profiliertesten Schüler in der legendären Kompositionsklasse von Adolf Hölzel. In diesem wegweisenden Stuttgarter Kreis um Oskar Schlemmer, Willi Baumeister und Ida Kerkovius entwickelte er – tief inspiriert von Hölzels Didaktik des automatischen Zeichnens und ersten Farbkontraststudien – seine radikal ungegenständliche Bildsprache. Dieses im Südwesten geschärfte Konzept der ganzheitlichen Talentförderung übertrug er 1919 direkt an das neu gegründete Staatliche Bauhaus in Weimar. Als einer der ersten Meister revolutionierte er dort die akademische Lehre durch den von ihm erfundenen, obligatorischen „Vorkurs“. Ittens Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus rationaler Struktur und spiritueller Farbtheorie aus: Sowohl in seinen geometrisch-abstrakten Ölbildern und Collagen als auch in seiner bahnbrechenden, weltweit kanonischen Publikation „Kunst der Farbe“ (1961) befreite er das Kolorit von bloß abbildenden Aufgaben. Er steigerte die Malerei stattdessen zu einem eigenständigen System aus mathematisch-geometrischen Rhythmen und den berühmten sieben Farbkontrasten. Als prägender Bauhaus-Pionier, Mitbegründer der konstruktiven Zürcher Schule der Konkreten und radikaler Reformer des Sehens sicherte er der systematischen Farben- und Formenlehre einen absolut unumstößlichen, zeitlosen Spitzenplatz in der globalen Kunstgeschichte.
Peter Herkenrath (1900–1989): In Köln geborener Maler und einflussreicher Akademieprofessor. Nach seiner Ausbildung an den Kölner Werkschulen (unter anderem bei Richard Seewald) geriet er während der NS-Diktatur in die Isolation der inneren Emigration. 1953 wurde er als Professor an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe berufen, wo er bis 1965 lehrte und gemeinsam mit Kollegen wie Grieshaber den Karlsruher Nachkriegsaufbruch gestaltete. Herkenraths Œuvre vollzog eine konsequente Entwicklung vom gegenständlichen Expressionismus hin zu einer lyrisch-tektonischen Abstraktion, die eng mit den Strömungen des Informel und der École de Paris korrespondierte. Seine reliefartigen, dichten Farbschichten ordnen sich in späten Werkgruppen zu zeichenhaften, rhythmischen Gefügen an, in denen Farbe als rein plastisches Raumelement fungiert. Als zweifacher documenta-Teilnehmer (1955, 1959), Vorstandsmitglied des Deutschen Künstlerbundes und Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes war er eine der zentralen Säulen, die das Rheinland und den Südwesten im Geiste der internationalen Nachkriegsabstraktion institutionell wie künstlerisch vernetzten.
HAP GRIESHABER UND DIE ERNEUERUNG DES HOLZSCHNITTS: ARCHAISCHE SPUREN DES EXISTENTIELLEN ALS AUFFORDERUNG ZUM WIDERSTAND
HAP Grieshaber (1909–1981) hat den Holzschnitt im 20. Jahrhundert radikal revolutioniert und aus seinem Schattendasein als reine Buchillustration befreit. Indem er das traditionelle, jahrhundertealte Hochdruckverfahren in das monumentale Großformat übertrug, schuf er eine völlig neue, zeitgenössische Bildsprache. Seine Werke brechen mit der feinen Detailarbeit der Vergangenheit: Mit groben, kraftvollen Schnitten, starker Abstraktion und einer intensiven, oft kontrastreichen Farbigkeit erhob er die Fläche zum zentralen Ausdrucksmittel.
Grieshaber verstand die Erneuerung der Technik jedoch nie als reinen Selbstzweck, sondern als gesellschaftlichen Auftrag. In der Nachfolge historischer Flugblätter nutzte er die Wucht des monumentalen Holzschnitts als unübersehbares, politisches Sprachrohr für Frieden, Umweltschutz und Menschlichkeit. So verschmolz er archaisches Handwerk mit moderner Avantgarde und machte den Holzschnitt zu einem der lebendigsten und monumentalsten Medien der Nachkriegsmoderne.
HAP Grieshaber (1909–1981): In Rot an der Rot geborener Grafiker, Maler, Holzschneider und herausragender Rebell der deutschen Nachkriegsmoderne. Nach einer Schriftsetzerlehre in Reutlingen und einem Studium an der Kunstgewerbeschule Stuttgart führte er ab 1933 ein von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiertes Dasein in der inneren Emigration in seinem Atelier auf der Achalm. Um das vermeintlich verstaubte, mittelalterliche Medium des Holzschnitts grundlegend zu revolutionieren, befreite er die Technik aus dem engen Buchseitenformat und steigerte sie zu monumentalen, wandfüllenden Farb-Einblattdrucken von monumentaler Wucht. Als engagierter „homme engagé“ nutzte er seine Kunst zeitlebens als unüberhörbares politisches und ökologisches Sprachrohr: Mit seiner legendären, im Eigenverlag herausgegebenen Zeitschrift Der Engel der Geschichte kämpfte er leidenschaftlich für Frieden, Menschenrechte und den Umweltschutz. Als einflussreicher Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe (1955–1960) prägte er herausragende Schüler wie Horst Antes und Josua Reichert und machte den Südwesten zu einem weltweiten Zentrum des modernen Hochdrucks. Grieshabers Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus archaischer Formkraft und zeitloser Poesie aus: Sowohl in seinen religiös oder mythologisch aufgeladenen Zyklen (wie dem „Totentanz von Basel“) als auch in seinen leidenschaftlichen Tier- und Menschenpaardarstellungen reduzierte er die Konturen auf wuchtige, blockhafte Kontraste. Als zweifacher documenta-Teilnehmer (1959, 1964), Mitbegründer des Deutschen Künstlerbundes und Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes sicherte er der figurativ-abstrahierenden Grafik einen absolut unumstößlichen, international vernetzten Spitzenplatz im kulturellen Gedächtnis der Bundesrepublik.

Kunst im deutschen Südwesten, HAP Grieshaber, Wiese, 1950, Holzschnitt, 60 cm x 78 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, HAP Grieshaber, Affe nicht sprechen, Vorstadium, 1960, Gouache, Holzschnitt, 45 cm x 32 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, HAP Grieshaber, Flötenspieler von Rheinburg, 1965, Holzschnitt, 84 cm x 60 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
DIE STUTTGARTER SEZESSIONEN, EXPRESSIVE FIGURATION & EXPRESSIVER REALISMUS IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1923 – 1933
STILE & STRÖMUNGEN
Die Stuttgarter Sezession (1923–1932): Gegründet als Protest gegen den konservativen Ausstellungsbetrieb. Sie vereinte gemäßigte Modernisten und bot Künstlern wie Heinrich Altherr, Alfred Lörcher und dem jungen Reinhold Nägele eine Bühne.
Expressiver Realismus & Expressive Figuration: Künstler hielten an der Gegenständlichkeit fest, luden sie aber mit der emotionalen Farbkraft des Expressionismus auf. Diese Gruppe wird heute oft als „Verschollene Generation“ bezeichnet.
Die Stuttgarter Neue Sezession (1929–1933): Eine radikalere Abspaltung jüngerer Künstler wie Manfred Pahl und Wilhelm Geyer, die sich stark an der französischen Moderne orientierten und sozialkritische Themen aufgriffen.
Karlsruher Realismus: An der Badischen Kunstakademie in Karlsruhe entwickelte sich unter Künstlern wie Karl Hubbuch, Georg Scholz und Wilhelm Schnarrenberger eine regional stark ausgeprägte, oft bitterböse Variante der Neuen Sachlichkeit.
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
Wilhelm Geyer (1900–1968): In Stuttgart geborener Maler, Grafiker, Glaskünstler und herausragender Wegbereiter des Expressiven Realismus sowie einer der bedeutendsten Erneuerer der christlichen Sakralkunst im 20. Jahrhundert. Nach seinem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie, wo er als Meisterschüler von Christian Landenberger abschloss, übersiedelte er 1927 nach Ulm und stieg rasch zu einer zentralen Figur der südwestdeutschen Avantgarde auf. Er gründete 1929 gemeinsam mit Manfred Henninger und Manfred Pahl die „Stuttgarter Neue Sezession“ und übernahm deren Vorsitz, um jungen Kunstschaffenden jenseits starrer Jurysystems freie Entfaltung zu ermöglichen. Während der NS-Diktatur ab 1937 als „entartet“ diffamiert und mit Ausstellungsverbot belegt, bewies er immensen moralischen Mut: Er unterhielt enge Verbindungen zum Widerstandskreis der Weißen Rose um die Geschwister Scholl, weshalb er 1943 von der Gestapo in mehrmonatige Haft genommen wurde. Nach 1945 leistete er als Mitbegründer der Oberschwäbischen Sezession unschätzbare Beiträge zum demokratischen Wiederaufbau. Geyers Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus tiefem Glauben und malerischer Urgewalt aus: Sowohl in seinen von impressionistischen Einflüssen gelösten Landschafts- und Stilllebenbildern als auch in seinen bundesweit gefeierten, über 1000 monumentalen Glasfenstern für mehr als 180 Kirchen (darunter im Ulmer Münster und im Kölner Dom) steigerte er den vielschichtigen Farbauftrag zu einem autonomen Farbteppich. Als Brückenbauer zwischen innerem Widerstand und Nachkriegsmoderne sicherte er der figurativ-religiösen Moderne einen absolut zentralen, unverwechselbaren Spitzenplatz im kulturellen Erbe des deutschen Südwestens.
Manfred Pahl (1900–1994): In Ebingen geborener Maler, Zeichner, Grafiker und profiliertester Vorkämpfer des Expressiven Realismus im deutschen Südwesten. Nach seinem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie in den frühen 1920er-Jahren, wo er unter anderem Impulse aus der Schule Adolf Hölzels aufnahm, stieg er rasch zu einer zentralen Integrationsfigur der regionalen Avantgarde auf. Getrieben vom Aufbegehren gegen starre akademische Machtstrukturen, gründete er 1929 gemeinsam mit Manfred Henninger und Wilhelm Geyer die wegweisende „Stuttgarter Neue Sezession“ und übernahm deren ersten Vorsitz. Während der NS-Diktatur mit einem vollständigen Berufsverbot belegt, gerieten seine Arbeiten ins Visier der Machthaber – ein Trauma, das er nach 1945 in einem überaus kraftvollen, gesellschaftskritischen Spätwerk visuell aufarbeitete. Pahl baute sich in den 1970er- und 1980er-Anfängen im Teilort Gailsbach der Gemeinde Mainhardt eigenhändig ein bemerkenswertes, heute saniertes Privatmuseum, um sein immenses Gesamtwerk vor dem Vergessen zu bewahren. Pahls Werk zeichnet sich durch eine singuläre psychologische Eindringlichkeit und bittere, oft böswillige Ironie aus: Sowohl in seinen dynamischen Zirkus- und Tanzpaardarstellungen als auch in seinen Landschaften befreite er die Gegenständlichkeit von rein gefälliger Ästhetik. Er steigerte seine Bildwelten stattdessen durch einen eruptiven, haptisch-pastosen Farbauftrag zu hochgradig taktilen und zeitkritischen Dokumenten der menschlichen Existenz. Als Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse (1973) und Stifter des Pahl-Museums Mainhardt sicherte er der sozial engagierten, figurativ-expressiven Moderne einen absolut unumstößlichen, identitätsstiftenden Spitzenplatz im künstlerischen Gedächtnis Baden-Württembergs.
Manfred Henninger (1894–1986): In Backnang geborener Maler, Zeichner, Grafiker und herausragender Vertreter des Expressiven Realismus sowie der sogenannten „Verschollenen Generation“. Nach einer handwerklichen Konditorlehre und schwerer Verletzung im Ersten Weltkrieg studierte er ab 1919 an der Stuttgarter Kunstakademie und wechselte 1922 an die Dresdner Akademie zu Karl Albiker und Oskar Kokoschka, dessen vibrierender Pinselstrich ihn tief prägte. Fest in der regionalen Avantgarde verwurzelt, gründete er 1929 gemeinsam mit Gleichgesinnten wie Manfred Pahl und Wilhelm Geyer die wegweisende „Stuttgarter Neue Sezession“. Bereits 1933 von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert und mit Ausstellungsverbot belegt, floh er ins Exil nach Ibiza und später ins Schweizer Tessin, wo er trotz politischer Isolation eine enorm produktive Schaffensphase erlebte. Nach seiner Rückkehr im Jahr 1949 berief ihn die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart zum Professor für Landschafts- und Bildnismalerei, eine Position, in der er bis 1961 ganze Generationen von Künstlern des Südwestens prägte und zeitweise als Rektor leitete. Henningers Werk zeichnet sich durch eine singuläre, arkadische Farbpoesie aus: Sowohl in seinen von Licht durchfluteten Landschaftsdarstellungen aus dem Mittelmeerraum als auch in seinen dynamischen Figurenkompositionen wie den „Badenden“ befreite er die Linie zugunsten eines rein aus Farb- und Lichtflecken aufgebauten Rhythmus. Als Gast der renommierten Villa Massimo in Rom (1967/68) und Träger des Bundesverdienstkreuzes sicherte er dem farbintensiven, vom Geist Paul Cézannes inspirierten Spätimpressionismus einen absolut zentralen, unverwechselbaren Platz im künstlerischen Wiederaufbau der südwestdeutschen Moderne.

Kunst im deutschen Südwesten, Manfred Henninger, Rosen, 1973, Öl auf Leinwand, 100 cm x 125 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Manfred Henninger, ohne Titel, Landschaft, 1977, Pastell auf Papier, 50 cm x 66 cm, Preis auf Anfrage, hem002de, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Manfred Henninger, Figurengruppe, 1971, Pastell auf Velin, 43,8 cm x 62,5 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Alfred Lehmann (1899–1979): In Stuttgart geborener Maler, Zeichner und herausragender Protagonist des Expressiven Realismus im deutschen Südwesten. Nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Heinrich Altherr, Christian Landenberger und Christian Speyer stieg er rasch zu einer zentralen Integrationsfigur der regionalen Kunstszene auf. Getrieben von der Suche nach unparteilicher künstlerischer Freiheit, gründete er 1929 gemeinsam mit Gleichgesinnten wie Wilhelm Geyer, Manfred Henninger und Manfred Pahl die wegweisende „Stuttgarter Neue Sezession“. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten beendete diese Aufbruchsphase abrupt, und nach dem tragischen Verlust seiner Ehefrau und seiner Tochter in den Kriegsjahren stürzte Lehmann in schwere Depressionen. In seiner darauffolgenden, intensiven Phase der Selbstreflexion (1945–1949) setzte er sich tiefgreifend mit der Farbenlehre und den Kompositionsgesetzen Adolf Hölzels auseinander, was seinem Schaffen neue Kraft verlieh. Sowohl in seinen tektonisch gebauten Figurenbildern (wie den Akten an Flussufern) als auch in seinen monumentalen Stillleben und schwäbischen Landschaften befreite er die Kunst von oberflächlichem Naturalismus. Stark von Paul Cézanne beeinflusst, zerlegte er die sichtbare Welt in geometrische Formgefüge und steigerte den pastosen, haptisch dichten Farbauftrag zu zeitlosen Bildarchitekturen von innerer Monumentalität. Als bewusster Maler „gegen den Zeitgeist“, der sich nach 1945 der herrschenden Modewelle der reinen Abstraktion verweigerte und die eigene Alfred-Lehmann-Stiftung (1969) ins Leben rief, sicherte er der figurativ-konstruktiven Naturbefragung einen absolut unumstößlichen, bleibenden Spitzenplatz im kunsthistorischen Erbe Baden-Württembergs.
NEUE SACHLICHKEIT IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
Nach den ekstatischen Ausbrüchen des Expressionismus und den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs formierte sich in den 1920er-Jahren mit der Neuen Sachlichkeit eine radikale Gegenbewegung die für nüchterne Realität und magische Stille stand. Im deutschen Südwesten – vor allem in den Kunstzentren Stuttgart und Karlsruhe – entwickelte diese Strömung eine ganz eigene, stilistisch facettenreiche und international hochkarätige Dynamik. Statt emotionaler Abstraktion suchten die Künstlerinnen und Künstler eine kompromisslose, glasklare und oft unterkühlte Rückkehr zum Gegenstand und zur Realität der Weimarer Republik. Die süddeutsche Ausprägung der Neuen Sachlichkeit zeichnete sich durch ein faszinierendes Spannungsfeld zwischen zwei Polen aus:
Der sozialkritische Verismus: In Stuttgart formierte sich um den charismatischen Akademieprofessor Adolf Hölzel eine Generation, die den ungeschönten, oft schmerzhaften Alltag der Zwischenkriegszeit festhielt. Künstler wie Otto Dix blickten mit sezierendem Auge auf die soziale Ungleichheit, die Technisierung und das großstädtische Milieu.
Der Magische Realismus (Die Karlsruher Schule): An der Karlsruher Kunstakademie entwickelte sich unter Malern wie Georg Scholz, Karl Hubbuch und Wilhelm Schnarrenberger eine weltweit beachtete Hochburg der sachlichen Malerei. Ihre Werke zeichnen sich durch eine altmeisterliche, hyperpräzise Maltechnik aus. Die gezeigten Szenen – ob Landschaften, Porträts oder Stillleben – wirken in einer eigentümlichen, fast unheimlichen Stille eingefroren. Durch diese technische Perfektion und perspektivische Verschiebungen erhielten Alltagsszenen eine unterschwellige magische Dimension.
SURREALE TENDENZEN, SURREALISMUS & PHANTASTISCHER REALISMUS IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1945 bis Mitte der 1960er-Jahre, mit einer späten, regionalen Renaissance in den 1970er-Jahren
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 war die westdeutsche Kunstlandschaft im Südwesten stark von der Aufarbeitung der traumatischen Kriegserlebnisse sowie der Sehnsucht nach ästhetischer Befreiung geprägt. Obwohl die ungegenständliche Abstraktion (wie das Informel) im deutschen Südwesten dominierte, entwickelten sich surreale Tendenzen und der Phantastische Realismus als einflussreiche, tiefenpsychologisch motivierte Gegenströmungen.
1945–1955 (Die traumatische Pionierphase): Unmittelbar nach Kriegsende suchten Künstler nach einer neuen Bildsprache abseits des NS-Realismus. Es entstanden erste magisch-surreale Werke zur Bewältigung von Schuld, Zerstörung und Existenznot.
1955–1965 (Die Phase der Verdrängung durch die Abstraktion): Die ungegenständliche Kunst (Informel, Tachismus) eroberte die großen Akademien (vor allem unter Willi Baumeister in Stuttgart). Surreale und phantastische Kunst existierten als starke, profilerte Gegenströmung in Nischen weiter.
Ab 1970 (Die Wiederentdeckung): Im Zuge einer Rückkehr zur Figuration erlebten phantastische und magische Realismen im Südwesten ein stabiles Comeback.
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
Hermann Finsterlin (1887–1973): In München geborener Maler, Dichter, Essayist, Spielzeugmacher und weltweit einflussreicher Theoretiker der visionären Architektur des frühen 20. Jahrhunderts. Nach einem breit gefächerten Studium der Medizin, Naturwissenschaften und Philosophie wandte er sich in München der Kunst zu und siedelte 1926 dauerhaft nach Stuttgart über. Berühmt wurde er durch seine radikale, utopische Architekturtheorie: Als tragendes Mitglied des von Bruno Taut initiierten Briefwechsels der avantgardistischen „Gläsernen Kette“ (1919–1920) forderte er die vollständige Überwindung der rechtwinkligen, kühlen Bauweise. Obwohl aufgrund der wirtschaftlichen Krisen der Weimarer Republik keines seiner visionären Bauprojekte je realisiert wurde, entfaltete sein grafisches Werk als Ideengeber für spätere Generationen weltweite Strahlkraft. Finsterlins Werk zeichnet sich durch eine singuläre biomorphe Formkraft und kosmische Poesie aus: Sowohl in seinen organisch fließenden, farbintensiven Aquarellen („Utopische Architektur“) als auch in seinen bahnbrechenden, reformpädagogischen Holzbaukästen (wie dem „Stilspiel“ von 1922) befreite er die Architektur von rein technokratischer Funktionalität. Er steigerte seine Entwürfe stattdessen zu begehbaren, zutiefst spirituellen und erotisch-lebendigen Raumorganismen. Als vom NS-Regime verfemter Außenseiter, dessen avantgardistisches Wohn- und Atelierhaus am Stuttgarter Frauenkopf ein frühes Denkmal anthroposophischer Baukunst war, sicherte er der fantastisch-kosmischen Abstraktion des Südwestens einen absolut einzigartigen, international rezipierten Spitzenplatz in der Kulturgeschichte der Moderne.
Reinhold Nägele (1884–1972): In Murrhardt geborener Maler, Grafiker und herausragender, liebevoll-ironischer Chronist der schwäbischen Moderne. Nach einer handwerklichen Lehre als Dekorationsmaler im Betrieb seines Vaters und dem Besuch der Stuttgarter Kunstgewerbeschule feierte er bereits vor dem Ersten Weltkrieg frühe Ausstellungserfolge in der Berliner Galerie von Paul Cassirer. Tief im Kulturleben Württembergs verwurzelt, gehörte er 1923 zu den maßgeblichen Mitbegründern der wegweisenden Stuttgarter Sezession, deren Geschicke er über ein Jahrzehnt als Vorstandsmitglied prägte. Die glücklichste Schaffensphase des Künstlers wurde durch den Nationalsozialismus brutal beendet: Aufgrund der Ehe mit seiner jüdischen Frau, der Dermatologin Dr. Alice Nördlinger, wurde er 1937 mit einem Berufsverbot belegt, woraufhin der Familie 1939 die Flucht über Paris und London nach New York gelang. Nach über zwei Jahrzehnten im US-Exil kehrte er 1963 endgültig nach Stuttgart zurück. Nägeles Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus altmeisterlicher Präzision und hintergründigem Humor aus: Sowohl in seinen detailreichen Radierungen als auch in seinen berühmten, oft miniaturhaften Gemälden in Hinterglas- oder Temperatechnik fing er die Gestalt des sich wandelnden Stuttgarts ein. Seine glitzernden, atmosphärischen Nachtansichten (wie die „Aussicht vom Bahnhofsturm“) befreiten die Stadtvedute von rein dokumentarischer Kälte. Als Träger des Professorentitels ehrenhalber (1952) und Ehrenbürger seiner Geburtsstadt sicherte er dem erzählerischen, zwischen Neuer Sachlichkeit und fantastischem Realismus balancierenden Stil einen absolut unumstößlichen, identitätsstiftenden Spitzenplatz im künstlerischen Erbe des deutschen Südwestens.

Kunst im deutschen Südwesten, Reinhold Nägele, Stuttgarter Straßen- und Zahnradbahn, 1911, Radierung, 21 cm x 27 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Leonhard Schmidt (1892–1978): In Backnang geborener Maler, Grafiker und eigenwilliger Einzelgänger der Neuen Sachlichkeit im deutschen Südwesten. Er studierte ab 1919 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart unter Heinrich Altherr, Robert Breyer sowie Adolf Hölzel und stieg als Mitbegründer der fortschrittlichen Stuttgarter Sezession (1923) schnell zu einer festen Größe der regionalen Avantgarde auf. Um der politischen Gleichschaltung der Nationalsozialisten zu entgehen, die seine Kunst als „entartet“ diffamierten und mit einem Ausstellungsverbot belegten, zog er sich 1938 nach Stuttgart-Untertürkheim in die Isolation der inneren Emigration zurück. Schmidts Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus radikaler visueller Reduktion und tief melancholischer Stille aus: Sowohl in seinen streng tektonischen Gemälden als auch in seinen feinen Pastellen und Zeichnungen befreite er die Natur und die menschliche Figur von erzählerischen Details und steigerte menschenleere Winterlandschaften oder in sich gekehrte Porträts zu zeitlosen, fast monochromen Chiffren der Einsamkeit. Das nachfolgend aufgeführte Zitat von Leonhardt Schmidt: „Nicht was ich in der Welt sah, malte ich, sondern meine Träume“ zeigt, dass Traum und Wirklichkeit im Sinne des Surrealismus miteinander korrespondieren. Nach 1945 erfuhr sein OEuvre durch Ankäufe führender Institutionen wie der Staatsgalerie Stuttgart und der Berliner Nationalgalerie späte, gerechte Anerkennung, die 1974 in der Verleihung des Professorentitels gipfelte. Als der „Maler der Stille“, der die konstruktiv-figurative Tradition der Vorkriegsmoderne kompromisslos durch die Diktatur rettete, sicherte er sich einen unumstößlichen, bleibenden Ehrenplatz in der südwestdeutschen Nachkriegs-Kunstgeschichte.
Jakob Bräckle (1897–1987): In Winterreute bei Biberach an der Riß geborener Maler und radikal reduzierender Chronist der oberschwäbischen Kulturlandschaft. Er studierte ab 1917 an der Kunstgewerbeschule und anschließend an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart unter Christian Landenberger und Heinrich Altherr, bevor er als Mitglied der wegweisenden Stuttgarter Sezession (1924) und des Deutschen Künstlerbundes zu einem wichtigen Protagonisten der süddeutschen Vorkriegsmoderne wurde. Zeitlebens durch eine frühkindliche Gehbehinderung in seinem physischen Aktionsradius eingeschränkt, fokussierte Bräckle seine Arbeit fast ausschließlich auf die vertraute Kulisse seines Heimatdorfes Winterreute. Hier entwickelte er abseits der urbanen Zentren eine unverwechselbare Ästhetik der Neuen Sachlichkeit, die er in einer magisch-realistischen Frühphase begründete: Sowohl in seinen extrem kleinformatigen Ölgemälden (wie dem Werk „Ernte“ von 1927) als auch in seinen strengen Flachlandschaften befreite er den bäuerlichen Arbeitsalltag und die Natur von folkloristischem Zierrat. Stattdessen steigerte er Äcker, Heuhaufen und dörfliche Szenen durch geometrische Flächenaufteilungen, ungewöhnliche Perspektiven aus leichter Untersicht und eine gedehnte, meditative Leere zu zeitlosen, universellen Raumstrukturen. Nach 1945 erfuhr sein Werk durch den Biberacher Architekten Hugo Häring eine entscheidende intellektuelle Weitung: Die Begegnung mit dort eingelagerten Originalen von Kasimir Malewitsch führte Bräckle in ein radikal abstraktes Spätwerk, in dem sich die oberschwäbischen Felder endgültig in reine, monochrome Farbflächensegmente auflösten. Als ein oft als „Morandi der Landschaft“ betitelter Solitär, dessen intimes Œuvre von rund 3.900 Gemälden heute vorwiegend im Museum Biberach umfassend gewürdigt wird, sicherte er der ländlich-konstruktiven Nachkriegsmoderne einen singulären Spitzenplatz in der Kunstgeschichte des deutschen Südwestens.
BILDHAUEREI IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN VON 1945 BIS ZUR GEGENWART
DIE NEUE FREIHEIT NACH 1945 – KONTINUITÄT & ÄSTHETISCHER WANDEL NACH DEM KRIEG: KLASSISCHE FIGURATION & GEMÄSSIGTE MODERNE
Die Entwicklung der Skulptur und Objektkunst im deutschen Südwesten nach 1945 ist von einer außergewöhnlichen Materialvielfalt und dem stetigen Wechselspiel zwischen Figuration und Abstraktion geprägt. Durch die bedeutenden Kunstakademien in Stuttgart und Karlsruhe sowie renommierte Bildhauersymposien hat sich die Region zu einem Kernland moderner und zeitgenössischer Dreidimensionalität entwickelt.
Die Bildhauer Alfred Lörcher, Karl Albiker, Wilhelm Gerstel, Hermann Geibel, Jakob Wilhelm Fehrle und Fritz Nuss nehmen in der Kunstgeschichte des deutschen Südwestens ab 1945 eine ganz spezifische Scharnierfunktion ein. Sie gehören der Generation an, die kunsthistorisch als „Gemäßigte Moderne“ oder „Klassische Figuration“ bezeichnet wird.
Alfred Lörcher (1875–1962): In Stuttgart geborener Bildhauer, Medailleur und bedeutender Hochschullehrer, der als einer der eigenständigsten Erneuerer der figürlichen Plastik im deutschen Südwesten gilt. Er absolvierte zunächst eine Ausbildung in einer Bronzegießerei, studierte an der Karlsruher Kunstgewerbeschule sowie an der Münchner Akademie bei Wilhelm von Rümann und entdeckte während eines prägenden Italienaufenthalts (1905) die archaische etruskische Kunst für sich. Diese Eindrücke inspirierten ihn zu einer Abkehr vom historisierenden Akademismus hin zu einer „organisch-kubischen Rundplastik“, die ihm später den Beinamen „Schwäbischer Maillol“ einbrachte. Ab 1919 leitete er als Professor eine einflussreiche Bildhauerklasse an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule und lehrte ab 1941 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, wo er bis zum Kriegsende wirkte. Während der NS-Diktatur zog er sich zunehmend zurück und lebte ab 1941 in der inneren Emigration im Bottwartal. Seine produktivste und innovativste Schaffensphase erreichte er überraschend im Ruhestand nach 1945: Lörcher wandte sich von der monumentalen Einzelfigur ab und schuf dynamische, fast choreografisch rhythmisierte Figurengruppen, Kleinplastiken und Reliefs aus Terrakotta und Bronze. Diese späten Werkgruppen untersuchten das urbane Großstadtleben, die Bewegung von Menschenmassen sowie das räumliche Beziehungsgefüge im Dialog mit der Umwelt. Mit seinen späten Meisterwerken erlangte er höchste bundesweite Anerkennung, die in der Teilnahme an der documenta I (1955) und documenta II (1959) in Kassel gipfelte. Als wegweisender Pädagoge und Brückenbauer zwischen klassisch-figürlicher Strenge und moderner Raumkomposition legte Lörcher ein praktisches Fundament, das in den Sammlungen bedeutender Museen wie der Staatsgalerie Stuttgart und dem Museum Ludwig in Köln bis heute nachwirkt.
Karl Albiker (1878–1961): In Ühlingen im Schwarzwald geborener Bildhauer, Lithograf und einflussreicher Hochschullehrer, der zu den bedeutendsten Vertretern einer autonomen, modernen Plastik in Deutschland zählt. Er studierte an der Kunstakademie Karlsruhe bei Hermann Volz, bildete sich um 1900 in Paris bei dem weltberühmten Auguste Rodin weiter und entwickelte nach einem mehrjährigen Rom-Aufenthalt eine Formsprache, die Naturvorbilder mit abstrahierenden Konstruktionen verband. Als Gründungsmitglied der Badischen Secession (1908) und Träger des renommierten Villa-Romana-Preises (1910) erlangte er früh nationale Anerkennung für seine ausdrucksstarken, oft im Grenzbereich zum Expressionismus angesiedelten Skulpturen. Von 1919 bis 1945 leitete er als Professor eine legendäre Bildhauerklasse an der Kunstakademie Dresden und war eng mit Künstlergrößen wie Karl Hofer und Otto Dix befreundet. Während der Zeit des Nationalsozialismus geriet sein Werk in ein tiefes Spannungsfeld: Einerseits wurden frühere Arbeiten in der Ausstellung „Entartete Kunst“ diffamiert, andererseits erhielt er monumentale öffentliche Großaufträge wie die Großplastiken für das Berliner Olympia-Gelände (1936). Nach der totalen Zerstörung seines Dresdner Ateliers im Jahr 1945 kehrte er in seine badische Heimat nach Ettlingen zurück, wo er sein Spätwerk vollendete. Albiker gilt als ein Meister, der die klassische Monumentalplastik radikal modernisierte, indem er das Wesentliche einer Figur betonte und die Bildhauerei in eine enge Wechselbeziehung zur Architektur und Gartenlandschaft stellte. Seine berühmten Werkgruppen (darunter feinsinnige weibliche Akte, ausdrucksstarke Porträtbüsten und heroische Denkmäler) prägten nachhaltig die plastische Kunst der deutschen Vorkriegs- und Nachkriegsmoderne.
Wilhelm Gerstel (1879–1963): In Bruchsal geborener Bildhauer, Medailleur und herausragender Hochschullehrer, der als eine der prägenden Säulen der figürlichen deutschen Bildhauerei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt. Er absolvierte zunächst eine Steinmetzlehre, studierte bis 1903 an der Karlsruher Akademie und erlangte bereits vor dem Ersten Weltkrieg mit wegweisenden Werken wie der Bauplastik für die Universität Freiburg (1910) und dem Hebel-Denkmal in Lörrach frühe Anerkennung. Als Gründungsmitglied der Badischen Secession (1927) hielt er zeitlebens eine tiefe Verbindung zum deutschen Südwesten, wirkte jedoch ab 1921 an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst in Berlin. Dort leitete er eine Bildhauerklasse in der Zwischenkriegszeit und wurde zum prägenden Mentor bedeutender Nachkriegsmeister wie Fritz Cremer, Gustav Seitz, Waldemar Grzimek und Hermann Blumenthal. Während der NS-Diktatur zog sich Gerstel, der nach 1933 keine öffentlichen Aufträge mehr erhielt, in die innere Emigration zurück, blieb jedoch als anerkannter Lehrer bis zum Kriegsende im Verborgenen aktiv. Nach dem Verlust seines Berliner Ateliers kehrte er 1946 nach Baden zurück, wo er ab 1949 an der Freiburger Akademie lehrte und sein Spätwerk vollendete. Gerstels Œuvre, das feinsinnige Aktdarstellungen, charakterstarke Porträtbüsten sowie bedeutende Architekturplastiken umfasst, zeichnet sich durch eine klassisch-tektonische Ruhe, formale Klarheit und subtile Oberflächenbehandlung aus. Als Bindeglied zwischen badischer Tradition und Berliner Bildhauerschule legte er ein praktisches wie pädagogisches Fundament, das die figurative Plastik der Moderne nachhaltig beeinflusste.
Hermann Geibel (1889–1972): In Freiburg im Breisgau geborener Bildhauer, Zeichner, Holzschnitzer und bedeutender Hochschullehrer, der als prägender Vermittler zwischen klassischen skulpturalen Prinzipien und den baubezogenen Formexperimenten der klassischen Moderne gilt. Er absolvierte eine zweigleisige Ausbildung an den Akademien in Dresden (1909) und München (1910–1913), wo er in der Bildhauerklasse des Adolf-von-Hildebrand-Schülers Erwin Kurz reifte und sich bei Heinrich von Zügel parallel auf die Tierdarstellung spezialisierte. Als frühes Mitglied der Münchener Secession (1913) erlangte er durch monumentale Hirschgruppen für das Sanatorium Bühlerhöhe erste nationale Anerkennung, bevor eine schwere Handverwundung im Ersten Weltkrieg ihn zwang, seine bildhauerische Technik grundlegend umzustellen. In der Zwischenkriegszeit stand er in München in engem Austausch mit Größen wie Karl Albiker, Toni Stadler und Ludwig Kasper und unternahm Studienreisen nach Paris zu Aristide Maillol, die seine Hinwendung zu einer blockhaft-geschlossenen, tektonisch klaren Figur festigten. Im Jahr 1934 wurde Geibel als Professor für Freies Zeichnen, Modellieren und angewandte Plastik an die Technische Hochschule Darmstadt berufen. Obwohl er der NSDAP den Beitritt verweigerte, geriet sein Schaffen in die kulturpolitischen Widersprüche der Diktatur: Während er mit Sportplastiken an den Kunstwettbewerben der Olympischen Spiele 1936 teilnahm, zog er sich in eine von innerer Emigration geprägte, reduzierte Formensprache zurück. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1957 – und darüber hinaus wirkend – drückte er dem Wiederaufbau und dem Stadtbild Darmstadts einen unverkennbaren Stempel auf. Geibels facettenreiches Œuvre, das neben feinsinnigen Bronze- und Holzplastiken (wie dem berühmten Liegenden Einhorn für den Einhornbrunnen) auch ausdrucksstarke Knabenfiguren, Akte und Tierbronzen umfasst, zeichnet sich durch eine vollkommene Balance aus innerer Ruhe, Naturbeobachtung und architektonischer Strenge aus. Als Brückenbauer der Vorkriegs- zur Nachkriegsmoderne schuf er ein praktisches Fundament für die Integration skulpturaler Kunst in den öffentlichen Raum.
Jakob Wilhelm Fehrle (1884–1974): In Schwäbisch Gmünd geborener Bildhauer, Maler, Zeichner und herausragender Bildchronist der klassischen figürlichen Plastik im 20. Jahrhundert. Nach einer handwerklichen Ausbildung zum Ziseleur studierte er an den Kunstakademien in Berlin bei August Gaul sowie in München bei Balthasar Schmitt. Um seine künstlerische Wahrnehmung international zu schärfen, lebte er in Rom und von 1911 bis 1914 in Paris. Dort am Montparnasse bewegte er sich im Umfeld der Avantgarde, arbeitete zeitweise im Atelier von Auguste Rodin und wurde tief von Aristide Maillol und Wilhelm Lehmbruck geprägt. 1919 kehrte er in seine Heimatstadt zurück, lehrte an der Staatlichen Höheren Fachschule und stieg zu einer regionalen bildhauerischen Ausnahmegestalt auf. Fehrles langes Schaffen spiegelt die politischen Brüche der Epochen wider: Seine Ambitionen auf dem Gebiet der Großplastik führten in der NS-Zeit zu repräsentativen Aufträgen für das Deutsche Reich (wie dem Gmünder Gefallenendenkmal von 1935), obgleich er zeitweise Werke durch Beschlagnahmung verlor und seine eigene Ehefrau mutig vor dem NS-„Euthanasie“-Programm rettete. Nach 1945 knüpfte er an die aufkommende Nachkriegsmoderne an und öffnete sich formal der geometrischen Abstraktion. Fehrles Werk zeichnet sich durch eine singuläre Zuwendung zum menschlichen Körper aus: Vor allem am weiblichen Aktmodell und in seinen anmutigen Muttergottes-Darstellungen balancierte er Statik und Bewegung sensibel aus. Er befreit die klassische Figur von akademischer Schwere und steigert sie zu grazilen, zeitlosen Bronzen, Terrakotten und feinen Zeichnungen. Als Träger des Bundesverdienstkreuzes (1954) und Schöpfer bedeutender Denkmäler und Porträtbüsten im öffentlichen Raum – wie der des Bundespräsidenten Theodor Heuss (1963) – sicherte er der figürlich-sensiblen Plastik einen absolut zentralen, epochenübergreifenden Platz in der Kunstgeschichte des deutschen Südwestens.

Kunst im deutschen Südwesten, Jakob Wilhelm Fehrle, Nach dem Bade, stehender Damenakt ein Tuch haltend, 1944, Höhe 65 cm, Terrakotta modelliert, gebrannt, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Fritz Nuss (1907–1999): In Göppingen geborener Bildhauer, Medailleur und herausragender Meister der figürlichen Nachkriegsplastik im deutschen Südwesten. Nach einer handwerklichen Ausbildung zum Ziseleur in Schwäbisch Gmünd studierte er an den Kunstakademien in München bei Hermann Hahn sowie in Stuttgart bei Ludwig Habich. Bereits 1943 zum Professor ernannt, geriet sein Schaffen durch die politische Anpassung und eine NSDAP-Mitgliedschaft in die Ambivalenzen der Diktatur. Ab 1952 leitete er zwanzig Jahre lang die Klasse für Plastisches Gestalten an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd und begründete dort eine einflussreiche Bildhauerdynastie (darunter sein Sohn Karl Ulrich Nuss). Nuss’ Werk zeichnet sich durch eine singuläre Evolution der menschlichen Figur aus: Während seine frühen Arbeiten der 1930er- und 1940er-Anfänge von geschlossenen Konturen und klassisch-idealer Formstrenge geprägt waren, öffnete er sich ab den 1950er-Jahren – inspiriert durch Henry Moore – spürbar der organischen Abstraktion. Er brach die geschlossenen Volumina auf, betonte die raue Materialität des Modelliertons und steigerte seine Bronzen im Spätwerk zu raumgreifenden, zutiefst sinnlichen und dynamisch-barocken Bewegungschiffren. Als Schöpfer zahlreicher populärer Werke im öffentlichen Raum – wie den markanten Reliefplatten für die Stuttgarter Liederhalle (1956) oder dem „Sitzenden lesend“ vor der Stadtbibliothek – sowie als spiritus rector des Skulpturenpfads in den Weinbergen seines langjährigen Wohnorts Strümpfelbach sicherte er der traditionsbewussten, aber modern reformierten Menschenplastik einen absolut zentralen, identitätsstiftenden Platz in der Kunstgeschichte Baden-Württemberg.

Kunst im deutschen Südwesten, Fritz Nuss, Strumpfanziehende, 1943, Bronze, 26 cm x 11,2 cm x 15,3 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Fritz Nuss, Stehende II, 1948, Bronze, 181,5 cm x 54 cm x 55 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Fritz Nuss, Wasserschöpferinnen, 1979, Bronze, 42,5 cm x 47 cm x 34 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Fritz Nuss, Stehende I, 1970, Bronze, 100,5 cm x 30 cm x 28 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Fritz Nuss, Stehende, 1986 1987, Bronze, 212 cm x 74 cm x 45 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
KONSOLIDIERUNG DER ABSTRAKTION, FARBFELDMALEREI, SKRIPTUALER EXPRESSIONISMUS, INFORMEL & EXISTENTIELLE FIGURATION IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1960er Jahre
In den 1960er Jahren festigte sich der Ruf Stuttgarts als Zentrum der ungegenständlichen Kunst. Die Auseinandersetzung mit der reinen Fläche, der harten geometrischen Kante (Hard Edge) und der informellen Plastik dominierte.
STILE & STRÖMUNGEN
Informel
Farbfeldmalerei
Konkrete Kunst
Konstruktivismus
Minimal Art
ungegenständliche Plastik
informeller Bronzeguss.
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
Emil Schumacher (1912–1999): In Hagen geborener Maler, Grafiker und weltweit gefeierter Hauptakteur des deutschen Informel sowie des abstrakten Expressionismus. Nach seinem Grafikdesignstudium in Dortmund und auferlegter Arbeit als technischer Zeichner während des Zweiten Weltkriegs vollzog er Anfang der 1950er-Jahre – inspiriert durch eine Begegnung mit dem Maler Wols in Paris – eine radikale Abkehr von jeglicher Figuration. Um die Malerei aus der reinen Fläche in die Dreidimensionalität zu führen, entwickelte er eine eruptive, physisch fassbare Bildsprache: Seine Leinwände und Holzträger behandelte er nicht als Kompositionsflächen, sondern als Aktionsräume, die er mitunter brachial mit Werkzeugen zerfurchte oder mit dem Hammer zertrümmerte. Als langjähriger Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe (1966–1977) prägte er über Jahrzehnte auch die Kunstlandschaft des deutschen Südwestens nachhaltig. Schumachers Werk zeichnet sich durch eine singuläre, archaische Materialästhetik aus: Sowohl in seinen monumentalen Farblandschaften als auch in seinen taktilen Objekten mischte er Sand, Asche, Sisal oder Draht direkt in die Farbmaterie, wodurch reliefartige Oberflächen von vulkanischer Urgewalt entstanden. Als dreifacher documenta-Teilnehmer (1959, 1964, 1977), Gewinner des renommierten Guggenheim Awards (1958) und Schöpfer eines monumentalen Wandbildes im Berliner Reichstagsgebäude sicherte er der gestischen Materialabstraktion einen unumstößlichen, international vernetzten Spitzenplatz in der europäischen Nachkriegsavantgarde.
Klaus Jürgen-Fischer (1930–2017): In Krefeld geborener Maler, Grafiker und bedeutender Kunsttheoretiker, der nach Studien in Düsseldorf und Stuttgart (unter anderem bei Willi Baumeister) jahrzehntelang im Südwesten wirkte. Jürgen-Fischer erlangte monumentale Bedeutung als Herausgeber der führenden Kunstzeitschrift das kunstwerk in Baden-Baden (1962–1974), durch die er die internationale und regionale Abstraktion theoretisch untermauerte. Als Maler gründete er 1960 die avantgardistische Gruppe „SYN“ und wandte sich gegen das regellose Informel. Sein eigenes Werk suchte eine Synthese aus freier Geste und geometrischer Ordnung. Seine subtilen, oft monochromen „synchromen“ Gemälde untersuchten die Rhythmik von feinen Linienrastern und Farbschichtungen im Licht, wodurch er eine der wichtigsten intellektuellen und meditativen Positionen des Südwestens begründete.
Bert Jäger (1919–1998): In Karlsruhe geborener Maler, Grafiker und Essayist, der nach Kriegsdienst und Gefangenschaft ab 1948 in Freiburg im Breisgau lebte und arbeitete. Jäger gilt als der kompromissloseste Pionier der abstrakten Malerei und des Informel in Südbaden. Weitgehend als Autodidakt gestartet, löste er sich radikal von der landschaftlichen Tradition der Region und entwickelte eine hochdynamische, gestische Bildsprache. Seine wuchtigen, prozesshaften Material- und Strukturbilder leben von der Schichtung, Verletzung und eruptiven Überlagerung reiner Farbmaterie. Als Mitbegründer der avantgardistischen „Breisgauer Sezession“ (1954) und enger Freund von Intellektuellen und Künstlern der Nachkriegszeit war er der entscheidende intellektuelle Motor, der die ungegenständliche Moderne im Südwesten jenseits der Stuttgarter und Karlsruher Zentren verankerte.
Hans-Martin Erhardt (1935–2015): In Emmendingen geborener Maler und Grafiker. Er studierte ab 1956 an der Karlsruher Kunstakademie unter anderem bei HAP Grieshaber und Albert Gehmar. Erhardt entwickelte ein unverwechselbares Werk, das sich im Spannungsfeld zwischen expressiver Geste und geometrischer Disziplin bewegt. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine präzise, oft serielle Erforschung von Formen und Chiffren aus, in denen Landschafts-, Architektur- und Körperfragmente zu dichten, rhythmischen Farb-Raum-Gefügen abstrahiert werden. Erhardt leistete damit einen wesentlichen, eigenständigen Beitrag zur Modernisierung der Grafik und Malerei der Karlsruher Schule ab den 1960er Jahren.
Herbert Kitzel (1928–1978): In Halle an der Saale geborener Maler und Grafiker, der nach seinem Studium an der dortigen Kunstschule Burg Giebichenstein 1957 in den Westen floh und bereits 1958 als Professor an die Karlsruher Kunstakademie berufen wurde. Kitzel gilt als einer der wichtigsten und zugleich melancholischsten Grenzgänger zwischen Figuration und informeller Abstraktion. Seine Bildwelten sind von einer tiefen existenziellen Einsamkeit geprägt; obsessiv thematisierte er maskierte Gestalten, Gaukler, Clowns und fragile Torsi, die sich oft wie geisterhafte Schemen hinter Schleiern aus gedämpften, erdigen Farbschichten hervorheben. Als Lehrer übte er einen fundamentalen, prägenden Einfluss auf Künstler wie Hans Baschang aus und stabilisierte das figurative Erbe im Südwesten gegen den reinen Zeitgeist der Gegenstandslosigkeit.
Georg Karl Pfahler (1926–2002): In Emetzheim geborener Maler, Grafiker und Objektdesigner. Er studierte von 1948 bis 1954 an der Stuttgarter Kunstakademie unter anderem bei Willi Baumeister und prägte den Südwesten über Jahrzehnte hinweg. Pfahler gilt als der international herausragendste Pionier der Hard-Edge-Malerei und des Color-Field-Painting in Deutschland. Nachdem er sich Ende der 1950er Jahre vom Informel gelöst hatte, erforschte er in seinen monumentalen Werken die reine, scharf abgegrenzte Farbwirkung als eigenständigen Raumkörper. Seine Blockformationen und architektonischen Farbkonzepte brachen radikal mit jeglicher Bildillusion. Als deutscher Vertreter auf der Biennale von Venedig (1970), Teilnehmer der documenta 4 (1968) und Träger des Hans-Molfenter-Preises der Stadt Stuttgart (1984) hob er die ungegenständliche Kunst der Region auf internationales Spitzenniveau.

Kunst im deutschen Südwesten, Georg Karl Pfahler, Struk Nr.15 C, 1958, 100 cm x 125 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Georg Karl Pfahler, Formativ Nr. 3/II, 1959-1960, 145 cm x 84 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Georg Karl Pfahler, Warschau Zyklus 1A(9), 1964-1971, 200 cm x 200 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Friedrich Sieber (1925–2002): In Reichenberg (Tschechoslowakei) geborener Maler, Grafiker und wegweisender Mitbegründer der avantgardistischen Nachkriegsabstraktion im Südwesten. Nach Kriegsdienst, Vertreibung und Gefangenschaft kam er 1950 nach Stuttgart, wo er an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste bei Manfred Henninger studierte. Auf der Suche nach radikal neuen Ausdrucksformen gründete er dort 1956 gemeinsam mit Georg Karl Pfahler, Günther C. Kirchberger und Attila Biró die legendäre „Gruppe 11“. Diese lose Künstlervereinigung verschrieb sich dem internationalen Impuls des Action Painting und des gestischen Informel, um die traditionelle Malerei durch explosive, ungebremste Spontaneität aufzubrechen. Siebers Werk zeichnet sich durch eine bemerkenswerte stilistische Evolution und eine singuläre Erforschung von Farbbewegungen aus: Während seine frühen, teils stürmischen Mischtechniken der 1950er-Jahre wie „Bedrängtes Blau“ ganz der rauen, emotionalen Materie des Informel verpflichtet waren, vollzog er Anfang der 1960er-Anfänge eine bewusste Wende hin zu größerer struktureller Disziplin. Er beruhigte den Pinselduktus und fand zu einer klaren, zeichenhaften Formensprache, in der er konstruktive Bildelemente organisch mit den flächigen Gesetzen der Farbfeldmalerei verwob. In seinen komplexen Serien wie den „Drehimpulsen“ steigerte er das kontrollierte Fließen von Acryl- und Ölfarben zu geometrisch austarierten Schwingungen. Als tragendes Mitglied der Stuttgarter Schule und unermüdlicher Experimentator über die Genregrenzen hinweg sicherte er dem dynamischen Übergang von der gestischen zur kalkulierten Abstraktion einen absolut prägenden, international geschätzten Platz in der Kunstgeschichte des deutschen Südwestens.

Kunst im deutschen Südwesten, Friedrich Sieber, ohne Titel Farbabstraktion, 1980-1982, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 100 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Anton Stankowski (1906–1998): In Gelsenkirchen geborener Grafiker, Fotograf, Maler und herausragender Medientheoretiker. Nach prägenden Wanderjahren in Essen und Zürich, wo er wesentliche Impulse der Schweizer Konkreten erhielt, ließ er sich 1951 endgültig in Stuttgart nieder. Stankowski gilt als das international genialste Genie an der Schnittstelle von Konkreter Kunst und richtungsweisendem Kommunikationsdesign. Er hob die Trennung zwischen freier Bildkunst und funktionaler Grafik radikal auf: Seine theoretisch untermauerten „Angewandten Stile“ übersetzten komplexe physikalische, technische oder wirtschaftliche Prozesse in minimalistische, geometrische Linienstrukturen und Farbchiffren von absoluter Identitätskraft. Weltberühmt wurde er durch Corporate-Design-Meilensteine wie das schräge Quadrat-Logo der Deutschen Bank. Als langjähriger Vorsitzender des Beirats der legendären Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm, Gewinner des Kulturpreises der Stadt Stuttgart (1991) und Gründer der Stankowski-Stiftung prägte sein rationales, visuelles Erbe die Bildsprache des deutschen Südwestens nachhaltig auf weltweitem Spitzenniveau.

Kunst im deutschen Südwesten, Anton Stankowski, 4 Quadratprozessionen, 1990, Acryl auf Leinwand, 89,5 cm x 89,5 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Günter Neusel (1930–2020): In Kassel geborener Bildhauer, Maler und herausragender Vertreter der konstruktiven und Konkreten Kunst. Nach seinem Kunststudium in Düsseldorf, Berlin und Kassel kam er 1958 als freischaffender Künstler nach Stuttgart, wo er sich schnell dem avantgardistischen Kreis um den Philosophen Max Bense anschloss. Um seine streng rationale, geometrische Formensprache weiterzuentwickeln, verbrachte er prägende Jahre im Südwesten und lehrte schließlich ab 1974 als einflussreicher Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Neusels Werk zeichnet sich durch eine singuläre mathematisch-räumliche Präzision aus: Sowohl in seinen dreidimensionalen Skulpturen als auch in seinen seriellen Siebdrucken (wie den „Verdeckten Fachwerken“) befreite er die geometrische Form von jeglicher abbildenden oder emotionalen Funktion und steigerte sie zu autonomen, rational austarierten Strukturen aus Linien, Quadraten und Primärfarben. Als früher Preisträger des renommierten Kulturkreises der deutschen Wirtschaft (ars viva, 1956) und langjähriges Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg sicherte er der rationalen, konstruktiven Abstraktion einen absolut prägenden, international vernetzten Platz in der Nachkriegsmoderne des deutschen Südwestens.
Felix Schlenker (1920–2010): In Schwenningen am Neckar geborener Maler, Grafiker, Objektkünstler und herausragender Wegbereiter der Konkreten Kunst und konstruktiven Abstraktion im deutschen Südwesten. Nach autodidaktischen Studien nach 1945 und frühen künstlerischen Bezügen zu Paul Klee entwickelte er ab den späten 1950er Jahren eine völlig eigenständige Formensprache. Zunächst sammelte er im kriegszerstörten Umfeld Relikte und Schutt, um daraus in der postdadaistischen Tradition von Kurt Schwitters erste, dem Informel verpflichtete Materialbilder und Assemblagen zu formen. Ab 1964 radikalisierte er sein Schaffen hin zu asketischer Strenge: Er beschränkte sich fast ausschließlich auf das quadratische Format und reduzierte seine Arbeiten auf monochrome Bildobjekte, serielle Lackbilder oder rhythmisch angeordnete Hufeisennägel auf Holzplatten. Schlenkers Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus konstruktiver Ordnung und meditativer Materialästhetik aus: Sowohl in seinen strukturierten Reliefs als auch in seinen feinen Aquarellen befreite er die geometrische Struktur von emotionalem Pathos und steigerte das Wechselspiel aus Raum, Licht und feinen Schattenwirkungen zu visuellen Ruhepolen von Zen-buddhistischer Qualität. Als Mitbegründer des einflussreichen „Forum Kunst Rottweil“ prägte er die Kulturregion nachhaltig und sicherte der reduzierten Objektkunst des Südwestens als Träger des Professorentitels ehrenhalber des Landes Baden-Württemberg einen absolut gleichrangigen, international vernetzten Platz in der Nachkriegsavantgarde.
Bernd Berner (1930–2002): In Hamburg geborener Maler, Grafiker und bedeutender Kunstpädagoge, der nach Studien in Hamburg, Paris und Stuttgart (u. a. bei Willi Baumeister) ab 1952 fest in Stuttgart lebte und von 1971 bis 1994 als Professor an der Hochschule in Pforzheim lehrte. Berner gilt kunsthistorisch als einer der profiliertesten Pioniere des Post-Informel und des autonomen Farbraums in Deutschland. Ab Mitte der 1960er Jahre fokussierte er sein gesamtes Schaffen auf das sogenannte „Flächenbild“. Dabei löste er die informelle Geste in dichte, strukturierte Geflechte aus zahllosen, gitterartigen Pinselstrichen und übereinandergelegten Farblasuren auf. Berners Gemälde besitzen keine Gegenständlichkeit oder geometrische Begrenzung; sie leben ausschließlich von der inneren Vibration, der Dichte und der atmosphärischen Tiefenwirkung pulsierender Farbschichten. Als langjähriges Vorstandsmitglied des Deutschen Künstlerbundes hinterließ er eine der stringentesten und meditativsten Positionen der ungegenständlichen südwestdeutschen Kunstgeschichte.

Kunst im deutschen Südwesten, Bernd Berner, Flächenraum, 1963-1964, 130,5 cm x 110,5 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Rolf-Gunter Dienst (1942–2016): In Kiel geborener Maler, Grafiker, einflussreicher Kunstkritiker und herausragender Protagonist der deutschen Nachkriegsabstraktion. Er kam Mitte der 1960er-Jahre nach Stuttgart, wo er mit der Gründung der Künstlergruppe SYN (1965) die Abkehr vom rein emotionalen Informel einleitete, und lehrte später als langjähriger Professor an der Kunstakademie Nürnberg. Um seine künstlerische Sprache international zu schärfen, verbrachte er in den späten 1960er- und 1970er-Jahren prägende Arbeitsaufenthalte in New York, wo er sich intensiv mit dem amerikanischen Color Field Painting und dem Minimalismus auseinandersetzte. Als langjähriger Redakteur der renommierten Zeitschrift Das Kunstwerk prägte er über Jahrzehnte den kunstkritischen Diskurs der Bundesrepublik. Diensts Werk zeichnet sich durch eine singuläre, skripturale Rhythmik aus: Sowohl in seinen großformatigen Ölbildern als auch in seinen nuancierten Zeichnungen befreite er die Linie von jeglicher abbildenden Funktion und steigerte sie zu autonomen, tief poetischen Rastern aus winzigen, asemantischen Chiffren. Als zweifacher Villa-Massimo-Stipendiat, Träger des Bundesverdienstkreuzes und prägende Figur im Grenzbereich von Visueller Poesie und Malerei sicherte er der systematischen, aber zutiefst lyrischen Abstraktion einen absolut singulären, international vernetzten Platz in der deutschen Kunstgeschichte.
Markus Prachensky (1932–2011): In Innsbruck geborener Maler, Grafiker und prägender Pionier des europäischen Informel. Nach seinem Studium der Architektur und Malerei an der Akademie der bildenden Künste Wien gründete er 1956 gemeinsam mit Hollegha, Mikl und Rainer die avantgardistische Gruppe um die Galerie nächst St. Stephan. Ab Ende der 1950er-Jahre trat Prachensky in intensiven, befruchtenden Austausch mit der südwestdeutschen Kunstszene, flankiert durch wegweisende Galeriepräsentationen und Museumsbegegnungen im Stuttgarter und Karlsruher Raum. Prachenskys Œuvre ist ein radikales Monument der reinen, ungebändigten Geste: Seine weltberühmten, hochexpressiven Zyklen (wie Rot auf Weiß, St. Stephan oder seine späteren italienischen Reisebilder) bannen eruptive, gewaltige Farbschwünge – dominiert von einem eigens gemischten, unverkennbaren Prachensky-Rot – auf die Leinwand. Als internationaler Fixstern der Aktions- und Informelmalerei brachte er eine ungestüme, architektonisch-rhythmische Wucht in den abstrakten Diskurs des Südwestens ein und etablierte die physische Präsenz der Farbe als reines Energieereignis.
Lothar Quinte (1923–2000): In Insterburg geborener Maler, Grafiker und bedeutender Wegbereiter der Farbfeld- und Lichtkunst. Nach seinem Studium an der Kunstschule Bernstein (Bernsteinschule) bei HAP Grieshaber und Hans Paul Schmohl wirkte er jahrzehntelang im Südwesten (u. a. in Wettelbrunn). Quinte gilt kunsthistorisch als eine der profiliertesten Galionsfiguren der deutschen Op-Art und meditativen Lichtfeldmalerei. Seine frühen Arbeiten waren noch vom Informel geprägt, doch ab den frühen 1960er Jahren reduzierte er seine Bildsprache radikal auf die Erforschung von geometrischen Systemen, Fächerbündelungen, strahlenden Farbgrenzen und den berühmten Schlitzbildern, bei denen feine, vertikale Lichtspalten die Monochromie der Leinwand spannungsvoll durchbrechen. Neben seinen Gemälden schuf er ein international wegweisendes Œuvre an architekturbezogener Kunst, darunter die monumentalen Fensterzyklen für den Dom zu Speyer oder die Kirche St. Andreas in Karlsruhe. Als Teilnehmer der documenta 4 (1968) und Gastdozent an der Stuttgarter Akademie (1959/1960) hob er das Wechselspiel von Farbe, Raum und optischer Vibration auf internationales Spitzenniveau.
K.R.H. Sonderborg (1919–2000): Eigentlich Karl Robert Harvey Sonderborg, in Sønderborg (Dänemark) geborener Maler und Grafiker. Nach Studien in Hamburg und Paris (Atelier Hayter) wurde er 1965 als Professor an die Stuttgarter Kunstakademie berufen, wo er bis 1985 eine der einflussreichsten Klassen leitete. Sonderborg gilt als einer der international radikalsten Hauptvertreter des deutschen Informel und der Aktionsmalerei. Seine Werke – fast ausschließlich auf kontrastreiches Schwarz-Weiß-Rot reduziert – entstanden oft in eruptiven, rasanten Malsitzungen unter dem Einfluss von Jazzmusik. Unter Einsatz von unkonventionellen Werkzeugen wie Spachteln, Kratzern, Rasierklingen oder Autowischern riss, schleuderte und strukturierte er die Farbe auf den Untergrund. Diese Bilder fangen die nackte Dynamik von Zeit, Rhythmus und Bewegung ein und verweisen metaphorisch auf urbane Architekturen und technische Landschaften. Als dreifacher documenta-Teilnehmer (1959, 1964, 1977), Vertreter Deutschlands auf der Biennale von Venedig (1958) und Gewinner des Hans-Molfenter-Preises der Stadt Stuttgart (1987) verankerte er die internationale Aktionsavantgarde unwiderruflich im Südwesten.
Rudolf Haegele (1926–1998): In Schömberg bei Rottweil geborener Maler, Glasgestalter und einflussreicher Hochschullehrer der baden-württembergischen Nachkriegsmoderne. Schockiert von den traumatischen Erlebnissen im Kriegsdienst bei der Kriegsmarine, verwarf er seinen ursprünglichen Wunsch, Ingenieur zu werden, und wählte die Malerei als Instrument des existenziellen Protests und gesellschaftlichen Wandels. Nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Fritz Steisslinger und Hermann Sohn (1946–1948) sowie einem prägenden Pariser Stipendiaten-Aufenthalt stieg er zu einer zentralen Leitfigur der regionalen Kunstszene auf. Er amtierte ab 1968 als Vorsitzender der Stuttgarter Sezession und leitete von 1965 bis 1992 als angesehener Professor fast drei Jahrzehnte lang eine eigene Malklasse an der Stuttgarter Kunstakademie. Haegeles Werk zeichnet sich durch eine singuläre existentielle Materialtiefe aus: Sowohl in seinen vielschichtigen Leinwandgemälden als auch in seinen monumentalen Glasfenstern für kommunale und sakrale Räume befreite er das Bild von glatten Oberflächen. Tief beeinflusst von der Philosophie Albert Camus’ und dem französischen Existenzialismus, mischte er Sand und andere Werkstoffe in die Farbmaterie, um durch Schichtung und anschließendes brachiales Auskratzen raue, verletzte Fels- und Mauerstrukturen sowie kryptische Schriftzeichen freizulegen. Als engagierter Pädagoge und unermüdlicher Sucher nach der Conditio humana sicherte er der materialbetonten, philosophisch aufgeladenen Abstraktion einen absolut zentralen, unverwechselbaren Platz im kulturellen Erbe des deutschen Südwestens.

Kunst im deutschen Südwesten, Rudolf Haegele, Palimpsest VOLTERRA, 1981, 195 cm x 163 cm, Mischtechnik auf Leinwand, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Kunst im deutschen Südwesten, Rudolf Haegele, Dreiteiliges Bild Rivoli, 1974 1975, Mischtechnik auf Platte, 60 cm x 131 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
FORMREDUKTIONEN & FORMPRÄZISIONEN IN DER FIGURATIVEN BILDHAUEREI DES DEUTSCHEN SÜDWESTENS
Otto Baum (1900–1977): In Leonberg geborener Bildhauer und einflussreicher Hochschullehrer, der als einer der bedeutendsten Wegbereiter der abstrakten und formreduzierten Nachkriegsplastik im deutschen Südwesten gilt. Nach einer Farbenmischer-Lehre studierte er an der Stuttgarter Kunstakademie und unternahm prägende Studienreisen nach Italien und Paris, wo er sich früh von der mimetischen, rein abbildenden Bildhauerei abwandte. Während der Zeit des Nationalsozialismus geriet er kulturpolitisch ins Abseits, erhielt Ausstellungsverbot und musste seine Kunst im Verborgenen weiterentwickeln. Trotz dieser Isolation verfolgte er konsequent den Weg der extremen Formvereinfachung hin zur autonomen, reinen Plastik, für die ihn internationale Kollegen wie Hans Arp und Henry Moore tief schätzten. Im Jahr 1946 folgte die späte Anerkennung: Er wurde als Professor an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart berufen, wo er bis 1965 eine der prägendsten Bildhauerklassen (Herbert Baumann, Dieter Bohnet, Reinhold G. Müller, Ursula Sachs) der Region leitete. Baums berühmte Werkgruppen (darunter stark abstrahierte, blockhafte Tierplastiken und menschliche Torsi) untersuchten das organische Spannungsverhältnis von Volumen, Masse und Raum im Sinne der klassischen Moderne. Als Teilnehmer der historischen documenta 1 (1955) in Kassel sowie durch zahlreiche monumentale Aufträge legte er ein fundamentales, kompromissloses Fundament für die Akzeptanz ungegenständlicher Skulptur im öffentlichen Raum des Südwestens.
Walter Schelenz (1903–1987): In Karlsruhe geborener Bildhauer und Kulturorganisator, der als einer der profiliertesten Vermittler zwischen Figuration und Abstraktion in der badischen Kunst des 20. Jahrhunderts gilt. Nach einer Ausbildung zum Tierpräparator studierte er an der Kunstakademie Dresden bei Karl Albiker, der ihn 1926 zum Meisterschüler ernannte. Ab 1927 wirkte er als freischaffender Künstler in Berlin und Neubabelsberg, wo er in engem, fruchtbarem Austausch mit Weggefährten der Ateliergemeinschaft Klosterstraße (darunter Gustav Seitz und Hermann Blumenthal) stand. Der Zweite Weltkrieg bedeutete eine tiefe Zäsur: Als technischer Zeichner zur Luftwaffe eingezogen, verlor er bei den Bombenangriffen auf Berlin fast sein gesamtes, bis dahin rein figürliches Frühwerk. Nach Kriegsende schlug er im Schwarzwald Wurzeln, gründete 1947 die Kunsthandwerk-Schule im Schloss Bonndorf und leitete von 1954 bis 1961 als Erster Vorsitzender den Berufsverband Bildender Künstler (BBK) Südbaden. Mit seinem Umzug nach Freiburg im Breisgau (1955) vollzog Schelenz eine radikale stilistische Neuausrichtung: Er löste sich schrittweise von der reinen Naturform und wandte sich abstrakten, surreal anmutenden Bronze-Konstruktionen zu. Seine berühmten Werkgruppen und filigranen Reliefs (wie Formenspiel im Raum oder Verloren in Zeit und Raum) untersuchten die Balance zwischen plastischem Volumen, geometrischen Achsen und kosmischer Leere. Ausgezeichnet mit dem Kunstpreis Oberrhein (1959) und dem Reinhold-Schneider-Preis (1970) sowie geehrt als Gast der Villa Massimo in Rom (1973), wurde ihm 1977 der Professorentitel verliehen. Schelenz’ Arbeiten, die heute unter anderem im Museum für Neue Kunst Freiburg bewahrt werden und zahlreiche öffentliche Bauten der Region zieren, bilden ein intellektuell wie handwerklich meisterhaftes Fundament der südbadischen Nachkriegsmoderne.
Gustav Seitz (1906–1969): In Mannheim geborener Bildhauer, Zeichner und herausragender Hochschullehrer, der als einer der bedeutendsten Meister der figürlichen Plastik in Deutschland gilt. Er absolvierte eine Steinmetzlehre in Mannheim, studierte an den Kunstakademien in Karlsruhe und Berlin und reifte als Meisterschüler des renommierten Wilhelm Gerstel an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst. In den 1930er-Jahren arbeitete er im fruchtbaren Umfeld der legendären Ateliergemeinschaft Klosterstraße in Berlin, zu der auch Künstler wie Käthe Kollwitz gehörten. Nach Kriegsdienst, Gefangenschaft und dem Totalverlust seines Ateliers durch Bombenangriffe prägte er die deutsche Nachkriegskunst maßgeblich als Brückenbauer in einem geteilten Land: Er lehrte ab 1950 als Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin-Weißensee (DDR) und folgte 1958 einem Ruf an die Hochschule für bildende Künste Hamburg. Seitz’ berühmte Werkgruppen (darunter feinsinnige Porträtbüsten bedeutender Zeitgenossen wie Thomas Mann und Bertolt Brecht, monumentale Denkmäler wie das Käthe-Kollwitz-Denkmal auf dem Berliner Kollwitzplatz sowie sinnlich-voluminöse weibliche Akte) untersuchten das organische Wachstum von Formen, die menschliche Würde und die ausdrucksstarke Reduktion des Körpers auf das Wesentliche. Als zweifacher Teilnehmer der documenta (1955 und 1959) und Vizepräsident der Akademie der Künste in Berlin legte er das intellektuelle und handwerkliche Fundament für eine zeitlose, humanistisch geprägte Bildhauerei der Moderne. Seine künstlerische Hinterlassenschaft wird heute durch die Gustav-Seitz-Stiftung in Trebnitz (Brandenburg) bewahrt.
Fritz Ruoff (1906–1986): In Nürtingen geborener Bildhauer, Maler und Grafiker, der neben Willi Baumeister und HAP Grieshaber zu den profiliertesten Wegbereitern der abstrakten Nachkriegskunst im deutschen Südwesten zählt. Er absolvierte zunächst eine Holzbildhauerlehre und studierte anschließend von 1927 bis 1931 an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule, wo er als Meisterschüler des renommierten Alfred Lörcher bereits früh den Weg hin zu einer radikalen Abstraktion des menschlichen Körpers beschritt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde er 1933 aus politischen Gründen zum Verlassen der Schule gezwungen und arbeitete fortan isoliert als freischaffender Künstler. Nach Kriegsdienst und der Heirat mit seiner Lebens- und Schaffenspartnerin Hildegard Scholl gründete er 1947 unter anderem mit Grieshaber die avantgardistische Künstlergruppe „Die Freunde“ und trat in einen engen kreativen Austausch mit Willi Baumeister. Ruoffs facettenreiches Œuvre zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Eigenständigkeit aus: Seine skulpturalen Werkgruppen entwickelten sich von stark vereinfachten, organisch-runden Holz- und Bronzeplastiken hin zu strengen, geometrischen Reliefs und monumentalen Stahlplastiken im öffentlichen Raum. Parallel dazu bildete die eigenständige Zeichnung und die Farbgrafik (insbesondere leuchtende Farbserigrafien) ein lebenslanges, gleichberechtigtes Fundament seines Schaffens. Als gefragter Meister für „Kunst am Bau“ gestaltete er in den Nachkriegsjahrzehnten zahlreiche Kirchenfenster und Großobjekte in Baden-Württemberg. Sein bleibendes intellektuelles und praktisches Fundament wird heute durch die 2003 gegründete Fritz und Hildegard Ruoff Stiftung in seiner Heimatstadt bewahrt, wo auch die Fritz-Ruoff-Schule als lebendiges Denkmal an sein kompromissloses Bekenntnis zur Moderne erinnert.
Rudolf Daudert (1903–1988): In Metz (Lothringen) geborener Bildhauer, Maler, Zeichner und herausragender Hochschullehrer, der als einer der wichtigsten und einflussreichsten Pädagogen für die figurative Bildhauerei der Nachkriegszeit im deutschen Südwesten gilt. Er studierte ab 1921 an der Kunstakademie Königsberg in der Klasse von Hermann Brachert und absolvierte parallel eine handwerkliche Lehre zum Steinmetz. Bereits in seiner frühen ostpreußischen Phase erlangte er durch ausdrucksstarke Bauplastiken, Beton-Reliefs sowie Gedenktafeln und Bronze-Büsten im öffentlichen Raum rasch künstlerische Anerkennung. Nach den tiefen Zäsuren des Zweiten Weltkriegs und der Vertreibung fand Daudert in Stuttgart eine neue Heimat, wo er von 1947 bis 1970 als Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart wirkte. In dieser über zwei Jahrzehnte währenden Lehrtätigkeit formte er eine legendäre Klasse und wurde zum richtungsweisenden Mentor für eine ganze Generation bedeutender Nachkriegskünstler, darunter Otto Herbert Hajek, Karl-Henning Seemann, Jürgen Weber, Jan Peter Tripp und Doris Waschk-Balz. Stilistisch blieb Daudert zeitlebens konsequent der Figürlichkeit verhaftet, verweigerte sich jedoch dem akademischen Realismus zugunsten einer sparsamen, aufs Wesentliche reduzierten Formensprache. Seine berühmten Werkgruppen umfassen klein- und mittelformatige Torsi, Reliefplatten sowie sensible Porträtbüsten – wie jene für das Haus Baden-Württemberg in Bonn oder die Universitätsbibliothek Tübingen. Die in Stein, Bronze und insbesondere in oft farbiger Terrakotta ausgeführten Plastiken zeichnen sich durch eine reiche, bewusst rau belassene Oberflächenstruktur aus, die den handwerklichen Entstehungsprozess lebendig sichtbar macht. Als Brückenbauer zwischen klassischem Handwerk und moderner Abstraktion legte Daudert ein praktisches wie pädagogisches Fundament, das durch große Retrospektiven, unter anderem in den Städtischen Museen Heilbronn (1980) oder im Gerhard-Marcks-Haus in Bremen (1983), bleibende kunsthistorische Würdigung erfuhr.
Waldemar Grzimek (1918–1984): In Rastenburg (Ostpreußen) geborener Bildhauer, Grafiker und herausragender Hochschullehrer, der als einer der bedeutendsten und eigenständigsten Meister der figurativen Plastik im geteilten Nachkriegsdeutschland gilt. Aufgewachsen in Berlin, wurde sein außergewöhnliches Talent früh im Zoologischen Garten entdeckt, wo er als Junge unter der Anleitung von Hugo Lederer erste Tierplastiken modellierte. Er absolvierte eine Steinmetzlehre bei Philipp Holzmann, studierte an der Berliner Hochschule der Bildenden Künste und wurde 1941 Meisterschüler des renommierten Wilhelm Gerstel, ehe er 1942 mit dem Villa-Massimo-Preis in Rom ausgezeichnet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog Grzimek ein kunsthistorisches Kunststück als wandernder Brückenbauer zwischen den Systemen: Er lehrte zunächst an der Kunstschule Burg Giebichenstein in Halle (1946–1948), als Professor an der HBK Berlin-Charlottenburg im Westen (1948–1951) sowie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee im Osten (1956–1961). Am Tag des Mauerbaus 1961 verblieb er im Westen, schuf in Friedrichshafen ein neues Atelier und wirkte ab 1968 für fast zwei Jahrzehnte als prägender Professor für Plastisches Gestalten an der Technischen Hochschule Darmstadt. Stilistisch blieb Grzimek zeitlebens unerschütterlich der menschlichen und tierischen Figur verbunden, die er mit expressiver Vitalität, rauen Oberflächenstrukturen und tektonischer Spannung auflud. Seine berühmten Werkgruppen (darunter sinnliche, vitale Frauenakte wie die Schwimmerin, charakterstarke Porträts und ausdrucksvolle Tierbronzen) untersuchten das vitale Kraftspiel von Volumen im realen Raum. Als Schöpfer bedeutender öffentlicher Monumente – wie dem Mahnmal für die Gedenkstätte Sachsenhausen (1961) oder der David-Statue Der Bedrohte II (1969) – sowie als Autor des Standardwerks Deutsche Bildhauer des zwanzigsten Jahrhunderts (1969) legte er ein intellektuelles und praktisches Fundament, das die figurative Bildhauerkunst der Moderne über politische Grenzen hinweg nachhaltig prägte.
Wilhelm Loth (1920–1993): In Darmstadt geborener Bildhauer, der nach prägenden Lehrjahren bei Toni Stadler und Fritz Schwarzbeck ab 1958 als Professor für Bildhauerei an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe berufen wurde (wo er bis 1986 lehrte). Loth gilt als einer der radikalsten Erneuerer der gegenständlichen Plastik im Deutschland der Nachkriegszeit. Berühmt wurde er für seine obsessive, lebenslange Auseinandersetzung mit dem weiblichen Torso und Körperfragmenten. Seine Skulpturen aus Bronze, Aluminium und später eingefärbten Kunststoffen brachen radikal mit dem klassischen, akademischen Schönheitsideal: Er zeigte den Körper ungeschönt, asymmetrisch, von inneren Kräften deformiert oder wie tektonisch geschichtet. Als documenta-Teilnehmer (1964), Gewinner des Jerg-Ratgeb-Preises (1979) und Mitglied der Darmstädter Sezession prägte er das bildhauerische Klima im Südwesten über Jahrzehnte und schuf ein starkes Gegengewicht zur reinen Abstraktion.

Kunst im deutschen Südwesten, Wilhelm Loth, Neue Figuration, Torso, 1950, Bronze, 62 cm x 31 cm x 22 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Wilhelm Loth, Neue Figuration, Torso aus konvexen Formen, 1984, Bronze, 50 cm x 82 cm x 15,5 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Jürgen Brodwolf (geb. 1932): In Dübendorf (Schweiz) geborener Bildhauer, Objektkünstler, Maler und international gefeierter Schöpfer der weltberühmten „Tubenfigur“. Nach einer Ausbildung zum Entwurfszeichner in einer Zürcher Lithografieanstalt und ausgedehnten Studienreisen nach Paris und Florenz kam er Mitte der 1950er-Jahre in den deutschen Südwesten, wo er zunächst als freischaffender Restaurator in Vogelbach (Südbaden) wirkte. Im Jahr 1959 vollzog er seine kunsthistorische Jahrhundertentdeckung: Er fand eine ausgedrückte, deformierte Bleitube, deren plastische Form ihn an den menschlichen Körper erinnerte, und erhob dieses weggeworfene Alltagsobjekt zu seiner lebenslangen, archetypischen Urfigur. Um diese faszinierende Schnittstelle zwischen banalem Konsumgut und verletzlicher menschlicher Existenz tiefer zu erforschen, entwickelte er über Jahrzehnte hinweg ein singuläres, unerschöpfliches Werk aus Skulpturen, Reliquiaren und raumgreifenden Installationen. Als langjähriger Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (1976–1982) prägte er die Region nachhaltig. Brodwolfs Werk zeichnet sich durch eine zutiefst berührende, existenzielle Materialästhetik aus: Sowohl in seinen mit Mullbändern, Asche und Kreide umwickelten Tuben-Menschlein als auch in seinen monumentalen Figurengruppen aus Blei, Holz oder Papier befreite er die Figur von heroischen Posen und steigerte sie zu Chiffren von Vergänglichkeit, Isolation und Schutzbedürftigkeit. Als Teilnehmer der documenta 6 (1977), Träger des Hans-Thoma-Preises des Landes Baden-Württemberg (1981) und Begründer der geschichtsträchtigen Brodwolf-Stiftung im Kulturzentrum Kandern sicherte er der anthropomorphen Objektkunst einen absolut unverwechselbaren, zeitlosen Spitzenplatz in der europäischen Nachkriegsavantgarde.

Kunst im deutschen Südwesten, Jürgen Brodwolf, Ikarus II , 1997, Fundstück, verhüllte Tubenfigur, 1974, 45 cm x 51 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Jürgen Brodwolf, Figurentypologie 2008, umhüllte Tubenfigur um 1980, 40 cm x 30 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Gerda Bier (*1943): In Schwäbisch Hall geborene Bildhauerin und Objektkünstlerin, die nach ihrem Studium an der Berliner Staatlichen Akademie für Werkkunst und der Hochschule der Künste (wo sie 1975 Meisterschülerin wurde) seit 1976 als freischaffende Künstlerin arbeitet. Bier gilt als eine der profiliertesten Künstlerpersönlichkeiten Süddeutschlands und erlangte große Bekanntheit für ihr zutiefst humanistisches Œuvre, das zwischen figurativer Plastik, sakral anmutenden Gehäusen und materieller Spurensicherung changiert. Berühmt wurde sie für ihre charakteristische, symbiotische Materialtrias aus verwittertem Holz, oxidiertem Eisen und polierter Bronze. Ihre meist reduzierten Arbeiten – wie die Serien der Häuser, Köpfe oder Seelentürme – brechen mit dem konventionellen Abbildcharakter der klassischen Skulptur: Durch die gezielte Einbindung von Alltags-Fundstücken, tiefen Einschnitten und schützenden Eisenummantelungen thematisiert sie existentielle Motive von Verletzlichkeit, Erinnerung und Bewahrung. Als Trägerin des Erich-Heckel-Preises (1998), des Hohenloher Kunstpreises (2020), langjähriges Mitglied der Darmstädter Sezession sowie mit zahlreichen Großskulpturen im öffentlichen Raum prägt sie die zeitgenössische bildhauerische Landschaft im Südwesten nachhaltig.
DER RADIKALE BRUCH MIT DER BILDHAUERTRADITION: DIE AUFLÖSUNG DES KERNVOLUMEN UND DIE ERFINDUNG DER INFORMELLEN PLASTIK
Die europäische Nachkriegskunst stand nach 1945 vor den Trümmern einer Epoche und vor der existenziellen Notwendigkeit, eine völlig neue visuelle Sprache zu finden. In der Bildhauerei führte dies zu einer beispiellosen Revolution: dem radikalen Bruch mit der jahrhundertealten Tradition der klassischen, geschlossenen Monumentalplastik. An die Stelle des festgefügten, figürlichen Abbildes und des massiven „Kernvolumens“ trat das Prinzip der radikalen Öffnung, der Formzertrümmerung und der Spontaneität – die Geburtsstunde der informellen Plastik. Über Epochen hinweg definierte sich Bildhauerei primär über die Masse. Eine Skulptur war ein massiver Körper, der den Raum verdrängte. Die Künstler des Informel – getrieben von den Erschütterungen des Krieges und im Gleichschritt mit der gestischen Malerei (Tachismus/Abstract Expressionism) – erklärten diesen traditionellen Werkbegriff für obsolet. Sie wollten keine geschlossenen Harmonien mehr abbilden, sondern psychische Grenzzustände, vitale Energien und den unkontrollierten Prozess des Schaffens selbst sichtbar machen.
Emil Cimiotti (1927–2019): In Göttingen geborener Bildhauer und langjähriger Professor, der von 1951 bis 1954 an der Stuttgarter Akademie bei Willi Baumeister und Otto Baum studierte. Cimiotti gilt als der international bedeutendste Pionier der informellen Bildhauerei in Deutschland. Seine biomorphen, hochfiligranen und raumoffenen Bronzegüsse im Wachsausschmelzverfahren brachen radikal mit dem klassischen Dogma des geschlossenen, geometrischen Volumens. Seine plastischen Strukturen erinnern an zerklüftete Landschaften, wucherndes vegetabiles Geäst oder geologische Formationen, in denen Innen- und Außenraum organisch miteinander verschmelzen. Als zweifacher Teilnehmer der Biennale von Venedig (1958, 1960) sowie der documenta in Kassel (1959, 1964) und Gewinner des Kunstpreises der Stadt Stuttgart (1957) prägte er die dreidimensionale Nachkriegskunst im Südwesten fundamental.

Kunst im deutschen Südwesten, Emil Cimiotti, Pineta III, Bronze gussrau, 58 cm x 24 cm x 23 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Kunst im deutschen Südwesten, Emil Cimiotti, Baum – Strukturen, 2014, Bronze gussrau, 49 cm x 83 cm x 27 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Kunst im deutschen Südwesten, Emil Cimiotti, Knieende, 1983, Bronze gussrau auf Stahl, teilweise bemalt, 191 cm x 44 cm x 67 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Otto Herbert Hajek (1927–2005): In Kaltenbach geborener Bildhauer, Maler und herausragender Pionier der ungegenständlichen Plastik im öffentlichen Raum. Er kam 1947 nach Stuttgart, absolvierte dort sein Bildhauerstudium an der Kunstakademie und machte die Landeshauptstadt zum Zentrum seines weltweiten Schaffens. Nach prägenden Anfängen im Informel erlangte er ab den 1950er-Jahren erste internationale Anerkennung durch sein bahnbrechendes Frühwerk: In seinen plastisch dichten „Raumknoten“ und vielschichtigen „Raumschichtungen“ durchbrach er die geschlossene Form der klassischen Skulptur und webte filigrane Netze aus Linien, Graten und Durchbrüchen in den Raum, die das Licht in plastische Energie verwandelten. Ab den 1960er-Jahren übertrug er diese plastischen Raumuntersuchungen radikal in den urbanen Bereich und begründete seine weltbekannte „Stadtikonographie“ – monumentale, geometrische und begehbare Beton- und Stahlsuklpturen, die mit signalhaften Farbwegen die graue Nachkriegsarchitektur humanisieren und damit einen positiven gesellschaftspolitischen Beitrag leisten sollten. Er gestaltete Plätze sowie Universitäten weltweit und prägte als langjähriger Vorsitzender des Deutschen Künstlerbundes die Kulturpolitik der Bundesrepublik entscheidend mit. Als zweifacher documenta-Teilnehmer (1959, 1964) und Professor in Karlsruhe sicherte er der abstrakten Plastik des Südwestens einen absolut prägenden, international vernetzten Platz in der Moderne.

Kunst im deutschen Südwesten, Otto Herbert Hajek, P 138, 60 3, 1960, Bronze, 27 cm x 25 cm x 11 cm – Höhe ohne Sockel, Unikat, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Otto Herbert Hajek, Raumknoten, 1958, Tusche laviert auf Papier, 44 cm x 62 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Paul Reich (1925–2009): In Aue (Sachsen) geborener Bildhauer, der nach einer Ausbildung zum Pädagogen und seiner Flucht in die Bundesrepublik (1954) an der Stuttgarter Kunstakademie im Kreis um Willi Baumeister zu einem radikalen Verfechter der freien, ungegenständlichen Form reifte. Berühmt wurde Reich vor allem ab 1960 als Pionier der „Lichtplastik“: Er kombiniert exzessiv die im Grunde unvereinbare Materialtrias aus schwerem Stein, Metall und transparentem Acrylglas. Seine Arbeiten brechen das traditionelle, geschlossene Kernvolumen der klassischen Skulptur radikal auf, um Licht, Transparenz und Reflexion als eigenständige, immaterielle Gestaltungselemente zu integrieren. Mit seinen visionären Lichttoren, Raumschach-Multiples, markanten Architekturplastiken im öffentlichen Raum sowie als Ehrengast der Villa Massimo in Rom (1985) prägte er die deutsche Nachkriegsavantgarde im Südwesten entscheidend, bevor er sich ab 1983 ganz aus dem Kunstbetrieb zurückzog, um sich der paläontologischen Forschung zu widmen.
Gerson Fehrenbach (1932–2004): In Villingen im Schwarzwald geborener Bildhauer, der nach einer klassischen Holzbildhauerlehre, Studien bei Walter Schelenz in Bonndorf sowie als Meisterschüler von Karl Hartung an der Berliner Hochschule für Bildende Künste (1954–1960) zu einem der profiliertesten Vertreter der organisch-informellen Plastik in Deutschland heranwuchs. Berühmt wurde Fehrenbach für seine charakteristischen Raumfigurationen aus Stein, Bronze, Beton und Keramik, in denen er das traditionelle, geschlossene Kernvolumen radikal aufbrach. Seine oft monumentalen Skulpturen sind geprägt von einem spannungsvollen Gerüst aus horizontalen und vertikalen Achsen, das von wuchernden, knospenartigen Ausstülfungen und amorphen Hohlräumen überlagert wird. Damit übersetzte er das Prinzip der informellen Formauflösung in lebendig und prähistorisch anmutende Körpergebilde. Als documenta-Teilnehmer (1964), Gewinner des Villa-Romana-Preises (1962), langjähriger Lehrender an der Technischen Universität Berlin sowie als Schöpfer des geschichtsträchtigen Synagogen-Mahnmal (1963) im Berliner Bayerischen Viertel hinterließ er ein international beachtetes Œuvre, das den Dialog zwischen raumgreifender Abstraktion und existentieller organischer Urform meisterhaft verdichtet.
Rudolf Hoflehner (1916–1995): In Linz geborener österreichischer Bildhauer, Maler und Grafiker, der nach Studien des Maschinenbaus, der Architektur und des Bühnenbilds sowie entscheidenden Lehrjahren im Wiener Atelier von Fritz Wotruba ab 1962 als Professor für Bildhauerei an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart berufen wurde wo er bis 1981 lehrte. Neben Wotruba gilt Hoflehner als der bedeutendste Bildhauer der österreichischen Nachkriegszeit. Er erlangte Weltruhm für seine wuchtigen, archaisch-monumentalen Eisen- und Stahlplastiken, die das traditionelle skulpturale Kernvolumen radikal aufbrachen. Seine ungegenständlichen, oft technoid montierten Glieder- und Säulenstelen (die sogenannten Krieauer Kreaturen) bewegen sich im spannungsreichen Grenzbereich zwischen expressiver Figuration und konstruktivem Zeichen, um existenzielle Themen menschlicher Verwundbarkeit physisch im Raum zu verankern. Als zweifacher documenta-Teilnehmer (1959, 1964), Träger des Großen Österreichischen Staatspreises (1967) und Schöpfer geschichtsträchtiger Monumente – wie dem berühmten Bundesadler im österreichischen Parlamentssaal oder der Großplastik Kampf gegen den Krebs in Heidelberg – prägte er die europäische Nachkriegsavantgarde und das bildhauerische Klima im deutschen Südwesten über zwei Jahrzehnte hinweg maßgeblich.
Gerson Fehrenbach (1932–2004): In Villingen im Schwarzwald geborener Bildhauer, der nach einer klassischen Holzbildhauerlehre, Studien bei Walter Schelenz in Bonndorf sowie als Meisterschüler von Karl Hartung an der Berliner Hochschule für Bildende Künste (1954–1960) zu einem der profiliertesten Vertreter der organisch-informellen Plastik in Deutschland heranwuchs. Berühmt wurde Fehrenbach für seine charakteristischen Raumfigurationen aus Stein, Bronze, Beton und Keramik, in denen er das traditionelle, geschlossene Kernvolumen radikal aufbrach. Seine oft monumentalen Skulpturen sind geprägt von einem spannungsvollen Gerüst aus horizontalen und vertikalen Achsen, das von wuchernden, knospenartigen Ausstülfungen und amorphen Hohlräumen überlagert wird. Damit übersetzte er das Prinzip der informellen Formauflösung in lebendig und prähistorisch anmutende Körpergebilde. Als documenta-Teilnehmer (1964), Gewinner des Villa-Romana-Preises (1962), langjähriger Lehrender an der Technischen Universität Berlin sowie als Schöpfer des geschichtsträchtigen Synagogen-Mahnmal (1963) im Berliner Bayerischen Viertel hinterließ er ein international beachtetes Œuvre, das den Dialog zwischen raumgreifender Abstraktion und existentieller organischer Urform meisterhaft verdichtet.
DIE ABSTRAKTE OBJEKTKUNST IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
Die abstrakte Objektkunst im deutschen Südwesten formierte sich in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg als eine der radikalsten Strömungen der Nachkriegsavantgarde und machte die Kunstzentren Stuttgart, Karlsruhe und Ulm zu wegweisenden Experimentierfeldern. In diesem produktiven Klima wurde die traditionelle Trennung zwischen Malerei und Bildhauerei zugunsten eines völlig neu definierten Objektbegriffs aufgegeben. Diese neue Kunstform verweigerte sich konsequent jeglicher figurativen Symbolik, psychologischen Deutung oder literarischen Erzählung; ein Objekt im Sinne dieser Bewegung stellte nichts mehr dar, sondern behauptete sich als autonomer, realer Gegenstand in der Umwelt des Betrachters. Unterstützt wurde diese Entmystifizierung durch den radikalen Verzicht auf den klassischen Sockel, wodurch die Kunstwerke ihre sakrale Distanz verloren und auf Augenhöhe in den realen, architektonischen oder urbanen Raum integriert wurden. Innerhalb dieser visuellen Revolution entwickelten sich im Südwesten zwei dominante, eng miteinander verflochtene Tendenzen, die die Nachkriegsmoderne maßgeblich prägten. Auf der einen Seite etablierte sich, stark beeinflusst von der Lehre der Hochschule für Gestaltung Ulm und der rationalen Informationstheorie des Stuttgarter Philosophen Max Bense, die Konstruktiv-Konkrete Systemkunst. Hier wurde das Kunstwerk als ein logisch planbares, mathematisch fundiertes Experiment verstanden. Max Bill materialisierte rein geistige Gesetzmäßigkeiten und topologische Phänomene in seinen weltberühmten, unendlichen Bändern. Günter Neusel machte komplexe mathematische Ordnungsprinzipien durch das systematische Verschieben, Schichten und Modulieren von Prismen und Linienrastern visuell erfahrbar. In diese Reihe reiht sich auch Christoph Freimann ein, der das geschlossene Volumen eines Kubus radikal dekonstruierte, indem er seine offenen, dynamischen Raumobjekte konsequent aus exakt zwölf roten, industriellen Winkelstählen fügte.
Parallel zu dieser mathematischen Strenge vollzog sich auf der anderen Seite ein tiefgreifendes technoid-materielles Experiment, das den traditionellen Skulpturbegriff über den Einsatz völlig neuartiger, industrieller Werkstoffe aufbrach. Erich Hauser avancierte mit seinen monumentalen, technoiden Primärstrukturen aus hochglanzpoliertem Edelstahl zum international erfolgreichsten deutschen Großplastiker seiner Generation, dessen geschweißte und hitzegebogene V2A-Platten das Umgebungslicht reflektierten und die Schwere der Masse visuell auflösten. Ähnlich nutzte Karl-Heinz Franke hochglanzpolierten Chrom-Nickel-Stahl für seine seriellen Module, um die Statik des Raumes durch Lichtreflexionen dynamisch zu brechen. Als absoluter Pionier im Umgang mit modernen Kunststoffen gilt wiederum Horst Kuhnert, der bereits ab 1964 glasfaserverstärkten Polyester als primäres Arbeitsmaterial wählte. Seine innen hohlen, intensiv farbigen Raumkörper balancierten sockellos auf eigenen Ecken und Spitzen und verkörperten die kompromisslose Aufbruchsstimmung einer Epoche, in der der Geist nicht mehr in die Materie hineingeheimnisst, sondern durch die rationale Struktur des Objekts selbst offengelegt wurde.
Thomas Lenk (1933–2014): In Berlin geborener Bildhauer, Grafiker und herausragender Pionier der abstrakten Objektkunst des 20. Jahrhunderts. Nach der Übersiedlung nach Württemberg im Jahr 1945 studierte er kurzzeitig an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und absolvierte anschließend eine handwerkliche Steinmetzlehre. Um die herkömmliche, geschlossene Masse der traditionellen Bildhauerei aufzubrechen, entwickelte er ab 1964 seine weltberühmten „Schichtplastiken“: Hierbei stapelte und verschob er identische, flache Quadrate mit charakteristisch abgerundeten Ecken. Durch diese mathematisch-serielle Methode erzeugte er eine faszinierende optische Raumtiefe und Scheinbewegung. Als enger Weggefährte von Künstlern wie Georg Karl Pfahler und Heinz Mack setzte er gezielt leuchtende Signalfarben ein, um die plastischen Körper visuell zu dynamisieren. Lenks Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus Minimal Art und Op-Art aus: Er überführte mit seinen monumentalen Stahlschnitt-Skulpturen im öffentlichen Raum als auch in seinen geometrischen Siebdrucken die Werke in raumgreifende, architekturbezogene Raumkonstruktionen. Als Teilnehmer der documenta 4 (1968) und des legendären Deutschen Pavillons der Venedig-Biennale (1970) sicherte er der konstruktiven, raumgreifenden Abstraktion des Südwestens einen prägenden Platz in der internationalen Avantgarde.
Hans Nagel (1926–1978): In Frankfurt am Main geborener bildender Künstler und Bildhauer, der nach seinem Studium an der Werkkunstschule Offenbach und der Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt ab den 1960er-Jahren zu einer Schlüsselfigur der abstrakten Metallplastik in Deutschland wurde. Berühmt wurde Nagel für seine radikalen, oftmals intensiv farbig lackierten Röhren- und Zylinderplastiken aus Eisen, die mit dem klassischen Verständnis einer statischen Skulptur brachen. Seine Werke – die er oft seriell unter Chiffren wie „ER“ (für Eisenrohr) oder „K“ (für Kopf) ordnete – wirken wie industrielle Fragmente oder organisch gewachsene, technische Schlauchsysteme, die den Raum durchdringen und umschließen. Als documenta-Teilnehmer (1964), Professor an der Kunstakademie Karlsruhe (Außenstelle Freiburg) und Vorsitzender des Deutschen Künstlerbundes prägte er die avantgardistische Nachkriegskunst im Südwesten maßgeblich und schuf eine unverwechselbare Synthese aus industrieller Materialästhetik und dynamischer Raumplastik.
Reinhold Georg Müller (1937–2000): In München geborener Bildhauer, der nach einer klassischen Holzbildhauerlehre sowie prägenden Studienjahren an der Frankfurter Städelschule (bei Hans Mettel) und der Stuttgarter Kunstakademie (bei Otto Baum) zu einer der eigenwilligsten Positionen der süddeutschen Nachkriegsplastik reifte. Weithin bekannt als „Quetsch-Müller“, widmete er sein Werk dem faszinierenden Widerspruch physikalischer Gesetze. Berühmt wurde Müller für seine handwerklich hyperperfekten Skulpturen, bei denen er die Illusion erzeugte, dass unnachgiebige, harte Materialien wie Marmor oder Granit von angespanten Edelstahlseilen, massiven Schrauben und tonnenschweren Gewinden wie weiche Masse deformiert und eingeschnürt werden. Seine Modelle entwickelte er prozesshaft aus weichem Schaumstoff oder Ton, um die scheinbare Elastizität des Steins im finalen Werk auf die Spitze zu treiben. Mit eindrucksvollen Arbeiten im öffentlichen Raum – wie der ikonischen Großplastik „Durch die Mange“ (1979) vor dem ehemaligen Arbeitsamt in Stuttgart – schuf er einen unverwechselbaren, materialbetonten Stil, der mit der traditionellen Statik des Steins brach und die pure, visuelle Manifestation von mechanischem Druck und plastischer Verformung feierte.
TEKTONISCHE ANTHROPOMORPHIE – FIGUR UND RAUM IM DIALOG
Die Jahrzehnte nach 1945 waren in der bildhauerischen Landschaft des deutschen Südwestens von einer tiefen Zäsur und einer radikalen Neuorientierung geprägt. Während im Zuge der künstlerischen Befreiung die reine, ungegenständliche Abstraktion (das Informel) und die mathematisch-rationale Logik (die Konkrete Kunst) zu den dominierenden Strömungen avancierten, formierte sich in Baden-Württemberg eine Gruppe wegweisender Künstlerpersönlichkeiten, die einen gänzlich eigenen, dritten Weg beschritten. Dieser lässt sich kunsthistorisch am treffendsten mit dem Begriff „Tektonische Anthropomorphie“ überschreiben.
Gerlinde Beck (1930–2006): In Stuttgart-Bad Cannstatt geborene Bildhauerin und Malerin, die nach ihrem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie (unter anderem bei Willi Baumeister) sowie einer pragmatischen Feinblechner-Lehre zu einer der wegweisenden Metallbildhauerinnen der deutschen Nachkriegsmoderne avancierte. Berühmt wurde sie für ihre von ihr selbst so getauften „Raumchoreografien“: Fasziniert vom Ausdruckstanz einer Dore Hoyer übersetzte Beck die Dynamik von Bewegung, Rhythmus und Zeit in die statische Materie des Metalls. Ihre meist aus Stahl, Eisen oder Feinblech geschweißten Werke brechen die klassisch-kompakte Skulpturenform radikal auf und verwandeln menschliche Figuren in grazile, geometrische Liniengefüge, die den umgebenden Raum regelrecht durchmessen und aktivieren. Mit zahlreichen Großplastiken im öffentlichen Raum (wie dem Stuttgarter Wasserspiel mit Pfeifen), internationalen Erfolgen wie dem Preis beim Grand Prix de Sculpture in Monaco (1962) und der Verleihung des Professorentitels (1989) etablierte sie eine unverwechselbare skulpturale Symbiose aus Ton, Tanz und Stahl, die bis heute über die Gerlinde-Beck-Stiftung und deren eigenen Skulpturenpreis fortwirkt.
Franz Bernhard (1934–2013): In Neuhäuser (Böhmerwald) geborener Bildhauer, Zeichner und herausragender Erneuerer der ungegenständlichen, anthropomorphen Plastik der Nachkriegszeit. Nach Flucht und Vertreibung kam er 1946 in den Landkreis Heilbronn, absolvierte eine Schreinerlehre und studierte anschließend von 1959 bis 1966 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Wilhelm Loth und Fritz Klemm. Um den menschlichen Körper ohne jede anatomische Detailtreue neu zu begreifen, entwickelte er ab den Spätsechzigern monumentale, sockellose Außenskulpturen, die er vorzugsweise aus der archaischen, rauen Materialkombination von massivem Holz und rostendem CorTen-Stahl zusammensetzte. Trotz der harten, industriellen Werkstoffe transportieren seine Arbeiten stets eine vitale, existenzielle Körperlichkeit, die Haltung, Gestik und Aufrichtung versinnbildlicht. Als langjähriger Erster Vorsitzender des Künstlerbundes Baden-Württemberg (1994–2001) und Träger des Bundesverdienstkreuzes prägte er die Kulturlandschaft im deutschen Südwesten tiefgreifend. Bernhards Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus minimalisierter Tektonik und anthropomorpher Präsenz aus: Sowohl in seinen tonnenschweren Stadtikonen wie der „Großen Mannheimerin“ als auch in seinen kraftvollen, zeichenhaften Großzeichnungen befreite er das Menschenbild von abbildenden Konventionen. Als Teilnehmer der documenta 6 (1977), Villa-Romana-Preisträger und Träger einer Ehrenprofessur des Landes Baden-Württemberg sicherte er der zeichenhaften, materialbetonten Abstraktion einen absolut singulären, zeitlosen Platz in der europäischen Plastik.

Kunst im deutschen Südwesten, Franz Bernhard, Kreuzform, 1994, Eisen, Gips, Höhe 167 cm, Breite 99 cm,, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Franz Bucher (1928–1995): In St. Gallen geborener und hauptsächlich im süddeutschen Raum tätiger Bildhauer, der nach einer Holzbildhauerlehre und prägenden Studienjahren bei HAP Grieshaber an der Bernsteinschule zu einem der profiliertesten Holzbildhauer der deutschen Nachkriegsmoderne reifte. Bucher erlangte internationale Anerkennung für seine monumentalen, meist aus Eichenstämmen gearbeiteten Skulpturen, die sich im Spannungsfeld zwischen architektonischer Konstruktion und organischer Urform bewegen. Seine Werke brechen die geometrische Strenge des Kubus durch tiefe Einschnitte, Verwitterungsspuren und reliefartige Wucherungen auf, wodurch er die existenziellen Kräfte von Natur, Raum und Zeit bildhauerisch sichtbar machte. Als Mitbegründer des Forum Kunst Rottweil (1970), documenta-Teilnehmer (1964) und Träger des renommierten Villa-Romana-Preises (1965) prägte er die Kunstlandschaft im deutschen Südwesten maßgeblich und schuf ein kraftvolles Œuvre an der Schnittstelle von Informel und konkreter Struktur.
KONSTRUKTIVISMUS, KONKRETE KUNST & GEOMETRISCHE ABSTRAKTION IN DER BILDHAUEREI DES DEUTSCHEN SÜDWESTENS
Während im Nachkriegsdeutschland der 1950er- und 1960er-Jahre vielerorts das emotionale, freie Informel die Kunstwelt beherrschte, etablierte sich im deutschen Südwesten – rund um die Zentren Stuttgart und Ulm – ein radikaler Gegenpol. Hier entwickelte sich eine Bildhauerei, die nicht mehr abbilden oder Gefühle ausdrücken wollte. Stattdessen erhob sie die mathematische Logik, die geometrische Form und das industrielle Material selbst zum Kunstwerk.
Max Bill (1908–1994): In Winterthur geborener Schweizer Allrounder – Bildhauer, Maler, Architekt, Typograf und Designer –, der nach wegweisenden Studienjahren am Bauhaus Dessau (unter anderem bei Wassily Kandinsky und Paul Klee) zum weltweit einflussreichsten Theoretiker und Mitbegründer der Konkreten Kunst avancierte. Berühmt wurde Bill für seine mathematisch-rational fundierte Bildhauerei, die jeglichen literarischen oder figurativen Bezug radikal verweigerte, um rein geistige, logische Gesetzmäßigkeiten physisch erlebbar zu machen. Seine mathematisch präzisen Skulpturen aus poliertem Stein, Granit oder Metall – darunter seine ikonischen, unendlichen Bänder in Form von Möbiusband-Formen – brechen das traditionelle, geschlossene Plastikvolumen auf und führen Innen- und Außenraum in einer perfekten, unendlichen Kontinuität zusammen. Als Mitbegründer und Rektor der legendären Hochschule für Gestaltung Ulm (1953), dreifacher documenta-Teilnehmer (1955, 1959, 1964) und Schöpfer monumentaler Großplastiken (wie der Pavillon-Skulptur in Zürich) prägte er die europäische Avantgarde und Nachkriegsmoderne über Jahrzehnte wie kaum ein anderer und schuf ein universelles Gesamtwerk an der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst.
Karl-Heinz Franke (1916–2006): In Berlin geborener Maler, Bildhauer und Bühnenbildner, der nach seinem Studium in Dessau und an der Stuttgarter Kunstakademie im Kreis um Willi Baumeister zu einem markanten Vertreter der geometrisch-konstruktiven Abstraktion im deutschen Südwesten reifte. Franke wurde weit über die Region hinaus für seine technoid-eleganten Großplastiken und dreidimensionalen Strukturen aus hochglanzpoliertem Edelstahl und Chrom-Nickel-Stahl bekannt. Seine Arbeiten brechen radikal mit dem klassischen Verständnis einer massiven, geschlossenen Skulptur: Stattdessen konzipierte er mathematisch fundierte, serielle Module, die sich im Zusammenspiel mit Umgebungslicht und Architektur dynamisch auflösen. Als langjähriger Leiter der Galerie im Kolpinghaus in Stuttgart (1974–1981) sowie mit prägenden Werken im öffentlichen Raum – wie dem ikonischen Edelstahl-Säulenwald (1979) vor der Stuttgarter Liederhalle oder der Monumentalplastik Kavernikus – schuf er eine faszinierende Verbindung aus industrieller Materialästhetik und mathematisch-konkreter Raumordnung.
Hans Dieter Bohnet (1926–2006): In Trossingen geborener Bildhauer, der nach Kriegsdienst und einem anfänglichen Architekturstudium als Meisterschüler von Otto Baum an der Stuttgarter Kunstakademie zu einem der einflussreichsten Meister der geometrischen Klarheit in der Nachkriegsavantgarde avancierte. Während Bohnets Frühwerk noch von grazilen, klassischen Figurationen geprägt war, vollzog er Ende der 1960er-Jahre eine radikale Wendung hin zur reinen geometrischen Abstraktion. Weltberühmt wurde er für seine monumentalen, ungegenständlichen Systemplastiken aus Edelstahl, Beton und Aluminium, bei denen er die stereometrischen Urformen von Kugel, Kubus und Quader systematisch aufbrach, anschnitt und verschachtelte. Als Stipendiat der renommierten Villa Massimo in Rom, Schöpfer der geschichtsträchtigen Großplastik Integration ’76 vor dem ehemaligen Bundeskanzleramt in Bonn sowie durch seine allgegenwärtigen Brunnen und Kugelobjekte prägte er das Erscheinungsbild der modernen Kunst im öffentlichen Raum über Jahrzehnte hinweg fundamental.
Erich Hauser (1930–2004): In Rietheim bei Tuttlingen geborener Stahlbildhauer und Graveur, der nach einer Ausbildung zum Stahlgraveur bei Aesculap und Abendkursen an der Freien Kunstschule Stuttgart zum international erfolgreichsten deutschen Großplastiker seiner Generation avancierte. Berühmt wurde Hauser für seine technoide, monumentale Ästhetik aus hochglanzpoliertem Edelstahl (V2A-Stahl). Seine Werke brachen radikal mit der organisch-informellen Materialbehandlung seines Frühwerks: Ab 1962 schweißte er industriell gefertigte Stahlplatten zusammen, bog sie unter Hitze auf und formte himmelstürmende Säulenformationen, scharfkantige Röhrensysteme und spitz zulaufende, geometrische Splitterkörper (die sogenannten „Igel“). Diese massiven, meist nur chronologisch nummerierten Edelstahlskulpturen brechen das klassisch-statische Volumen auf und setzen mit ihren spiegelnden Oberflächen, tiefen Schnitten und dynamischen Kipplagen architektonische Kontrapunkte im urbanen Raum. Als Gewinner des Großen Preises der Biennale von São Paulo (1969), dreifacher documenta-Teilnehmer (1964, 1968, 1977) und Gründer der Kunststiftung Erich Hauser in Rottweil (1996) hinterließ er über 160 Großplastiken im öffentlichen Raum – unter anderem vor dem ehemaligen Bundeskanzleramt in Bonn –, die bis heute als visuelle Synonyme für die kompromisslose konstruktive Aufbruchsstimmung der westdeutschen Nachkriegsmoderne gelten.

Kunst im deutschen Südwesten, Erich Hauser, 5-89, Edelstahl, poliert, Unikat signiert, 137 cm x 86 cm x 16 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Günter Neusel (1930–2020): In Kassel geborener Bildhauer, Maler und Grafiker, der nach Studienjahren in Kassel, Düsseldorf und Berlin (unter anderem bei Hans Uhlmann und Paul Dierkes) ab 1958 in Stuttgart zu einem wegweisenden Vertreter der konstruktiven und Konkreten Kunst in Deutschland reifte. Dort fand er schnellen Anschluss an den avantgardistischen Kreis um den Philosophen Max Bense und schloss sich der Künstlergruppe Konstruktive Tendenzen an. Berühmt wurde Neusel für seine streng rationalen, mathematisch-geometrisch fundierten Arbeiten, die den klassischen Skulpturbegriff durch systematische Konzepte ersetzten. Er schuf meist serielle Objekte und Wandreliefs, bei denen er Formelemente wie Würfel, Prismen und Linienraster mathematisch präzise schichtete, verschob oder modulierte, um Wahrnehmungsprozesse von Rhythmus und Raum logisch sichtbar zu machen. Mit einem frühen ars viva-Stipendium ausgezeichnet (1956), prägte er als langjähriger Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe (1974–1996) das künstlerische Klima im Südwesten entscheidend und hinterließ ein stringentes Œuvre, das jegliche figurative Symbolik radikal verweigerte zugunsten einer reinen Materialisierung des Geistes.
Horst Kuhnert (*1939): In Schweidnitz (Schlesien) geborener Bildhauer und Maler, der nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Heinrich Wildemann (1957–1962) zu einem der konsequentesten und innovativsten Vertreter der konstruktiv-konkreten Plastik in Deutschland reifte. Kuhnert erlangte kunsthistorische Berühmtheit als absoluter Pionier der Kunststoff-Plastik: Als einer der ersten deutschen Künstler überhaupt wählte er ab 1964 glasfaserverstärkten Polyester als primäres Arbeitsmaterial, um einen bewussten Bruch mit traditionellen Werkstoffen wie Holz oder Stein zu vollziehen. Unter dem Leitmotiv „Von der Fläche in den Raum“ entwickelte er mathematisch fundierte, serielle Werkgruppen wie die Raumflächen (Reliefs) und Raumkörper (freistehende Plastiken). Seine meist glatten, geometrisch reduzierten, innen hohlen und oft intensiv farbigen oder schwarz-weißen Skulpturen verzichten radikal auf einen Sockel; sie balancieren unmittelbar auf ihren eigenen Ecken und Spitzen, wodurch ein fließender, interaktiver Dialog zwischen massivem Volumen und der umschlossenen Leere entsteht. Später erweiterte er sein strenges Vokabular durch die Werkgruppen Stabil–Instabil und Konstruierte Dekonstruktion aus Holz und Metall, bei denen er geometrische Ordnungsprinzipien scheinbar chaotisch aufbrach. Als Preisträger des Königreichs Nepal (1970), Mitglied des Künstlerbundes Baden-Württemberg und mit Werken in bedeutenden Sammlungen wie der Staatsgalerie Stuttgart oder dem Deutschen Bundestag prägte der in Stuttgart lebende Künstler die Kunst im öffentlichen Raum des Südwestens über Jahrzehnte hinweg fundamental.
Christoph Freimann (*1940): In Leipzig geborener Bildhauer und Grafiker, der nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Otto Baum und Herbert Baumann zu einem der profiliertesten und konsequentesten Vertreter der Konkreten Kunst und der geometrischen Abstraktion in Deutschland heranwuchs. Freimann erlangte internationale Anerkennung für ein radikal reduziertes, unverwechselbares Gestaltungskonzept: Seit 1977 formt er seine Skulpturen fast ausschließlich aus genau zwölf handelsüblichen, L-förmigen Winkelstählen – den symbolischen zwölf Kanten eines imaginären Kubus. Seine Arbeiten brechen vollständig mit der Idee einer wuchtigen, geschlossenen skulpturalen Masse; stattdessen erzielen sie ihr Volumen allein durch offene Linien und Flächen im Raum. Indem er diese ungleich langen Segmente zu scheinbar willkürlichen, dynamischen Clustern verschachtelt, in spitzen Winkeln verkeilt oder stabil-labil ausbalanciert, entstehen hochkomplexe, expressive Raumgefüge. Konsequent im markanten Rotton RAL 3000 lackiert, entmaterialisieren sich seine Werke im Zusammenspiel mit Licht und Natur. Als Stipendiat der Villa Massimo in Rom (1979/80), Gastprofessor an der HfG Offenbach sowie mit allgegenwärtigen Großplastiken im öffentlichen Raum – wie den 12 Kanten vor dem Oberlandesgericht Stuttgart – schuf er eine spielerische, unerschöpfliche Symbiose aus industrieller Materialstrenge und absoluter gestalterischer Freiheit.
GEOMETRISCHER ILLUSIONISMUS, KONSTRUKTIVER ILLUSIONISMUS & MAGISCHER KONSTRUKTIVISMUS
1969 – 2024
In der südwestdeutschen Kunstgeschichte nach 1945 nimmt Hans Peter Reuter eine faszinierende Sonderstellung ein: Er verbindet die im Südwesten tief verwurzelte Tradition der mathematisch-strengen, rationalen Kunst mit den irritationsträchtigen Sehexperimenten der Postmoderne. Während der deutsche Südwesten (insbesondere durch Max Bill in Ulm oder Anton Stankowski in Stuttgart) eine Hochburg der „Konkreten Kunst“ und des Konstruktivismus war, bricht Reuter radikal aus deren reiner Zweidimensionalität aus.
Hans Peter Reuter (1942–2024): In Villingen-Schwenningen geborener Maler und prägender Hochschullehrer, der als einer der konsequentesten Vertreter der geometrischen Abstraktion und analytischen Malerei in Deutschland gilt. Er studierte an den Kunstakademien in Karlsruhe und München bei Herbert Kitzel und Franz Nagel und entwickelte ab Ende der 1960er Jahre Kachelstrukturen zu seinem radikalen, lebenslangen Zentralmotiv. Unter den kunstweltlichen Spitznamen „Kachel-Reuter“ und „Der Blaue Reuter“ erlangte er internationale Bekanntheit durch seine monumentalen, fast ausschließlich monochrom in leuchtenden Blautönen gehaltenen Rasterbilder. Seine Werke nutzen mathematisch präzise Perspektiven und meisterhafte Licht-Schatten-Konstruktionen, um dem Betrachter dreidimensionale Scheinarchitekturen und unendliche Raumelemente vorzugaukeln. Nach bedeutenden Auszeichnungen wie dem Villa-Romana-Preis (1973) und dem Villa-Massimo-Stipendium (1975) folgte 1977 mit der Teilnahme an der documenta 6 der endgültige internationale Durchbruch. Ab 1985 leitete er über zwei Jahrzehnte lang eine Klasse für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, wo er Generationen nachfolgender Künstler prägte. Reuters berühmte Werkgruppen und Großinstallationen (wie das monumentale „Kraftwerk Blau“, 2012 im Neuen Museum Nürnberg) untersuchten die Ordnung gegen das gefühlte Chaos sowie das metaphysische Zusammenspiel von künstlichem Licht, Zeit und unendlicher Tiefe.
REDUKTIVER MATERIAL-REALISMUS, EXISTENTIELLE MATERIALABSTRAKTION & POETISCHER MINIMALISMUS IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1968 – 1990
Fritz Klemm hat als „Grenzgänger der Kunst“ eine Werkgruppe, die sich als reduktiver Material-Realismus oder poetischer Minimalismus charakterisieren lässt, im Zeitraum von Ende der 1960er-Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1990 entwickelt und geschaffen.
Fritz Klemm (1902–1990): In Mannheim geborener Maler, Zeichner und einflussreicher Wegbereiter einer radikal reduzierten, materialbetonten Stillleben- und Raumkunst. Nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe kehrte er nach dem Zweiten Weltkrieg dorthin zurück und prägte die Institution von 1953 bis 1970 als legendärer Professor für Kunsterziehung, wodurch er Generationen bedeutender Künstler des Südwestens (darunter Franz Bernhard und Walter Stöhrer) formte. Um die traditionelle Malerei von akademischen Zwängen zu befreien, konzentrierte er sich in seinem reifen Werk auf scheinbar banale Gegenstände seines unmittelbaren Alltags: Atelierwände, karge Tische, Fensterrahmen oder einfache Holzbretter. Ausgehend von diesen Motiven entwickelte er ab den 1960er-Jahren seine charakteristischen Mischtechniken und Materialcollagen, bei denen er grobe Packpapiere, Wellpappe, Karton und dünne Lasuren so übereinanderlegte und bearbeitete, dass die raue Textur des Bildträgers selbst zum eigentlichen Bildinhalt wurde. Klemms Werk zeichnet sich durch eine singuläre Sensibilität für das Unscheinbare und eine meisterhafte Beherrschung von Nuancen aus: Sowohl in seinen fast monochromen, weiß-grauen Ölbildern als auch in seinen fragilen Zeichnungen steigerte er die Struktur des Materials zu autonomen, zutiefst meditativen und melancholischen Bildräumen. Als früher Villa-Romana-Preisträger (1938), Träger des Hans-Thoma-Preises des Landes Baden-Württemberg (1971) und Ehrenmitglied der Karlsruher Kunstakademie (1983) sicherte er der minimalistischen, existentiellen Materialabstraktion einen absolut prägenden, zeitlosen Platz im künstlerischen Gefüge der Nachkriegszeit.
MONUMENTALE BILDHAUEREI, NEUE FIGURATION & KRITISCHER REALISMUS IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1970er & 1980er Jahre
Als Reaktion auf das Dogma der Abstraktion bildete sich an der Karlsruher Akademie eine weltberühmte figurative Schule. Parallel dazu erlebte der Südwesten eine Blütezeit der monumentalen Architektur-Plastik und des kritischen Realismus.
STILE & STRÖMUNGEN
Neue Figuration
Kritischer Realismus
Neo-Expressivismus
Konzeptuelle Figuration
monumentale, architektonische Bildhauerei
Kunst im öffentlichen Raum.
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
Hans Baschang (1937–2017): In Karlsruhe geborener Maler, Zeichner und Bildhauer, der an der Karlsruher Akademie bei HAP Grieshaber, Herbert Kitzel und Fritz Klemm studierte. Baschang gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter und theoretischen Köpfe der Karlsruher „Neuen Figuration“. Sein Werk zeichnet sich durch eine radikale Erforschung des menschlichen Körpers mittels der autonomen Linie aus: Als virtuoser „Magier der Linie“ reduzierte er die menschliche Gestalt auf hochsensible Chiffren, fragile Strichlagen und skulpturale Zeichenkonstrukte, die im Spannungsfeld von Abstraktion und Figuration eine enorme existenzielle Wucht entfalten. Er prägte die Nachkriegskunst im Südwesten nachhaltig und wirkte als langjähriger, einflussreicher Professor an der Münchner Kunstakademie, wo er nachfolgende Generationen prägte.
Walter Stöhrer (1937–2000): In Stuttgart geborener Maler und Grafiker, der von 1956 bis 1959 an der Karlsruher Akademie gemeinsam mit Horst Antes und Heinz Schanz in der Klasse von HAP Grieshaber studierte. Stöhrer zählt zu den einflussreichsten Protagonisten der deutschen Nachkriegskunst. Seine fundamentale Bildsprache – von ihm selbst als „intrapsychisch realistisch“ definiert – bricht radikal das Diktat der reinen Abstraktion auf: Stöhrer ging von Schriftzeichen, Gedichtfragmenten (u. a. André Breton) und feinen kalligrafischen Kürzeln aus, die er impulsiv mit ungezähmten, hochexpressiven Farbbahnen verstrich, verwischte und übermalte. Seine großformatigen, wuchtigen Werke erinnern an das surrealistische Prinzip der Écriture automatique und bündeln ein enormes energetisches Kraftfeld. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Kunstpreis der Jugend (1962) und dem Hans-Molfenter-Preis (1995), hinterließ er als langjähriger Berliner Akademieprofessor ein wegweisendes grafisches und malerisches Erbe.
Heinz Schanz (1927–2003): In Genkingen geborener Maler und Zeichner. Er war Schüler von HAP Grieshaber an der Bernsteinschule und folgte ihm 1956 an die Karlsruher Akademie. Schanz gilt neben Horst Antes und Walter Stöhrer als Mitbegründer der Karlsruher „Neuen Figuration“. Seine Werke zeichnen sich durch ein radikales Pendeln zwischen ungegenständlicher Geste und figurativer Rückkehr aus: Schanz schleuderte und goss Temperafarbe kraftvoll auf den Bildträger und unterwarf seine Kompositionen einem obsessiven Prozess der Schichten-Übermalung. Dadurch steigerte er eine leuchtende, zutiefst charakteristische Tiefenräumlichkeit. Als Träger des Villa-Romana-Preises (1977) und des Kunstpreises der Stadt Stuttgart (1990) prägte er die südwestdeutsche Nachkriegsmalerei maßgeblich.
Horst Antes (*1936): In Heppenheim geborener Maler, Grafiker und Bildhauer, der von 1957 bis 1959 an der Karlsruher Akademie bei HAP Grieshaber studierte und dort später selbst jahrzehntelang als einflussreicher Professor lehrte. Antes gilt als eine der wegweisendsten Galionsfiguren der deutschen Nachkriegskunst und als Mitbegründer der Karlsruher „Neuen Figuration“. Zu Beginn der 1960er Jahre erfand er sein ikonisches Kunstsymbol: den „Kopffüßler“, eine archaische, auf Kopf und Füße reduzierte Kunstfigur, die er in zahllosen malerischen, grafischen und bildhauerischen Variationen (u. a. monumentale Eisen- und Cortenstahlskulpturen im öffentlichen Raum) untersuchte. Seine Bildwelten verknüpfen Einflüsse der klassischen Moderne, indigene Kunstformen (Hopis) und existentielle Fragen zu Chiffren von zeitloser Symbolkraft. Als dreifacher documenta-Teilnehmer (1964, 1968, 1977), Träger des Großen Preises der Biennale von São Paulo (1991) und des Hans-Molfenter-Preises der Stadt Stuttgart (1989) prägte er die visuelle Identität des deutschen Südwestens auf internationalem Spitzenniveau.
Markus Lüpertz (*1941): International gefeierter Maler, Grafiker und Bildhauer; wirkte von 1974 bis 1986 als prägender Professor für Malerei an der Karlsruher Akademie und brach mit seiner „Dithyrambischen Malerei“ sowie seinen monumentalen, suggestiven Bildchiffren und Skulpturen radikal die Vorherrschaft der reinen Abstraktion im Nachkriegsdeutschland.
Georg Baselitz (*1938): Lehrte ab 1977 in Karlsruhe; erlangte Weltruhm durch das Umkehren seiner Bildmotive auf den Kopf.
Max Kaminski (1938–2019): Bedeutender documenta-Teilnehmer und langjähriger Professor an der Karlsruher Kunstakademie (ab 1981); erlangte große Relevanz durch seine hochexpressiven, farbgewaltigen Figurenbilder und raumgreifenden Zyklen, die existenzielle Themen wie Mythologie, Tragik und Tod formal konsequent gegen den Trend des reinen Informel behaupteten.

Kunst im deutschen Südwesten, Max Kaminski, Notre Dame (Marseille), 2003, Öl auf Leinwand, 190 cm x 190 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Peter Dreher (1932–2020): In Mannheim geborener Maler, Grafiker und weltweit gefeierter Pionier des konzeptuellen Realismus. Er studierte an der Karlsruher Kunstakademie bei Karl Hubbuch und Wilhelm Schnarrenberger und leitete von 1968 bis 1997 als Professor die Freiburger Außenstelle der Akademie, an der er Generationen von Schülern (darunter Anselm Kiefer) grundlegend prägte. Drehers Schaffen bildet ein monumentales Monument der zeitgenössischen Malereigeschichte: Im Zentrum steht sein 1974 begonnenes und über 45 Jahre fortgeführtes Serien-Hauptwerk „Tag um Tag guter Tag“. Darin porträtierte er ein einfaches leeres Wasserglas unter sich ständig ändernden Lichtverhältnissen weit über 5.000 Mal in absolut realistischer Präzision auf identischen 25 × 20 cm großen Bildträgern. Abseits dieser Jahrhundertserie schuf er komplexe Interieurs, dichte Stillleben und großformatige Landschaften (wie die Schwarzwald-Bilder). Als Träger des Hans-Thoma-Preises (1979) und des Reinhold-Schneider-Preises (2000) bewies er meisterhaft, dass die gegenständliche Malerei durch radikale konzeptuelle Serialität die Grenzen zwischen Realismus, Meditation und zeitgenössischer Konzeptkunst vollkommen aufhebt.
Dieter Krieg (1937–2005): In Lindau geborener Maler, Zeichner und langjähriger Professor, der von 1958 bis 1962 an der Karlsruher Akademie bei HAP Grieshaber und Herbert Kitzel studierte. Krieg gilt als einer der radikalsten Grenzgänger der deutschen Nachkriegskunst. Mit einer geradezu eruptiven, zentimeterdicken Pastosität schleuderte und strich er reine Farbmaterie auf gigantische Leinwände und Packpapierbögen. Seine Bildmotive sind von einer monumentalen und zugleich existentiellen Profanität: Er malte banale Alltagsgegenstände wie Fritten, Fleischbrocken, Betten, Badewannen, Kreuze, Salatköpfe oder Eimer, die in ihrer schieren materiellen Wucht den Raum physisch attackieren und sich zwischen vollkommener Abstraktion und schonungslosem Ding-Realismus bewegen. Als Vertreter Deutschlands auf der Biennale von Venedig (1978) sowie als Empfänger des Hans-Molfenter-Preises der Stadt Stuttgart (1993) prägte sein kompromissloses Werk das kunsthistorische Klima im Südwesten tiefgreifend.
Ben Willikens (*1939): Weltbekannt für seine monumental-metaphorischen „Grauen Räume“, Anstalt-Interieurs und die Neugestaltung des Stuttgarter Landtags.

Kunst im deutschen Südwesten, Ben Willikens, Boxer – Spind, Olympia 1972 München 1971, Gemälde Acryl auf Leinwand, 78 cm x 54 cm, 81,5 cm x 57 cm mit Rahmen, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Helmut Goettl (1934–2011): Wichtiger Vertreter des sozialkritischen Realismus im Raum Karlsruhe; dokumentierte den Alltag mit ironisch-analytischem Blick.

Kunst im deutschen Südwesten, Helmut Goettl, Gartenfest, 1992, Zeichnung, 102 cm x 73 cm, goh010re, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Romane Holderried Kaesdorf (1922–2007): Schuf ein unverwechselbares zeichnerisches Werk, das menschliche (oft männliche) Verhaltensmuster skurril-ironisch zerlegte.

Kunst im deutschen Südwesten, Romane Holderried-Kaesdorf, die Spielerinnen, 1994, Öl und Bleistift auf Sperrholz, 77 cm x 80 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Julius Kaesdorf (1914–1993): Als Autodidakt schuf er minimalistische, zeichenhafte und humorvolle Werke von hoher Prägnanz.

Kunst im deutschen Südwesten, Julius Kaesdorf, Kleine Figur im Sessel, 1957-67 2, Werkverzeichnis I995, Öl auf Leinwand auf Platte, 18,2 cm x 14 cm, mit Rahmen 33 cm x 30 cm, Sammlung Fritz Genkinger, SüdWestGalerie
Günter Schöllkopf (1935–1979): Grafiker und Zeichner; bekannt für seine literarischen Illustrationen und surreal-grotesken Radierungen.

Kunst im deutschen Südwesten, Günter Schöllkopf, Another Sherlock Holmes, 1979, Radierung, 44 cm x 33 cm, scg001re, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Artur Stoll (1947–2003): Schüler von Grieshaber; schuf hochexpressive, reliefartige Gemälde von urwüchsiger, physischer Präsenz.

Artur Stoll, Das Tier und die Wahrheit, 1988, Öl auf Leinwand, 133 cm x 143 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Artur Stoll, Blumen für die Welt, je t’aime Liebe, 2000, Öl auf Leinwand, 120 cm x 160 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Ulrich Nuss (*1943): Setzte die Familientradition (Sohn von Fritz Nuss) fort; schuf ausdrucksstarke, oft narrative Bronzefiguren im öffentlichen Raum.
Hans Schreiner (1930–2023): Übersetzte Landschaften und Naturerlebnisse in großformatige, lyrisch-abstrakte Farbräume.

Kunst im deutschen Südwesten, Hans Schreiner, ohne Titel, 1960, Öl auf Leinwand, 61 cm x 81 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Hans Schreiner, ohne Titel, 1960, Öl auf Leinwand, 61 cm x 81 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
DAS SPÄTE INFORMEL UND DIE LYRISCHE NATURABSTRAKTION IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1980–2000er-Jahre
Das Späte Informel beschreibt die Weiterentwicklung und Reifung der informellen Kunst ab den 1960er, 1970er und 1980er Jahren.
Während das frühe Informel (direkt nach 1945) ein radikaler, fast brutaler Befreiungsschlag aus Trümmern, Wut und existenzieller Krise war (die sogenannte „Stunde Null“ der Kunst), wandelte sich das späte Informel zu einer reflektierten, hochgradig differenzierten und ästhetisch komplexen Malerei.
Die Lyrische Naturabstraktion schlägt eine Brücke zwischen der reinen Abstraktion und der realen Welt. Sie ist nicht völlig formlos, sondern transportiert die emotionale Essenz von Landschaften und Naturphänomenen.
Elke Wree (1940–2025): In Flensburg geborene Malerin und leidenschaftlich engagierte Kulturakteurin, die als eine der ausdrucksstärksten Stimmen der naturinspirierten Abstraktion im deutschen Südwesten gilt. Nach einem Studium der Kunstgeschichte in Kiel absolvierte sie von 1962 bis 1967 ein Studium der Malerei an der Kunstakademie Karlsruhe bei Heinrich Klumbies sowie an der Hochschule für Bildende Künste Berlin bei Hann Trier. Geprägt von den existenziellen Nachkriegsdebatten um Realismus und Abstraktion, entwickelte sie – bestärkt durch ein prägendes DAAD-Auslandsstipendium in Paris (1967/68) – ab 1969 von ihrer Wahlheimat Karlsruhe aus eine kompromisslose, eigenständige Formensprache. Ihr facettenreiches Œuvre verknüpft lyrische Abstraktion untrennbar mit dem Erleben von Natur und nordischen Küstenlandschaften. Wrees berühmte, oft serielle Werkgruppen (die sie unter poetischen Titeln wie „Verdichtungen und Lichtungen“, „Zwischenland“ oder „Lebenslinien“ zusammenfasste) untersuchten das sensible Übereinanderlagern von transparenten Farbräumen, rhythmischen Linienstrukturen und spontanen Malgesten. Als langjähriges Mitglied des Künstlerbundes Baden-Württemberg und der Münchener Secession sowie als Trägerin des renommierten Hanna-Nagel-Preises (2004) erlangte sie weitreichende Anerkennung. Ihre Werke, die unter anderem in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe bewahrt werden, legten ein kraftvolles ästhetisches Fundament, das die Brücke zwischen norddeutscher Lichtatmosphäre und südwestdeutscher Abstraktion meisterhaft schlug.

Kunst im deutschen Südwesten, Lyrische Naturabstraktion, Elke Wree, Nebelwolken, 2015, Tusche auf Papier, 57 cm x 77 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
PLURALISMUS, GRAFIK-INNOVATIONEN & MATERIALEXPERIMENTE IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1990er Jahre bis ca. 2010
Mit der Gründung des ZKM in Karlsruhe öffnete sich die Kunstregion der Digitalisierung. Gleichzeitig etablierte sich eine Generation, die das Erbe der klassischen Abstraktion, der Bildhauerei und insbesondere der manuellen Druckgrafik durch unkonventionelle Werkstoffe und serielle Konzepte radikalisierte.
STILE & STRÖMUNGEN
Neokonstruktivismus
Radikale Druckgrafik
experimenteller Holzschnitt
Farbfeld-Radierung
architektonische Holzbildhauerei
Konzeptkunst
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
GRAFISCHE & MALERISCHE POSITIONEN
Rudolf Schoofs (1932–2009): Herausragender Maler und Zeichner des deutschen Informel; erlangte als Professor für Freie Grafik an der Stuttgarter Akademie (1976–1997) fundamentalen Einfluss im Südwesten. Seine international beachteten, in sensiblen Strichlagen geschichteten Dickichte, kosmischen Vegetationen und Stadtlandschaften bildeten das pädagogische und ästhetische Fundament für eine ganze Generation moderner Zeichner der Region.

Kunst im deutschen Südwesten, Rudolf Schoofs, Stadtlandschaft, 1983, Öl auf Leinwand, 155 cm x 220 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Peter Guth (1957–2006): In Mengen geborener Zeichner und Holzschneider erlangte Bedeutung durch seine kraftvollen, dichten Zeichnungen sowie experimentelle, raumgreifende Holzschnitte und serielle Buchobjekte, die auf archaischen Werkstoffen basierten.
Werner Zaiß (*1943): In Stuttgart geborener und an der Höheren Grafischen Fachschule ausgebildeter Künstler; wirkte über Jahrzehnte als freier Grafiker und prägte als langjähriger Leiter der Radierwerkstätten am Studium Generale der Universität Stuttgart nachfolgende Generationen durch seine meisterhaften Farbradierungen und prägnanten Farblinolschnitte.

Kunst im deutschen Südwesten, Peter Guth, Treppensockel, Tanzboden, Holzschnitt Unikat, 1995, 169 cm x 123 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Georg Heller (*1954): In Eichstätt geborener, an der Stuttgarter Akademie ausgebildeter Grafiker und Kunsterzieher; bekannt für großformatige, konzeptionell streng durchdachte Linoldrucke mit Offsetfarbe auf Köper sowie experimentelle PC-Grafiken.

Kunst im deutschen Südwesten, Georg Heller, und wenn sie nicht gestorben sind, Linolschnitt, 1992, 200 cm x 280 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Isa Dahl (*1965): Bekannt für dynamische, rhythmische Schlingen- und Pinselstrukturen, die tiefe visuelle Farbräume erzeugen.
Hanspeter Münch (*1951): Meister der lyrischen Abstraktion; schafft lichtdurchflutete, vielschichtige Farb- und Lasurgemälde.

Kunst im deutschen Südwesten, Isa Dahl, nur so, 2011, Öl auf Leinwand, 210 cm x 240 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Bruno Kurz (*1957): Nutzt Metallgaze und transluzide Untergründe, um in seinen abstrakten Landschaften Lichtphänomene einzufangen.

Kunst im deutschen Südwesten, Bruno Kurz, Korona, 2018, Acryl und Öl auf Leinwand, 180 cm x 180 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Oliver Christmann (*1960): Untersucht in seiner Malerei das
Zusammenspiel von reduzierter Form, Farbkörper und raumgreifender Farbwirkung.
Sabine Christmann (*1961): Virtuose des zeitgenössischen Stilllebens; erhebt profane Alltagsgegenstände (Plastiktüten, Verpackungen) zu fotorealistischen Studien.

Kunst im deutschen Südwesten, Sabine Christmann, Rot macht high, 2020, Öl auf Leinwand, 70 cm x 120 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Sabine Christmann, Trügerische Ruhe 2, Acryl auf Papier, 70 cm x 100 cm, 2021, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Thomas Kitzinger (*1955): Vertreter eines radikalen, analytischen Realismus; seziert Objekte und Porträts mit extrem präziser Maltechnik.
Andreas Lau (*1964): Arbeitet mit systematischen Rasterungen und Verfremdungen; bewegt sich im Grenzbereich von Erkennbarkeit und Abstraktion.
Werner Fohrer (*1947): Verknüpft in seinen Werken fotorealistische Fragmente mit gesellschaftspolitischen und zeitgeschichtlichen Themen.

Kunst im deutschen Südwesten, Werner Fohrer, Artificial Life II, 2018, Öl auf Leinwand, 150 cm x 200 cm , Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Uwe Ernst (*1947): Schafft hochkomplexe, oft düstere, figurativ-surreale Bildwelten voller mythologischer und zeitkritischer Chiffren.

Kunst im deutschen Südwesten, Uwe Ernst, Die Stiefelwichser, 1993, Schwarze Kreide auf Papier, 81 cm x 104 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Joachim Kupke (*1947): Konzeptkünstler und Maler; hinterfragt in altmeisterlicher Perfektion die Mechanismen der Kunstgeschichte und Zitatkultur.

Kunst im deutschen Südwesten, Joachim Kupke, Farewell, 1972, 42 cm x 52,5 cm, Bleistift Tempera Buntstift auf Papier, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Hannes Münz (1940–2014): Autonomer Einzelgänger; schuf ein radikal reduziertes, expressives Werk zwischen Figuration und Chiffre.

Kunst im deutschen Südwesten, Hannes Münz, Ausblick, 1988, Kassein auf Papier, 50 cm x 70 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Hannes Münz, Dynamische Landschaft, 1991, 38 cm x 25 cm, Rahmengröße: 63,cm x 53 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Elke Wree (*1940): Übersetzt vegetative Strukturen und Landschaften in lichte, freie Farbkompositionen.

Kunst im deutschen Südwesten, Elke Wree, Yamara, 2016, Tusche auf Papier, 57 cm x 77 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
BILDHAUERISCHE POSITIONEN
Robert Schad (*1953): Zeichnet mit massivem, vierkantigem Erzeugnisstahl filigrane, tanzende Linien in den Raum und die Landschaft.

Kunst im deutschen Südwesten, Robert Schad, FILIMU, 2014, Vierkantstahl massiv; 45 mm, 260 cm x 130 cm x 100 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Werner Pokorny (1949–2022): Arbeitete in Holz und Cortenstahl; variierte obsessiv das Ur-Motiv des „Hauses“ als Chiffre für Verortung und Existenz.

Kunst im deutschen Südwesten, Werner Pokorny, Gefäß und Haus XV, 2004, 213 cm x 68 cm x 30 cm, WVZ 616, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Armin Göhringer (*1959): Schneidet mit der Kettensäge fragile, gitterartige Strukturen aus massiven Holzblöcken; visualisiert Schwere und Halt.

Kunst im deutschen Südwesten, Armin Göhringer, ohne Titel, 2001, Holz geschwärzt, 199 cm x 70 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalrie

Kunst im deutschen Südwesten, Armin Göhringer, o.T. (24), 2013, Holz geschwärzt, 87 cm x 120 cm x 28 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Andrea Zaumseil (*1956): Schafft monumentale, raumgreifende Skulpturen aus tiefdunklem Eisenblech sowie melancholische Riesenpastelle.

Kunst im deutschen Südwesten, Andrea Zaumseil, Ohne Titel, 1998, Stahl, 3 Teile, Höhe ca. 278 cm, 295 cm, 265 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Andrea Zaumseil, o.T., 1998, Stahl, 90 cm x 100 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Rudolf Kurz (*1952): Schafft reduzierte Steinskulpturen und sakrale Räume, die durch präzise Schnitte die innere Kraft des Materials freilegen.

Kunst im deutschen Südwesten, Rudolf Kurz, Torso, 1993, 65 cm x 50 cm x 14 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Christoph Traub (*1964): Steinkünstler, der die harte Materie in organisch fließende, anthropomorphe Torsi und Wachstumsformen verwandelt.

Kunst im deutschen Südwesten, Christoph Traub, Haut 1, 2014, Jura, Stahl, 95 cm x 15 cm x 30 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
ZEITGENÖSSISCHE TENDENZEN & GEGENWART IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
Ab 2010
Die aktuelle Kunstszene zeichnet sich durch einen global vernetzten Pluralismus aus. Im Südwesten fällt eine starke Dichte an Positionen auf, die traditionelle Handwerke (Guss, Keramik, Schnitzerei) konzeptuell brechen oder sich mit Ökologie und postdigitaler Identität befassen.
STILE & STRÖMUNGEN
Postdigitale Kunst
Expressive Materialmalerei
Bio-Art
Dekonstruktive Bildhauerei
Rauminstallation
Konzeptuelle Keramik
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
MALERISCHE & KONZEPTUELLE POSITIONEN
Max Peter Haering (*1948): Maler und Zeichner der Fantastischen Kunst. Er befasst sich in seinen altmeisterlich dichten, suggestiven Tuschfeder- und Graphitzeichnungen intensiv mit literarischen Vorlagen. Seine Werke eröffnen durch komplexe Meta-Erzählungen aus Linien und Punkten tiefgründige Doppelbedeutungen. International erlangte sein zeichnerisches Schaffen herausragende Anerkennung durch den renommierten Gold Award des asiatischen JIA Illustration Awards.

Kunst im deutschen Südwesten, Max Peter Haering, Küste der Blinden, 1987, Tuschzeichnung, 26 cm x 33 cm, ham010, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Dietmar Brixy (*1961): Der Mannheimer Künstler ist bekannt für hochexpressive, reliefartige und farbgewaltige Materialbilder, die Naturprozesse reflektieren.
Alfred Bast (*1948): Begreift Kunst als Bewusstseinsprozess; dokumentiert in feinsinnigen Bildern, Zeichnungen und Naturstudien („Krieger des Friedens“) existentielle Zusammenhänge.

Kunst im deutschen Südwesten, Alfred Bast, Kosmische Verwandlung, 1978, 119 cm x 89 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Alfred Bast, Ver-Bindungen, 1985, Farbstift auf Malgrund, 200 cm x 155 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Ulrich Brauchle (*1971): Maler und exzellenter Radierer; fängt Landschaften in dynamischen Strichen und sensiblen Farbräumen ein.

Kunst im deutschen Südwesten, Ulrich Brauchle, Malerei, 2020, Öl auf Leinwand, 175 cm x 185 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Elly Weiblen (*1950): Schichtet transparente Farben und Pigmente auf; beschäftigt sich mit Erinnerungstopografien, Natur und Zeit.
Gerlinde Zantis (*1962): Bildet in fein nuancierten Kreide- und Pigmentzeichnungen Landschaften und dichte Waldstrukturen von fast fotorealistischer, meditativer Tiefe ab.

Kunst im deutschen Südwesten, Gerlinde Zantis, Dépt 07/Ruisseau de la Fontinelle VI, 2018, Pastell, 120 cm x 160 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Thomas Rissler (*1962): Schafft farbgewaltige, expressive Gemälde sowie monumentale, zeitgenössische Holzschnitte.

Kunst im deutschen Südwesten, Thomas Rissler, ohne Titel, 2022, Acryl, Öl und Sprühfarbe auf Leinwand, 130 cm x 120 cm, Preis auf Anfrage, rit013kü, SüdWestGalerie
Paul Groll (*1962): Seine farbenfroh-heiteren und vor Lebensfreude sprühenden, vom Zeichnerischen getragenen Werke wirken im ersten Augenblick durch ihre verspielten Farbkompositionen und eine barock-opulente Farbenpracht in einem lebhaften Durcheinander chaotisch. Dieser Eindruck löst sich jedoch auf, sobald sich die Linien und amorphen Fleckenformen zu schemenhaften Gebilden und feinsinnig austarierten, asymmetrischen Ordnungen zusammenziehen.

Kunst im deutschen Südwesten, Paul Groll, Sitzende, 1994, Mischtechnik, 34 x 24 cm, grp003re, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
BILDHAUERISCHE POSITIONEN
Jeanette Zippel (*1963): Grenzgängerin zwischen Bildhauerei, Landschaftsgestaltung und Ökologie. Sie gilt im Südwesten als Pionierin einer skulpturalen Land Art. Berühmt ist sie für ihre architektonisch-landschaftlichen Bienengärten (u. a. für die IGA 1993 in Stuttgart), deren Wegenetze der Choreografie des Bienentanzes folgen. Im Zentrum dieser Areale stehen ihre monumentalen, aus Naturmaterialien (Eichenholz, Lehm, Weidengeflecht) errichteten, figurativen Figurenstöcke. Diese anthropomorphen, an die antike Bienen-Göttin Artemis angelehnten Skulpturen sind konzeptionell so konstruiert, dass sie von Honig- und Wildbienen real besiedelt und durch deren Naturwabenbau im Inneren zu „belebten Plastiken“ werden.

Kunst im deutschen Südwesten, Jeanette Zippel, Wabenbau, Soziales Prinzip 3, 2005, Bienenwachs auf Kartonträger, 70 cm x 100 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Daniel Wagenblast (*1963): Seine aus Holz geschlagenen, farbig gefassten Männerfiguren (oft mit Auto oder Weltenkugel) sind humorvolle, weltberühmte Ikonen des „Jedermann“.

Kunst im deutschen Südwesten, Daniel Wagenblast, Schoko Frau, 2014, Holz bemalt, 25 cm x 27 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Andreas Welzenbach (*1965): Bildhauer des zeitgenössischen Holzbildwerks; bricht die Tradition der Schnitzkunst durch ironische, erzählerische und popkulturelle Motive.

Kunst im deutschen Südwesten, Andreas Welzenbach, Selbstmordattentäter, 2007, Holz, farbig gefasst, 110 x 80 x 72 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Miriam Lenk (*1975): Schafft opulente, barock-üppige Skulpturen aus Ton und Epoxidharz, die patriarchale Schönheitsideale lustvoll untergraben.

Kunst im deutschen Südwesten, Miriam Lenk, Oktopussy, 2013, Keramik, 40 cm x 40 cm x 38cm 33, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Silvia Siemes (*1960): Bildhauerin der leisen Töne; schafft melancholische Figuren aus Terrakotta, deren matte Bemalung ihnen eine zeitlose Aura verleiht.

Kunst im deutschen Südwesten, Silvia Siemes, Große Sitzende, 2020, Terrakotta, gebrannt, Höhe 73cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Stephan Hasslinger (*1960): Transformiert das klassische Medium Keramik in glänzende, geschwungene und oft textile Assoziationen weckende Skulpturen von hoher Sinnlichkeit.

Kunst im deutschen Südwesten, Stephan Hasslinger, Paisly, Keramik und Glasuren, 2017, 112 cm x 66 cm x 65 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Gerda Bier (*1943): Kombiniert verwittertes Altholz, Fundstücke und Blei zu sakral wirkenden Objekten, die von Vergänglichkeit und Würde erzählen.
Stefanie Ehrenfried (*1964): Erzeugt durch ihre bahnbrechenden, teils lebensgroßen Filz-Plastiken ein tiefes Spannungsfeld aus unmittelbarer Irritation und archaischer Präsenz. In einem jahrelangen, hochintensiven Arbeitsprozess verdichtet sie naturbelassene Schafwolle mittels zehntausender Einstiche der Filznadel zu erstaunlich stabilen, autonomen Körpern.

Kunst im deutschen Südwesten, Stefanie Ehrenfried, Große Beere, 2012-2017, Schafwolle nadelgefilzt, 55 cm x 75 cm x 115 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Martin Bruno Schmid (*1970): Konzeptueller Bildhauer; bohrt, spaltet oder verletzt bestehende Architekturen und Materialien (z. B. Säulen oder Leinwände), um deren inneres Wesen sichtbar zu machen.
Susanne Rudolph (*1943): In monumentalen Skulpturen, wie der „Fischgöttin“, gegossen in massivem, mineralischem Steinguss/Beton) verdichtet Susanne Rudolph ihr zentrales Thema – das menschliche Abbild und dessen inhärente Widersprüche – zu einer archetypischen, fast mythologischen Chiffre.

Kunst im deutschen Südwesten, Susanne Rudolph, Fischgöttin, 2017, Steinguss, Höhe: 130 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
KUNST IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN VON 1945 BIS ZUR GEGENWART
DEFINITION UND KUNSTHISTORISCHER KONTEXT
Die Kunst im deutschen Südwesten – geografisch deckungsgleich mit dem heutigen Bundesland Baden-Württemberg – bildet seit 1945 eine der dynamischsten und facettenreichsten Regionallandschaften der deutschen Nachkriegsmoderne. Geprägt durch die historischen Zentren Stuttgart und Karlsruhe sowie eine dezentrale Museums- und Galerienlandschaft, bewegt sich die Entwicklung im Spannungsfeld zwischen radikaler Abstraktion, expressiver Figuration, wegweisender Bildhauerei und zukunftsweisender Medienkunst.
ZEITLICHE GLIEDERUNG: KUNSTSTILE & AKTEURE
DIE NACHKRIEGSMODERNE UND DER AUFBRUCH IN DIE ABSTRAKTION IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1945–1959
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand der Südwesten im Zeichen des Wiederaufbaus und der Rehabilitierung der von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamierten Moderne. Neben der Abstraktion existierten wichtige Strömungen des expressiven Realismus und der klassischen figurorientierten Bildhauerei fort.
STILE & STRÖMUNGEN
Konstruktive Kunst
Absolute Malerei
frühes Informel
traditionelle und biomorphe Bildhauerei
Holzschnitt-Renaissance.
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
Georg Meistermann (1911–1990): In Solingen geborener Maler, Zeichner und überregional bedeutender Kunstpädagoge. Nach seinem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf (u. a. bei Heinrich Campendonk) wurde er von den Nationalsozialisten mit Ausstellungsverbot belegt. Ab 1952 wirkte er maßgeblich im Südwesten und leitete von 1955 bis 1960 eine hochkarätige Klasse für Malerei an der Karlsruher Kunstakademie. Meistermann gilt als der international herausragendste Erneuerer der Glasmalerei im 20. Jahrhundert. Seine monumentalen Fensterzyklen (wie in der Stuttgarter St.-Eberhard-Kirche oder dem Kölner Funkhaus) befreiten das Glas von seiner rein dienenden Rolle und verwandelten es in autonome Farb-Licht-Räume von lyrisch-abstrakter Tiefgründigkeit. Neben seinen Glasfenstern schuf er ein eindringliches Œuvre aus symbolhaften Gemälden und psychologischen Porträts (u. a. Willy Brandt). Als zweifacher documenta-Teilnehmer (1955, 1959), Träger des Hans-Molfenter-Preises der Stadt Stuttgart (1974) und langjähriger Präsident des Deutschen Künstlerbundes war er die intellektuelle und kulturpolitische Integrationsfigur, die der ungegenständlichen Nachkriegskunst im Südwesten institutionelles Gewicht verlieh.
Oskar Schlemmer (1888–1943): In Stuttgart geborener Maler, Bildhauer, Bühnenbildner, Choreograf und herausragendes Genie der Klassischen Moderne. Er studierte ab 1906 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und stieg als Meisterschüler in der legendären Kompositionsklasse von Adolf Hölzel zu einer der treibenden Kräfte der südwestdeutschen Avantgarde auf. Um das Zusammenspiel von Mensch, Raum und Bewegung radikal neu zu definieren, folgte er 1920 dem Ruf von Walter Gropius an das neu gegründete Bauhaus in Weimar, wo er als Meister die Wandmalerei- und Bildhauerei-Klassen prägte und ab 1923 die weltberühmte Bauhausbühne leitete. Schlemmers Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus geometrischer Abstraktion und universeller Humanitas aus: Sowohl in seinen tektonisch strengen Gemälden (wie dem ikonischen „Bauhaustreppe“-Motiv) als auch in seinen plastischen Reliefs und seinem epochemachenden „Triadischen Ballett“ (Uraufführung 1922 in Stuttgart) befreite er die menschliche Figur von anatomischen Details und steigerte sie zu mathematisch-idealen Raum- und Gliederpuppen-Chiffren. Von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert, verlor er alle Ämter und verbrachte seine letzten Lebensjahre in schmerzhafter innerer Emigration im Südwesten. Als einer der visionärsten Universalkünstler des 20. Jahrhunderts, der das Theater und die Malerei gleichermaßen revolutionierte, sicherte er der figürlich-konstruktiven Moderne einen absolut unumstößlichen, global prägenden Spitzenplatz in der Kunstgeschichte.
Willi Baumeister (1889–1955): In Stuttgart geborener Maler, Grafiker, Typograf, Bühnenbildner und herausragender Kunsttheoretiker. Er studierte an der Stuttgarter Akademie bei Adolf Hölzel und wurde 1933 von den Nationalsozialisten aus seiner Frankfurter Professur entlassen sowie als „entartet“ diffamiert. Während der inneren Emigration erforschte er im Verborgenen (u. a. in der Wuppertaler Lackfabrik von Dr. Kurt Herberts) die Chemie der Malmaterialien und vollendete seine theoretische Programmschrift „Das Unbekannte in der Kunst“ (1947), die zum wichtigsten Manifest der ungegenständlichen Nachkriegskunst in Deutschland wurde. Ab 1946 leitete er eine legendäre Klasse an der Stuttgarter Akademie. Baumeister gilt als die überragende Integrationsfigur der Nachkriegsmoderne. Seine berühmten Werkgruppen (wie die Eidos-, Gilgamesch- oder Montaru-Bilder) untersuchten das organische Wachstum von Formen, biomorphe Urzeichen und reliefartige Materialstrukturen aus Sand und Spachtelmassen. Als treibender Mitbegründer der Künstlergruppe ZEN 49, Mentor unzähliger nachfolgender Meister (u. a. Emil Cimiotti, Georg Karl Pfahler, Bernd Berner) und posthumer Teilnehmer der documenta 1 (1955) legte er das intellektuelle und praktische Fundament, das den Südwesten an die internationale Avantgarde anschloss.
Max Ackermann (1887–1975): In Berlin geborener Maler, Grafiker und herausragender Pionier der Abstraktion. Nach Stationen in Weimar (bei Henry van de Velde) und München kam er 1912 nach Stuttgart, um bei Adolf Hölzel zu studieren. Ackermann gilt kunsthistorisch als einer der frühesten Erfinder der „Absoluten Malerei“ in Deutschland; bereits um 1919 schuf er erste rein ungegenständliche Werke. Von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert, verlor er bei einem Bombenangriff auf sein Stuttgarter Atelier 1943 fast sein gesamtes bisheriges Œuvre. Nach 1945 wurde er zu einer zentralen Galionsfigur des künstlerischen Neubeginns am Bodensee und im Stuttgarter Raum. Seine monumentalen Farb-Rhythmogramme, Pastelle und Siebdrucke verbinden konstruktive Strenge mit musikalischen Prinzipien (wie in seinen berühmten kontrapunktischen Werkgruppen). Ackermann befreit die Farbe von jeglicher gegenständlichen Pflicht und führt sie zu reinen, harmonisch-kosmischen Lichtkompositionen. Als Mitorganisator wegweisender Abstrakten-Ausstellungen und Träger des Professorentitels ehrenhalber des Landes Baden-Württemberg (1964) verankerte er das meditative Erbe der Hölzel-Schule als bleibendes Fundament der Nachkriegsabstraktion.

Kunst im deutschen Südwesten, Max Ackermann, Familienidyll, 1917, Aquarell auf Bütten, 18 cm x 11 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Ida Kerkovius (1879–1964): In Riga geborene Malerin, Bildteppichweberin und herausragende Pionierin der ungegenständlichen Moderne. Sie kam 1903 nach Dachau zu Adolf Hölzel, folgte ihm 1908 nach Stuttgart und wurde dort seine Meisterschülerin und Assistentin in seiner legendären Kompositionsklasse. Um sich weiterzuentwickeln, ging sie 1920 für drei Jahre an das neu gegründete Bauhaus in Weimar, wo sie bei Itten, Kandinsky und Klee lernte und sich intensiv der Avantgarde-Weberei widmete. Von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert, verlor sie 1944 bei einem Luftangriff auf Stuttgart ihr Atelier und den Großteil ihres Lebenswerks. Nach 1945 wurde ihr neues Stuttgarter Atelier zu einem spirituellen Zentrum des künstlerischen Wiederaufbaus. Kerkovius’ Werk zeichnet sich durch eine singuläre Farberuptivität aus: Sowohl in ihren Ölbildern und leuchtenden Pastellen als auch in ihren kunsthistorisch wegweisenden Bildteppichen befreite sie die Farbe von jeglicher abbildenden Funktion und steigerte sie zu autonomen, tief poetischen und magisch-religiösen Lichtklängen. Als zweifache documenta-Teilnehmerin (1955, 1959), Trägerin des Großen Bundesverdienstkreuzes und Ehrenmitglied der Stuttgarter Kunstakademie (1954) sicherte sie weiblichen Positionen einen absolut gleichrangigen, prägenden Platz in der männlich dominierten Nachkriegsabstraktion des Südwestens.
Johannes Itten (1888–1967): In Wachseldorn (Kanton Bern, Schweiz) geborener Maler, Kunsttheoretiker und weltweit einflussreicher Kunstpädagoge der Moderne. Nach einer Ausbildung zum Primar- und Sekundarlehrer für Naturwissenschaften entschloss er sich endgültig zur Kunst und kam 1913 nach Stuttgart. An der dortigen Kunstakademie wurde er einer der profiliertesten Schüler in der legendären Kompositionsklasse von Adolf Hölzel. In diesem wegweisenden Stuttgarter Kreis um Oskar Schlemmer, Willi Baumeister und Ida Kerkovius entwickelte er – tief inspiriert von Hölzels Didaktik des automatischen Zeichnens und ersten Farbkontraststudien – seine radikal ungegenständliche Bildsprache. Dieses im Südwesten geschärfte Konzept der ganzheitlichen Talentförderung übertrug er 1919 direkt an das neu gegründete Staatliche Bauhaus in Weimar. Als einer der ersten Meister revolutionierte er dort die akademische Lehre durch den von ihm erfundenen, obligatorischen „Vorkurs“. Ittens Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus rationaler Struktur und spiritueller Farbtheorie aus: Sowohl in seinen geometrisch-abstrakten Ölbildern und Collagen als auch in seiner bahnbrechenden, weltweit kanonischen Publikation „Kunst der Farbe“ (1961) befreite er das Kolorit von bloß abbildenden Aufgaben. Er steigerte die Malerei stattdessen zu einem eigenständigen System aus mathematisch-geometrischen Rhythmen und den berühmten sieben Farbkontrasten. Als prägender Bauhaus-Pionier, Mitbegründer der konstruktiven Zürcher Schule der Konkreten und radikaler Reformer des Sehens sicherte er der systematischen Farben- und Formenlehre einen absolut unumstößlichen, zeitlosen Spitzenplatz in der globalen Kunstgeschichte.
Peter Herkenrath (1900–1989): In Köln geborener Maler und einflussreicher Akademieprofessor. Nach seiner Ausbildung an den Kölner Werkschulen (unter anderem bei Richard Seewald) geriet er während der NS-Diktatur in die Isolation der inneren Emigration. 1953 wurde er als Professor an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe berufen, wo er bis 1965 lehrte und gemeinsam mit Kollegen wie Grieshaber den Karlsruher Nachkriegsaufbruch gestaltete. Herkenraths Œuvre vollzog eine konsequente Entwicklung vom gegenständlichen Expressionismus hin zu einer lyrisch-tektonischen Abstraktion, die eng mit den Strömungen des Informel und der École de Paris korrespondierte. Seine reliefartigen, dichten Farbschichten ordnen sich in späten Werkgruppen zu zeichenhaften, rhythmischen Gefügen an, in denen Farbe als rein plastisches Raumelement fungiert. Als zweifacher documenta-Teilnehmer (1955, 1959), Vorstandsmitglied des Deutschen Künstlerbundes und Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes war er eine der zentralen Säulen, die das Rheinland und den Südwesten im Geiste der internationalen Nachkriegsabstraktion institutionell wie künstlerisch vernetzten.
HAP GRIESHABER UND DIE ERNEUERUNG DES HOLZSCHNITTS: ARCHAISCHE SPUREN DES EXISTENTIELLEN ALS AUFFORDERUNG ZUM WIDERSTAND
HAP Grieshaber (1909–1981) hat den Holzschnitt im 20. Jahrhundert radikal revolutioniert und aus seinem Schattendasein als reine Buchillustration befreit. Indem er das traditionelle, jahrhundertealte Hochdruckverfahren in das monumentale Großformat übertrug, schuf er eine völlig neue, zeitgenössische Bildsprache. Seine Werke brechen mit der feinen Detailarbeit der Vergangenheit: Mit groben, kraftvollen Schnitten, starker Abstraktion und einer intensiven, oft kontrastreichen Farbigkeit erhob er die Fläche zum zentralen Ausdrucksmittel.
Grieshaber verstand die Erneuerung der Technik jedoch nie als reinen Selbstzweck, sondern als gesellschaftlichen Auftrag. In der Nachfolge historischer Flugblätter nutzte er die Wucht des monumentalen Holzschnitts als unübersehbares, politisches Sprachrohr für Frieden, Umweltschutz und Menschlichkeit. So verschmolz er archaisches Handwerk mit moderner Avantgarde und machte den Holzschnitt zu einem der lebendigsten und monumentalsten Medien der Nachkriegsmoderne.
HAP Grieshaber (1909–1981): In Rot an der Rot geborener Grafiker, Maler, Holzschneider und herausragender Rebell der deutschen Nachkriegsmoderne. Nach einer Schriftsetzerlehre in Reutlingen und einem Studium an der Kunstgewerbeschule Stuttgart führte er ab 1933 ein von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiertes Dasein in der inneren Emigration in seinem Atelier auf der Achalm. Um das vermeintlich verstaubte, mittelalterliche Medium des Holzschnitts grundlegend zu revolutionieren, befreite er die Technik aus dem engen Buchseitenformat und steigerte sie zu monumentalen, wandfüllenden Farb-Einblattdrucken von monumentaler Wucht. Als engagierter „homme engagé“ nutzte er seine Kunst zeitlebens als unüberhörbares politisches und ökologisches Sprachrohr: Mit seiner legendären, im Eigenverlag herausgegebenen Zeitschrift Der Engel der Geschichte kämpfte er leidenschaftlich für Frieden, Menschenrechte und den Umweltschutz. Als einflussreicher Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe (1955–1960) prägte er herausragende Schüler wie Horst Antes und Josua Reichert und machte den Südwesten zu einem weltweiten Zentrum des modernen Hochdrucks. Grieshabers Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus archaischer Formkraft und zeitloser Poesie aus: Sowohl in seinen religiös oder mythologisch aufgeladenen Zyklen (wie dem „Totentanz von Basel“) als auch in seinen leidenschaftlichen Tier- und Menschenpaardarstellungen reduzierte er die Konturen auf wuchtige, blockhafte Kontraste. Als zweifacher documenta-Teilnehmer (1959, 1964), Mitbegründer des Deutschen Künstlerbundes und Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes sicherte er der figurativ-abstrahierenden Grafik einen absolut unumstößlichen, international vernetzten Spitzenplatz im kulturellen Gedächtnis der Bundesrepublik.

Kunst im deutschen Südwesten, HAP Grieshaber, Wiese, 1950, Holzschnitt, 60 cm x 78 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, HAP Grieshaber, Affe nicht sprechen, Vorstadium, 1960, Gouache, Holzschnitt, 45 cm x 32 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, HAP Grieshaber, Flötenspieler von Rheinburg, 1965, Holzschnitt, 84 cm x 60 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
DIE STUTTGARTER SEZESSIONEN, EXPRESSIVE FIGURATION & EXPRESSIVER REALISMUS IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1923 – 1933
STILE & STRÖMUNGEN
Die Stuttgarter Sezession (1923–1932): Gegründet als Protest gegen den konservativen Ausstellungsbetrieb. Sie vereinte gemäßigte Modernisten und bot Künstlern wie Heinrich Altherr, Alfred Lörcher und dem jungen Reinhold Nägele eine Bühne.
Expressiver Realismus & Expressive Figuration: Künstler hielten an der Gegenständlichkeit fest, luden sie aber mit der emotionalen Farbkraft des Expressionismus auf. Diese Gruppe wird heute oft als „Verschollene Generation“ bezeichnet.
Die Stuttgarter Neue Sezession (1929–1933): Eine radikalere Abspaltung jüngerer Künstler wie Manfred Pahl und Wilhelm Geyer, die sich stark an der französischen Moderne orientierten und sozialkritische Themen aufgriffen.
Karlsruher Realismus: An der Badischen Kunstakademie in Karlsruhe entwickelte sich unter Künstlern wie Karl Hubbuch, Georg Scholz und Wilhelm Schnarrenberger eine regional stark ausgeprägte, oft bitterböse Variante der Neuen Sachlichkeit.
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
Wilhelm Geyer (1900–1968): In Stuttgart geborener Maler, Grafiker, Glaskünstler und herausragender Wegbereiter des Expressiven Realismus sowie einer der bedeutendsten Erneuerer der christlichen Sakralkunst im 20. Jahrhundert. Nach seinem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie, wo er als Meisterschüler von Christian Landenberger abschloss, übersiedelte er 1927 nach Ulm und stieg rasch zu einer zentralen Figur der südwestdeutschen Avantgarde auf. Er gründete 1929 gemeinsam mit Manfred Henninger und Manfred Pahl die „Stuttgarter Neue Sezession“ und übernahm deren Vorsitz, um jungen Kunstschaffenden jenseits starrer Jurysystems freie Entfaltung zu ermöglichen. Während der NS-Diktatur ab 1937 als „entartet“ diffamiert und mit Ausstellungsverbot belegt, bewies er immensen moralischen Mut: Er unterhielt enge Verbindungen zum Widerstandskreis der Weißen Rose um die Geschwister Scholl, weshalb er 1943 von der Gestapo in mehrmonatige Haft genommen wurde. Nach 1945 leistete er als Mitbegründer der Oberschwäbischen Sezession unschätzbare Beiträge zum demokratischen Wiederaufbau. Geyers Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus tiefem Glauben und malerischer Urgewalt aus: Sowohl in seinen von impressionistischen Einflüssen gelösten Landschafts- und Stilllebenbildern als auch in seinen bundesweit gefeierten, über 1000 monumentalen Glasfenstern für mehr als 180 Kirchen (darunter im Ulmer Münster und im Kölner Dom) steigerte er den vielschichtigen Farbauftrag zu einem autonomen Farbteppich. Als Brückenbauer zwischen innerem Widerstand und Nachkriegsmoderne sicherte er der figurativ-religiösen Moderne einen absolut zentralen, unverwechselbaren Spitzenplatz im kulturellen Erbe des deutschen Südwestens.
Manfred Pahl (1900–1994): In Ebingen geborener Maler, Zeichner, Grafiker und profiliertester Vorkämpfer des Expressiven Realismus im deutschen Südwesten. Nach seinem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie in den frühen 1920er-Jahren, wo er unter anderem Impulse aus der Schule Adolf Hölzels aufnahm, stieg er rasch zu einer zentralen Integrationsfigur der regionalen Avantgarde auf. Getrieben vom Aufbegehren gegen starre akademische Machtstrukturen, gründete er 1929 gemeinsam mit Manfred Henninger und Wilhelm Geyer die wegweisende „Stuttgarter Neue Sezession“ und übernahm deren ersten Vorsitz. Während der NS-Diktatur mit einem vollständigen Berufsverbot belegt, gerieten seine Arbeiten ins Visier der Machthaber – ein Trauma, das er nach 1945 in einem überaus kraftvollen, gesellschaftskritischen Spätwerk visuell aufarbeitete. Pahl baute sich in den 1970er- und 1980er-Anfängen im Teilort Gailsbach der Gemeinde Mainhardt eigenhändig ein bemerkenswertes, heute saniertes Privatmuseum, um sein immenses Gesamtwerk vor dem Vergessen zu bewahren. Pahls Werk zeichnet sich durch eine singuläre psychologische Eindringlichkeit und bittere, oft böswillige Ironie aus: Sowohl in seinen dynamischen Zirkus- und Tanzpaardarstellungen als auch in seinen Landschaften befreite er die Gegenständlichkeit von rein gefälliger Ästhetik. Er steigerte seine Bildwelten stattdessen durch einen eruptiven, haptisch-pastosen Farbauftrag zu hochgradig taktilen und zeitkritischen Dokumenten der menschlichen Existenz. Als Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse (1973) und Stifter des Pahl-Museums Mainhardt sicherte er der sozial engagierten, figurativ-expressiven Moderne einen absolut unumstößlichen, identitätsstiftenden Spitzenplatz im künstlerischen Gedächtnis Baden-Württembergs.
Manfred Henninger (1894–1986): In Backnang geborener Maler, Zeichner, Grafiker und herausragender Vertreter des Expressiven Realismus sowie der sogenannten „Verschollenen Generation“. Nach einer handwerklichen Konditorlehre und schwerer Verletzung im Ersten Weltkrieg studierte er ab 1919 an der Stuttgarter Kunstakademie und wechselte 1922 an die Dresdner Akademie zu Karl Albiker und Oskar Kokoschka, dessen vibrierender Pinselstrich ihn tief prägte. Fest in der regionalen Avantgarde verwurzelt, gründete er 1929 gemeinsam mit Gleichgesinnten wie Manfred Pahl und Wilhelm Geyer die wegweisende „Stuttgarter Neue Sezession“. Bereits 1933 von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert und mit Ausstellungsverbot belegt, floh er ins Exil nach Ibiza und später ins Schweizer Tessin, wo er trotz politischer Isolation eine enorm produktive Schaffensphase erlebte. Nach seiner Rückkehr im Jahr 1949 berief ihn die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart zum Professor für Landschafts- und Bildnismalerei, eine Position, in der er bis 1961 ganze Generationen von Künstlern des Südwestens prägte und zeitweise als Rektor leitete. Henningers Werk zeichnet sich durch eine singuläre, arkadische Farbpoesie aus: Sowohl in seinen von Licht durchfluteten Landschaftsdarstellungen aus dem Mittelmeerraum als auch in seinen dynamischen Figurenkompositionen wie den „Badenden“ befreite er die Linie zugunsten eines rein aus Farb- und Lichtflecken aufgebauten Rhythmus. Als Gast der renommierten Villa Massimo in Rom (1967/68) und Träger des Bundesverdienstkreuzes sicherte er dem farbintensiven, vom Geist Paul Cézannes inspirierten Spätimpressionismus einen absolut zentralen, unverwechselbaren Platz im künstlerischen Wiederaufbau der südwestdeutschen Moderne.

Kunst im deutschen Südwesten, Manfred Henninger, Rosen, 1973, Öl auf Leinwand, 100 cm x 125 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Manfred Henninger, ohne Titel, Landschaft, 1977, Pastell auf Papier, 50 cm x 66 cm, Preis auf Anfrage, hem002de, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Manfred Henninger, Figurengruppe, 1971, Pastell auf Velin, 43,8 cm x 62,5 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Alfred Lehmann (1899–1979): In Stuttgart geborener Maler, Zeichner und herausragender Protagonist des Expressiven Realismus im deutschen Südwesten. Nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Heinrich Altherr, Christian Landenberger und Christian Speyer stieg er rasch zu einer zentralen Integrationsfigur der regionalen Kunstszene auf. Getrieben von der Suche nach unparteilicher künstlerischer Freiheit, gründete er 1929 gemeinsam mit Gleichgesinnten wie Wilhelm Geyer, Manfred Henninger und Manfred Pahl die wegweisende „Stuttgarter Neue Sezession“. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten beendete diese Aufbruchsphase abrupt, und nach dem tragischen Verlust seiner Ehefrau und seiner Tochter in den Kriegsjahren stürzte Lehmann in schwere Depressionen. In seiner darauffolgenden, intensiven Phase der Selbstreflexion (1945–1949) setzte er sich tiefgreifend mit der Farbenlehre und den Kompositionsgesetzen Adolf Hölzels auseinander, was seinem Schaffen neue Kraft verlieh. Sowohl in seinen tektonisch gebauten Figurenbildern (wie den Akten an Flussufern) als auch in seinen monumentalen Stillleben und schwäbischen Landschaften befreite er die Kunst von oberflächlichem Naturalismus. Stark von Paul Cézanne beeinflusst, zerlegte er die sichtbare Welt in geometrische Formgefüge und steigerte den pastosen, haptisch dichten Farbauftrag zu zeitlosen Bildarchitekturen von innerer Monumentalität. Als bewusster Maler „gegen den Zeitgeist“, der sich nach 1945 der herrschenden Modewelle der reinen Abstraktion verweigerte und die eigene Alfred-Lehmann-Stiftung (1969) ins Leben rief, sicherte er der figurativ-konstruktiven Naturbefragung einen absolut unumstößlichen, bleibenden Spitzenplatz im kunsthistorischen Erbe Baden-Württembergs.
NEUE SACHLICHKEIT IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
Nach den ekstatischen Ausbrüchen des Expressionismus und den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs formierte sich in den 1920er-Jahren mit der Neuen Sachlichkeit eine radikale Gegenbewegung die für nüchterne Realität und magische Stille stand. Im deutschen Südwesten – vor allem in den Kunstzentren Stuttgart und Karlsruhe – entwickelte diese Strömung eine ganz eigene, stilistisch facettenreiche und international hochkarätige Dynamik. Statt emotionaler Abstraktion suchten die Künstlerinnen und Künstler eine kompromisslose, glasklare und oft unterkühlte Rückkehr zum Gegenstand und zur Realität der Weimarer Republik. Die süddeutsche Ausprägung der Neuen Sachlichkeit zeichnete sich durch ein faszinierendes Spannungsfeld zwischen zwei Polen aus:
Der sozialkritische Verismus: In Stuttgart formierte sich um den charismatischen Akademieprofessor Adolf Hölzel eine Generation, die den ungeschönten, oft schmerzhaften Alltag der Zwischenkriegszeit festhielt. Künstler wie Otto Dix blickten mit sezierendem Auge auf die soziale Ungleichheit, die Technisierung und das großstädtische Milieu.
Der Magische Realismus (Die Karlsruher Schule): An der Karlsruher Kunstakademie entwickelte sich unter Malern wie Georg Scholz, Karl Hubbuch und Wilhelm Schnarrenberger eine weltweit beachtete Hochburg der sachlichen Malerei. Ihre Werke zeichnen sich durch eine altmeisterliche, hyperpräzise Maltechnik aus. Die gezeigten Szenen – ob Landschaften, Porträts oder Stillleben – wirken in einer eigentümlichen, fast unheimlichen Stille eingefroren. Durch diese technische Perfektion und perspektivische Verschiebungen erhielten Alltagsszenen eine unterschwellige magische Dimension.
SURREALE TENDENZEN, SURREALISMUS & PHANTASTISCHER REALISMUS IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1945 bis Mitte der 1960er-Jahre, mit einer späten, regionalen Renaissance in den 1970er-Jahren
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 war die westdeutsche Kunstlandschaft im Südwesten stark von der Aufarbeitung der traumatischen Kriegserlebnisse sowie der Sehnsucht nach ästhetischer Befreiung geprägt. Obwohl die ungegenständliche Abstraktion (wie das Informel) im deutschen Südwesten dominierte, entwickelten sich surreale Tendenzen und der Phantastische Realismus als einflussreiche, tiefenpsychologisch motivierte Gegenströmungen.
1945–1955 (Die traumatische Pionierphase): Unmittelbar nach Kriegsende suchten Künstler nach einer neuen Bildsprache abseits des NS-Realismus. Es entstanden erste magisch-surreale Werke zur Bewältigung von Schuld, Zerstörung und Existenznot.
1955–1965 (Die Phase der Verdrängung durch die Abstraktion): Die ungegenständliche Kunst (Informel, Tachismus) eroberte die großen Akademien (vor allem unter Willi Baumeister in Stuttgart). Surreale und phantastische Kunst existierten als starke, profilerte Gegenströmung in Nischen weiter.
Ab 1970 (Die Wiederentdeckung): Im Zuge einer Rückkehr zur Figuration erlebten phantastische und magische Realismen im Südwesten ein stabiles Comeback.
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
Hermann Finsterlin (1887–1973): In München geborener Maler, Dichter, Essayist, Spielzeugmacher und weltweit einflussreicher Theoretiker der visionären Architektur des frühen 20. Jahrhunderts. Nach einem breit gefächerten Studium der Medizin, Naturwissenschaften und Philosophie wandte er sich in München der Kunst zu und siedelte 1926 dauerhaft nach Stuttgart über. Berühmt wurde er durch seine radikale, utopische Architekturtheorie: Als tragendes Mitglied des von Bruno Taut initiierten Briefwechsels der avantgardistischen „Gläsernen Kette“ (1919–1920) forderte er die vollständige Überwindung der rechtwinkligen, kühlen Bauweise. Obwohl aufgrund der wirtschaftlichen Krisen der Weimarer Republik keines seiner visionären Bauprojekte je realisiert wurde, entfaltete sein grafisches Werk als Ideengeber für spätere Generationen weltweite Strahlkraft. Finsterlins Werk zeichnet sich durch eine singuläre biomorphe Formkraft und kosmische Poesie aus: Sowohl in seinen organisch fließenden, farbintensiven Aquarellen („Utopische Architektur“) als auch in seinen bahnbrechenden, reformpädagogischen Holzbaukästen (wie dem „Stilspiel“ von 1922) befreite er die Architektur von rein technokratischer Funktionalität. Er steigerte seine Entwürfe stattdessen zu begehbaren, zutiefst spirituellen und erotisch-lebendigen Raumorganismen. Als vom NS-Regime verfemter Außenseiter, dessen avantgardistisches Wohn- und Atelierhaus am Stuttgarter Frauenkopf ein frühes Denkmal anthroposophischer Baukunst war, sicherte er der fantastisch-kosmischen Abstraktion des Südwestens einen absolut einzigartigen, international rezipierten Spitzenplatz in der Kulturgeschichte der Moderne.
Reinhold Nägele (1884–1972): In Murrhardt geborener Maler, Grafiker und herausragender, liebevoll-ironischer Chronist der schwäbischen Moderne. Nach einer handwerklichen Lehre als Dekorationsmaler im Betrieb seines Vaters und dem Besuch der Stuttgarter Kunstgewerbeschule feierte er bereits vor dem Ersten Weltkrieg frühe Ausstellungserfolge in der Berliner Galerie von Paul Cassirer. Tief im Kulturleben Württembergs verwurzelt, gehörte er 1923 zu den maßgeblichen Mitbegründern der wegweisenden Stuttgarter Sezession, deren Geschicke er über ein Jahrzehnt als Vorstandsmitglied prägte. Die glücklichste Schaffensphase des Künstlers wurde durch den Nationalsozialismus brutal beendet: Aufgrund der Ehe mit seiner jüdischen Frau, der Dermatologin Dr. Alice Nördlinger, wurde er 1937 mit einem Berufsverbot belegt, woraufhin der Familie 1939 die Flucht über Paris und London nach New York gelang. Nach über zwei Jahrzehnten im US-Exil kehrte er 1963 endgültig nach Stuttgart zurück. Nägeles Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus altmeisterlicher Präzision und hintergründigem Humor aus: Sowohl in seinen detailreichen Radierungen als auch in seinen berühmten, oft miniaturhaften Gemälden in Hinterglas- oder Temperatechnik fing er die Gestalt des sich wandelnden Stuttgarts ein. Seine glitzernden, atmosphärischen Nachtansichten (wie die „Aussicht vom Bahnhofsturm“) befreiten die Stadtvedute von rein dokumentarischer Kälte. Als Träger des Professorentitels ehrenhalber (1952) und Ehrenbürger seiner Geburtsstadt sicherte er dem erzählerischen, zwischen Neuer Sachlichkeit und fantastischem Realismus balancierenden Stil einen absolut unumstößlichen, identitätsstiftenden Spitzenplatz im künstlerischen Erbe des deutschen Südwestens.

Kunst im deutschen Südwesten, Reinhold Nägele, Stuttgarter Straßen- und Zahnradbahn, 1911, Radierung, 21 cm x 27 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Leonhard Schmidt (1892–1978): In Backnang geborener Maler, Grafiker und eigenwilliger Einzelgänger der Neuen Sachlichkeit im deutschen Südwesten. Er studierte ab 1919 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart unter Heinrich Altherr, Robert Breyer sowie Adolf Hölzel und stieg als Mitbegründer der fortschrittlichen Stuttgarter Sezession (1923) schnell zu einer festen Größe der regionalen Avantgarde auf. Um der politischen Gleichschaltung der Nationalsozialisten zu entgehen, die seine Kunst als „entartet“ diffamierten und mit einem Ausstellungsverbot belegten, zog er sich 1938 nach Stuttgart-Untertürkheim in die Isolation der inneren Emigration zurück. Schmidts Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus radikaler visueller Reduktion und tief melancholischer Stille aus: Sowohl in seinen streng tektonischen Gemälden als auch in seinen feinen Pastellen und Zeichnungen befreite er die Natur und die menschliche Figur von erzählerischen Details und steigerte menschenleere Winterlandschaften oder in sich gekehrte Porträts zu zeitlosen, fast monochromen Chiffren der Einsamkeit. Das nachfolgend aufgeführte Zitat von Leonhardt Schmidt: „Nicht was ich in der Welt sah, malte ich, sondern meine Träume“ zeigt, dass Traum und Wirklichkeit im Sinne des Surrealismus miteinander korrespondieren. Nach 1945 erfuhr sein OEuvre durch Ankäufe führender Institutionen wie der Staatsgalerie Stuttgart und der Berliner Nationalgalerie späte, gerechte Anerkennung, die 1974 in der Verleihung des Professorentitels gipfelte. Als der „Maler der Stille“, der die konstruktiv-figurative Tradition der Vorkriegsmoderne kompromisslos durch die Diktatur rettete, sicherte er sich einen unumstößlichen, bleibenden Ehrenplatz in der südwestdeutschen Nachkriegs-Kunstgeschichte.
Jakob Bräckle (1897–1987): In Winterreute bei Biberach an der Riß geborener Maler und radikal reduzierender Chronist der oberschwäbischen Kulturlandschaft. Er studierte ab 1917 an der Kunstgewerbeschule und anschließend an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart unter Christian Landenberger und Heinrich Altherr, bevor er als Mitglied der wegweisenden Stuttgarter Sezession (1924) und des Deutschen Künstlerbundes zu einem wichtigen Protagonisten der süddeutschen Vorkriegsmoderne wurde. Zeitlebens durch eine frühkindliche Gehbehinderung in seinem physischen Aktionsradius eingeschränkt, fokussierte Bräckle seine Arbeit fast ausschließlich auf die vertraute Kulisse seines Heimatdorfes Winterreute. Hier entwickelte er abseits der urbanen Zentren eine unverwechselbare Ästhetik der Neuen Sachlichkeit, die er in einer magisch-realistischen Frühphase begründete: Sowohl in seinen extrem kleinformatigen Ölgemälden (wie dem Werk „Ernte“ von 1927) als auch in seinen strengen Flachlandschaften befreite er den bäuerlichen Arbeitsalltag und die Natur von folkloristischem Zierrat. Stattdessen steigerte er Äcker, Heuhaufen und dörfliche Szenen durch geometrische Flächenaufteilungen, ungewöhnliche Perspektiven aus leichter Untersicht und eine gedehnte, meditative Leere zu zeitlosen, universellen Raumstrukturen. Nach 1945 erfuhr sein Werk durch den Biberacher Architekten Hugo Häring eine entscheidende intellektuelle Weitung: Die Begegnung mit dort eingelagerten Originalen von Kasimir Malewitsch führte Bräckle in ein radikal abstraktes Spätwerk, in dem sich die oberschwäbischen Felder endgültig in reine, monochrome Farbflächensegmente auflösten. Als ein oft als „Morandi der Landschaft“ betitelter Solitär, dessen intimes Œuvre von rund 3.900 Gemälden heute vorwiegend im Museum Biberach umfassend gewürdigt wird, sicherte er der ländlich-konstruktiven Nachkriegsmoderne einen singulären Spitzenplatz in der Kunstgeschichte des deutschen Südwestens.
BILDHAUEREI IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN VON 1945 BIS ZUR GEGENWART
DIE NEUE FREIHEIT NACH 1945 – KONTINUITÄT & ÄSTHETISCHER WANDEL NACH DEM KRIEG: KLASSISCHE FIGURATION & GEMÄSSIGTE MODERNE
Die Entwicklung der Skulptur und Objektkunst im deutschen Südwesten nach 1945 ist von einer außergewöhnlichen Materialvielfalt und dem stetigen Wechselspiel zwischen Figuration und Abstraktion geprägt. Durch die bedeutenden Kunstakademien in Stuttgart und Karlsruhe sowie renommierte Bildhauersymposien hat sich die Region zu einem Kernland moderner und zeitgenössischer Dreidimensionalität entwickelt.
Die Bildhauer Alfred Lörcher, Karl Albiker, Wilhelm Gerstel, Hermann Geibel, Jakob Wilhelm Fehrle und Fritz Nuss nehmen in der Kunstgeschichte des deutschen Südwestens ab 1945 eine ganz spezifische Scharnierfunktion ein. Sie gehören der Generation an, die kunsthistorisch als „Gemäßigte Moderne“ oder „Klassische Figuration“ bezeichnet wird.
Alfred Lörcher (1875–1962): In Stuttgart geborener Bildhauer, Medailleur und bedeutender Hochschullehrer, der als einer der eigenständigsten Erneuerer der figürlichen Plastik im deutschen Südwesten gilt. Er absolvierte zunächst eine Ausbildung in einer Bronzegießerei, studierte an der Karlsruher Kunstgewerbeschule sowie an der Münchner Akademie bei Wilhelm von Rümann und entdeckte während eines prägenden Italienaufenthalts (1905) die archaische etruskische Kunst für sich. Diese Eindrücke inspirierten ihn zu einer Abkehr vom historisierenden Akademismus hin zu einer „organisch-kubischen Rundplastik“, die ihm später den Beinamen „Schwäbischer Maillol“ einbrachte. Ab 1919 leitete er als Professor eine einflussreiche Bildhauerklasse an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule und lehrte ab 1941 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, wo er bis zum Kriegsende wirkte. Während der NS-Diktatur zog er sich zunehmend zurück und lebte ab 1941 in der inneren Emigration im Bottwartal. Seine produktivste und innovativste Schaffensphase erreichte er überraschend im Ruhestand nach 1945: Lörcher wandte sich von der monumentalen Einzelfigur ab und schuf dynamische, fast choreografisch rhythmisierte Figurengruppen, Kleinplastiken und Reliefs aus Terrakotta und Bronze. Diese späten Werkgruppen untersuchten das urbane Großstadtleben, die Bewegung von Menschenmassen sowie das räumliche Beziehungsgefüge im Dialog mit der Umwelt. Mit seinen späten Meisterwerken erlangte er höchste bundesweite Anerkennung, die in der Teilnahme an der documenta I (1955) und documenta II (1959) in Kassel gipfelte. Als wegweisender Pädagoge und Brückenbauer zwischen klassisch-figürlicher Strenge und moderner Raumkomposition legte Lörcher ein praktisches Fundament, das in den Sammlungen bedeutender Museen wie der Staatsgalerie Stuttgart und dem Museum Ludwig in Köln bis heute nachwirkt.
Karl Albiker (1878–1961): In Ühlingen im Schwarzwald geborener Bildhauer, Lithograf und einflussreicher Hochschullehrer, der zu den bedeutendsten Vertretern einer autonomen, modernen Plastik in Deutschland zählt. Er studierte an der Kunstakademie Karlsruhe bei Hermann Volz, bildete sich um 1900 in Paris bei dem weltberühmten Auguste Rodin weiter und entwickelte nach einem mehrjährigen Rom-Aufenthalt eine Formsprache, die Naturvorbilder mit abstrahierenden Konstruktionen verband. Als Gründungsmitglied der Badischen Secession (1908) und Träger des renommierten Villa-Romana-Preises (1910) erlangte er früh nationale Anerkennung für seine ausdrucksstarken, oft im Grenzbereich zum Expressionismus angesiedelten Skulpturen. Von 1919 bis 1945 leitete er als Professor eine legendäre Bildhauerklasse an der Kunstakademie Dresden und war eng mit Künstlergrößen wie Karl Hofer und Otto Dix befreundet. Während der Zeit des Nationalsozialismus geriet sein Werk in ein tiefes Spannungsfeld: Einerseits wurden frühere Arbeiten in der Ausstellung „Entartete Kunst“ diffamiert, andererseits erhielt er monumentale öffentliche Großaufträge wie die Großplastiken für das Berliner Olympia-Gelände (1936). Nach der totalen Zerstörung seines Dresdner Ateliers im Jahr 1945 kehrte er in seine badische Heimat nach Ettlingen zurück, wo er sein Spätwerk vollendete. Albiker gilt als ein Meister, der die klassische Monumentalplastik radikal modernisierte, indem er das Wesentliche einer Figur betonte und die Bildhauerei in eine enge Wechselbeziehung zur Architektur und Gartenlandschaft stellte. Seine berühmten Werkgruppen (darunter feinsinnige weibliche Akte, ausdrucksstarke Porträtbüsten und heroische Denkmäler) prägten nachhaltig die plastische Kunst der deutschen Vorkriegs- und Nachkriegsmoderne.
Wilhelm Gerstel (1879–1963): In Bruchsal geborener Bildhauer, Medailleur und herausragender Hochschullehrer, der als eine der prägenden Säulen der figürlichen deutschen Bildhauerei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt. Er absolvierte zunächst eine Steinmetzlehre, studierte bis 1903 an der Karlsruher Akademie und erlangte bereits vor dem Ersten Weltkrieg mit wegweisenden Werken wie der Bauplastik für die Universität Freiburg (1910) und dem Hebel-Denkmal in Lörrach frühe Anerkennung. Als Gründungsmitglied der Badischen Secession (1927) hielt er zeitlebens eine tiefe Verbindung zum deutschen Südwesten, wirkte jedoch ab 1921 an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst in Berlin. Dort leitete er eine Bildhauerklasse in der Zwischenkriegszeit und wurde zum prägenden Mentor bedeutender Nachkriegsmeister wie Fritz Cremer, Gustav Seitz, Waldemar Grzimek und Hermann Blumenthal. Während der NS-Diktatur zog sich Gerstel, der nach 1933 keine öffentlichen Aufträge mehr erhielt, in die innere Emigration zurück, blieb jedoch als anerkannter Lehrer bis zum Kriegsende im Verborgenen aktiv. Nach dem Verlust seines Berliner Ateliers kehrte er 1946 nach Baden zurück, wo er ab 1949 an der Freiburger Akademie lehrte und sein Spätwerk vollendete. Gerstels Œuvre, das feinsinnige Aktdarstellungen, charakterstarke Porträtbüsten sowie bedeutende Architekturplastiken umfasst, zeichnet sich durch eine klassisch-tektonische Ruhe, formale Klarheit und subtile Oberflächenbehandlung aus. Als Bindeglied zwischen badischer Tradition und Berliner Bildhauerschule legte er ein praktisches wie pädagogisches Fundament, das die figurative Plastik der Moderne nachhaltig beeinflusste.
Hermann Geibel (1889–1972): In Freiburg im Breisgau geborener Bildhauer, Zeichner, Holzschnitzer und bedeutender Hochschullehrer, der als prägender Vermittler zwischen klassischen skulpturalen Prinzipien und den baubezogenen Formexperimenten der klassischen Moderne gilt. Er absolvierte eine zweigleisige Ausbildung an den Akademien in Dresden (1909) und München (1910–1913), wo er in der Bildhauerklasse des Adolf-von-Hildebrand-Schülers Erwin Kurz reifte und sich bei Heinrich von Zügel parallel auf die Tierdarstellung spezialisierte. Als frühes Mitglied der Münchener Secession (1913) erlangte er durch monumentale Hirschgruppen für das Sanatorium Bühlerhöhe erste nationale Anerkennung, bevor eine schwere Handverwundung im Ersten Weltkrieg ihn zwang, seine bildhauerische Technik grundlegend umzustellen. In der Zwischenkriegszeit stand er in München in engem Austausch mit Größen wie Karl Albiker, Toni Stadler und Ludwig Kasper und unternahm Studienreisen nach Paris zu Aristide Maillol, die seine Hinwendung zu einer blockhaft-geschlossenen, tektonisch klaren Figur festigten. Im Jahr 1934 wurde Geibel als Professor für Freies Zeichnen, Modellieren und angewandte Plastik an die Technische Hochschule Darmstadt berufen. Obwohl er der NSDAP den Beitritt verweigerte, geriet sein Schaffen in die kulturpolitischen Widersprüche der Diktatur: Während er mit Sportplastiken an den Kunstwettbewerben der Olympischen Spiele 1936 teilnahm, zog er sich in eine von innerer Emigration geprägte, reduzierte Formensprache zurück. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1957 – und darüber hinaus wirkend – drückte er dem Wiederaufbau und dem Stadtbild Darmstadts einen unverkennbaren Stempel auf. Geibels facettenreiches Œuvre, das neben feinsinnigen Bronze- und Holzplastiken (wie dem berühmten Liegenden Einhorn für den Einhornbrunnen) auch ausdrucksstarke Knabenfiguren, Akte und Tierbronzen umfasst, zeichnet sich durch eine vollkommene Balance aus innerer Ruhe, Naturbeobachtung und architektonischer Strenge aus. Als Brückenbauer der Vorkriegs- zur Nachkriegsmoderne schuf er ein praktisches Fundament für die Integration skulpturaler Kunst in den öffentlichen Raum.
Jakob Wilhelm Fehrle (1884–1974): In Schwäbisch Gmünd geborener Bildhauer, Maler, Zeichner und herausragender Bildchronist der klassischen figürlichen Plastik im 20. Jahrhundert. Nach einer handwerklichen Ausbildung zum Ziseleur studierte er an den Kunstakademien in Berlin bei August Gaul sowie in München bei Balthasar Schmitt. Um seine künstlerische Wahrnehmung international zu schärfen, lebte er in Rom und von 1911 bis 1914 in Paris. Dort am Montparnasse bewegte er sich im Umfeld der Avantgarde, arbeitete zeitweise im Atelier von Auguste Rodin und wurde tief von Aristide Maillol und Wilhelm Lehmbruck geprägt. 1919 kehrte er in seine Heimatstadt zurück, lehrte an der Staatlichen Höheren Fachschule und stieg zu einer regionalen bildhauerischen Ausnahmegestalt auf. Fehrles langes Schaffen spiegelt die politischen Brüche der Epochen wider: Seine Ambitionen auf dem Gebiet der Großplastik führten in der NS-Zeit zu repräsentativen Aufträgen für das Deutsche Reich (wie dem Gmünder Gefallenendenkmal von 1935), obgleich er zeitweise Werke durch Beschlagnahmung verlor und seine eigene Ehefrau mutig vor dem NS-„Euthanasie“-Programm rettete. Nach 1945 knüpfte er an die aufkommende Nachkriegsmoderne an und öffnete sich formal der geometrischen Abstraktion. Fehrles Werk zeichnet sich durch eine singuläre Zuwendung zum menschlichen Körper aus: Vor allem am weiblichen Aktmodell und in seinen anmutigen Muttergottes-Darstellungen balancierte er Statik und Bewegung sensibel aus. Er befreit die klassische Figur von akademischer Schwere und steigert sie zu grazilen, zeitlosen Bronzen, Terrakotten und feinen Zeichnungen. Als Träger des Bundesverdienstkreuzes (1954) und Schöpfer bedeutender Denkmäler und Porträtbüsten im öffentlichen Raum – wie der des Bundespräsidenten Theodor Heuss (1963) – sicherte er der figürlich-sensiblen Plastik einen absolut zentralen, epochenübergreifenden Platz in der Kunstgeschichte des deutschen Südwestens.

Kunst im deutschen Südwesten, Jakob Wilhelm Fehrle, Nach dem Bade, stehender Damenakt ein Tuch haltend, 1944, Höhe 65 cm, Terrakotta modelliert, gebrannt, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Fritz Nuss (1907–1999): In Göppingen geborener Bildhauer, Medailleur und herausragender Meister der figürlichen Nachkriegsplastik im deutschen Südwesten. Nach einer handwerklichen Ausbildung zum Ziseleur in Schwäbisch Gmünd studierte er an den Kunstakademien in München bei Hermann Hahn sowie in Stuttgart bei Ludwig Habich. Bereits 1943 zum Professor ernannt, geriet sein Schaffen durch die politische Anpassung und eine NSDAP-Mitgliedschaft in die Ambivalenzen der Diktatur. Ab 1952 leitete er zwanzig Jahre lang die Klasse für Plastisches Gestalten an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd und begründete dort eine einflussreiche Bildhauerdynastie (darunter sein Sohn Karl Ulrich Nuss). Nuss’ Werk zeichnet sich durch eine singuläre Evolution der menschlichen Figur aus: Während seine frühen Arbeiten der 1930er- und 1940er-Anfänge von geschlossenen Konturen und klassisch-idealer Formstrenge geprägt waren, öffnete er sich ab den 1950er-Jahren – inspiriert durch Henry Moore – spürbar der organischen Abstraktion. Er brach die geschlossenen Volumina auf, betonte die raue Materialität des Modelliertons und steigerte seine Bronzen im Spätwerk zu raumgreifenden, zutiefst sinnlichen und dynamisch-barocken Bewegungschiffren. Als Schöpfer zahlreicher populärer Werke im öffentlichen Raum – wie den markanten Reliefplatten für die Stuttgarter Liederhalle (1956) oder dem „Sitzenden lesend“ vor der Stadtbibliothek – sowie als spiritus rector des Skulpturenpfads in den Weinbergen seines langjährigen Wohnorts Strümpfelbach sicherte er der traditionsbewussten, aber modern reformierten Menschenplastik einen absolut zentralen, identitätsstiftenden Platz in der Kunstgeschichte Baden-Württemberg.

Kunst im deutschen Südwesten, Fritz Nuss, Strumpfanziehende, 1943, Bronze, 26 cm x 11,2 cm x 15,3 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Fritz Nuss, Stehende II, 1948, Bronze, 181,5 cm x 54 cm x 55 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Fritz Nuss, Wasserschöpferinnen, 1979, Bronze, 42,5 cm x 47 cm x 34 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Fritz Nuss, Stehende I, 1970, Bronze, 100,5 cm x 30 cm x 28 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Fritz Nuss, Stehende, 1986 1987, Bronze, 212 cm x 74 cm x 45 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
KONSOLIDIERUNG DER ABSTRAKTION, FARBFELDMALEREI, SKRIPTUALER EXPRESSIONISMUS, INFORMEL & EXISTENTIELLE FIGURATION IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1960er Jahre
In den 1960er Jahren festigte sich der Ruf Stuttgarts als Zentrum der ungegenständlichen Kunst. Die Auseinandersetzung mit der reinen Fläche, der harten geometrischen Kante (Hard Edge) und der informellen Plastik dominierte.
STILE & STRÖMUNGEN
Informel
Farbfeldmalerei
Konkrete Kunst
Konstruktivismus
Minimal Art
ungegenständliche Plastik
informeller Bronzeguss.
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
Emil Schumacher (1912–1999): In Hagen geborener Maler, Grafiker und weltweit gefeierter Hauptakteur des deutschen Informel sowie des abstrakten Expressionismus. Nach seinem Grafikdesignstudium in Dortmund und auferlegter Arbeit als technischer Zeichner während des Zweiten Weltkriegs vollzog er Anfang der 1950er-Jahre – inspiriert durch eine Begegnung mit dem Maler Wols in Paris – eine radikale Abkehr von jeglicher Figuration. Um die Malerei aus der reinen Fläche in die Dreidimensionalität zu führen, entwickelte er eine eruptive, physisch fassbare Bildsprache: Seine Leinwände und Holzträger behandelte er nicht als Kompositionsflächen, sondern als Aktionsräume, die er mitunter brachial mit Werkzeugen zerfurchte oder mit dem Hammer zertrümmerte. Als langjähriger Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe (1966–1977) prägte er über Jahrzehnte auch die Kunstlandschaft des deutschen Südwestens nachhaltig. Schumachers Werk zeichnet sich durch eine singuläre, archaische Materialästhetik aus: Sowohl in seinen monumentalen Farblandschaften als auch in seinen taktilen Objekten mischte er Sand, Asche, Sisal oder Draht direkt in die Farbmaterie, wodurch reliefartige Oberflächen von vulkanischer Urgewalt entstanden. Als dreifacher documenta-Teilnehmer (1959, 1964, 1977), Gewinner des renommierten Guggenheim Awards (1958) und Schöpfer eines monumentalen Wandbildes im Berliner Reichstagsgebäude sicherte er der gestischen Materialabstraktion einen unumstößlichen, international vernetzten Spitzenplatz in der europäischen Nachkriegsavantgarde.
Klaus Jürgen-Fischer (1930–2017): In Krefeld geborener Maler, Grafiker und bedeutender Kunsttheoretiker, der nach Studien in Düsseldorf und Stuttgart (unter anderem bei Willi Baumeister) jahrzehntelang im Südwesten wirkte. Jürgen-Fischer erlangte monumentale Bedeutung als Herausgeber der führenden Kunstzeitschrift das kunstwerk in Baden-Baden (1962–1974), durch die er die internationale und regionale Abstraktion theoretisch untermauerte. Als Maler gründete er 1960 die avantgardistische Gruppe „SYN“ und wandte sich gegen das regellose Informel. Sein eigenes Werk suchte eine Synthese aus freier Geste und geometrischer Ordnung. Seine subtilen, oft monochromen „synchromen“ Gemälde untersuchten die Rhythmik von feinen Linienrastern und Farbschichtungen im Licht, wodurch er eine der wichtigsten intellektuellen und meditativen Positionen des Südwestens begründete.
Bert Jäger (1919–1998): In Karlsruhe geborener Maler, Grafiker und Essayist, der nach Kriegsdienst und Gefangenschaft ab 1948 in Freiburg im Breisgau lebte und arbeitete. Jäger gilt als der kompromissloseste Pionier der abstrakten Malerei und des Informel in Südbaden. Weitgehend als Autodidakt gestartet, löste er sich radikal von der landschaftlichen Tradition der Region und entwickelte eine hochdynamische, gestische Bildsprache. Seine wuchtigen, prozesshaften Material- und Strukturbilder leben von der Schichtung, Verletzung und eruptiven Überlagerung reiner Farbmaterie. Als Mitbegründer der avantgardistischen „Breisgauer Sezession“ (1954) und enger Freund von Intellektuellen und Künstlern der Nachkriegszeit war er der entscheidende intellektuelle Motor, der die ungegenständliche Moderne im Südwesten jenseits der Stuttgarter und Karlsruher Zentren verankerte.
Hans-Martin Erhardt (1935–2015): In Emmendingen geborener Maler und Grafiker. Er studierte ab 1956 an der Karlsruher Kunstakademie unter anderem bei HAP Grieshaber und Albert Gehmar. Erhardt entwickelte ein unverwechselbares Werk, das sich im Spannungsfeld zwischen expressiver Geste und geometrischer Disziplin bewegt. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine präzise, oft serielle Erforschung von Formen und Chiffren aus, in denen Landschafts-, Architektur- und Körperfragmente zu dichten, rhythmischen Farb-Raum-Gefügen abstrahiert werden. Erhardt leistete damit einen wesentlichen, eigenständigen Beitrag zur Modernisierung der Grafik und Malerei der Karlsruher Schule ab den 1960er Jahren.
Herbert Kitzel (1928–1978): In Halle an der Saale geborener Maler und Grafiker, der nach seinem Studium an der dortigen Kunstschule Burg Giebichenstein 1957 in den Westen floh und bereits 1958 als Professor an die Karlsruher Kunstakademie berufen wurde. Kitzel gilt als einer der wichtigsten und zugleich melancholischsten Grenzgänger zwischen Figuration und informeller Abstraktion. Seine Bildwelten sind von einer tiefen existenziellen Einsamkeit geprägt; obsessiv thematisierte er maskierte Gestalten, Gaukler, Clowns und fragile Torsi, die sich oft wie geisterhafte Schemen hinter Schleiern aus gedämpften, erdigen Farbschichten hervorheben. Als Lehrer übte er einen fundamentalen, prägenden Einfluss auf Künstler wie Hans Baschang aus und stabilisierte das figurative Erbe im Südwesten gegen den reinen Zeitgeist der Gegenstandslosigkeit.
Georg Karl Pfahler (1926–2002): In Emetzheim geborener Maler, Grafiker und Objektdesigner. Er studierte von 1948 bis 1954 an der Stuttgarter Kunstakademie unter anderem bei Willi Baumeister und prägte den Südwesten über Jahrzehnte hinweg. Pfahler gilt als der international herausragendste Pionier der Hard-Edge-Malerei und des Color-Field-Painting in Deutschland. Nachdem er sich Ende der 1950er Jahre vom Informel gelöst hatte, erforschte er in seinen monumentalen Werken die reine, scharf abgegrenzte Farbwirkung als eigenständigen Raumkörper. Seine Blockformationen und architektonischen Farbkonzepte brachen radikal mit jeglicher Bildillusion. Als deutscher Vertreter auf der Biennale von Venedig (1970), Teilnehmer der documenta 4 (1968) und Träger des Hans-Molfenter-Preises der Stadt Stuttgart (1984) hob er die ungegenständliche Kunst der Region auf internationales Spitzenniveau.

Kunst im deutschen Südwesten, Georg Karl Pfahler, Struk Nr.15 C, 1958, 100 cm x 125 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Georg Karl Pfahler, Formativ Nr. 3/II, 1959-1960, 145 cm x 84 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Georg Karl Pfahler, Warschau Zyklus 1A(9), 1964-1971, 200 cm x 200 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Friedrich Sieber (1925–2002): In Reichenberg (Tschechoslowakei) geborener Maler, Grafiker und wegweisender Mitbegründer der avantgardistischen Nachkriegsabstraktion im Südwesten. Nach Kriegsdienst, Vertreibung und Gefangenschaft kam er 1950 nach Stuttgart, wo er an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste bei Manfred Henninger studierte. Auf der Suche nach radikal neuen Ausdrucksformen gründete er dort 1956 gemeinsam mit Georg Karl Pfahler, Günther C. Kirchberger und Attila Biró die legendäre „Gruppe 11“. Diese lose Künstlervereinigung verschrieb sich dem internationalen Impuls des Action Painting und des gestischen Informel, um die traditionelle Malerei durch explosive, ungebremste Spontaneität aufzubrechen. Siebers Werk zeichnet sich durch eine bemerkenswerte stilistische Evolution und eine singuläre Erforschung von Farbbewegungen aus: Während seine frühen, teils stürmischen Mischtechniken der 1950er-Jahre wie „Bedrängtes Blau“ ganz der rauen, emotionalen Materie des Informel verpflichtet waren, vollzog er Anfang der 1960er-Anfänge eine bewusste Wende hin zu größerer struktureller Disziplin. Er beruhigte den Pinselduktus und fand zu einer klaren, zeichenhaften Formensprache, in der er konstruktive Bildelemente organisch mit den flächigen Gesetzen der Farbfeldmalerei verwob. In seinen komplexen Serien wie den „Drehimpulsen“ steigerte er das kontrollierte Fließen von Acryl- und Ölfarben zu geometrisch austarierten Schwingungen. Als tragendes Mitglied der Stuttgarter Schule und unermüdlicher Experimentator über die Genregrenzen hinweg sicherte er dem dynamischen Übergang von der gestischen zur kalkulierten Abstraktion einen absolut prägenden, international geschätzten Platz in der Kunstgeschichte des deutschen Südwestens.

Kunst im deutschen Südwesten, Friedrich Sieber, ohne Titel Farbabstraktion, 1980-1982, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 100 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Anton Stankowski (1906–1998): In Gelsenkirchen geborener Grafiker, Fotograf, Maler und herausragender Medientheoretiker. Nach prägenden Wanderjahren in Essen und Zürich, wo er wesentliche Impulse der Schweizer Konkreten erhielt, ließ er sich 1951 endgültig in Stuttgart nieder. Stankowski gilt als das international genialste Genie an der Schnittstelle von Konkreter Kunst und richtungsweisendem Kommunikationsdesign. Er hob die Trennung zwischen freier Bildkunst und funktionaler Grafik radikal auf: Seine theoretisch untermauerten „Angewandten Stile“ übersetzten komplexe physikalische, technische oder wirtschaftliche Prozesse in minimalistische, geometrische Linienstrukturen und Farbchiffren von absoluter Identitätskraft. Weltberühmt wurde er durch Corporate-Design-Meilensteine wie das schräge Quadrat-Logo der Deutschen Bank. Als langjähriger Vorsitzender des Beirats der legendären Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm, Gewinner des Kulturpreises der Stadt Stuttgart (1991) und Gründer der Stankowski-Stiftung prägte sein rationales, visuelles Erbe die Bildsprache des deutschen Südwestens nachhaltig auf weltweitem Spitzenniveau.

Kunst im deutschen Südwesten, Anton Stankowski, 4 Quadratprozessionen, 1990, Acryl auf Leinwand, 89,5 cm x 89,5 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Günter Neusel (1930–2020): In Kassel geborener Bildhauer, Maler und herausragender Vertreter der konstruktiven und Konkreten Kunst. Nach seinem Kunststudium in Düsseldorf, Berlin und Kassel kam er 1958 als freischaffender Künstler nach Stuttgart, wo er sich schnell dem avantgardistischen Kreis um den Philosophen Max Bense anschloss. Um seine streng rationale, geometrische Formensprache weiterzuentwickeln, verbrachte er prägende Jahre im Südwesten und lehrte schließlich ab 1974 als einflussreicher Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Neusels Werk zeichnet sich durch eine singuläre mathematisch-räumliche Präzision aus: Sowohl in seinen dreidimensionalen Skulpturen als auch in seinen seriellen Siebdrucken (wie den „Verdeckten Fachwerken“) befreite er die geometrische Form von jeglicher abbildenden oder emotionalen Funktion und steigerte sie zu autonomen, rational austarierten Strukturen aus Linien, Quadraten und Primärfarben. Als früher Preisträger des renommierten Kulturkreises der deutschen Wirtschaft (ars viva, 1956) und langjähriges Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg sicherte er der rationalen, konstruktiven Abstraktion einen absolut prägenden, international vernetzten Platz in der Nachkriegsmoderne des deutschen Südwestens.
Felix Schlenker (1920–2010): In Schwenningen am Neckar geborener Maler, Grafiker, Objektkünstler und herausragender Wegbereiter der Konkreten Kunst und konstruktiven Abstraktion im deutschen Südwesten. Nach autodidaktischen Studien nach 1945 und frühen künstlerischen Bezügen zu Paul Klee entwickelte er ab den späten 1950er Jahren eine völlig eigenständige Formensprache. Zunächst sammelte er im kriegszerstörten Umfeld Relikte und Schutt, um daraus in der postdadaistischen Tradition von Kurt Schwitters erste, dem Informel verpflichtete Materialbilder und Assemblagen zu formen. Ab 1964 radikalisierte er sein Schaffen hin zu asketischer Strenge: Er beschränkte sich fast ausschließlich auf das quadratische Format und reduzierte seine Arbeiten auf monochrome Bildobjekte, serielle Lackbilder oder rhythmisch angeordnete Hufeisennägel auf Holzplatten. Schlenkers Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus konstruktiver Ordnung und meditativer Materialästhetik aus: Sowohl in seinen strukturierten Reliefs als auch in seinen feinen Aquarellen befreite er die geometrische Struktur von emotionalem Pathos und steigerte das Wechselspiel aus Raum, Licht und feinen Schattenwirkungen zu visuellen Ruhepolen von Zen-buddhistischer Qualität. Als Mitbegründer des einflussreichen „Forum Kunst Rottweil“ prägte er die Kulturregion nachhaltig und sicherte der reduzierten Objektkunst des Südwestens als Träger des Professorentitels ehrenhalber des Landes Baden-Württemberg einen absolut gleichrangigen, international vernetzten Platz in der Nachkriegsavantgarde.
Bernd Berner (1930–2002): In Hamburg geborener Maler, Grafiker und bedeutender Kunstpädagoge, der nach Studien in Hamburg, Paris und Stuttgart (u. a. bei Willi Baumeister) ab 1952 fest in Stuttgart lebte und von 1971 bis 1994 als Professor an der Hochschule in Pforzheim lehrte. Berner gilt kunsthistorisch als einer der profiliertesten Pioniere des Post-Informel und des autonomen Farbraums in Deutschland. Ab Mitte der 1960er Jahre fokussierte er sein gesamtes Schaffen auf das sogenannte „Flächenbild“. Dabei löste er die informelle Geste in dichte, strukturierte Geflechte aus zahllosen, gitterartigen Pinselstrichen und übereinandergelegten Farblasuren auf. Berners Gemälde besitzen keine Gegenständlichkeit oder geometrische Begrenzung; sie leben ausschließlich von der inneren Vibration, der Dichte und der atmosphärischen Tiefenwirkung pulsierender Farbschichten. Als langjähriges Vorstandsmitglied des Deutschen Künstlerbundes hinterließ er eine der stringentesten und meditativsten Positionen der ungegenständlichen südwestdeutschen Kunstgeschichte.

Kunst im deutschen Südwesten, Bernd Berner, Flächenraum, 1963-1964, 130,5 cm x 110,5 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Rolf-Gunter Dienst (1942–2016): In Kiel geborener Maler, Grafiker, einflussreicher Kunstkritiker und herausragender Protagonist der deutschen Nachkriegsabstraktion. Er kam Mitte der 1960er-Jahre nach Stuttgart, wo er mit der Gründung der Künstlergruppe SYN (1965) die Abkehr vom rein emotionalen Informel einleitete, und lehrte später als langjähriger Professor an der Kunstakademie Nürnberg. Um seine künstlerische Sprache international zu schärfen, verbrachte er in den späten 1960er- und 1970er-Jahren prägende Arbeitsaufenthalte in New York, wo er sich intensiv mit dem amerikanischen Color Field Painting und dem Minimalismus auseinandersetzte. Als langjähriger Redakteur der renommierten Zeitschrift Das Kunstwerk prägte er über Jahrzehnte den kunstkritischen Diskurs der Bundesrepublik. Diensts Werk zeichnet sich durch eine singuläre, skripturale Rhythmik aus: Sowohl in seinen großformatigen Ölbildern als auch in seinen nuancierten Zeichnungen befreite er die Linie von jeglicher abbildenden Funktion und steigerte sie zu autonomen, tief poetischen Rastern aus winzigen, asemantischen Chiffren. Als zweifacher Villa-Massimo-Stipendiat, Träger des Bundesverdienstkreuzes und prägende Figur im Grenzbereich von Visueller Poesie und Malerei sicherte er der systematischen, aber zutiefst lyrischen Abstraktion einen absolut singulären, international vernetzten Platz in der deutschen Kunstgeschichte.
Markus Prachensky (1932–2011): In Innsbruck geborener Maler, Grafiker und prägender Pionier des europäischen Informel. Nach seinem Studium der Architektur und Malerei an der Akademie der bildenden Künste Wien gründete er 1956 gemeinsam mit Hollegha, Mikl und Rainer die avantgardistische Gruppe um die Galerie nächst St. Stephan. Ab Ende der 1950er-Jahre trat Prachensky in intensiven, befruchtenden Austausch mit der südwestdeutschen Kunstszene, flankiert durch wegweisende Galeriepräsentationen und Museumsbegegnungen im Stuttgarter und Karlsruher Raum. Prachenskys Œuvre ist ein radikales Monument der reinen, ungebändigten Geste: Seine weltberühmten, hochexpressiven Zyklen (wie Rot auf Weiß, St. Stephan oder seine späteren italienischen Reisebilder) bannen eruptive, gewaltige Farbschwünge – dominiert von einem eigens gemischten, unverkennbaren Prachensky-Rot – auf die Leinwand. Als internationaler Fixstern der Aktions- und Informelmalerei brachte er eine ungestüme, architektonisch-rhythmische Wucht in den abstrakten Diskurs des Südwestens ein und etablierte die physische Präsenz der Farbe als reines Energieereignis.
Lothar Quinte (1923–2000): In Insterburg geborener Maler, Grafiker und bedeutender Wegbereiter der Farbfeld- und Lichtkunst. Nach seinem Studium an der Kunstschule Bernstein (Bernsteinschule) bei HAP Grieshaber und Hans Paul Schmohl wirkte er jahrzehntelang im Südwesten (u. a. in Wettelbrunn). Quinte gilt kunsthistorisch als eine der profiliertesten Galionsfiguren der deutschen Op-Art und meditativen Lichtfeldmalerei. Seine frühen Arbeiten waren noch vom Informel geprägt, doch ab den frühen 1960er Jahren reduzierte er seine Bildsprache radikal auf die Erforschung von geometrischen Systemen, Fächerbündelungen, strahlenden Farbgrenzen und den berühmten Schlitzbildern, bei denen feine, vertikale Lichtspalten die Monochromie der Leinwand spannungsvoll durchbrechen. Neben seinen Gemälden schuf er ein international wegweisendes Œuvre an architekturbezogener Kunst, darunter die monumentalen Fensterzyklen für den Dom zu Speyer oder die Kirche St. Andreas in Karlsruhe. Als Teilnehmer der documenta 4 (1968) und Gastdozent an der Stuttgarter Akademie (1959/1960) hob er das Wechselspiel von Farbe, Raum und optischer Vibration auf internationales Spitzenniveau.
K.R.H. Sonderborg (1919–2000): Eigentlich Karl Robert Harvey Sonderborg, in Sønderborg (Dänemark) geborener Maler und Grafiker. Nach Studien in Hamburg und Paris (Atelier Hayter) wurde er 1965 als Professor an die Stuttgarter Kunstakademie berufen, wo er bis 1985 eine der einflussreichsten Klassen leitete. Sonderborg gilt als einer der international radikalsten Hauptvertreter des deutschen Informel und der Aktionsmalerei. Seine Werke – fast ausschließlich auf kontrastreiches Schwarz-Weiß-Rot reduziert – entstanden oft in eruptiven, rasanten Malsitzungen unter dem Einfluss von Jazzmusik. Unter Einsatz von unkonventionellen Werkzeugen wie Spachteln, Kratzern, Rasierklingen oder Autowischern riss, schleuderte und strukturierte er die Farbe auf den Untergrund. Diese Bilder fangen die nackte Dynamik von Zeit, Rhythmus und Bewegung ein und verweisen metaphorisch auf urbane Architekturen und technische Landschaften. Als dreifacher documenta-Teilnehmer (1959, 1964, 1977), Vertreter Deutschlands auf der Biennale von Venedig (1958) und Gewinner des Hans-Molfenter-Preises der Stadt Stuttgart (1987) verankerte er die internationale Aktionsavantgarde unwiderruflich im Südwesten.
Rudolf Haegele (1926–1998): In Schömberg bei Rottweil geborener Maler, Glasgestalter und einflussreicher Hochschullehrer der baden-württembergischen Nachkriegsmoderne. Schockiert von den traumatischen Erlebnissen im Kriegsdienst bei der Kriegsmarine, verwarf er seinen ursprünglichen Wunsch, Ingenieur zu werden, und wählte die Malerei als Instrument des existenziellen Protests und gesellschaftlichen Wandels. Nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Fritz Steisslinger und Hermann Sohn (1946–1948) sowie einem prägenden Pariser Stipendiaten-Aufenthalt stieg er zu einer zentralen Leitfigur der regionalen Kunstszene auf. Er amtierte ab 1968 als Vorsitzender der Stuttgarter Sezession und leitete von 1965 bis 1992 als angesehener Professor fast drei Jahrzehnte lang eine eigene Malklasse an der Stuttgarter Kunstakademie. Haegeles Werk zeichnet sich durch eine singuläre existentielle Materialtiefe aus: Sowohl in seinen vielschichtigen Leinwandgemälden als auch in seinen monumentalen Glasfenstern für kommunale und sakrale Räume befreite er das Bild von glatten Oberflächen. Tief beeinflusst von der Philosophie Albert Camus’ und dem französischen Existenzialismus, mischte er Sand und andere Werkstoffe in die Farbmaterie, um durch Schichtung und anschließendes brachiales Auskratzen raue, verletzte Fels- und Mauerstrukturen sowie kryptische Schriftzeichen freizulegen. Als engagierter Pädagoge und unermüdlicher Sucher nach der Conditio humana sicherte er der materialbetonten, philosophisch aufgeladenen Abstraktion einen absolut zentralen, unverwechselbaren Platz im kulturellen Erbe des deutschen Südwestens.

Kunst im deutschen Südwesten, Rudolf Haegele, Palimpsest VOLTERRA, 1981, 195 cm x 163 cm, Mischtechnik auf Leinwand, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Kunst im deutschen Südwesten, Rudolf Haegele, Dreiteiliges Bild Rivoli, 1974 1975, Mischtechnik auf Platte, 60 cm x 131 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
FORMREDUKTIONEN & FORMPRÄZISIONEN IN DER FIGURATIVEN BILDHAUEREI DES DEUTSCHEN SÜDWESTENS
Otto Baum (1900–1977): In Leonberg geborener Bildhauer und einflussreicher Hochschullehrer, der als einer der bedeutendsten Wegbereiter der abstrakten und formreduzierten Nachkriegsplastik im deutschen Südwesten gilt. Nach einer Farbenmischer-Lehre studierte er an der Stuttgarter Kunstakademie und unternahm prägende Studienreisen nach Italien und Paris, wo er sich früh von der mimetischen, rein abbildenden Bildhauerei abwandte. Während der Zeit des Nationalsozialismus geriet er kulturpolitisch ins Abseits, erhielt Ausstellungsverbot und musste seine Kunst im Verborgenen weiterentwickeln. Trotz dieser Isolation verfolgte er konsequent den Weg der extremen Formvereinfachung hin zur autonomen, reinen Plastik, für die ihn internationale Kollegen wie Hans Arp und Henry Moore tief schätzten. Im Jahr 1946 folgte die späte Anerkennung: Er wurde als Professor an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart berufen, wo er bis 1965 eine der prägendsten Bildhauerklassen (Herbert Baumann, Dieter Bohnet, Reinhold G. Müller, Ursula Sachs) der Region leitete. Baums berühmte Werkgruppen (darunter stark abstrahierte, blockhafte Tierplastiken und menschliche Torsi) untersuchten das organische Spannungsverhältnis von Volumen, Masse und Raum im Sinne der klassischen Moderne. Als Teilnehmer der historischen documenta 1 (1955) in Kassel sowie durch zahlreiche monumentale Aufträge legte er ein fundamentales, kompromissloses Fundament für die Akzeptanz ungegenständlicher Skulptur im öffentlichen Raum des Südwestens.
Walter Schelenz (1903–1987): In Karlsruhe geborener Bildhauer und Kulturorganisator, der als einer der profiliertesten Vermittler zwischen Figuration und Abstraktion in der badischen Kunst des 20. Jahrhunderts gilt. Nach einer Ausbildung zum Tierpräparator studierte er an der Kunstakademie Dresden bei Karl Albiker, der ihn 1926 zum Meisterschüler ernannte. Ab 1927 wirkte er als freischaffender Künstler in Berlin und Neubabelsberg, wo er in engem, fruchtbarem Austausch mit Weggefährten der Ateliergemeinschaft Klosterstraße (darunter Gustav Seitz und Hermann Blumenthal) stand. Der Zweite Weltkrieg bedeutete eine tiefe Zäsur: Als technischer Zeichner zur Luftwaffe eingezogen, verlor er bei den Bombenangriffen auf Berlin fast sein gesamtes, bis dahin rein figürliches Frühwerk. Nach Kriegsende schlug er im Schwarzwald Wurzeln, gründete 1947 die Kunsthandwerk-Schule im Schloss Bonndorf und leitete von 1954 bis 1961 als Erster Vorsitzender den Berufsverband Bildender Künstler (BBK) Südbaden. Mit seinem Umzug nach Freiburg im Breisgau (1955) vollzog Schelenz eine radikale stilistische Neuausrichtung: Er löste sich schrittweise von der reinen Naturform und wandte sich abstrakten, surreal anmutenden Bronze-Konstruktionen zu. Seine berühmten Werkgruppen und filigranen Reliefs (wie Formenspiel im Raum oder Verloren in Zeit und Raum) untersuchten die Balance zwischen plastischem Volumen, geometrischen Achsen und kosmischer Leere. Ausgezeichnet mit dem Kunstpreis Oberrhein (1959) und dem Reinhold-Schneider-Preis (1970) sowie geehrt als Gast der Villa Massimo in Rom (1973), wurde ihm 1977 der Professorentitel verliehen. Schelenz’ Arbeiten, die heute unter anderem im Museum für Neue Kunst Freiburg bewahrt werden und zahlreiche öffentliche Bauten der Region zieren, bilden ein intellektuell wie handwerklich meisterhaftes Fundament der südbadischen Nachkriegsmoderne.
Gustav Seitz (1906–1969): In Mannheim geborener Bildhauer, Zeichner und herausragender Hochschullehrer, der als einer der bedeutendsten Meister der figürlichen Plastik in Deutschland gilt. Er absolvierte eine Steinmetzlehre in Mannheim, studierte an den Kunstakademien in Karlsruhe und Berlin und reifte als Meisterschüler des renommierten Wilhelm Gerstel an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst. In den 1930er-Jahren arbeitete er im fruchtbaren Umfeld der legendären Ateliergemeinschaft Klosterstraße in Berlin, zu der auch Künstler wie Käthe Kollwitz gehörten. Nach Kriegsdienst, Gefangenschaft und dem Totalverlust seines Ateliers durch Bombenangriffe prägte er die deutsche Nachkriegskunst maßgeblich als Brückenbauer in einem geteilten Land: Er lehrte ab 1950 als Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin-Weißensee (DDR) und folgte 1958 einem Ruf an die Hochschule für bildende Künste Hamburg. Seitz’ berühmte Werkgruppen (darunter feinsinnige Porträtbüsten bedeutender Zeitgenossen wie Thomas Mann und Bertolt Brecht, monumentale Denkmäler wie das Käthe-Kollwitz-Denkmal auf dem Berliner Kollwitzplatz sowie sinnlich-voluminöse weibliche Akte) untersuchten das organische Wachstum von Formen, die menschliche Würde und die ausdrucksstarke Reduktion des Körpers auf das Wesentliche. Als zweifacher Teilnehmer der documenta (1955 und 1959) und Vizepräsident der Akademie der Künste in Berlin legte er das intellektuelle und handwerkliche Fundament für eine zeitlose, humanistisch geprägte Bildhauerei der Moderne. Seine künstlerische Hinterlassenschaft wird heute durch die Gustav-Seitz-Stiftung in Trebnitz (Brandenburg) bewahrt.
Fritz Ruoff (1906–1986): In Nürtingen geborener Bildhauer, Maler und Grafiker, der neben Willi Baumeister und HAP Grieshaber zu den profiliertesten Wegbereitern der abstrakten Nachkriegskunst im deutschen Südwesten zählt. Er absolvierte zunächst eine Holzbildhauerlehre und studierte anschließend von 1927 bis 1931 an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule, wo er als Meisterschüler des renommierten Alfred Lörcher bereits früh den Weg hin zu einer radikalen Abstraktion des menschlichen Körpers beschritt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde er 1933 aus politischen Gründen zum Verlassen der Schule gezwungen und arbeitete fortan isoliert als freischaffender Künstler. Nach Kriegsdienst und der Heirat mit seiner Lebens- und Schaffenspartnerin Hildegard Scholl gründete er 1947 unter anderem mit Grieshaber die avantgardistische Künstlergruppe „Die Freunde“ und trat in einen engen kreativen Austausch mit Willi Baumeister. Ruoffs facettenreiches Œuvre zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Eigenständigkeit aus: Seine skulpturalen Werkgruppen entwickelten sich von stark vereinfachten, organisch-runden Holz- und Bronzeplastiken hin zu strengen, geometrischen Reliefs und monumentalen Stahlplastiken im öffentlichen Raum. Parallel dazu bildete die eigenständige Zeichnung und die Farbgrafik (insbesondere leuchtende Farbserigrafien) ein lebenslanges, gleichberechtigtes Fundament seines Schaffens. Als gefragter Meister für „Kunst am Bau“ gestaltete er in den Nachkriegsjahrzehnten zahlreiche Kirchenfenster und Großobjekte in Baden-Württemberg. Sein bleibendes intellektuelles und praktisches Fundament wird heute durch die 2003 gegründete Fritz und Hildegard Ruoff Stiftung in seiner Heimatstadt bewahrt, wo auch die Fritz-Ruoff-Schule als lebendiges Denkmal an sein kompromissloses Bekenntnis zur Moderne erinnert.
Rudolf Daudert (1903–1988): In Metz (Lothringen) geborener Bildhauer, Maler, Zeichner und herausragender Hochschullehrer, der als einer der wichtigsten und einflussreichsten Pädagogen für die figurative Bildhauerei der Nachkriegszeit im deutschen Südwesten gilt. Er studierte ab 1921 an der Kunstakademie Königsberg in der Klasse von Hermann Brachert und absolvierte parallel eine handwerkliche Lehre zum Steinmetz. Bereits in seiner frühen ostpreußischen Phase erlangte er durch ausdrucksstarke Bauplastiken, Beton-Reliefs sowie Gedenktafeln und Bronze-Büsten im öffentlichen Raum rasch künstlerische Anerkennung. Nach den tiefen Zäsuren des Zweiten Weltkriegs und der Vertreibung fand Daudert in Stuttgart eine neue Heimat, wo er von 1947 bis 1970 als Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart wirkte. In dieser über zwei Jahrzehnte währenden Lehrtätigkeit formte er eine legendäre Klasse und wurde zum richtungsweisenden Mentor für eine ganze Generation bedeutender Nachkriegskünstler, darunter Otto Herbert Hajek, Karl-Henning Seemann, Jürgen Weber, Jan Peter Tripp und Doris Waschk-Balz. Stilistisch blieb Daudert zeitlebens konsequent der Figürlichkeit verhaftet, verweigerte sich jedoch dem akademischen Realismus zugunsten einer sparsamen, aufs Wesentliche reduzierten Formensprache. Seine berühmten Werkgruppen umfassen klein- und mittelformatige Torsi, Reliefplatten sowie sensible Porträtbüsten – wie jene für das Haus Baden-Württemberg in Bonn oder die Universitätsbibliothek Tübingen. Die in Stein, Bronze und insbesondere in oft farbiger Terrakotta ausgeführten Plastiken zeichnen sich durch eine reiche, bewusst rau belassene Oberflächenstruktur aus, die den handwerklichen Entstehungsprozess lebendig sichtbar macht. Als Brückenbauer zwischen klassischem Handwerk und moderner Abstraktion legte Daudert ein praktisches wie pädagogisches Fundament, das durch große Retrospektiven, unter anderem in den Städtischen Museen Heilbronn (1980) oder im Gerhard-Marcks-Haus in Bremen (1983), bleibende kunsthistorische Würdigung erfuhr.
Waldemar Grzimek (1918–1984): In Rastenburg (Ostpreußen) geborener Bildhauer, Grafiker und herausragender Hochschullehrer, der als einer der bedeutendsten und eigenständigsten Meister der figurativen Plastik im geteilten Nachkriegsdeutschland gilt. Aufgewachsen in Berlin, wurde sein außergewöhnliches Talent früh im Zoologischen Garten entdeckt, wo er als Junge unter der Anleitung von Hugo Lederer erste Tierplastiken modellierte. Er absolvierte eine Steinmetzlehre bei Philipp Holzmann, studierte an der Berliner Hochschule der Bildenden Künste und wurde 1941 Meisterschüler des renommierten Wilhelm Gerstel, ehe er 1942 mit dem Villa-Massimo-Preis in Rom ausgezeichnet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog Grzimek ein kunsthistorisches Kunststück als wandernder Brückenbauer zwischen den Systemen: Er lehrte zunächst an der Kunstschule Burg Giebichenstein in Halle (1946–1948), als Professor an der HBK Berlin-Charlottenburg im Westen (1948–1951) sowie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee im Osten (1956–1961). Am Tag des Mauerbaus 1961 verblieb er im Westen, schuf in Friedrichshafen ein neues Atelier und wirkte ab 1968 für fast zwei Jahrzehnte als prägender Professor für Plastisches Gestalten an der Technischen Hochschule Darmstadt. Stilistisch blieb Grzimek zeitlebens unerschütterlich der menschlichen und tierischen Figur verbunden, die er mit expressiver Vitalität, rauen Oberflächenstrukturen und tektonischer Spannung auflud. Seine berühmten Werkgruppen (darunter sinnliche, vitale Frauenakte wie die Schwimmerin, charakterstarke Porträts und ausdrucksvolle Tierbronzen) untersuchten das vitale Kraftspiel von Volumen im realen Raum. Als Schöpfer bedeutender öffentlicher Monumente – wie dem Mahnmal für die Gedenkstätte Sachsenhausen (1961) oder der David-Statue Der Bedrohte II (1969) – sowie als Autor des Standardwerks Deutsche Bildhauer des zwanzigsten Jahrhunderts (1969) legte er ein intellektuelles und praktisches Fundament, das die figurative Bildhauerkunst der Moderne über politische Grenzen hinweg nachhaltig prägte.
Wilhelm Loth (1920–1993): In Darmstadt geborener Bildhauer, der nach prägenden Lehrjahren bei Toni Stadler und Fritz Schwarzbeck ab 1958 als Professor für Bildhauerei an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe berufen wurde (wo er bis 1986 lehrte). Loth gilt als einer der radikalsten Erneuerer der gegenständlichen Plastik im Deutschland der Nachkriegszeit. Berühmt wurde er für seine obsessive, lebenslange Auseinandersetzung mit dem weiblichen Torso und Körperfragmenten. Seine Skulpturen aus Bronze, Aluminium und später eingefärbten Kunststoffen brachen radikal mit dem klassischen, akademischen Schönheitsideal: Er zeigte den Körper ungeschönt, asymmetrisch, von inneren Kräften deformiert oder wie tektonisch geschichtet. Als documenta-Teilnehmer (1964), Gewinner des Jerg-Ratgeb-Preises (1979) und Mitglied der Darmstädter Sezession prägte er das bildhauerische Klima im Südwesten über Jahrzehnte und schuf ein starkes Gegengewicht zur reinen Abstraktion.

Kunst im deutschen Südwesten, Wilhelm Loth, Neue Figuration, Torso, 1950, Bronze, 62 cm x 31 cm x 22 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Wilhelm Loth, Neue Figuration, Torso aus konvexen Formen, 1984, Bronze, 50 cm x 82 cm x 15,5 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Jürgen Brodwolf (geb. 1932): In Dübendorf (Schweiz) geborener Bildhauer, Objektkünstler, Maler und international gefeierter Schöpfer der weltberühmten „Tubenfigur“. Nach einer Ausbildung zum Entwurfszeichner in einer Zürcher Lithografieanstalt und ausgedehnten Studienreisen nach Paris und Florenz kam er Mitte der 1950er-Jahre in den deutschen Südwesten, wo er zunächst als freischaffender Restaurator in Vogelbach (Südbaden) wirkte. Im Jahr 1959 vollzog er seine kunsthistorische Jahrhundertentdeckung: Er fand eine ausgedrückte, deformierte Bleitube, deren plastische Form ihn an den menschlichen Körper erinnerte, und erhob dieses weggeworfene Alltagsobjekt zu seiner lebenslangen, archetypischen Urfigur. Um diese faszinierende Schnittstelle zwischen banalem Konsumgut und verletzlicher menschlicher Existenz tiefer zu erforschen, entwickelte er über Jahrzehnte hinweg ein singuläres, unerschöpfliches Werk aus Skulpturen, Reliquiaren und raumgreifenden Installationen. Als langjähriger Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (1976–1982) prägte er die Region nachhaltig. Brodwolfs Werk zeichnet sich durch eine zutiefst berührende, existenzielle Materialästhetik aus: Sowohl in seinen mit Mullbändern, Asche und Kreide umwickelten Tuben-Menschlein als auch in seinen monumentalen Figurengruppen aus Blei, Holz oder Papier befreite er die Figur von heroischen Posen und steigerte sie zu Chiffren von Vergänglichkeit, Isolation und Schutzbedürftigkeit. Als Teilnehmer der documenta 6 (1977), Träger des Hans-Thoma-Preises des Landes Baden-Württemberg (1981) und Begründer der geschichtsträchtigen Brodwolf-Stiftung im Kulturzentrum Kandern sicherte er der anthropomorphen Objektkunst einen absolut unverwechselbaren, zeitlosen Spitzenplatz in der europäischen Nachkriegsavantgarde.

Kunst im deutschen Südwesten, Jürgen Brodwolf, Ikarus II , 1997, Fundstück, verhüllte Tubenfigur, 1974, 45 cm x 51 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Jürgen Brodwolf, Figurentypologie 2008, umhüllte Tubenfigur um 1980, 40 cm x 30 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Gerda Bier (*1943): In Schwäbisch Hall geborene Bildhauerin und Objektkünstlerin, die nach ihrem Studium an der Berliner Staatlichen Akademie für Werkkunst und der Hochschule der Künste (wo sie 1975 Meisterschülerin wurde) seit 1976 als freischaffende Künstlerin arbeitet. Bier gilt als eine der profiliertesten Künstlerpersönlichkeiten Süddeutschlands und erlangte große Bekanntheit für ihr zutiefst humanistisches Œuvre, das zwischen figurativer Plastik, sakral anmutenden Gehäusen und materieller Spurensicherung changiert. Berühmt wurde sie für ihre charakteristische, symbiotische Materialtrias aus verwittertem Holz, oxidiertem Eisen und polierter Bronze. Ihre meist reduzierten Arbeiten – wie die Serien der Häuser, Köpfe oder Seelentürme – brechen mit dem konventionellen Abbildcharakter der klassischen Skulptur: Durch die gezielte Einbindung von Alltags-Fundstücken, tiefen Einschnitten und schützenden Eisenummantelungen thematisiert sie existentielle Motive von Verletzlichkeit, Erinnerung und Bewahrung. Als Trägerin des Erich-Heckel-Preises (1998), des Hohenloher Kunstpreises (2020), langjähriges Mitglied der Darmstädter Sezession sowie mit zahlreichen Großskulpturen im öffentlichen Raum prägt sie die zeitgenössische bildhauerische Landschaft im Südwesten nachhaltig.
DER RADIKALE BRUCH MIT DER BILDHAUERTRADITION: DIE AUFLÖSUNG DES KERNVOLUMEN UND DIE ERFINDUNG DER INFORMELLEN PLASTIK
Die europäische Nachkriegskunst stand nach 1945 vor den Trümmern einer Epoche und vor der existenziellen Notwendigkeit, eine völlig neue visuelle Sprache zu finden. In der Bildhauerei führte dies zu einer beispiellosen Revolution: dem radikalen Bruch mit der jahrhundertealten Tradition der klassischen, geschlossenen Monumentalplastik. An die Stelle des festgefügten, figürlichen Abbildes und des massiven „Kernvolumens“ trat das Prinzip der radikalen Öffnung, der Formzertrümmerung und der Spontaneität – die Geburtsstunde der informellen Plastik. Über Epochen hinweg definierte sich Bildhauerei primär über die Masse. Eine Skulptur war ein massiver Körper, der den Raum verdrängte. Die Künstler des Informel – getrieben von den Erschütterungen des Krieges und im Gleichschritt mit der gestischen Malerei (Tachismus/Abstract Expressionism) – erklärten diesen traditionellen Werkbegriff für obsolet. Sie wollten keine geschlossenen Harmonien mehr abbilden, sondern psychische Grenzzustände, vitale Energien und den unkontrollierten Prozess des Schaffens selbst sichtbar machen.
Emil Cimiotti (1927–2019): In Göttingen geborener Bildhauer und langjähriger Professor, der von 1951 bis 1954 an der Stuttgarter Akademie bei Willi Baumeister und Otto Baum studierte. Cimiotti gilt als der international bedeutendste Pionier der informellen Bildhauerei in Deutschland. Seine biomorphen, hochfiligranen und raumoffenen Bronzegüsse im Wachsausschmelzverfahren brachen radikal mit dem klassischen Dogma des geschlossenen, geometrischen Volumens. Seine plastischen Strukturen erinnern an zerklüftete Landschaften, wucherndes vegetabiles Geäst oder geologische Formationen, in denen Innen- und Außenraum organisch miteinander verschmelzen. Als zweifacher Teilnehmer der Biennale von Venedig (1958, 1960) sowie der documenta in Kassel (1959, 1964) und Gewinner des Kunstpreises der Stadt Stuttgart (1957) prägte er die dreidimensionale Nachkriegskunst im Südwesten fundamental.

Kunst im deutschen Südwesten, Emil Cimiotti, Pineta III, Bronze gussrau, 58 cm x 24 cm x 23 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Kunst im deutschen Südwesten, Emil Cimiotti, Baum – Strukturen, 2014, Bronze gussrau, 49 cm x 83 cm x 27 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Kunst im deutschen Südwesten, Emil Cimiotti, Knieende, 1983, Bronze gussrau auf Stahl, teilweise bemalt, 191 cm x 44 cm x 67 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Otto Herbert Hajek (1927–2005): In Kaltenbach geborener Bildhauer, Maler und herausragender Pionier der ungegenständlichen Plastik im öffentlichen Raum. Er kam 1947 nach Stuttgart, absolvierte dort sein Bildhauerstudium an der Kunstakademie und machte die Landeshauptstadt zum Zentrum seines weltweiten Schaffens. Nach prägenden Anfängen im Informel erlangte er ab den 1950er-Jahren erste internationale Anerkennung durch sein bahnbrechendes Frühwerk: In seinen plastisch dichten „Raumknoten“ und vielschichtigen „Raumschichtungen“ durchbrach er die geschlossene Form der klassischen Skulptur und webte filigrane Netze aus Linien, Graten und Durchbrüchen in den Raum, die das Licht in plastische Energie verwandelten. Ab den 1960er-Jahren übertrug er diese plastischen Raumuntersuchungen radikal in den urbanen Bereich und begründete seine weltbekannte „Stadtikonographie“ – monumentale, geometrische und begehbare Beton- und Stahlsuklpturen, die mit signalhaften Farbwegen die graue Nachkriegsarchitektur humanisieren und damit einen positiven gesellschaftspolitischen Beitrag leisten sollten. Er gestaltete Plätze sowie Universitäten weltweit und prägte als langjähriger Vorsitzender des Deutschen Künstlerbundes die Kulturpolitik der Bundesrepublik entscheidend mit. Als zweifacher documenta-Teilnehmer (1959, 1964) und Professor in Karlsruhe sicherte er der abstrakten Plastik des Südwestens einen absolut prägenden, international vernetzten Platz in der Moderne.

Kunst im deutschen Südwesten, Otto Herbert Hajek, P 138, 60 3, 1960, Bronze, 27 cm x 25 cm x 11 cm – Höhe ohne Sockel, Unikat, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Otto Herbert Hajek, Raumknoten, 1958, Tusche laviert auf Papier, 44 cm x 62 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Paul Reich (1925–2009): In Aue (Sachsen) geborener Bildhauer, der nach einer Ausbildung zum Pädagogen und seiner Flucht in die Bundesrepublik (1954) an der Stuttgarter Kunstakademie im Kreis um Willi Baumeister zu einem radikalen Verfechter der freien, ungegenständlichen Form reifte. Berühmt wurde Reich vor allem ab 1960 als Pionier der „Lichtplastik“: Er kombiniert exzessiv die im Grunde unvereinbare Materialtrias aus schwerem Stein, Metall und transparentem Acrylglas. Seine Arbeiten brechen das traditionelle, geschlossene Kernvolumen der klassischen Skulptur radikal auf, um Licht, Transparenz und Reflexion als eigenständige, immaterielle Gestaltungselemente zu integrieren. Mit seinen visionären Lichttoren, Raumschach-Multiples, markanten Architekturplastiken im öffentlichen Raum sowie als Ehrengast der Villa Massimo in Rom (1985) prägte er die deutsche Nachkriegsavantgarde im Südwesten entscheidend, bevor er sich ab 1983 ganz aus dem Kunstbetrieb zurückzog, um sich der paläontologischen Forschung zu widmen.
Gerson Fehrenbach (1932–2004): In Villingen im Schwarzwald geborener Bildhauer, der nach einer klassischen Holzbildhauerlehre, Studien bei Walter Schelenz in Bonndorf sowie als Meisterschüler von Karl Hartung an der Berliner Hochschule für Bildende Künste (1954–1960) zu einem der profiliertesten Vertreter der organisch-informellen Plastik in Deutschland heranwuchs. Berühmt wurde Fehrenbach für seine charakteristischen Raumfigurationen aus Stein, Bronze, Beton und Keramik, in denen er das traditionelle, geschlossene Kernvolumen radikal aufbrach. Seine oft monumentalen Skulpturen sind geprägt von einem spannungsvollen Gerüst aus horizontalen und vertikalen Achsen, das von wuchernden, knospenartigen Ausstülfungen und amorphen Hohlräumen überlagert wird. Damit übersetzte er das Prinzip der informellen Formauflösung in lebendig und prähistorisch anmutende Körpergebilde. Als documenta-Teilnehmer (1964), Gewinner des Villa-Romana-Preises (1962), langjähriger Lehrender an der Technischen Universität Berlin sowie als Schöpfer des geschichtsträchtigen Synagogen-Mahnmal (1963) im Berliner Bayerischen Viertel hinterließ er ein international beachtetes Œuvre, das den Dialog zwischen raumgreifender Abstraktion und existentieller organischer Urform meisterhaft verdichtet.
Rudolf Hoflehner (1916–1995): In Linz geborener österreichischer Bildhauer, Maler und Grafiker, der nach Studien des Maschinenbaus, der Architektur und des Bühnenbilds sowie entscheidenden Lehrjahren im Wiener Atelier von Fritz Wotruba ab 1962 als Professor für Bildhauerei an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart berufen wurde wo er bis 1981 lehrte. Neben Wotruba gilt Hoflehner als der bedeutendste Bildhauer der österreichischen Nachkriegszeit. Er erlangte Weltruhm für seine wuchtigen, archaisch-monumentalen Eisen- und Stahlplastiken, die das traditionelle skulpturale Kernvolumen radikal aufbrachen. Seine ungegenständlichen, oft technoid montierten Glieder- und Säulenstelen (die sogenannten Krieauer Kreaturen) bewegen sich im spannungsreichen Grenzbereich zwischen expressiver Figuration und konstruktivem Zeichen, um existenzielle Themen menschlicher Verwundbarkeit physisch im Raum zu verankern. Als zweifacher documenta-Teilnehmer (1959, 1964), Träger des Großen Österreichischen Staatspreises (1967) und Schöpfer geschichtsträchtiger Monumente – wie dem berühmten Bundesadler im österreichischen Parlamentssaal oder der Großplastik Kampf gegen den Krebs in Heidelberg – prägte er die europäische Nachkriegsavantgarde und das bildhauerische Klima im deutschen Südwesten über zwei Jahrzehnte hinweg maßgeblich.
Gerson Fehrenbach (1932–2004): In Villingen im Schwarzwald geborener Bildhauer, der nach einer klassischen Holzbildhauerlehre, Studien bei Walter Schelenz in Bonndorf sowie als Meisterschüler von Karl Hartung an der Berliner Hochschule für Bildende Künste (1954–1960) zu einem der profiliertesten Vertreter der organisch-informellen Plastik in Deutschland heranwuchs. Berühmt wurde Fehrenbach für seine charakteristischen Raumfigurationen aus Stein, Bronze, Beton und Keramik, in denen er das traditionelle, geschlossene Kernvolumen radikal aufbrach. Seine oft monumentalen Skulpturen sind geprägt von einem spannungsvollen Gerüst aus horizontalen und vertikalen Achsen, das von wuchernden, knospenartigen Ausstülfungen und amorphen Hohlräumen überlagert wird. Damit übersetzte er das Prinzip der informellen Formauflösung in lebendig und prähistorisch anmutende Körpergebilde. Als documenta-Teilnehmer (1964), Gewinner des Villa-Romana-Preises (1962), langjähriger Lehrender an der Technischen Universität Berlin sowie als Schöpfer des geschichtsträchtigen Synagogen-Mahnmal (1963) im Berliner Bayerischen Viertel hinterließ er ein international beachtetes Œuvre, das den Dialog zwischen raumgreifender Abstraktion und existentieller organischer Urform meisterhaft verdichtet.
DIE ABSTRAKTE OBJEKTKUNST IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
Die abstrakte Objektkunst im deutschen Südwesten formierte sich in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg als eine der radikalsten Strömungen der Nachkriegsavantgarde und machte die Kunstzentren Stuttgart, Karlsruhe und Ulm zu wegweisenden Experimentierfeldern. In diesem produktiven Klima wurde die traditionelle Trennung zwischen Malerei und Bildhauerei zugunsten eines völlig neu definierten Objektbegriffs aufgegeben. Diese neue Kunstform verweigerte sich konsequent jeglicher figurativen Symbolik, psychologischen Deutung oder literarischen Erzählung; ein Objekt im Sinne dieser Bewegung stellte nichts mehr dar, sondern behauptete sich als autonomer, realer Gegenstand in der Umwelt des Betrachters. Unterstützt wurde diese Entmystifizierung durch den radikalen Verzicht auf den klassischen Sockel, wodurch die Kunstwerke ihre sakrale Distanz verloren und auf Augenhöhe in den realen, architektonischen oder urbanen Raum integriert wurden. Innerhalb dieser visuellen Revolution entwickelten sich im Südwesten zwei dominante, eng miteinander verflochtene Tendenzen, die die Nachkriegsmoderne maßgeblich prägten. Auf der einen Seite etablierte sich, stark beeinflusst von der Lehre der Hochschule für Gestaltung Ulm und der rationalen Informationstheorie des Stuttgarter Philosophen Max Bense, die Konstruktiv-Konkrete Systemkunst. Hier wurde das Kunstwerk als ein logisch planbares, mathematisch fundiertes Experiment verstanden. Max Bill materialisierte rein geistige Gesetzmäßigkeiten und topologische Phänomene in seinen weltberühmten, unendlichen Bändern. Günter Neusel machte komplexe mathematische Ordnungsprinzipien durch das systematische Verschieben, Schichten und Modulieren von Prismen und Linienrastern visuell erfahrbar. In diese Reihe reiht sich auch Christoph Freimann ein, der das geschlossene Volumen eines Kubus radikal dekonstruierte, indem er seine offenen, dynamischen Raumobjekte konsequent aus exakt zwölf roten, industriellen Winkelstählen fügte.
Parallel zu dieser mathematischen Strenge vollzog sich auf der anderen Seite ein tiefgreifendes technoid-materielles Experiment, das den traditionellen Skulpturbegriff über den Einsatz völlig neuartiger, industrieller Werkstoffe aufbrach. Erich Hauser avancierte mit seinen monumentalen, technoiden Primärstrukturen aus hochglanzpoliertem Edelstahl zum international erfolgreichsten deutschen Großplastiker seiner Generation, dessen geschweißte und hitzegebogene V2A-Platten das Umgebungslicht reflektierten und die Schwere der Masse visuell auflösten. Ähnlich nutzte Karl-Heinz Franke hochglanzpolierten Chrom-Nickel-Stahl für seine seriellen Module, um die Statik des Raumes durch Lichtreflexionen dynamisch zu brechen. Als absoluter Pionier im Umgang mit modernen Kunststoffen gilt wiederum Horst Kuhnert, der bereits ab 1964 glasfaserverstärkten Polyester als primäres Arbeitsmaterial wählte. Seine innen hohlen, intensiv farbigen Raumkörper balancierten sockellos auf eigenen Ecken und Spitzen und verkörperten die kompromisslose Aufbruchsstimmung einer Epoche, in der der Geist nicht mehr in die Materie hineingeheimnisst, sondern durch die rationale Struktur des Objekts selbst offengelegt wurde.
Thomas Lenk (1933–2014): In Berlin geborener Bildhauer, Grafiker und herausragender Pionier der abstrakten Objektkunst des 20. Jahrhunderts. Nach der Übersiedlung nach Württemberg im Jahr 1945 studierte er kurzzeitig an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und absolvierte anschließend eine handwerkliche Steinmetzlehre. Um die herkömmliche, geschlossene Masse der traditionellen Bildhauerei aufzubrechen, entwickelte er ab 1964 seine weltberühmten „Schichtplastiken“: Hierbei stapelte und verschob er identische, flache Quadrate mit charakteristisch abgerundeten Ecken. Durch diese mathematisch-serielle Methode erzeugte er eine faszinierende optische Raumtiefe und Scheinbewegung. Als enger Weggefährte von Künstlern wie Georg Karl Pfahler und Heinz Mack setzte er gezielt leuchtende Signalfarben ein, um die plastischen Körper visuell zu dynamisieren. Lenks Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus Minimal Art und Op-Art aus: Er überführte mit seinen monumentalen Stahlschnitt-Skulpturen im öffentlichen Raum als auch in seinen geometrischen Siebdrucken die Werke in raumgreifende, architekturbezogene Raumkonstruktionen. Als Teilnehmer der documenta 4 (1968) und des legendären Deutschen Pavillons der Venedig-Biennale (1970) sicherte er der konstruktiven, raumgreifenden Abstraktion des Südwestens einen prägenden Platz in der internationalen Avantgarde.
Hans Nagel (1926–1978): In Frankfurt am Main geborener bildender Künstler und Bildhauer, der nach seinem Studium an der Werkkunstschule Offenbach und der Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt ab den 1960er-Jahren zu einer Schlüsselfigur der abstrakten Metallplastik in Deutschland wurde. Berühmt wurde Nagel für seine radikalen, oftmals intensiv farbig lackierten Röhren- und Zylinderplastiken aus Eisen, die mit dem klassischen Verständnis einer statischen Skulptur brachen. Seine Werke – die er oft seriell unter Chiffren wie „ER“ (für Eisenrohr) oder „K“ (für Kopf) ordnete – wirken wie industrielle Fragmente oder organisch gewachsene, technische Schlauchsysteme, die den Raum durchdringen und umschließen. Als documenta-Teilnehmer (1964), Professor an der Kunstakademie Karlsruhe (Außenstelle Freiburg) und Vorsitzender des Deutschen Künstlerbundes prägte er die avantgardistische Nachkriegskunst im Südwesten maßgeblich und schuf eine unverwechselbare Synthese aus industrieller Materialästhetik und dynamischer Raumplastik.
Reinhold Georg Müller (1937–2000): In München geborener Bildhauer, der nach einer klassischen Holzbildhauerlehre sowie prägenden Studienjahren an der Frankfurter Städelschule (bei Hans Mettel) und der Stuttgarter Kunstakademie (bei Otto Baum) zu einer der eigenwilligsten Positionen der süddeutschen Nachkriegsplastik reifte. Weithin bekannt als „Quetsch-Müller“, widmete er sein Werk dem faszinierenden Widerspruch physikalischer Gesetze. Berühmt wurde Müller für seine handwerklich hyperperfekten Skulpturen, bei denen er die Illusion erzeugte, dass unnachgiebige, harte Materialien wie Marmor oder Granit von angespanten Edelstahlseilen, massiven Schrauben und tonnenschweren Gewinden wie weiche Masse deformiert und eingeschnürt werden. Seine Modelle entwickelte er prozesshaft aus weichem Schaumstoff oder Ton, um die scheinbare Elastizität des Steins im finalen Werk auf die Spitze zu treiben. Mit eindrucksvollen Arbeiten im öffentlichen Raum – wie der ikonischen Großplastik „Durch die Mange“ (1979) vor dem ehemaligen Arbeitsamt in Stuttgart – schuf er einen unverwechselbaren, materialbetonten Stil, der mit der traditionellen Statik des Steins brach und die pure, visuelle Manifestation von mechanischem Druck und plastischer Verformung feierte.
TEKTONISCHE ANTHROPOMORPHIE – FIGUR UND RAUM IM DIALOG
Die Jahrzehnte nach 1945 waren in der bildhauerischen Landschaft des deutschen Südwestens von einer tiefen Zäsur und einer radikalen Neuorientierung geprägt. Während im Zuge der künstlerischen Befreiung die reine, ungegenständliche Abstraktion (das Informel) und die mathematisch-rationale Logik (die Konkrete Kunst) zu den dominierenden Strömungen avancierten, formierte sich in Baden-Württemberg eine Gruppe wegweisender Künstlerpersönlichkeiten, die einen gänzlich eigenen, dritten Weg beschritten. Dieser lässt sich kunsthistorisch am treffendsten mit dem Begriff „Tektonische Anthropomorphie“ überschreiben.
Gerlinde Beck (1930–2006): In Stuttgart-Bad Cannstatt geborene Bildhauerin und Malerin, die nach ihrem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie (unter anderem bei Willi Baumeister) sowie einer pragmatischen Feinblechner-Lehre zu einer der wegweisenden Metallbildhauerinnen der deutschen Nachkriegsmoderne avancierte. Berühmt wurde sie für ihre von ihr selbst so getauften „Raumchoreografien“: Fasziniert vom Ausdruckstanz einer Dore Hoyer übersetzte Beck die Dynamik von Bewegung, Rhythmus und Zeit in die statische Materie des Metalls. Ihre meist aus Stahl, Eisen oder Feinblech geschweißten Werke brechen die klassisch-kompakte Skulpturenform radikal auf und verwandeln menschliche Figuren in grazile, geometrische Liniengefüge, die den umgebenden Raum regelrecht durchmessen und aktivieren. Mit zahlreichen Großplastiken im öffentlichen Raum (wie dem Stuttgarter Wasserspiel mit Pfeifen), internationalen Erfolgen wie dem Preis beim Grand Prix de Sculpture in Monaco (1962) und der Verleihung des Professorentitels (1989) etablierte sie eine unverwechselbare skulpturale Symbiose aus Ton, Tanz und Stahl, die bis heute über die Gerlinde-Beck-Stiftung und deren eigenen Skulpturenpreis fortwirkt.
Franz Bernhard (1934–2013): In Neuhäuser (Böhmerwald) geborener Bildhauer, Zeichner und herausragender Erneuerer der ungegenständlichen, anthropomorphen Plastik der Nachkriegszeit. Nach Flucht und Vertreibung kam er 1946 in den Landkreis Heilbronn, absolvierte eine Schreinerlehre und studierte anschließend von 1959 bis 1966 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Wilhelm Loth und Fritz Klemm. Um den menschlichen Körper ohne jede anatomische Detailtreue neu zu begreifen, entwickelte er ab den Spätsechzigern monumentale, sockellose Außenskulpturen, die er vorzugsweise aus der archaischen, rauen Materialkombination von massivem Holz und rostendem CorTen-Stahl zusammensetzte. Trotz der harten, industriellen Werkstoffe transportieren seine Arbeiten stets eine vitale, existenzielle Körperlichkeit, die Haltung, Gestik und Aufrichtung versinnbildlicht. Als langjähriger Erster Vorsitzender des Künstlerbundes Baden-Württemberg (1994–2001) und Träger des Bundesverdienstkreuzes prägte er die Kulturlandschaft im deutschen Südwesten tiefgreifend. Bernhards Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus minimalisierter Tektonik und anthropomorpher Präsenz aus: Sowohl in seinen tonnenschweren Stadtikonen wie der „Großen Mannheimerin“ als auch in seinen kraftvollen, zeichenhaften Großzeichnungen befreite er das Menschenbild von abbildenden Konventionen. Als Teilnehmer der documenta 6 (1977), Villa-Romana-Preisträger und Träger einer Ehrenprofessur des Landes Baden-Württemberg sicherte er der zeichenhaften, materialbetonten Abstraktion einen absolut singulären, zeitlosen Platz in der europäischen Plastik.

Kunst im deutschen Südwesten, Franz Bernhard, Kreuzform, 1994, Eisen, Gips, Höhe 167 cm, Breite 99 cm,, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Franz Bucher (1928–1995): In St. Gallen geborener und hauptsächlich im süddeutschen Raum tätiger Bildhauer, der nach einer Holzbildhauerlehre und prägenden Studienjahren bei HAP Grieshaber an der Bernsteinschule zu einem der profiliertesten Holzbildhauer der deutschen Nachkriegsmoderne reifte. Bucher erlangte internationale Anerkennung für seine monumentalen, meist aus Eichenstämmen gearbeiteten Skulpturen, die sich im Spannungsfeld zwischen architektonischer Konstruktion und organischer Urform bewegen. Seine Werke brechen die geometrische Strenge des Kubus durch tiefe Einschnitte, Verwitterungsspuren und reliefartige Wucherungen auf, wodurch er die existenziellen Kräfte von Natur, Raum und Zeit bildhauerisch sichtbar machte. Als Mitbegründer des Forum Kunst Rottweil (1970), documenta-Teilnehmer (1964) und Träger des renommierten Villa-Romana-Preises (1965) prägte er die Kunstlandschaft im deutschen Südwesten maßgeblich und schuf ein kraftvolles Œuvre an der Schnittstelle von Informel und konkreter Struktur.
KONSTRUKTIVISMUS, KONKRETE KUNST & GEOMETRISCHE ABSTRAKTION IN DER BILDHAUEREI DES DEUTSCHEN SÜDWESTENS
Während im Nachkriegsdeutschland der 1950er- und 1960er-Jahre vielerorts das emotionale, freie Informel die Kunstwelt beherrschte, etablierte sich im deutschen Südwesten – rund um die Zentren Stuttgart und Ulm – ein radikaler Gegenpol. Hier entwickelte sich eine Bildhauerei, die nicht mehr abbilden oder Gefühle ausdrücken wollte. Stattdessen erhob sie die mathematische Logik, die geometrische Form und das industrielle Material selbst zum Kunstwerk.
Max Bill (1908–1994): In Winterthur geborener Schweizer Allrounder – Bildhauer, Maler, Architekt, Typograf und Designer –, der nach wegweisenden Studienjahren am Bauhaus Dessau (unter anderem bei Wassily Kandinsky und Paul Klee) zum weltweit einflussreichsten Theoretiker und Mitbegründer der Konkreten Kunst avancierte. Berühmt wurde Bill für seine mathematisch-rational fundierte Bildhauerei, die jeglichen literarischen oder figurativen Bezug radikal verweigerte, um rein geistige, logische Gesetzmäßigkeiten physisch erlebbar zu machen. Seine mathematisch präzisen Skulpturen aus poliertem Stein, Granit oder Metall – darunter seine ikonischen, unendlichen Bänder in Form von Möbiusband-Formen – brechen das traditionelle, geschlossene Plastikvolumen auf und führen Innen- und Außenraum in einer perfekten, unendlichen Kontinuität zusammen. Als Mitbegründer und Rektor der legendären Hochschule für Gestaltung Ulm (1953), dreifacher documenta-Teilnehmer (1955, 1959, 1964) und Schöpfer monumentaler Großplastiken (wie der Pavillon-Skulptur in Zürich) prägte er die europäische Avantgarde und Nachkriegsmoderne über Jahrzehnte wie kaum ein anderer und schuf ein universelles Gesamtwerk an der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst.
Karl-Heinz Franke (1916–2006): In Berlin geborener Maler, Bildhauer und Bühnenbildner, der nach seinem Studium in Dessau und an der Stuttgarter Kunstakademie im Kreis um Willi Baumeister zu einem markanten Vertreter der geometrisch-konstruktiven Abstraktion im deutschen Südwesten reifte. Franke wurde weit über die Region hinaus für seine technoid-eleganten Großplastiken und dreidimensionalen Strukturen aus hochglanzpoliertem Edelstahl und Chrom-Nickel-Stahl bekannt. Seine Arbeiten brechen radikal mit dem klassischen Verständnis einer massiven, geschlossenen Skulptur: Stattdessen konzipierte er mathematisch fundierte, serielle Module, die sich im Zusammenspiel mit Umgebungslicht und Architektur dynamisch auflösen. Als langjähriger Leiter der Galerie im Kolpinghaus in Stuttgart (1974–1981) sowie mit prägenden Werken im öffentlichen Raum – wie dem ikonischen Edelstahl-Säulenwald (1979) vor der Stuttgarter Liederhalle oder der Monumentalplastik Kavernikus – schuf er eine faszinierende Verbindung aus industrieller Materialästhetik und mathematisch-konkreter Raumordnung.
Hans Dieter Bohnet (1926–2006): In Trossingen geborener Bildhauer, der nach Kriegsdienst und einem anfänglichen Architekturstudium als Meisterschüler von Otto Baum an der Stuttgarter Kunstakademie zu einem der einflussreichsten Meister der geometrischen Klarheit in der Nachkriegsavantgarde avancierte. Während Bohnets Frühwerk noch von grazilen, klassischen Figurationen geprägt war, vollzog er Ende der 1960er-Jahre eine radikale Wendung hin zur reinen geometrischen Abstraktion. Weltberühmt wurde er für seine monumentalen, ungegenständlichen Systemplastiken aus Edelstahl, Beton und Aluminium, bei denen er die stereometrischen Urformen von Kugel, Kubus und Quader systematisch aufbrach, anschnitt und verschachtelte. Als Stipendiat der renommierten Villa Massimo in Rom, Schöpfer der geschichtsträchtigen Großplastik Integration ’76 vor dem ehemaligen Bundeskanzleramt in Bonn sowie durch seine allgegenwärtigen Brunnen und Kugelobjekte prägte er das Erscheinungsbild der modernen Kunst im öffentlichen Raum über Jahrzehnte hinweg fundamental.
Erich Hauser (1930–2004): In Rietheim bei Tuttlingen geborener Stahlbildhauer und Graveur, der nach einer Ausbildung zum Stahlgraveur bei Aesculap und Abendkursen an der Freien Kunstschule Stuttgart zum international erfolgreichsten deutschen Großplastiker seiner Generation avancierte. Berühmt wurde Hauser für seine technoide, monumentale Ästhetik aus hochglanzpoliertem Edelstahl (V2A-Stahl). Seine Werke brachen radikal mit der organisch-informellen Materialbehandlung seines Frühwerks: Ab 1962 schweißte er industriell gefertigte Stahlplatten zusammen, bog sie unter Hitze auf und formte himmelstürmende Säulenformationen, scharfkantige Röhrensysteme und spitz zulaufende, geometrische Splitterkörper (die sogenannten „Igel“). Diese massiven, meist nur chronologisch nummerierten Edelstahlskulpturen brechen das klassisch-statische Volumen auf und setzen mit ihren spiegelnden Oberflächen, tiefen Schnitten und dynamischen Kipplagen architektonische Kontrapunkte im urbanen Raum. Als Gewinner des Großen Preises der Biennale von São Paulo (1969), dreifacher documenta-Teilnehmer (1964, 1968, 1977) und Gründer der Kunststiftung Erich Hauser in Rottweil (1996) hinterließ er über 160 Großplastiken im öffentlichen Raum – unter anderem vor dem ehemaligen Bundeskanzleramt in Bonn –, die bis heute als visuelle Synonyme für die kompromisslose konstruktive Aufbruchsstimmung der westdeutschen Nachkriegsmoderne gelten.

Kunst im deutschen Südwesten, Erich Hauser, 5-89, Edelstahl, poliert, Unikat signiert, 137 cm x 86 cm x 16 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Günter Neusel (1930–2020): In Kassel geborener Bildhauer, Maler und Grafiker, der nach Studienjahren in Kassel, Düsseldorf und Berlin (unter anderem bei Hans Uhlmann und Paul Dierkes) ab 1958 in Stuttgart zu einem wegweisenden Vertreter der konstruktiven und Konkreten Kunst in Deutschland reifte. Dort fand er schnellen Anschluss an den avantgardistischen Kreis um den Philosophen Max Bense und schloss sich der Künstlergruppe Konstruktive Tendenzen an. Berühmt wurde Neusel für seine streng rationalen, mathematisch-geometrisch fundierten Arbeiten, die den klassischen Skulpturbegriff durch systematische Konzepte ersetzten. Er schuf meist serielle Objekte und Wandreliefs, bei denen er Formelemente wie Würfel, Prismen und Linienraster mathematisch präzise schichtete, verschob oder modulierte, um Wahrnehmungsprozesse von Rhythmus und Raum logisch sichtbar zu machen. Mit einem frühen ars viva-Stipendium ausgezeichnet (1956), prägte er als langjähriger Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe (1974–1996) das künstlerische Klima im Südwesten entscheidend und hinterließ ein stringentes Œuvre, das jegliche figurative Symbolik radikal verweigerte zugunsten einer reinen Materialisierung des Geistes.
Horst Kuhnert (*1939): In Schweidnitz (Schlesien) geborener Bildhauer und Maler, der nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Heinrich Wildemann (1957–1962) zu einem der konsequentesten und innovativsten Vertreter der konstruktiv-konkreten Plastik in Deutschland reifte. Kuhnert erlangte kunsthistorische Berühmtheit als absoluter Pionier der Kunststoff-Plastik: Als einer der ersten deutschen Künstler überhaupt wählte er ab 1964 glasfaserverstärkten Polyester als primäres Arbeitsmaterial, um einen bewussten Bruch mit traditionellen Werkstoffen wie Holz oder Stein zu vollziehen. Unter dem Leitmotiv „Von der Fläche in den Raum“ entwickelte er mathematisch fundierte, serielle Werkgruppen wie die Raumflächen (Reliefs) und Raumkörper (freistehende Plastiken). Seine meist glatten, geometrisch reduzierten, innen hohlen und oft intensiv farbigen oder schwarz-weißen Skulpturen verzichten radikal auf einen Sockel; sie balancieren unmittelbar auf ihren eigenen Ecken und Spitzen, wodurch ein fließender, interaktiver Dialog zwischen massivem Volumen und der umschlossenen Leere entsteht. Später erweiterte er sein strenges Vokabular durch die Werkgruppen Stabil–Instabil und Konstruierte Dekonstruktion aus Holz und Metall, bei denen er geometrische Ordnungsprinzipien scheinbar chaotisch aufbrach. Als Preisträger des Königreichs Nepal (1970), Mitglied des Künstlerbundes Baden-Württemberg und mit Werken in bedeutenden Sammlungen wie der Staatsgalerie Stuttgart oder dem Deutschen Bundestag prägte der in Stuttgart lebende Künstler die Kunst im öffentlichen Raum des Südwestens über Jahrzehnte hinweg fundamental.
Christoph Freimann (*1940): In Leipzig geborener Bildhauer und Grafiker, der nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Otto Baum und Herbert Baumann zu einem der profiliertesten und konsequentesten Vertreter der Konkreten Kunst und der geometrischen Abstraktion in Deutschland heranwuchs. Freimann erlangte internationale Anerkennung für ein radikal reduziertes, unverwechselbares Gestaltungskonzept: Seit 1977 formt er seine Skulpturen fast ausschließlich aus genau zwölf handelsüblichen, L-förmigen Winkelstählen – den symbolischen zwölf Kanten eines imaginären Kubus. Seine Arbeiten brechen vollständig mit der Idee einer wuchtigen, geschlossenen skulpturalen Masse; stattdessen erzielen sie ihr Volumen allein durch offene Linien und Flächen im Raum. Indem er diese ungleich langen Segmente zu scheinbar willkürlichen, dynamischen Clustern verschachtelt, in spitzen Winkeln verkeilt oder stabil-labil ausbalanciert, entstehen hochkomplexe, expressive Raumgefüge. Konsequent im markanten Rotton RAL 3000 lackiert, entmaterialisieren sich seine Werke im Zusammenspiel mit Licht und Natur. Als Stipendiat der Villa Massimo in Rom (1979/80), Gastprofessor an der HfG Offenbach sowie mit allgegenwärtigen Großplastiken im öffentlichen Raum – wie den 12 Kanten vor dem Oberlandesgericht Stuttgart – schuf er eine spielerische, unerschöpfliche Symbiose aus industrieller Materialstrenge und absoluter gestalterischer Freiheit.
GEOMETRISCHER ILLUSIONISMUS, KONSTRUKTIVER ILLUSIONISMUS & MAGISCHER KONSTRUKTIVISMUS
1969 – 2024
In der südwestdeutschen Kunstgeschichte nach 1945 nimmt Hans Peter Reuter eine faszinierende Sonderstellung ein: Er verbindet die im Südwesten tief verwurzelte Tradition der mathematisch-strengen, rationalen Kunst mit den irritationsträchtigen Sehexperimenten der Postmoderne. Während der deutsche Südwesten (insbesondere durch Max Bill in Ulm oder Anton Stankowski in Stuttgart) eine Hochburg der „Konkreten Kunst“ und des Konstruktivismus war, bricht Reuter radikal aus deren reiner Zweidimensionalität aus.
Hans Peter Reuter (1942–2024): In Villingen-Schwenningen geborener Maler und prägender Hochschullehrer, der als einer der konsequentesten Vertreter der geometrischen Abstraktion und analytischen Malerei in Deutschland gilt. Er studierte an den Kunstakademien in Karlsruhe und München bei Herbert Kitzel und Franz Nagel und entwickelte ab Ende der 1960er Jahre Kachelstrukturen zu seinem radikalen, lebenslangen Zentralmotiv. Unter den kunstweltlichen Spitznamen „Kachel-Reuter“ und „Der Blaue Reuter“ erlangte er internationale Bekanntheit durch seine monumentalen, fast ausschließlich monochrom in leuchtenden Blautönen gehaltenen Rasterbilder. Seine Werke nutzen mathematisch präzise Perspektiven und meisterhafte Licht-Schatten-Konstruktionen, um dem Betrachter dreidimensionale Scheinarchitekturen und unendliche Raumelemente vorzugaukeln. Nach bedeutenden Auszeichnungen wie dem Villa-Romana-Preis (1973) und dem Villa-Massimo-Stipendium (1975) folgte 1977 mit der Teilnahme an der documenta 6 der endgültige internationale Durchbruch. Ab 1985 leitete er über zwei Jahrzehnte lang eine Klasse für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, wo er Generationen nachfolgender Künstler prägte. Reuters berühmte Werkgruppen und Großinstallationen (wie das monumentale „Kraftwerk Blau“, 2012 im Neuen Museum Nürnberg) untersuchten die Ordnung gegen das gefühlte Chaos sowie das metaphysische Zusammenspiel von künstlichem Licht, Zeit und unendlicher Tiefe.
REDUKTIVER MATERIAL-REALISMUS, EXISTENTIELLE MATERIALABSTRAKTION & POETISCHER MINIMALISMUS IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1968 – 1990
Fritz Klemm hat als „Grenzgänger der Kunst“ eine Werkgruppe, die sich als reduktiver Material-Realismus oder poetischer Minimalismus charakterisieren lässt, im Zeitraum von Ende der 1960er-Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1990 entwickelt und geschaffen.
Fritz Klemm (1902–1990): In Mannheim geborener Maler, Zeichner und einflussreicher Wegbereiter einer radikal reduzierten, materialbetonten Stillleben- und Raumkunst. Nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe kehrte er nach dem Zweiten Weltkrieg dorthin zurück und prägte die Institution von 1953 bis 1970 als legendärer Professor für Kunsterziehung, wodurch er Generationen bedeutender Künstler des Südwestens (darunter Franz Bernhard und Walter Stöhrer) formte. Um die traditionelle Malerei von akademischen Zwängen zu befreien, konzentrierte er sich in seinem reifen Werk auf scheinbar banale Gegenstände seines unmittelbaren Alltags: Atelierwände, karge Tische, Fensterrahmen oder einfache Holzbretter. Ausgehend von diesen Motiven entwickelte er ab den 1960er-Jahren seine charakteristischen Mischtechniken und Materialcollagen, bei denen er grobe Packpapiere, Wellpappe, Karton und dünne Lasuren so übereinanderlegte und bearbeitete, dass die raue Textur des Bildträgers selbst zum eigentlichen Bildinhalt wurde. Klemms Werk zeichnet sich durch eine singuläre Sensibilität für das Unscheinbare und eine meisterhafte Beherrschung von Nuancen aus: Sowohl in seinen fast monochromen, weiß-grauen Ölbildern als auch in seinen fragilen Zeichnungen steigerte er die Struktur des Materials zu autonomen, zutiefst meditativen und melancholischen Bildräumen. Als früher Villa-Romana-Preisträger (1938), Träger des Hans-Thoma-Preises des Landes Baden-Württemberg (1971) und Ehrenmitglied der Karlsruher Kunstakademie (1983) sicherte er der minimalistischen, existentiellen Materialabstraktion einen absolut prägenden, zeitlosen Platz im künstlerischen Gefüge der Nachkriegszeit.
MONUMENTALE BILDHAUEREI, NEUE FIGURATION & KRITISCHER REALISMUS IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1970er & 1980er Jahre
Als Reaktion auf das Dogma der Abstraktion bildete sich an der Karlsruher Akademie eine weltberühmte figurative Schule. Parallel dazu erlebte der Südwesten eine Blütezeit der monumentalen Architektur-Plastik und des kritischen Realismus.
STILE & STRÖMUNGEN
Neue Figuration
Kritischer Realismus
Neo-Expressivismus
Konzeptuelle Figuration
monumentale, architektonische Bildhauerei
Kunst im öffentlichen Raum.
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
Hans Baschang (1937–2017): In Karlsruhe geborener Maler, Zeichner und Bildhauer, der an der Karlsruher Akademie bei HAP Grieshaber, Herbert Kitzel und Fritz Klemm studierte. Baschang gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter und theoretischen Köpfe der Karlsruher „Neuen Figuration“. Sein Werk zeichnet sich durch eine radikale Erforschung des menschlichen Körpers mittels der autonomen Linie aus: Als virtuoser „Magier der Linie“ reduzierte er die menschliche Gestalt auf hochsensible Chiffren, fragile Strichlagen und skulpturale Zeichenkonstrukte, die im Spannungsfeld von Abstraktion und Figuration eine enorme existenzielle Wucht entfalten. Er prägte die Nachkriegskunst im Südwesten nachhaltig und wirkte als langjähriger, einflussreicher Professor an der Münchner Kunstakademie, wo er nachfolgende Generationen prägte.
Walter Stöhrer (1937–2000): In Stuttgart geborener Maler und Grafiker, der von 1956 bis 1959 an der Karlsruher Akademie gemeinsam mit Horst Antes und Heinz Schanz in der Klasse von HAP Grieshaber studierte. Stöhrer zählt zu den einflussreichsten Protagonisten der deutschen Nachkriegskunst. Seine fundamentale Bildsprache – von ihm selbst als „intrapsychisch realistisch“ definiert – bricht radikal das Diktat der reinen Abstraktion auf: Stöhrer ging von Schriftzeichen, Gedichtfragmenten (u. a. André Breton) und feinen kalligrafischen Kürzeln aus, die er impulsiv mit ungezähmten, hochexpressiven Farbbahnen verstrich, verwischte und übermalte. Seine großformatigen, wuchtigen Werke erinnern an das surrealistische Prinzip der Écriture automatique und bündeln ein enormes energetisches Kraftfeld. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Kunstpreis der Jugend (1962) und dem Hans-Molfenter-Preis (1995), hinterließ er als langjähriger Berliner Akademieprofessor ein wegweisendes grafisches und malerisches Erbe.
Heinz Schanz (1927–2003): In Genkingen geborener Maler und Zeichner. Er war Schüler von HAP Grieshaber an der Bernsteinschule und folgte ihm 1956 an die Karlsruher Akademie. Schanz gilt neben Horst Antes und Walter Stöhrer als Mitbegründer der Karlsruher „Neuen Figuration“. Seine Werke zeichnen sich durch ein radikales Pendeln zwischen ungegenständlicher Geste und figurativer Rückkehr aus: Schanz schleuderte und goss Temperafarbe kraftvoll auf den Bildträger und unterwarf seine Kompositionen einem obsessiven Prozess der Schichten-Übermalung. Dadurch steigerte er eine leuchtende, zutiefst charakteristische Tiefenräumlichkeit. Als Träger des Villa-Romana-Preises (1977) und des Kunstpreises der Stadt Stuttgart (1990) prägte er die südwestdeutsche Nachkriegsmalerei maßgeblich.
Horst Antes (*1936): In Heppenheim geborener Maler, Grafiker und Bildhauer, der von 1957 bis 1959 an der Karlsruher Akademie bei HAP Grieshaber studierte und dort später selbst jahrzehntelang als einflussreicher Professor lehrte. Antes gilt als eine der wegweisendsten Galionsfiguren der deutschen Nachkriegskunst und als Mitbegründer der Karlsruher „Neuen Figuration“. Zu Beginn der 1960er Jahre erfand er sein ikonisches Kunstsymbol: den „Kopffüßler“, eine archaische, auf Kopf und Füße reduzierte Kunstfigur, die er in zahllosen malerischen, grafischen und bildhauerischen Variationen (u. a. monumentale Eisen- und Cortenstahlskulpturen im öffentlichen Raum) untersuchte. Seine Bildwelten verknüpfen Einflüsse der klassischen Moderne, indigene Kunstformen (Hopis) und existentielle Fragen zu Chiffren von zeitloser Symbolkraft. Als dreifacher documenta-Teilnehmer (1964, 1968, 1977), Träger des Großen Preises der Biennale von São Paulo (1991) und des Hans-Molfenter-Preises der Stadt Stuttgart (1989) prägte er die visuelle Identität des deutschen Südwestens auf internationalem Spitzenniveau.
Markus Lüpertz (*1941): International gefeierter Maler, Grafiker und Bildhauer; wirkte von 1974 bis 1986 als prägender Professor für Malerei an der Karlsruher Akademie und brach mit seiner „Dithyrambischen Malerei“ sowie seinen monumentalen, suggestiven Bildchiffren und Skulpturen radikal die Vorherrschaft der reinen Abstraktion im Nachkriegsdeutschland.
Georg Baselitz (*1938): Lehrte ab 1977 in Karlsruhe; erlangte Weltruhm durch das Umkehren seiner Bildmotive auf den Kopf.
Max Kaminski (1938–2019): Bedeutender documenta-Teilnehmer und langjähriger Professor an der Karlsruher Kunstakademie (ab 1981); erlangte große Relevanz durch seine hochexpressiven, farbgewaltigen Figurenbilder und raumgreifenden Zyklen, die existenzielle Themen wie Mythologie, Tragik und Tod formal konsequent gegen den Trend des reinen Informel behaupteten.

Kunst im deutschen Südwesten, Max Kaminski, Notre Dame (Marseille), 2003, Öl auf Leinwand, 190 cm x 190 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Peter Dreher (1932–2020): In Mannheim geborener Maler, Grafiker und weltweit gefeierter Pionier des konzeptuellen Realismus. Er studierte an der Karlsruher Kunstakademie bei Karl Hubbuch und Wilhelm Schnarrenberger und leitete von 1968 bis 1997 als Professor die Freiburger Außenstelle der Akademie, an der er Generationen von Schülern (darunter Anselm Kiefer) grundlegend prägte. Drehers Schaffen bildet ein monumentales Monument der zeitgenössischen Malereigeschichte: Im Zentrum steht sein 1974 begonnenes und über 45 Jahre fortgeführtes Serien-Hauptwerk „Tag um Tag guter Tag“. Darin porträtierte er ein einfaches leeres Wasserglas unter sich ständig ändernden Lichtverhältnissen weit über 5.000 Mal in absolut realistischer Präzision auf identischen 25 × 20 cm großen Bildträgern. Abseits dieser Jahrhundertserie schuf er komplexe Interieurs, dichte Stillleben und großformatige Landschaften (wie die Schwarzwald-Bilder). Als Träger des Hans-Thoma-Preises (1979) und des Reinhold-Schneider-Preises (2000) bewies er meisterhaft, dass die gegenständliche Malerei durch radikale konzeptuelle Serialität die Grenzen zwischen Realismus, Meditation und zeitgenössischer Konzeptkunst vollkommen aufhebt.
Dieter Krieg (1937–2005): In Lindau geborener Maler, Zeichner und langjähriger Professor, der von 1958 bis 1962 an der Karlsruher Akademie bei HAP Grieshaber und Herbert Kitzel studierte. Krieg gilt als einer der radikalsten Grenzgänger der deutschen Nachkriegskunst. Mit einer geradezu eruptiven, zentimeterdicken Pastosität schleuderte und strich er reine Farbmaterie auf gigantische Leinwände und Packpapierbögen. Seine Bildmotive sind von einer monumentalen und zugleich existentiellen Profanität: Er malte banale Alltagsgegenstände wie Fritten, Fleischbrocken, Betten, Badewannen, Kreuze, Salatköpfe oder Eimer, die in ihrer schieren materiellen Wucht den Raum physisch attackieren und sich zwischen vollkommener Abstraktion und schonungslosem Ding-Realismus bewegen. Als Vertreter Deutschlands auf der Biennale von Venedig (1978) sowie als Empfänger des Hans-Molfenter-Preises der Stadt Stuttgart (1993) prägte sein kompromissloses Werk das kunsthistorische Klima im Südwesten tiefgreifend.
Ben Willikens (*1939): Weltbekannt für seine monumental-metaphorischen „Grauen Räume“, Anstalt-Interieurs und die Neugestaltung des Stuttgarter Landtags.

Kunst im deutschen Südwesten, Ben Willikens, Boxer – Spind, Olympia 1972 München 1971, Gemälde Acryl auf Leinwand, 78 cm x 54 cm, 81,5 cm x 57 cm mit Rahmen, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Helmut Goettl (1934–2011): Wichtiger Vertreter des sozialkritischen Realismus im Raum Karlsruhe; dokumentierte den Alltag mit ironisch-analytischem Blick.

Kunst im deutschen Südwesten, Helmut Goettl, Gartenfest, 1992, Zeichnung, 102 cm x 73 cm, goh010re, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Romane Holderried Kaesdorf (1922–2007): Schuf ein unverwechselbares zeichnerisches Werk, das menschliche (oft männliche) Verhaltensmuster skurril-ironisch zerlegte.

Kunst im deutschen Südwesten, Romane Holderried-Kaesdorf, die Spielerinnen, 1994, Öl und Bleistift auf Sperrholz, 77 cm x 80 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Julius Kaesdorf (1914–1993): Als Autodidakt schuf er minimalistische, zeichenhafte und humorvolle Werke von hoher Prägnanz.

Kunst im deutschen Südwesten, Julius Kaesdorf, Kleine Figur im Sessel, 1957-67 2, Werkverzeichnis I995, Öl auf Leinwand auf Platte, 18,2 cm x 14 cm, mit Rahmen 33 cm x 30 cm, Sammlung Fritz Genkinger, SüdWestGalerie
Günter Schöllkopf (1935–1979): Grafiker und Zeichner; bekannt für seine literarischen Illustrationen und surreal-grotesken Radierungen.

Kunst im deutschen Südwesten, Günter Schöllkopf, Another Sherlock Holmes, 1979, Radierung, 44 cm x 33 cm, scg001re, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Artur Stoll (1947–2003): Schüler von Grieshaber; schuf hochexpressive, reliefartige Gemälde von urwüchsiger, physischer Präsenz.

Artur Stoll, Das Tier und die Wahrheit, 1988, Öl auf Leinwand, 133 cm x 143 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Artur Stoll, Blumen für die Welt, je t’aime Liebe, 2000, Öl auf Leinwand, 120 cm x 160 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Ulrich Nuss (*1943): Setzte die Familientradition (Sohn von Fritz Nuss) fort; schuf ausdrucksstarke, oft narrative Bronzefiguren im öffentlichen Raum.
Hans Schreiner (1930–2023): Übersetzte Landschaften und Naturerlebnisse in großformatige, lyrisch-abstrakte Farbräume.

Kunst im deutschen Südwesten, Hans Schreiner, ohne Titel, 1960, Öl auf Leinwand, 61 cm x 81 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Hans Schreiner, ohne Titel, 1960, Öl auf Leinwand, 61 cm x 81 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
DAS SPÄTE INFORMEL UND DIE LYRISCHE NATURABSTRAKTION IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1980–2000er-Jahre
Das Späte Informel beschreibt die Weiterentwicklung und Reifung der informellen Kunst ab den 1960er, 1970er und 1980er Jahren.
Während das frühe Informel (direkt nach 1945) ein radikaler, fast brutaler Befreiungsschlag aus Trümmern, Wut und existenzieller Krise war (die sogenannte „Stunde Null“ der Kunst), wandelte sich das späte Informel zu einer reflektierten, hochgradig differenzierten und ästhetisch komplexen Malerei.
Die Lyrische Naturabstraktion schlägt eine Brücke zwischen der reinen Abstraktion und der realen Welt. Sie ist nicht völlig formlos, sondern transportiert die emotionale Essenz von Landschaften und Naturphänomenen.
Elke Wree (1940–2025): In Flensburg geborene Malerin und leidenschaftlich engagierte Kulturakteurin, die als eine der ausdrucksstärksten Stimmen der naturinspirierten Abstraktion im deutschen Südwesten gilt. Nach einem Studium der Kunstgeschichte in Kiel absolvierte sie von 1962 bis 1967 ein Studium der Malerei an der Kunstakademie Karlsruhe bei Heinrich Klumbies sowie an der Hochschule für Bildende Künste Berlin bei Hann Trier. Geprägt von den existenziellen Nachkriegsdebatten um Realismus und Abstraktion, entwickelte sie – bestärkt durch ein prägendes DAAD-Auslandsstipendium in Paris (1967/68) – ab 1969 von ihrer Wahlheimat Karlsruhe aus eine kompromisslose, eigenständige Formensprache. Ihr facettenreiches Œuvre verknüpft lyrische Abstraktion untrennbar mit dem Erleben von Natur und nordischen Küstenlandschaften. Wrees berühmte, oft serielle Werkgruppen (die sie unter poetischen Titeln wie „Verdichtungen und Lichtungen“, „Zwischenland“ oder „Lebenslinien“ zusammenfasste) untersuchten das sensible Übereinanderlagern von transparenten Farbräumen, rhythmischen Linienstrukturen und spontanen Malgesten. Als langjähriges Mitglied des Künstlerbundes Baden-Württemberg und der Münchener Secession sowie als Trägerin des renommierten Hanna-Nagel-Preises (2004) erlangte sie weitreichende Anerkennung. Ihre Werke, die unter anderem in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe bewahrt werden, legten ein kraftvolles ästhetisches Fundament, das die Brücke zwischen norddeutscher Lichtatmosphäre und südwestdeutscher Abstraktion meisterhaft schlug.

Kunst im deutschen Südwesten, Lyrische Naturabstraktion, Elke Wree, Nebelwolken, 2015, Tusche auf Papier, 57 cm x 77 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
PLURALISMUS, GRAFIK-INNOVATIONEN & MATERIALEXPERIMENTE IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1990er Jahre bis ca. 2010
Mit der Gründung des ZKM in Karlsruhe öffnete sich die Kunstregion der Digitalisierung. Gleichzeitig etablierte sich eine Generation, die das Erbe der klassischen Abstraktion, der Bildhauerei und insbesondere der manuellen Druckgrafik durch unkonventionelle Werkstoffe und serielle Konzepte radikalisierte.
STILE & STRÖMUNGEN
Neokonstruktivismus
Radikale Druckgrafik
experimenteller Holzschnitt
Farbfeld-Radierung
architektonische Holzbildhauerei
Konzeptkunst
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
GRAFISCHE & MALERISCHE POSITIONEN
Rudolf Schoofs (1932–2009): Herausragender Maler und Zeichner des deutschen Informel; erlangte als Professor für Freie Grafik an der Stuttgarter Akademie (1976–1997) fundamentalen Einfluss im Südwesten. Seine international beachteten, in sensiblen Strichlagen geschichteten Dickichte, kosmischen Vegetationen und Stadtlandschaften bildeten das pädagogische und ästhetische Fundament für eine ganze Generation moderner Zeichner der Region.

Kunst im deutschen Südwesten, Rudolf Schoofs, Stadtlandschaft, 1983, Öl auf Leinwand, 155 cm x 220 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Peter Guth (1957–2006): In Mengen geborener Zeichner und Holzschneider erlangte Bedeutung durch seine kraftvollen, dichten Zeichnungen sowie experimentelle, raumgreifende Holzschnitte und serielle Buchobjekte, die auf archaischen Werkstoffen basierten.
Werner Zaiß (*1943): In Stuttgart geborener und an der Höheren Grafischen Fachschule ausgebildeter Künstler; wirkte über Jahrzehnte als freier Grafiker und prägte als langjähriger Leiter der Radierwerkstätten am Studium Generale der Universität Stuttgart nachfolgende Generationen durch seine meisterhaften Farbradierungen und prägnanten Farblinolschnitte.

Kunst im deutschen Südwesten, Peter Guth, Treppensockel, Tanzboden, Holzschnitt Unikat, 1995, 169 cm x 123 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Georg Heller (*1954): In Eichstätt geborener, an der Stuttgarter Akademie ausgebildeter Grafiker und Kunsterzieher; bekannt für großformatige, konzeptionell streng durchdachte Linoldrucke mit Offsetfarbe auf Köper sowie experimentelle PC-Grafiken.

Kunst im deutschen Südwesten, Georg Heller, und wenn sie nicht gestorben sind, Linolschnitt, 1992, 200 cm x 280 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Isa Dahl (*1965): Bekannt für dynamische, rhythmische Schlingen- und Pinselstrukturen, die tiefe visuelle Farbräume erzeugen.
Hanspeter Münch (*1951): Meister der lyrischen Abstraktion; schafft lichtdurchflutete, vielschichtige Farb- und Lasurgemälde.

Kunst im deutschen Südwesten, Isa Dahl, nur so, 2011, Öl auf Leinwand, 210 cm x 240 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Bruno Kurz (*1957): Nutzt Metallgaze und transluzide Untergründe, um in seinen abstrakten Landschaften Lichtphänomene einzufangen.

Kunst im deutschen Südwesten, Bruno Kurz, Korona, 2018, Acryl und Öl auf Leinwand, 180 cm x 180 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Oliver Christmann (*1960): Untersucht in seiner Malerei das
Zusammenspiel von reduzierter Form, Farbkörper und raumgreifender Farbwirkung.
Sabine Christmann (*1961): Virtuose des zeitgenössischen Stilllebens; erhebt profane Alltagsgegenstände (Plastiktüten, Verpackungen) zu fotorealistischen Studien.

Kunst im deutschen Südwesten, Sabine Christmann, Rot macht high, 2020, Öl auf Leinwand, 70 cm x 120 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Sabine Christmann, Trügerische Ruhe 2, Acryl auf Papier, 70 cm x 100 cm, 2021, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Thomas Kitzinger (*1955): Vertreter eines radikalen, analytischen Realismus; seziert Objekte und Porträts mit extrem präziser Maltechnik.
Andreas Lau (*1964): Arbeitet mit systematischen Rasterungen und Verfremdungen; bewegt sich im Grenzbereich von Erkennbarkeit und Abstraktion.
Werner Fohrer (*1947): Verknüpft in seinen Werken fotorealistische Fragmente mit gesellschaftspolitischen und zeitgeschichtlichen Themen.

Kunst im deutschen Südwesten, Werner Fohrer, Artificial Life II, 2018, Öl auf Leinwand, 150 cm x 200 cm , Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Uwe Ernst (*1947): Schafft hochkomplexe, oft düstere, figurativ-surreale Bildwelten voller mythologischer und zeitkritischer Chiffren.

Kunst im deutschen Südwesten, Uwe Ernst, Die Stiefelwichser, 1993, Schwarze Kreide auf Papier, 81 cm x 104 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Joachim Kupke (*1947): Konzeptkünstler und Maler; hinterfragt in altmeisterlicher Perfektion die Mechanismen der Kunstgeschichte und Zitatkultur.

Kunst im deutschen Südwesten, Joachim Kupke, Farewell, 1972, 42 cm x 52,5 cm, Bleistift Tempera Buntstift auf Papier, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Hannes Münz (1940–2014): Autonomer Einzelgänger; schuf ein radikal reduziertes, expressives Werk zwischen Figuration und Chiffre.

Kunst im deutschen Südwesten, Hannes Münz, Ausblick, 1988, Kassein auf Papier, 50 cm x 70 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Hannes Münz, Dynamische Landschaft, 1991, 38 cm x 25 cm, Rahmengröße: 63,cm x 53 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Elke Wree (*1940): Übersetzt vegetative Strukturen und Landschaften in lichte, freie Farbkompositionen.

Kunst im deutschen Südwesten, Elke Wree, Yamara, 2016, Tusche auf Papier, 57 cm x 77 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
BILDHAUERISCHE POSITIONEN
Robert Schad (*1953): Zeichnet mit massivem, vierkantigem Erzeugnisstahl filigrane, tanzende Linien in den Raum und die Landschaft.

Kunst im deutschen Südwesten, Robert Schad, FILIMU, 2014, Vierkantstahl massiv; 45 mm, 260 cm x 130 cm x 100 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Werner Pokorny (1949–2022): Arbeitete in Holz und Cortenstahl; variierte obsessiv das Ur-Motiv des „Hauses“ als Chiffre für Verortung und Existenz.

Kunst im deutschen Südwesten, Werner Pokorny, Gefäß und Haus XV, 2004, 213 cm x 68 cm x 30 cm, WVZ 616, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Armin Göhringer (*1959): Schneidet mit der Kettensäge fragile, gitterartige Strukturen aus massiven Holzblöcken; visualisiert Schwere und Halt.

Kunst im deutschen Südwesten, Armin Göhringer, ohne Titel, 2001, Holz geschwärzt, 199 cm x 70 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalrie

Kunst im deutschen Südwesten, Armin Göhringer, o.T. (24), 2013, Holz geschwärzt, 87 cm x 120 cm x 28 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Andrea Zaumseil (*1956): Schafft monumentale, raumgreifende Skulpturen aus tiefdunklem Eisenblech sowie melancholische Riesenpastelle.

Kunst im deutschen Südwesten, Andrea Zaumseil, Ohne Titel, 1998, Stahl, 3 Teile, Höhe ca. 278 cm, 295 cm, 265 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Andrea Zaumseil, o.T., 1998, Stahl, 90 cm x 100 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Rudolf Kurz (*1952): Schafft reduzierte Steinskulpturen und sakrale Räume, die durch präzise Schnitte die innere Kraft des Materials freilegen.

Kunst im deutschen Südwesten, Rudolf Kurz, Torso, 1993, 65 cm x 50 cm x 14 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Christoph Traub (*1964): Steinkünstler, der die harte Materie in organisch fließende, anthropomorphe Torsi und Wachstumsformen verwandelt.

Kunst im deutschen Südwesten, Christoph Traub, Haut 1, 2014, Jura, Stahl, 95 cm x 15 cm x 30 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
ZEITGENÖSSISCHE TENDENZEN & GEGENWART IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
Ab 2010
Die aktuelle Kunstszene zeichnet sich durch einen global vernetzten Pluralismus aus. Im Südwesten fällt eine starke Dichte an Positionen auf, die traditionelle Handwerke (Guss, Keramik, Schnitzerei) konzeptuell brechen oder sich mit Ökologie und postdigitaler Identität befassen.
STILE & STRÖMUNGEN
Postdigitale Kunst
Expressive Materialmalerei
Bio-Art
Dekonstruktive Bildhauerei
Rauminstallation
Konzeptuelle Keramik
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
MALERISCHE & KONZEPTUELLE POSITIONEN
Max Peter Haering (*1948): Maler und Zeichner der Fantastischen Kunst. Er befasst sich in seinen altmeisterlich dichten, suggestiven Tuschfeder- und Graphitzeichnungen intensiv mit literarischen Vorlagen. Seine Werke eröffnen durch komplexe Meta-Erzählungen aus Linien und Punkten tiefgründige Doppelbedeutungen. International erlangte sein zeichnerisches Schaffen herausragende Anerkennung durch den renommierten Gold Award des asiatischen JIA Illustration Awards.

Kunst im deutschen Südwesten, Max Peter Haering, Küste der Blinden, 1987, Tuschzeichnung, 26 cm x 33 cm, ham010, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Dietmar Brixy (*1961): Der Mannheimer Künstler ist bekannt für hochexpressive, reliefartige und farbgewaltige Materialbilder, die Naturprozesse reflektieren.
Alfred Bast (*1948): Begreift Kunst als Bewusstseinsprozess; dokumentiert in feinsinnigen Bildern, Zeichnungen und Naturstudien („Krieger des Friedens“) existentielle Zusammenhänge.

Kunst im deutschen Südwesten, Alfred Bast, Kosmische Verwandlung, 1978, 119 cm x 89 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Alfred Bast, Ver-Bindungen, 1985, Farbstift auf Malgrund, 200 cm x 155 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Ulrich Brauchle (*1971): Maler und exzellenter Radierer; fängt Landschaften in dynamischen Strichen und sensiblen Farbräumen ein.

Kunst im deutschen Südwesten, Ulrich Brauchle, Malerei, 2020, Öl auf Leinwand, 175 cm x 185 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Elly Weiblen (*1950): Schichtet transparente Farben und Pigmente auf; beschäftigt sich mit Erinnerungstopografien, Natur und Zeit.
Gerlinde Zantis (*1962): Bildet in fein nuancierten Kreide- und Pigmentzeichnungen Landschaften und dichte Waldstrukturen von fast fotorealistischer, meditativer Tiefe ab.

Kunst im deutschen Südwesten, Gerlinde Zantis, Dépt 07/Ruisseau de la Fontinelle VI, 2018, Pastell, 120 cm x 160 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Thomas Rissler (*1962): Schafft farbgewaltige, expressive Gemälde sowie monumentale, zeitgenössische Holzschnitte.

Kunst im deutschen Südwesten, Thomas Rissler, ohne Titel, 2022, Acryl, Öl und Sprühfarbe auf Leinwand, 130 cm x 120 cm, Preis auf Anfrage, rit013kü, SüdWestGalerie
Paul Groll (*1962): Seine farbenfroh-heiteren und vor Lebensfreude sprühenden, vom Zeichnerischen getragenen Werke wirken im ersten Augenblick durch ihre verspielten Farbkompositionen und eine barock-opulente Farbenpracht in einem lebhaften Durcheinander chaotisch. Dieser Eindruck löst sich jedoch auf, sobald sich die Linien und amorphen Fleckenformen zu schemenhaften Gebilden und feinsinnig austarierten, asymmetrischen Ordnungen zusammenziehen.

Kunst im deutschen Südwesten, Paul Groll, Sitzende, 1994, Mischtechnik, 34 x 24 cm, grp003re, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
BILDHAUERISCHE POSITIONEN
Jeanette Zippel (*1963): Grenzgängerin zwischen Bildhauerei, Landschaftsgestaltung und Ökologie. Sie gilt im Südwesten als Pionierin einer skulpturalen Land Art. Berühmt ist sie für ihre architektonisch-landschaftlichen Bienengärten (u. a. für die IGA 1993 in Stuttgart), deren Wegenetze der Choreografie des Bienentanzes folgen. Im Zentrum dieser Areale stehen ihre monumentalen, aus Naturmaterialien (Eichenholz, Lehm, Weidengeflecht) errichteten, figurativen Figurenstöcke. Diese anthropomorphen, an die antike Bienen-Göttin Artemis angelehnten Skulpturen sind konzeptionell so konstruiert, dass sie von Honig- und Wildbienen real besiedelt und durch deren Naturwabenbau im Inneren zu „belebten Plastiken“ werden.

Kunst im deutschen Südwesten, Jeanette Zippel, Wabenbau, Soziales Prinzip 3, 2005, Bienenwachs auf Kartonträger, 70 cm x 100 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Daniel Wagenblast (*1963): Seine aus Holz geschlagenen, farbig gefassten Männerfiguren (oft mit Auto oder Weltenkugel) sind humorvolle, weltberühmte Ikonen des „Jedermann“.

Kunst im deutschen Südwesten, Daniel Wagenblast, Schoko Frau, 2014, Holz bemalt, 25 cm x 27 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Andreas Welzenbach (*1965): Bildhauer des zeitgenössischen Holzbildwerks; bricht die Tradition der Schnitzkunst durch ironische, erzählerische und popkulturelle Motive.

Kunst im deutschen Südwesten, Andreas Welzenbach, Selbstmordattentäter, 2007, Holz, farbig gefasst, 110 x 80 x 72 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Miriam Lenk (*1975): Schafft opulente, barock-üppige Skulpturen aus Ton und Epoxidharz, die patriarchale Schönheitsideale lustvoll untergraben.

Kunst im deutschen Südwesten, Miriam Lenk, Oktopussy, 2013, Keramik, 40 cm x 40 cm x 38cm 33, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Silvia Siemes (*1960): Bildhauerin der leisen Töne; schafft melancholische Figuren aus Terrakotta, deren matte Bemalung ihnen eine zeitlose Aura verleiht.

Kunst im deutschen Südwesten, Silvia Siemes, Große Sitzende, 2020, Terrakotta, gebrannt, Höhe 73cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Stephan Hasslinger (*1960): Transformiert das klassische Medium Keramik in glänzende, geschwungene und oft textile Assoziationen weckende Skulpturen von hoher Sinnlichkeit.

Kunst im deutschen Südwesten, Stephan Hasslinger, Paisly, Keramik und Glasuren, 2017, 112 cm x 66 cm x 65 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Gerda Bier (*1943): Kombiniert verwittertes Altholz, Fundstücke und Blei zu sakral wirkenden Objekten, die von Vergänglichkeit und Würde erzählen.
Stefanie Ehrenfried (*1964): Erzeugt durch ihre bahnbrechenden, teils lebensgroßen Filz-Plastiken ein tiefes Spannungsfeld aus unmittelbarer Irritation und archaischer Präsenz. In einem jahrelangen, hochintensiven Arbeitsprozess verdichtet sie naturbelassene Schafwolle mittels zehntausender Einstiche der Filznadel zu erstaunlich stabilen, autonomen Körpern.

Kunst im deutschen Südwesten, Stefanie Ehrenfried, Große Beere, 2012-2017, Schafwolle nadelgefilzt, 55 cm x 75 cm x 115 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Martin Bruno Schmid (*1970): Konzeptueller Bildhauer; bohrt, spaltet oder verletzt bestehende Architekturen und Materialien (z. B. Säulen oder Leinwände), um deren inneres Wesen sichtbar zu machen.
Susanne Rudolph (*1943): In monumentalen Skulpturen, wie der „Fischgöttin“, gegossen in massivem, mineralischem Steinguss/Beton) verdichtet Susanne Rudolph ihr zentrales Thema – das menschliche Abbild und dessen inhärente Widersprüche – zu einer archetypischen, fast mythologischen Chiffre.

Kunst im deutschen Südwesten, Susanne Rudolph, Fischgöttin, 2017, Steinguss, Höhe: 130 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
KUNST IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN VON 1945 BIS ZUR GEGENWART
DEFINITION UND KUNSTHISTORISCHER KONTEXT
Die Kunst im deutschen Südwesten – geografisch deckungsgleich mit dem heutigen Bundesland Baden-Württemberg – bildet seit 1945 eine der dynamischsten und facettenreichsten Regionallandschaften der deutschen Nachkriegsmoderne. Geprägt durch die historischen Zentren Stuttgart und Karlsruhe sowie eine dezentrale Museums- und Galerienlandschaft, bewegt sich die Entwicklung im Spannungsfeld zwischen radikaler Abstraktion, expressiver Figuration, wegweisender Bildhauerei und zukunftsweisender Medienkunst.
ZEITLICHE GLIEDERUNG: KUNSTSTILE & AKTEURE
DIE NACHKRIEGSMODERNE UND DER AUFBRUCH IN DIE ABSTRAKTION IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1945–1959
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand der Südwesten im Zeichen des Wiederaufbaus und der Rehabilitierung der von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamierten Moderne. Neben der Abstraktion existierten wichtige Strömungen des expressiven Realismus und der klassischen figurorientierten Bildhauerei fort.
STILE & STRÖMUNGEN
Konstruktive Kunst
Absolute Malerei
frühes Informel
traditionelle und biomorphe Bildhauerei
Holzschnitt-Renaissance.
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
Georg Meistermann (1911–1990): In Solingen geborener Maler, Zeichner und überregional bedeutender Kunstpädagoge. Nach seinem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf (u. a. bei Heinrich Campendonk) wurde er von den Nationalsozialisten mit Ausstellungsverbot belegt. Ab 1952 wirkte er maßgeblich im Südwesten und leitete von 1955 bis 1960 eine hochkarätige Klasse für Malerei an der Karlsruher Kunstakademie. Meistermann gilt als der international herausragendste Erneuerer der Glasmalerei im 20. Jahrhundert. Seine monumentalen Fensterzyklen (wie in der Stuttgarter St.-Eberhard-Kirche oder dem Kölner Funkhaus) befreiten das Glas von seiner rein dienenden Rolle und verwandelten es in autonome Farb-Licht-Räume von lyrisch-abstrakter Tiefgründigkeit. Neben seinen Glasfenstern schuf er ein eindringliches Œuvre aus symbolhaften Gemälden und psychologischen Porträts (u. a. Willy Brandt). Als zweifacher documenta-Teilnehmer (1955, 1959), Träger des Hans-Molfenter-Preises der Stadt Stuttgart (1974) und langjähriger Präsident des Deutschen Künstlerbundes war er die intellektuelle und kulturpolitische Integrationsfigur, die der ungegenständlichen Nachkriegskunst im Südwesten institutionelles Gewicht verlieh.
Oskar Schlemmer (1888–1943): In Stuttgart geborener Maler, Bildhauer, Bühnenbildner, Choreograf und herausragendes Genie der Klassischen Moderne. Er studierte ab 1906 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und stieg als Meisterschüler in der legendären Kompositionsklasse von Adolf Hölzel zu einer der treibenden Kräfte der südwestdeutschen Avantgarde auf. Um das Zusammenspiel von Mensch, Raum und Bewegung radikal neu zu definieren, folgte er 1920 dem Ruf von Walter Gropius an das neu gegründete Bauhaus in Weimar, wo er als Meister die Wandmalerei- und Bildhauerei-Klassen prägte und ab 1923 die weltberühmte Bauhausbühne leitete. Schlemmers Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus geometrischer Abstraktion und universeller Humanitas aus: Sowohl in seinen tektonisch strengen Gemälden (wie dem ikonischen „Bauhaustreppe“-Motiv) als auch in seinen plastischen Reliefs und seinem epochemachenden „Triadischen Ballett“ (Uraufführung 1922 in Stuttgart) befreite er die menschliche Figur von anatomischen Details und steigerte sie zu mathematisch-idealen Raum- und Gliederpuppen-Chiffren. Von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert, verlor er alle Ämter und verbrachte seine letzten Lebensjahre in schmerzhafter innerer Emigration im Südwesten. Als einer der visionärsten Universalkünstler des 20. Jahrhunderts, der das Theater und die Malerei gleichermaßen revolutionierte, sicherte er der figürlich-konstruktiven Moderne einen absolut unumstößlichen, global prägenden Spitzenplatz in der Kunstgeschichte.
Willi Baumeister (1889–1955): In Stuttgart geborener Maler, Grafiker, Typograf, Bühnenbildner und herausragender Kunsttheoretiker. Er studierte an der Stuttgarter Akademie bei Adolf Hölzel und wurde 1933 von den Nationalsozialisten aus seiner Frankfurter Professur entlassen sowie als „entartet“ diffamiert. Während der inneren Emigration erforschte er im Verborgenen (u. a. in der Wuppertaler Lackfabrik von Dr. Kurt Herberts) die Chemie der Malmaterialien und vollendete seine theoretische Programmschrift „Das Unbekannte in der Kunst“ (1947), die zum wichtigsten Manifest der ungegenständlichen Nachkriegskunst in Deutschland wurde. Ab 1946 leitete er eine legendäre Klasse an der Stuttgarter Akademie. Baumeister gilt als die überragende Integrationsfigur der Nachkriegsmoderne. Seine berühmten Werkgruppen (wie die Eidos-, Gilgamesch- oder Montaru-Bilder) untersuchten das organische Wachstum von Formen, biomorphe Urzeichen und reliefartige Materialstrukturen aus Sand und Spachtelmassen. Als treibender Mitbegründer der Künstlergruppe ZEN 49, Mentor unzähliger nachfolgender Meister (u. a. Emil Cimiotti, Georg Karl Pfahler, Bernd Berner) und posthumer Teilnehmer der documenta 1 (1955) legte er das intellektuelle und praktische Fundament, das den Südwesten an die internationale Avantgarde anschloss.
Max Ackermann (1887–1975): In Berlin geborener Maler, Grafiker und herausragender Pionier der Abstraktion. Nach Stationen in Weimar (bei Henry van de Velde) und München kam er 1912 nach Stuttgart, um bei Adolf Hölzel zu studieren. Ackermann gilt kunsthistorisch als einer der frühesten Erfinder der „Absoluten Malerei“ in Deutschland; bereits um 1919 schuf er erste rein ungegenständliche Werke. Von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert, verlor er bei einem Bombenangriff auf sein Stuttgarter Atelier 1943 fast sein gesamtes bisheriges Œuvre. Nach 1945 wurde er zu einer zentralen Galionsfigur des künstlerischen Neubeginns am Bodensee und im Stuttgarter Raum. Seine monumentalen Farb-Rhythmogramme, Pastelle und Siebdrucke verbinden konstruktive Strenge mit musikalischen Prinzipien (wie in seinen berühmten kontrapunktischen Werkgruppen). Ackermann befreit die Farbe von jeglicher gegenständlichen Pflicht und führt sie zu reinen, harmonisch-kosmischen Lichtkompositionen. Als Mitorganisator wegweisender Abstrakten-Ausstellungen und Träger des Professorentitels ehrenhalber des Landes Baden-Württemberg (1964) verankerte er das meditative Erbe der Hölzel-Schule als bleibendes Fundament der Nachkriegsabstraktion.

Kunst im deutschen Südwesten, Max Ackermann, Familienidyll, 1917, Aquarell auf Bütten, 18 cm x 11 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Ida Kerkovius (1879–1964): In Riga geborene Malerin, Bildteppichweberin und herausragende Pionierin der ungegenständlichen Moderne. Sie kam 1903 nach Dachau zu Adolf Hölzel, folgte ihm 1908 nach Stuttgart und wurde dort seine Meisterschülerin und Assistentin in seiner legendären Kompositionsklasse. Um sich weiterzuentwickeln, ging sie 1920 für drei Jahre an das neu gegründete Bauhaus in Weimar, wo sie bei Itten, Kandinsky und Klee lernte und sich intensiv der Avantgarde-Weberei widmete. Von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert, verlor sie 1944 bei einem Luftangriff auf Stuttgart ihr Atelier und den Großteil ihres Lebenswerks. Nach 1945 wurde ihr neues Stuttgarter Atelier zu einem spirituellen Zentrum des künstlerischen Wiederaufbaus. Kerkovius’ Werk zeichnet sich durch eine singuläre Farberuptivität aus: Sowohl in ihren Ölbildern und leuchtenden Pastellen als auch in ihren kunsthistorisch wegweisenden Bildteppichen befreite sie die Farbe von jeglicher abbildenden Funktion und steigerte sie zu autonomen, tief poetischen und magisch-religiösen Lichtklängen. Als zweifache documenta-Teilnehmerin (1955, 1959), Trägerin des Großen Bundesverdienstkreuzes und Ehrenmitglied der Stuttgarter Kunstakademie (1954) sicherte sie weiblichen Positionen einen absolut gleichrangigen, prägenden Platz in der männlich dominierten Nachkriegsabstraktion des Südwestens.
Johannes Itten (1888–1967): In Wachseldorn (Kanton Bern, Schweiz) geborener Maler, Kunsttheoretiker und weltweit einflussreicher Kunstpädagoge der Moderne. Nach einer Ausbildung zum Primar- und Sekundarlehrer für Naturwissenschaften entschloss er sich endgültig zur Kunst und kam 1913 nach Stuttgart. An der dortigen Kunstakademie wurde er einer der profiliertesten Schüler in der legendären Kompositionsklasse von Adolf Hölzel. In diesem wegweisenden Stuttgarter Kreis um Oskar Schlemmer, Willi Baumeister und Ida Kerkovius entwickelte er – tief inspiriert von Hölzels Didaktik des automatischen Zeichnens und ersten Farbkontraststudien – seine radikal ungegenständliche Bildsprache. Dieses im Südwesten geschärfte Konzept der ganzheitlichen Talentförderung übertrug er 1919 direkt an das neu gegründete Staatliche Bauhaus in Weimar. Als einer der ersten Meister revolutionierte er dort die akademische Lehre durch den von ihm erfundenen, obligatorischen „Vorkurs“. Ittens Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus rationaler Struktur und spiritueller Farbtheorie aus: Sowohl in seinen geometrisch-abstrakten Ölbildern und Collagen als auch in seiner bahnbrechenden, weltweit kanonischen Publikation „Kunst der Farbe“ (1961) befreite er das Kolorit von bloß abbildenden Aufgaben. Er steigerte die Malerei stattdessen zu einem eigenständigen System aus mathematisch-geometrischen Rhythmen und den berühmten sieben Farbkontrasten. Als prägender Bauhaus-Pionier, Mitbegründer der konstruktiven Zürcher Schule der Konkreten und radikaler Reformer des Sehens sicherte er der systematischen Farben- und Formenlehre einen absolut unumstößlichen, zeitlosen Spitzenplatz in der globalen Kunstgeschichte.
Peter Herkenrath (1900–1989): In Köln geborener Maler und einflussreicher Akademieprofessor. Nach seiner Ausbildung an den Kölner Werkschulen (unter anderem bei Richard Seewald) geriet er während der NS-Diktatur in die Isolation der inneren Emigration. 1953 wurde er als Professor an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe berufen, wo er bis 1965 lehrte und gemeinsam mit Kollegen wie Grieshaber den Karlsruher Nachkriegsaufbruch gestaltete. Herkenraths Œuvre vollzog eine konsequente Entwicklung vom gegenständlichen Expressionismus hin zu einer lyrisch-tektonischen Abstraktion, die eng mit den Strömungen des Informel und der École de Paris korrespondierte. Seine reliefartigen, dichten Farbschichten ordnen sich in späten Werkgruppen zu zeichenhaften, rhythmischen Gefügen an, in denen Farbe als rein plastisches Raumelement fungiert. Als zweifacher documenta-Teilnehmer (1955, 1959), Vorstandsmitglied des Deutschen Künstlerbundes und Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes war er eine der zentralen Säulen, die das Rheinland und den Südwesten im Geiste der internationalen Nachkriegsabstraktion institutionell wie künstlerisch vernetzten.
HAP GRIESHABER UND DIE ERNEUERUNG DES HOLZSCHNITTS: ARCHAISCHE SPUREN DES EXISTENTIELLEN ALS AUFFORDERUNG ZUM WIDERSTAND
HAP Grieshaber (1909–1981) hat den Holzschnitt im 20. Jahrhundert radikal revolutioniert und aus seinem Schattendasein als reine Buchillustration befreit. Indem er das traditionelle, jahrhundertealte Hochdruckverfahren in das monumentale Großformat übertrug, schuf er eine völlig neue, zeitgenössische Bildsprache. Seine Werke brechen mit der feinen Detailarbeit der Vergangenheit: Mit groben, kraftvollen Schnitten, starker Abstraktion und einer intensiven, oft kontrastreichen Farbigkeit erhob er die Fläche zum zentralen Ausdrucksmittel.
Grieshaber verstand die Erneuerung der Technik jedoch nie als reinen Selbstzweck, sondern als gesellschaftlichen Auftrag. In der Nachfolge historischer Flugblätter nutzte er die Wucht des monumentalen Holzschnitts als unübersehbares, politisches Sprachrohr für Frieden, Umweltschutz und Menschlichkeit. So verschmolz er archaisches Handwerk mit moderner Avantgarde und machte den Holzschnitt zu einem der lebendigsten und monumentalsten Medien der Nachkriegsmoderne.
HAP Grieshaber (1909–1981): In Rot an der Rot geborener Grafiker, Maler, Holzschneider und herausragender Rebell der deutschen Nachkriegsmoderne. Nach einer Schriftsetzerlehre in Reutlingen und einem Studium an der Kunstgewerbeschule Stuttgart führte er ab 1933 ein von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiertes Dasein in der inneren Emigration in seinem Atelier auf der Achalm. Um das vermeintlich verstaubte, mittelalterliche Medium des Holzschnitts grundlegend zu revolutionieren, befreite er die Technik aus dem engen Buchseitenformat und steigerte sie zu monumentalen, wandfüllenden Farb-Einblattdrucken von monumentaler Wucht. Als engagierter „homme engagé“ nutzte er seine Kunst zeitlebens als unüberhörbares politisches und ökologisches Sprachrohr: Mit seiner legendären, im Eigenverlag herausgegebenen Zeitschrift Der Engel der Geschichte kämpfte er leidenschaftlich für Frieden, Menschenrechte und den Umweltschutz. Als einflussreicher Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe (1955–1960) prägte er herausragende Schüler wie Horst Antes und Josua Reichert und machte den Südwesten zu einem weltweiten Zentrum des modernen Hochdrucks. Grieshabers Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus archaischer Formkraft und zeitloser Poesie aus: Sowohl in seinen religiös oder mythologisch aufgeladenen Zyklen (wie dem „Totentanz von Basel“) als auch in seinen leidenschaftlichen Tier- und Menschenpaardarstellungen reduzierte er die Konturen auf wuchtige, blockhafte Kontraste. Als zweifacher documenta-Teilnehmer (1959, 1964), Mitbegründer des Deutschen Künstlerbundes und Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes sicherte er der figurativ-abstrahierenden Grafik einen absolut unumstößlichen, international vernetzten Spitzenplatz im kulturellen Gedächtnis der Bundesrepublik.

Kunst im deutschen Südwesten, HAP Grieshaber, Wiese, 1950, Holzschnitt, 60 cm x 78 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, HAP Grieshaber, Affe nicht sprechen, Vorstadium, 1960, Gouache, Holzschnitt, 45 cm x 32 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, HAP Grieshaber, Flötenspieler von Rheinburg, 1965, Holzschnitt, 84 cm x 60 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
DIE STUTTGARTER SEZESSIONEN, EXPRESSIVE FIGURATION & EXPRESSIVER REALISMUS IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1923 – 1933
STILE & STRÖMUNGEN
Die Stuttgarter Sezession (1923–1932): Gegründet als Protest gegen den konservativen Ausstellungsbetrieb. Sie vereinte gemäßigte Modernisten und bot Künstlern wie Heinrich Altherr, Alfred Lörcher und dem jungen Reinhold Nägele eine Bühne.
Expressiver Realismus & Expressive Figuration: Künstler hielten an der Gegenständlichkeit fest, luden sie aber mit der emotionalen Farbkraft des Expressionismus auf. Diese Gruppe wird heute oft als „Verschollene Generation“ bezeichnet.
Die Stuttgarter Neue Sezession (1929–1933): Eine radikalere Abspaltung jüngerer Künstler wie Manfred Pahl und Wilhelm Geyer, die sich stark an der französischen Moderne orientierten und sozialkritische Themen aufgriffen.
Karlsruher Realismus: An der Badischen Kunstakademie in Karlsruhe entwickelte sich unter Künstlern wie Karl Hubbuch, Georg Scholz und Wilhelm Schnarrenberger eine regional stark ausgeprägte, oft bitterböse Variante der Neuen Sachlichkeit.
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
Wilhelm Geyer (1900–1968): In Stuttgart geborener Maler, Grafiker, Glaskünstler und herausragender Wegbereiter des Expressiven Realismus sowie einer der bedeutendsten Erneuerer der christlichen Sakralkunst im 20. Jahrhundert. Nach seinem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie, wo er als Meisterschüler von Christian Landenberger abschloss, übersiedelte er 1927 nach Ulm und stieg rasch zu einer zentralen Figur der südwestdeutschen Avantgarde auf. Er gründete 1929 gemeinsam mit Manfred Henninger und Manfred Pahl die „Stuttgarter Neue Sezession“ und übernahm deren Vorsitz, um jungen Kunstschaffenden jenseits starrer Jurysystems freie Entfaltung zu ermöglichen. Während der NS-Diktatur ab 1937 als „entartet“ diffamiert und mit Ausstellungsverbot belegt, bewies er immensen moralischen Mut: Er unterhielt enge Verbindungen zum Widerstandskreis der Weißen Rose um die Geschwister Scholl, weshalb er 1943 von der Gestapo in mehrmonatige Haft genommen wurde. Nach 1945 leistete er als Mitbegründer der Oberschwäbischen Sezession unschätzbare Beiträge zum demokratischen Wiederaufbau. Geyers Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus tiefem Glauben und malerischer Urgewalt aus: Sowohl in seinen von impressionistischen Einflüssen gelösten Landschafts- und Stilllebenbildern als auch in seinen bundesweit gefeierten, über 1000 monumentalen Glasfenstern für mehr als 180 Kirchen (darunter im Ulmer Münster und im Kölner Dom) steigerte er den vielschichtigen Farbauftrag zu einem autonomen Farbteppich. Als Brückenbauer zwischen innerem Widerstand und Nachkriegsmoderne sicherte er der figurativ-religiösen Moderne einen absolut zentralen, unverwechselbaren Spitzenplatz im kulturellen Erbe des deutschen Südwestens.
Manfred Pahl (1900–1994): In Ebingen geborener Maler, Zeichner, Grafiker und profiliertester Vorkämpfer des Expressiven Realismus im deutschen Südwesten. Nach seinem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie in den frühen 1920er-Jahren, wo er unter anderem Impulse aus der Schule Adolf Hölzels aufnahm, stieg er rasch zu einer zentralen Integrationsfigur der regionalen Avantgarde auf. Getrieben vom Aufbegehren gegen starre akademische Machtstrukturen, gründete er 1929 gemeinsam mit Manfred Henninger und Wilhelm Geyer die wegweisende „Stuttgarter Neue Sezession“ und übernahm deren ersten Vorsitz. Während der NS-Diktatur mit einem vollständigen Berufsverbot belegt, gerieten seine Arbeiten ins Visier der Machthaber – ein Trauma, das er nach 1945 in einem überaus kraftvollen, gesellschaftskritischen Spätwerk visuell aufarbeitete. Pahl baute sich in den 1970er- und 1980er-Anfängen im Teilort Gailsbach der Gemeinde Mainhardt eigenhändig ein bemerkenswertes, heute saniertes Privatmuseum, um sein immenses Gesamtwerk vor dem Vergessen zu bewahren. Pahls Werk zeichnet sich durch eine singuläre psychologische Eindringlichkeit und bittere, oft böswillige Ironie aus: Sowohl in seinen dynamischen Zirkus- und Tanzpaardarstellungen als auch in seinen Landschaften befreite er die Gegenständlichkeit von rein gefälliger Ästhetik. Er steigerte seine Bildwelten stattdessen durch einen eruptiven, haptisch-pastosen Farbauftrag zu hochgradig taktilen und zeitkritischen Dokumenten der menschlichen Existenz. Als Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse (1973) und Stifter des Pahl-Museums Mainhardt sicherte er der sozial engagierten, figurativ-expressiven Moderne einen absolut unumstößlichen, identitätsstiftenden Spitzenplatz im künstlerischen Gedächtnis Baden-Württembergs.
Manfred Henninger (1894–1986): In Backnang geborener Maler, Zeichner, Grafiker und herausragender Vertreter des Expressiven Realismus sowie der sogenannten „Verschollenen Generation“. Nach einer handwerklichen Konditorlehre und schwerer Verletzung im Ersten Weltkrieg studierte er ab 1919 an der Stuttgarter Kunstakademie und wechselte 1922 an die Dresdner Akademie zu Karl Albiker und Oskar Kokoschka, dessen vibrierender Pinselstrich ihn tief prägte. Fest in der regionalen Avantgarde verwurzelt, gründete er 1929 gemeinsam mit Gleichgesinnten wie Manfred Pahl und Wilhelm Geyer die wegweisende „Stuttgarter Neue Sezession“. Bereits 1933 von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert und mit Ausstellungsverbot belegt, floh er ins Exil nach Ibiza und später ins Schweizer Tessin, wo er trotz politischer Isolation eine enorm produktive Schaffensphase erlebte. Nach seiner Rückkehr im Jahr 1949 berief ihn die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart zum Professor für Landschafts- und Bildnismalerei, eine Position, in der er bis 1961 ganze Generationen von Künstlern des Südwestens prägte und zeitweise als Rektor leitete. Henningers Werk zeichnet sich durch eine singuläre, arkadische Farbpoesie aus: Sowohl in seinen von Licht durchfluteten Landschaftsdarstellungen aus dem Mittelmeerraum als auch in seinen dynamischen Figurenkompositionen wie den „Badenden“ befreite er die Linie zugunsten eines rein aus Farb- und Lichtflecken aufgebauten Rhythmus. Als Gast der renommierten Villa Massimo in Rom (1967/68) und Träger des Bundesverdienstkreuzes sicherte er dem farbintensiven, vom Geist Paul Cézannes inspirierten Spätimpressionismus einen absolut zentralen, unverwechselbaren Platz im künstlerischen Wiederaufbau der südwestdeutschen Moderne.

Kunst im deutschen Südwesten, Manfred Henninger, Rosen, 1973, Öl auf Leinwand, 100 cm x 125 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Manfred Henninger, ohne Titel, Landschaft, 1977, Pastell auf Papier, 50 cm x 66 cm, Preis auf Anfrage, hem002de, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Manfred Henninger, Figurengruppe, 1971, Pastell auf Velin, 43,8 cm x 62,5 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Alfred Lehmann (1899–1979): In Stuttgart geborener Maler, Zeichner und herausragender Protagonist des Expressiven Realismus im deutschen Südwesten. Nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Heinrich Altherr, Christian Landenberger und Christian Speyer stieg er rasch zu einer zentralen Integrationsfigur der regionalen Kunstszene auf. Getrieben von der Suche nach unparteilicher künstlerischer Freiheit, gründete er 1929 gemeinsam mit Gleichgesinnten wie Wilhelm Geyer, Manfred Henninger und Manfred Pahl die wegweisende „Stuttgarter Neue Sezession“. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten beendete diese Aufbruchsphase abrupt, und nach dem tragischen Verlust seiner Ehefrau und seiner Tochter in den Kriegsjahren stürzte Lehmann in schwere Depressionen. In seiner darauffolgenden, intensiven Phase der Selbstreflexion (1945–1949) setzte er sich tiefgreifend mit der Farbenlehre und den Kompositionsgesetzen Adolf Hölzels auseinander, was seinem Schaffen neue Kraft verlieh. Sowohl in seinen tektonisch gebauten Figurenbildern (wie den Akten an Flussufern) als auch in seinen monumentalen Stillleben und schwäbischen Landschaften befreite er die Kunst von oberflächlichem Naturalismus. Stark von Paul Cézanne beeinflusst, zerlegte er die sichtbare Welt in geometrische Formgefüge und steigerte den pastosen, haptisch dichten Farbauftrag zu zeitlosen Bildarchitekturen von innerer Monumentalität. Als bewusster Maler „gegen den Zeitgeist“, der sich nach 1945 der herrschenden Modewelle der reinen Abstraktion verweigerte und die eigene Alfred-Lehmann-Stiftung (1969) ins Leben rief, sicherte er der figurativ-konstruktiven Naturbefragung einen absolut unumstößlichen, bleibenden Spitzenplatz im kunsthistorischen Erbe Baden-Württembergs.
NEUE SACHLICHKEIT IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
Nach den ekstatischen Ausbrüchen des Expressionismus und den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs formierte sich in den 1920er-Jahren mit der Neuen Sachlichkeit eine radikale Gegenbewegung die für nüchterne Realität und magische Stille stand. Im deutschen Südwesten – vor allem in den Kunstzentren Stuttgart und Karlsruhe – entwickelte diese Strömung eine ganz eigene, stilistisch facettenreiche und international hochkarätige Dynamik. Statt emotionaler Abstraktion suchten die Künstlerinnen und Künstler eine kompromisslose, glasklare und oft unterkühlte Rückkehr zum Gegenstand und zur Realität der Weimarer Republik. Die süddeutsche Ausprägung der Neuen Sachlichkeit zeichnete sich durch ein faszinierendes Spannungsfeld zwischen zwei Polen aus:
Der sozialkritische Verismus: In Stuttgart formierte sich um den charismatischen Akademieprofessor Adolf Hölzel eine Generation, die den ungeschönten, oft schmerzhaften Alltag der Zwischenkriegszeit festhielt. Künstler wie Otto Dix blickten mit sezierendem Auge auf die soziale Ungleichheit, die Technisierung und das großstädtische Milieu.
Der Magische Realismus (Die Karlsruher Schule): An der Karlsruher Kunstakademie entwickelte sich unter Malern wie Georg Scholz, Karl Hubbuch und Wilhelm Schnarrenberger eine weltweit beachtete Hochburg der sachlichen Malerei. Ihre Werke zeichnen sich durch eine altmeisterliche, hyperpräzise Maltechnik aus. Die gezeigten Szenen – ob Landschaften, Porträts oder Stillleben – wirken in einer eigentümlichen, fast unheimlichen Stille eingefroren. Durch diese technische Perfektion und perspektivische Verschiebungen erhielten Alltagsszenen eine unterschwellige magische Dimension.
SURREALE TENDENZEN, SURREALISMUS & PHANTASTISCHER REALISMUS IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1945 bis Mitte der 1960er-Jahre, mit einer späten, regionalen Renaissance in den 1970er-Jahren
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 war die westdeutsche Kunstlandschaft im Südwesten stark von der Aufarbeitung der traumatischen Kriegserlebnisse sowie der Sehnsucht nach ästhetischer Befreiung geprägt. Obwohl die ungegenständliche Abstraktion (wie das Informel) im deutschen Südwesten dominierte, entwickelten sich surreale Tendenzen und der Phantastische Realismus als einflussreiche, tiefenpsychologisch motivierte Gegenströmungen.
1945–1955 (Die traumatische Pionierphase): Unmittelbar nach Kriegsende suchten Künstler nach einer neuen Bildsprache abseits des NS-Realismus. Es entstanden erste magisch-surreale Werke zur Bewältigung von Schuld, Zerstörung und Existenznot.
1955–1965 (Die Phase der Verdrängung durch die Abstraktion): Die ungegenständliche Kunst (Informel, Tachismus) eroberte die großen Akademien (vor allem unter Willi Baumeister in Stuttgart). Surreale und phantastische Kunst existierten als starke, profilerte Gegenströmung in Nischen weiter.
Ab 1970 (Die Wiederentdeckung): Im Zuge einer Rückkehr zur Figuration erlebten phantastische und magische Realismen im Südwesten ein stabiles Comeback.
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
Hermann Finsterlin (1887–1973): In München geborener Maler, Dichter, Essayist, Spielzeugmacher und weltweit einflussreicher Theoretiker der visionären Architektur des frühen 20. Jahrhunderts. Nach einem breit gefächerten Studium der Medizin, Naturwissenschaften und Philosophie wandte er sich in München der Kunst zu und siedelte 1926 dauerhaft nach Stuttgart über. Berühmt wurde er durch seine radikale, utopische Architekturtheorie: Als tragendes Mitglied des von Bruno Taut initiierten Briefwechsels der avantgardistischen „Gläsernen Kette“ (1919–1920) forderte er die vollständige Überwindung der rechtwinkligen, kühlen Bauweise. Obwohl aufgrund der wirtschaftlichen Krisen der Weimarer Republik keines seiner visionären Bauprojekte je realisiert wurde, entfaltete sein grafisches Werk als Ideengeber für spätere Generationen weltweite Strahlkraft. Finsterlins Werk zeichnet sich durch eine singuläre biomorphe Formkraft und kosmische Poesie aus: Sowohl in seinen organisch fließenden, farbintensiven Aquarellen („Utopische Architektur“) als auch in seinen bahnbrechenden, reformpädagogischen Holzbaukästen (wie dem „Stilspiel“ von 1922) befreite er die Architektur von rein technokratischer Funktionalität. Er steigerte seine Entwürfe stattdessen zu begehbaren, zutiefst spirituellen und erotisch-lebendigen Raumorganismen. Als vom NS-Regime verfemter Außenseiter, dessen avantgardistisches Wohn- und Atelierhaus am Stuttgarter Frauenkopf ein frühes Denkmal anthroposophischer Baukunst war, sicherte er der fantastisch-kosmischen Abstraktion des Südwestens einen absolut einzigartigen, international rezipierten Spitzenplatz in der Kulturgeschichte der Moderne.
Reinhold Nägele (1884–1972): In Murrhardt geborener Maler, Grafiker und herausragender, liebevoll-ironischer Chronist der schwäbischen Moderne. Nach einer handwerklichen Lehre als Dekorationsmaler im Betrieb seines Vaters und dem Besuch der Stuttgarter Kunstgewerbeschule feierte er bereits vor dem Ersten Weltkrieg frühe Ausstellungserfolge in der Berliner Galerie von Paul Cassirer. Tief im Kulturleben Württembergs verwurzelt, gehörte er 1923 zu den maßgeblichen Mitbegründern der wegweisenden Stuttgarter Sezession, deren Geschicke er über ein Jahrzehnt als Vorstandsmitglied prägte. Die glücklichste Schaffensphase des Künstlers wurde durch den Nationalsozialismus brutal beendet: Aufgrund der Ehe mit seiner jüdischen Frau, der Dermatologin Dr. Alice Nördlinger, wurde er 1937 mit einem Berufsverbot belegt, woraufhin der Familie 1939 die Flucht über Paris und London nach New York gelang. Nach über zwei Jahrzehnten im US-Exil kehrte er 1963 endgültig nach Stuttgart zurück. Nägeles Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus altmeisterlicher Präzision und hintergründigem Humor aus: Sowohl in seinen detailreichen Radierungen als auch in seinen berühmten, oft miniaturhaften Gemälden in Hinterglas- oder Temperatechnik fing er die Gestalt des sich wandelnden Stuttgarts ein. Seine glitzernden, atmosphärischen Nachtansichten (wie die „Aussicht vom Bahnhofsturm“) befreiten die Stadtvedute von rein dokumentarischer Kälte. Als Träger des Professorentitels ehrenhalber (1952) und Ehrenbürger seiner Geburtsstadt sicherte er dem erzählerischen, zwischen Neuer Sachlichkeit und fantastischem Realismus balancierenden Stil einen absolut unumstößlichen, identitätsstiftenden Spitzenplatz im künstlerischen Erbe des deutschen Südwestens.

Kunst im deutschen Südwesten, Reinhold Nägele, Stuttgarter Straßen- und Zahnradbahn, 1911, Radierung, 21 cm x 27 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Leonhard Schmidt (1892–1978): In Backnang geborener Maler, Grafiker und eigenwilliger Einzelgänger der Neuen Sachlichkeit im deutschen Südwesten. Er studierte ab 1919 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart unter Heinrich Altherr, Robert Breyer sowie Adolf Hölzel und stieg als Mitbegründer der fortschrittlichen Stuttgarter Sezession (1923) schnell zu einer festen Größe der regionalen Avantgarde auf. Um der politischen Gleichschaltung der Nationalsozialisten zu entgehen, die seine Kunst als „entartet“ diffamierten und mit einem Ausstellungsverbot belegten, zog er sich 1938 nach Stuttgart-Untertürkheim in die Isolation der inneren Emigration zurück. Schmidts Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus radikaler visueller Reduktion und tief melancholischer Stille aus: Sowohl in seinen streng tektonischen Gemälden als auch in seinen feinen Pastellen und Zeichnungen befreite er die Natur und die menschliche Figur von erzählerischen Details und steigerte menschenleere Winterlandschaften oder in sich gekehrte Porträts zu zeitlosen, fast monochromen Chiffren der Einsamkeit. Das nachfolgend aufgeführte Zitat von Leonhardt Schmidt: „Nicht was ich in der Welt sah, malte ich, sondern meine Träume“ zeigt, dass Traum und Wirklichkeit im Sinne des Surrealismus miteinander korrespondieren. Nach 1945 erfuhr sein OEuvre durch Ankäufe führender Institutionen wie der Staatsgalerie Stuttgart und der Berliner Nationalgalerie späte, gerechte Anerkennung, die 1974 in der Verleihung des Professorentitels gipfelte. Als der „Maler der Stille“, der die konstruktiv-figurative Tradition der Vorkriegsmoderne kompromisslos durch die Diktatur rettete, sicherte er sich einen unumstößlichen, bleibenden Ehrenplatz in der südwestdeutschen Nachkriegs-Kunstgeschichte.
Jakob Bräckle (1897–1987): In Winterreute bei Biberach an der Riß geborener Maler und radikal reduzierender Chronist der oberschwäbischen Kulturlandschaft. Er studierte ab 1917 an der Kunstgewerbeschule und anschließend an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart unter Christian Landenberger und Heinrich Altherr, bevor er als Mitglied der wegweisenden Stuttgarter Sezession (1924) und des Deutschen Künstlerbundes zu einem wichtigen Protagonisten der süddeutschen Vorkriegsmoderne wurde. Zeitlebens durch eine frühkindliche Gehbehinderung in seinem physischen Aktionsradius eingeschränkt, fokussierte Bräckle seine Arbeit fast ausschließlich auf die vertraute Kulisse seines Heimatdorfes Winterreute. Hier entwickelte er abseits der urbanen Zentren eine unverwechselbare Ästhetik der Neuen Sachlichkeit, die er in einer magisch-realistischen Frühphase begründete: Sowohl in seinen extrem kleinformatigen Ölgemälden (wie dem Werk „Ernte“ von 1927) als auch in seinen strengen Flachlandschaften befreite er den bäuerlichen Arbeitsalltag und die Natur von folkloristischem Zierrat. Stattdessen steigerte er Äcker, Heuhaufen und dörfliche Szenen durch geometrische Flächenaufteilungen, ungewöhnliche Perspektiven aus leichter Untersicht und eine gedehnte, meditative Leere zu zeitlosen, universellen Raumstrukturen. Nach 1945 erfuhr sein Werk durch den Biberacher Architekten Hugo Häring eine entscheidende intellektuelle Weitung: Die Begegnung mit dort eingelagerten Originalen von Kasimir Malewitsch führte Bräckle in ein radikal abstraktes Spätwerk, in dem sich die oberschwäbischen Felder endgültig in reine, monochrome Farbflächensegmente auflösten. Als ein oft als „Morandi der Landschaft“ betitelter Solitär, dessen intimes Œuvre von rund 3.900 Gemälden heute vorwiegend im Museum Biberach umfassend gewürdigt wird, sicherte er der ländlich-konstruktiven Nachkriegsmoderne einen singulären Spitzenplatz in der Kunstgeschichte des deutschen Südwestens.
BILDHAUEREI IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN VON 1945 BIS ZUR GEGENWART
DIE NEUE FREIHEIT NACH 1945 – KONTINUITÄT & ÄSTHETISCHER WANDEL NACH DEM KRIEG: KLASSISCHE FIGURATION & GEMÄSSIGTE MODERNE
Die Entwicklung der Skulptur und Objektkunst im deutschen Südwesten nach 1945 ist von einer außergewöhnlichen Materialvielfalt und dem stetigen Wechselspiel zwischen Figuration und Abstraktion geprägt. Durch die bedeutenden Kunstakademien in Stuttgart und Karlsruhe sowie renommierte Bildhauersymposien hat sich die Region zu einem Kernland moderner und zeitgenössischer Dreidimensionalität entwickelt.
Die Bildhauer Alfred Lörcher, Karl Albiker, Wilhelm Gerstel, Hermann Geibel, Jakob Wilhelm Fehrle und Fritz Nuss nehmen in der Kunstgeschichte des deutschen Südwestens ab 1945 eine ganz spezifische Scharnierfunktion ein. Sie gehören der Generation an, die kunsthistorisch als „Gemäßigte Moderne“ oder „Klassische Figuration“ bezeichnet wird.
Alfred Lörcher (1875–1962): In Stuttgart geborener Bildhauer, Medailleur und bedeutender Hochschullehrer, der als einer der eigenständigsten Erneuerer der figürlichen Plastik im deutschen Südwesten gilt. Er absolvierte zunächst eine Ausbildung in einer Bronzegießerei, studierte an der Karlsruher Kunstgewerbeschule sowie an der Münchner Akademie bei Wilhelm von Rümann und entdeckte während eines prägenden Italienaufenthalts (1905) die archaische etruskische Kunst für sich. Diese Eindrücke inspirierten ihn zu einer Abkehr vom historisierenden Akademismus hin zu einer „organisch-kubischen Rundplastik“, die ihm später den Beinamen „Schwäbischer Maillol“ einbrachte. Ab 1919 leitete er als Professor eine einflussreiche Bildhauerklasse an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule und lehrte ab 1941 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, wo er bis zum Kriegsende wirkte. Während der NS-Diktatur zog er sich zunehmend zurück und lebte ab 1941 in der inneren Emigration im Bottwartal. Seine produktivste und innovativste Schaffensphase erreichte er überraschend im Ruhestand nach 1945: Lörcher wandte sich von der monumentalen Einzelfigur ab und schuf dynamische, fast choreografisch rhythmisierte Figurengruppen, Kleinplastiken und Reliefs aus Terrakotta und Bronze. Diese späten Werkgruppen untersuchten das urbane Großstadtleben, die Bewegung von Menschenmassen sowie das räumliche Beziehungsgefüge im Dialog mit der Umwelt. Mit seinen späten Meisterwerken erlangte er höchste bundesweite Anerkennung, die in der Teilnahme an der documenta I (1955) und documenta II (1959) in Kassel gipfelte. Als wegweisender Pädagoge und Brückenbauer zwischen klassisch-figürlicher Strenge und moderner Raumkomposition legte Lörcher ein praktisches Fundament, das in den Sammlungen bedeutender Museen wie der Staatsgalerie Stuttgart und dem Museum Ludwig in Köln bis heute nachwirkt.
Karl Albiker (1878–1961): In Ühlingen im Schwarzwald geborener Bildhauer, Lithograf und einflussreicher Hochschullehrer, der zu den bedeutendsten Vertretern einer autonomen, modernen Plastik in Deutschland zählt. Er studierte an der Kunstakademie Karlsruhe bei Hermann Volz, bildete sich um 1900 in Paris bei dem weltberühmten Auguste Rodin weiter und entwickelte nach einem mehrjährigen Rom-Aufenthalt eine Formsprache, die Naturvorbilder mit abstrahierenden Konstruktionen verband. Als Gründungsmitglied der Badischen Secession (1908) und Träger des renommierten Villa-Romana-Preises (1910) erlangte er früh nationale Anerkennung für seine ausdrucksstarken, oft im Grenzbereich zum Expressionismus angesiedelten Skulpturen. Von 1919 bis 1945 leitete er als Professor eine legendäre Bildhauerklasse an der Kunstakademie Dresden und war eng mit Künstlergrößen wie Karl Hofer und Otto Dix befreundet. Während der Zeit des Nationalsozialismus geriet sein Werk in ein tiefes Spannungsfeld: Einerseits wurden frühere Arbeiten in der Ausstellung „Entartete Kunst“ diffamiert, andererseits erhielt er monumentale öffentliche Großaufträge wie die Großplastiken für das Berliner Olympia-Gelände (1936). Nach der totalen Zerstörung seines Dresdner Ateliers im Jahr 1945 kehrte er in seine badische Heimat nach Ettlingen zurück, wo er sein Spätwerk vollendete. Albiker gilt als ein Meister, der die klassische Monumentalplastik radikal modernisierte, indem er das Wesentliche einer Figur betonte und die Bildhauerei in eine enge Wechselbeziehung zur Architektur und Gartenlandschaft stellte. Seine berühmten Werkgruppen (darunter feinsinnige weibliche Akte, ausdrucksstarke Porträtbüsten und heroische Denkmäler) prägten nachhaltig die plastische Kunst der deutschen Vorkriegs- und Nachkriegsmoderne.
Wilhelm Gerstel (1879–1963): In Bruchsal geborener Bildhauer, Medailleur und herausragender Hochschullehrer, der als eine der prägenden Säulen der figürlichen deutschen Bildhauerei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt. Er absolvierte zunächst eine Steinmetzlehre, studierte bis 1903 an der Karlsruher Akademie und erlangte bereits vor dem Ersten Weltkrieg mit wegweisenden Werken wie der Bauplastik für die Universität Freiburg (1910) und dem Hebel-Denkmal in Lörrach frühe Anerkennung. Als Gründungsmitglied der Badischen Secession (1927) hielt er zeitlebens eine tiefe Verbindung zum deutschen Südwesten, wirkte jedoch ab 1921 an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst in Berlin. Dort leitete er eine Bildhauerklasse in der Zwischenkriegszeit und wurde zum prägenden Mentor bedeutender Nachkriegsmeister wie Fritz Cremer, Gustav Seitz, Waldemar Grzimek und Hermann Blumenthal. Während der NS-Diktatur zog sich Gerstel, der nach 1933 keine öffentlichen Aufträge mehr erhielt, in die innere Emigration zurück, blieb jedoch als anerkannter Lehrer bis zum Kriegsende im Verborgenen aktiv. Nach dem Verlust seines Berliner Ateliers kehrte er 1946 nach Baden zurück, wo er ab 1949 an der Freiburger Akademie lehrte und sein Spätwerk vollendete. Gerstels Œuvre, das feinsinnige Aktdarstellungen, charakterstarke Porträtbüsten sowie bedeutende Architekturplastiken umfasst, zeichnet sich durch eine klassisch-tektonische Ruhe, formale Klarheit und subtile Oberflächenbehandlung aus. Als Bindeglied zwischen badischer Tradition und Berliner Bildhauerschule legte er ein praktisches wie pädagogisches Fundament, das die figurative Plastik der Moderne nachhaltig beeinflusste.
Hermann Geibel (1889–1972): In Freiburg im Breisgau geborener Bildhauer, Zeichner, Holzschnitzer und bedeutender Hochschullehrer, der als prägender Vermittler zwischen klassischen skulpturalen Prinzipien und den baubezogenen Formexperimenten der klassischen Moderne gilt. Er absolvierte eine zweigleisige Ausbildung an den Akademien in Dresden (1909) und München (1910–1913), wo er in der Bildhauerklasse des Adolf-von-Hildebrand-Schülers Erwin Kurz reifte und sich bei Heinrich von Zügel parallel auf die Tierdarstellung spezialisierte. Als frühes Mitglied der Münchener Secession (1913) erlangte er durch monumentale Hirschgruppen für das Sanatorium Bühlerhöhe erste nationale Anerkennung, bevor eine schwere Handverwundung im Ersten Weltkrieg ihn zwang, seine bildhauerische Technik grundlegend umzustellen. In der Zwischenkriegszeit stand er in München in engem Austausch mit Größen wie Karl Albiker, Toni Stadler und Ludwig Kasper und unternahm Studienreisen nach Paris zu Aristide Maillol, die seine Hinwendung zu einer blockhaft-geschlossenen, tektonisch klaren Figur festigten. Im Jahr 1934 wurde Geibel als Professor für Freies Zeichnen, Modellieren und angewandte Plastik an die Technische Hochschule Darmstadt berufen. Obwohl er der NSDAP den Beitritt verweigerte, geriet sein Schaffen in die kulturpolitischen Widersprüche der Diktatur: Während er mit Sportplastiken an den Kunstwettbewerben der Olympischen Spiele 1936 teilnahm, zog er sich in eine von innerer Emigration geprägte, reduzierte Formensprache zurück. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1957 – und darüber hinaus wirkend – drückte er dem Wiederaufbau und dem Stadtbild Darmstadts einen unverkennbaren Stempel auf. Geibels facettenreiches Œuvre, das neben feinsinnigen Bronze- und Holzplastiken (wie dem berühmten Liegenden Einhorn für den Einhornbrunnen) auch ausdrucksstarke Knabenfiguren, Akte und Tierbronzen umfasst, zeichnet sich durch eine vollkommene Balance aus innerer Ruhe, Naturbeobachtung und architektonischer Strenge aus. Als Brückenbauer der Vorkriegs- zur Nachkriegsmoderne schuf er ein praktisches Fundament für die Integration skulpturaler Kunst in den öffentlichen Raum.
Jakob Wilhelm Fehrle (1884–1974): In Schwäbisch Gmünd geborener Bildhauer, Maler, Zeichner und herausragender Bildchronist der klassischen figürlichen Plastik im 20. Jahrhundert. Nach einer handwerklichen Ausbildung zum Ziseleur studierte er an den Kunstakademien in Berlin bei August Gaul sowie in München bei Balthasar Schmitt. Um seine künstlerische Wahrnehmung international zu schärfen, lebte er in Rom und von 1911 bis 1914 in Paris. Dort am Montparnasse bewegte er sich im Umfeld der Avantgarde, arbeitete zeitweise im Atelier von Auguste Rodin und wurde tief von Aristide Maillol und Wilhelm Lehmbruck geprägt. 1919 kehrte er in seine Heimatstadt zurück, lehrte an der Staatlichen Höheren Fachschule und stieg zu einer regionalen bildhauerischen Ausnahmegestalt auf. Fehrles langes Schaffen spiegelt die politischen Brüche der Epochen wider: Seine Ambitionen auf dem Gebiet der Großplastik führten in der NS-Zeit zu repräsentativen Aufträgen für das Deutsche Reich (wie dem Gmünder Gefallenendenkmal von 1935), obgleich er zeitweise Werke durch Beschlagnahmung verlor und seine eigene Ehefrau mutig vor dem NS-„Euthanasie“-Programm rettete. Nach 1945 knüpfte er an die aufkommende Nachkriegsmoderne an und öffnete sich formal der geometrischen Abstraktion. Fehrles Werk zeichnet sich durch eine singuläre Zuwendung zum menschlichen Körper aus: Vor allem am weiblichen Aktmodell und in seinen anmutigen Muttergottes-Darstellungen balancierte er Statik und Bewegung sensibel aus. Er befreit die klassische Figur von akademischer Schwere und steigert sie zu grazilen, zeitlosen Bronzen, Terrakotten und feinen Zeichnungen. Als Träger des Bundesverdienstkreuzes (1954) und Schöpfer bedeutender Denkmäler und Porträtbüsten im öffentlichen Raum – wie der des Bundespräsidenten Theodor Heuss (1963) – sicherte er der figürlich-sensiblen Plastik einen absolut zentralen, epochenübergreifenden Platz in der Kunstgeschichte des deutschen Südwestens.

Kunst im deutschen Südwesten, Jakob Wilhelm Fehrle, Nach dem Bade, stehender Damenakt ein Tuch haltend, 1944, Höhe 65 cm, Terrakotta modelliert, gebrannt, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Fritz Nuss (1907–1999): In Göppingen geborener Bildhauer, Medailleur und herausragender Meister der figürlichen Nachkriegsplastik im deutschen Südwesten. Nach einer handwerklichen Ausbildung zum Ziseleur in Schwäbisch Gmünd studierte er an den Kunstakademien in München bei Hermann Hahn sowie in Stuttgart bei Ludwig Habich. Bereits 1943 zum Professor ernannt, geriet sein Schaffen durch die politische Anpassung und eine NSDAP-Mitgliedschaft in die Ambivalenzen der Diktatur. Ab 1952 leitete er zwanzig Jahre lang die Klasse für Plastisches Gestalten an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd und begründete dort eine einflussreiche Bildhauerdynastie (darunter sein Sohn Karl Ulrich Nuss). Nuss’ Werk zeichnet sich durch eine singuläre Evolution der menschlichen Figur aus: Während seine frühen Arbeiten der 1930er- und 1940er-Anfänge von geschlossenen Konturen und klassisch-idealer Formstrenge geprägt waren, öffnete er sich ab den 1950er-Jahren – inspiriert durch Henry Moore – spürbar der organischen Abstraktion. Er brach die geschlossenen Volumina auf, betonte die raue Materialität des Modelliertons und steigerte seine Bronzen im Spätwerk zu raumgreifenden, zutiefst sinnlichen und dynamisch-barocken Bewegungschiffren. Als Schöpfer zahlreicher populärer Werke im öffentlichen Raum – wie den markanten Reliefplatten für die Stuttgarter Liederhalle (1956) oder dem „Sitzenden lesend“ vor der Stadtbibliothek – sowie als spiritus rector des Skulpturenpfads in den Weinbergen seines langjährigen Wohnorts Strümpfelbach sicherte er der traditionsbewussten, aber modern reformierten Menschenplastik einen absolut zentralen, identitätsstiftenden Platz in der Kunstgeschichte Baden-Württemberg.

Kunst im deutschen Südwesten, Fritz Nuss, Strumpfanziehende, 1943, Bronze, 26 cm x 11,2 cm x 15,3 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Fritz Nuss, Stehende II, 1948, Bronze, 181,5 cm x 54 cm x 55 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Fritz Nuss, Wasserschöpferinnen, 1979, Bronze, 42,5 cm x 47 cm x 34 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Fritz Nuss, Stehende I, 1970, Bronze, 100,5 cm x 30 cm x 28 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Fritz Nuss, Stehende, 1986 1987, Bronze, 212 cm x 74 cm x 45 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
KONSOLIDIERUNG DER ABSTRAKTION, FARBFELDMALEREI, SKRIPTUALER EXPRESSIONISMUS, INFORMEL & EXISTENTIELLE FIGURATION IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1960er Jahre
In den 1960er Jahren festigte sich der Ruf Stuttgarts als Zentrum der ungegenständlichen Kunst. Die Auseinandersetzung mit der reinen Fläche, der harten geometrischen Kante (Hard Edge) und der informellen Plastik dominierte.
STILE & STRÖMUNGEN
Informel
Farbfeldmalerei
Konkrete Kunst
Konstruktivismus
Minimal Art
ungegenständliche Plastik
informeller Bronzeguss.
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
Emil Schumacher (1912–1999): In Hagen geborener Maler, Grafiker und weltweit gefeierter Hauptakteur des deutschen Informel sowie des abstrakten Expressionismus. Nach seinem Grafikdesignstudium in Dortmund und auferlegter Arbeit als technischer Zeichner während des Zweiten Weltkriegs vollzog er Anfang der 1950er-Jahre – inspiriert durch eine Begegnung mit dem Maler Wols in Paris – eine radikale Abkehr von jeglicher Figuration. Um die Malerei aus der reinen Fläche in die Dreidimensionalität zu führen, entwickelte er eine eruptive, physisch fassbare Bildsprache: Seine Leinwände und Holzträger behandelte er nicht als Kompositionsflächen, sondern als Aktionsräume, die er mitunter brachial mit Werkzeugen zerfurchte oder mit dem Hammer zertrümmerte. Als langjähriger Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe (1966–1977) prägte er über Jahrzehnte auch die Kunstlandschaft des deutschen Südwestens nachhaltig. Schumachers Werk zeichnet sich durch eine singuläre, archaische Materialästhetik aus: Sowohl in seinen monumentalen Farblandschaften als auch in seinen taktilen Objekten mischte er Sand, Asche, Sisal oder Draht direkt in die Farbmaterie, wodurch reliefartige Oberflächen von vulkanischer Urgewalt entstanden. Als dreifacher documenta-Teilnehmer (1959, 1964, 1977), Gewinner des renommierten Guggenheim Awards (1958) und Schöpfer eines monumentalen Wandbildes im Berliner Reichstagsgebäude sicherte er der gestischen Materialabstraktion einen unumstößlichen, international vernetzten Spitzenplatz in der europäischen Nachkriegsavantgarde.
Klaus Jürgen-Fischer (1930–2017): In Krefeld geborener Maler, Grafiker und bedeutender Kunsttheoretiker, der nach Studien in Düsseldorf und Stuttgart (unter anderem bei Willi Baumeister) jahrzehntelang im Südwesten wirkte. Jürgen-Fischer erlangte monumentale Bedeutung als Herausgeber der führenden Kunstzeitschrift das kunstwerk in Baden-Baden (1962–1974), durch die er die internationale und regionale Abstraktion theoretisch untermauerte. Als Maler gründete er 1960 die avantgardistische Gruppe „SYN“ und wandte sich gegen das regellose Informel. Sein eigenes Werk suchte eine Synthese aus freier Geste und geometrischer Ordnung. Seine subtilen, oft monochromen „synchromen“ Gemälde untersuchten die Rhythmik von feinen Linienrastern und Farbschichtungen im Licht, wodurch er eine der wichtigsten intellektuellen und meditativen Positionen des Südwestens begründete.
Bert Jäger (1919–1998): In Karlsruhe geborener Maler, Grafiker und Essayist, der nach Kriegsdienst und Gefangenschaft ab 1948 in Freiburg im Breisgau lebte und arbeitete. Jäger gilt als der kompromissloseste Pionier der abstrakten Malerei und des Informel in Südbaden. Weitgehend als Autodidakt gestartet, löste er sich radikal von der landschaftlichen Tradition der Region und entwickelte eine hochdynamische, gestische Bildsprache. Seine wuchtigen, prozesshaften Material- und Strukturbilder leben von der Schichtung, Verletzung und eruptiven Überlagerung reiner Farbmaterie. Als Mitbegründer der avantgardistischen „Breisgauer Sezession“ (1954) und enger Freund von Intellektuellen und Künstlern der Nachkriegszeit war er der entscheidende intellektuelle Motor, der die ungegenständliche Moderne im Südwesten jenseits der Stuttgarter und Karlsruher Zentren verankerte.
Hans-Martin Erhardt (1935–2015): In Emmendingen geborener Maler und Grafiker. Er studierte ab 1956 an der Karlsruher Kunstakademie unter anderem bei HAP Grieshaber und Albert Gehmar. Erhardt entwickelte ein unverwechselbares Werk, das sich im Spannungsfeld zwischen expressiver Geste und geometrischer Disziplin bewegt. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine präzise, oft serielle Erforschung von Formen und Chiffren aus, in denen Landschafts-, Architektur- und Körperfragmente zu dichten, rhythmischen Farb-Raum-Gefügen abstrahiert werden. Erhardt leistete damit einen wesentlichen, eigenständigen Beitrag zur Modernisierung der Grafik und Malerei der Karlsruher Schule ab den 1960er Jahren.
Herbert Kitzel (1928–1978): In Halle an der Saale geborener Maler und Grafiker, der nach seinem Studium an der dortigen Kunstschule Burg Giebichenstein 1957 in den Westen floh und bereits 1958 als Professor an die Karlsruher Kunstakademie berufen wurde. Kitzel gilt als einer der wichtigsten und zugleich melancholischsten Grenzgänger zwischen Figuration und informeller Abstraktion. Seine Bildwelten sind von einer tiefen existenziellen Einsamkeit geprägt; obsessiv thematisierte er maskierte Gestalten, Gaukler, Clowns und fragile Torsi, die sich oft wie geisterhafte Schemen hinter Schleiern aus gedämpften, erdigen Farbschichten hervorheben. Als Lehrer übte er einen fundamentalen, prägenden Einfluss auf Künstler wie Hans Baschang aus und stabilisierte das figurative Erbe im Südwesten gegen den reinen Zeitgeist der Gegenstandslosigkeit.
Georg Karl Pfahler (1926–2002): In Emetzheim geborener Maler, Grafiker und Objektdesigner. Er studierte von 1948 bis 1954 an der Stuttgarter Kunstakademie unter anderem bei Willi Baumeister und prägte den Südwesten über Jahrzehnte hinweg. Pfahler gilt als der international herausragendste Pionier der Hard-Edge-Malerei und des Color-Field-Painting in Deutschland. Nachdem er sich Ende der 1950er Jahre vom Informel gelöst hatte, erforschte er in seinen monumentalen Werken die reine, scharf abgegrenzte Farbwirkung als eigenständigen Raumkörper. Seine Blockformationen und architektonischen Farbkonzepte brachen radikal mit jeglicher Bildillusion. Als deutscher Vertreter auf der Biennale von Venedig (1970), Teilnehmer der documenta 4 (1968) und Träger des Hans-Molfenter-Preises der Stadt Stuttgart (1984) hob er die ungegenständliche Kunst der Region auf internationales Spitzenniveau.

Kunst im deutschen Südwesten, Georg Karl Pfahler, Struk Nr.15 C, 1958, 100 cm x 125 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Georg Karl Pfahler, Formativ Nr. 3/II, 1959-1960, 145 cm x 84 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Georg Karl Pfahler, Warschau Zyklus 1A(9), 1964-1971, 200 cm x 200 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Friedrich Sieber (1925–2002): In Reichenberg (Tschechoslowakei) geborener Maler, Grafiker und wegweisender Mitbegründer der avantgardistischen Nachkriegsabstraktion im Südwesten. Nach Kriegsdienst, Vertreibung und Gefangenschaft kam er 1950 nach Stuttgart, wo er an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste bei Manfred Henninger studierte. Auf der Suche nach radikal neuen Ausdrucksformen gründete er dort 1956 gemeinsam mit Georg Karl Pfahler, Günther C. Kirchberger und Attila Biró die legendäre „Gruppe 11“. Diese lose Künstlervereinigung verschrieb sich dem internationalen Impuls des Action Painting und des gestischen Informel, um die traditionelle Malerei durch explosive, ungebremste Spontaneität aufzubrechen. Siebers Werk zeichnet sich durch eine bemerkenswerte stilistische Evolution und eine singuläre Erforschung von Farbbewegungen aus: Während seine frühen, teils stürmischen Mischtechniken der 1950er-Jahre wie „Bedrängtes Blau“ ganz der rauen, emotionalen Materie des Informel verpflichtet waren, vollzog er Anfang der 1960er-Anfänge eine bewusste Wende hin zu größerer struktureller Disziplin. Er beruhigte den Pinselduktus und fand zu einer klaren, zeichenhaften Formensprache, in der er konstruktive Bildelemente organisch mit den flächigen Gesetzen der Farbfeldmalerei verwob. In seinen komplexen Serien wie den „Drehimpulsen“ steigerte er das kontrollierte Fließen von Acryl- und Ölfarben zu geometrisch austarierten Schwingungen. Als tragendes Mitglied der Stuttgarter Schule und unermüdlicher Experimentator über die Genregrenzen hinweg sicherte er dem dynamischen Übergang von der gestischen zur kalkulierten Abstraktion einen absolut prägenden, international geschätzten Platz in der Kunstgeschichte des deutschen Südwestens.

Kunst im deutschen Südwesten, Friedrich Sieber, ohne Titel Farbabstraktion, 1980-1982, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 100 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Anton Stankowski (1906–1998): In Gelsenkirchen geborener Grafiker, Fotograf, Maler und herausragender Medientheoretiker. Nach prägenden Wanderjahren in Essen und Zürich, wo er wesentliche Impulse der Schweizer Konkreten erhielt, ließ er sich 1951 endgültig in Stuttgart nieder. Stankowski gilt als das international genialste Genie an der Schnittstelle von Konkreter Kunst und richtungsweisendem Kommunikationsdesign. Er hob die Trennung zwischen freier Bildkunst und funktionaler Grafik radikal auf: Seine theoretisch untermauerten „Angewandten Stile“ übersetzten komplexe physikalische, technische oder wirtschaftliche Prozesse in minimalistische, geometrische Linienstrukturen und Farbchiffren von absoluter Identitätskraft. Weltberühmt wurde er durch Corporate-Design-Meilensteine wie das schräge Quadrat-Logo der Deutschen Bank. Als langjähriger Vorsitzender des Beirats der legendären Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm, Gewinner des Kulturpreises der Stadt Stuttgart (1991) und Gründer der Stankowski-Stiftung prägte sein rationales, visuelles Erbe die Bildsprache des deutschen Südwestens nachhaltig auf weltweitem Spitzenniveau.

Kunst im deutschen Südwesten, Anton Stankowski, 4 Quadratprozessionen, 1990, Acryl auf Leinwand, 89,5 cm x 89,5 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Günter Neusel (1930–2020): In Kassel geborener Bildhauer, Maler und herausragender Vertreter der konstruktiven und Konkreten Kunst. Nach seinem Kunststudium in Düsseldorf, Berlin und Kassel kam er 1958 als freischaffender Künstler nach Stuttgart, wo er sich schnell dem avantgardistischen Kreis um den Philosophen Max Bense anschloss. Um seine streng rationale, geometrische Formensprache weiterzuentwickeln, verbrachte er prägende Jahre im Südwesten und lehrte schließlich ab 1974 als einflussreicher Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Neusels Werk zeichnet sich durch eine singuläre mathematisch-räumliche Präzision aus: Sowohl in seinen dreidimensionalen Skulpturen als auch in seinen seriellen Siebdrucken (wie den „Verdeckten Fachwerken“) befreite er die geometrische Form von jeglicher abbildenden oder emotionalen Funktion und steigerte sie zu autonomen, rational austarierten Strukturen aus Linien, Quadraten und Primärfarben. Als früher Preisträger des renommierten Kulturkreises der deutschen Wirtschaft (ars viva, 1956) und langjähriges Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg sicherte er der rationalen, konstruktiven Abstraktion einen absolut prägenden, international vernetzten Platz in der Nachkriegsmoderne des deutschen Südwestens.
Felix Schlenker (1920–2010): In Schwenningen am Neckar geborener Maler, Grafiker, Objektkünstler und herausragender Wegbereiter der Konkreten Kunst und konstruktiven Abstraktion im deutschen Südwesten. Nach autodidaktischen Studien nach 1945 und frühen künstlerischen Bezügen zu Paul Klee entwickelte er ab den späten 1950er Jahren eine völlig eigenständige Formensprache. Zunächst sammelte er im kriegszerstörten Umfeld Relikte und Schutt, um daraus in der postdadaistischen Tradition von Kurt Schwitters erste, dem Informel verpflichtete Materialbilder und Assemblagen zu formen. Ab 1964 radikalisierte er sein Schaffen hin zu asketischer Strenge: Er beschränkte sich fast ausschließlich auf das quadratische Format und reduzierte seine Arbeiten auf monochrome Bildobjekte, serielle Lackbilder oder rhythmisch angeordnete Hufeisennägel auf Holzplatten. Schlenkers Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus konstruktiver Ordnung und meditativer Materialästhetik aus: Sowohl in seinen strukturierten Reliefs als auch in seinen feinen Aquarellen befreite er die geometrische Struktur von emotionalem Pathos und steigerte das Wechselspiel aus Raum, Licht und feinen Schattenwirkungen zu visuellen Ruhepolen von Zen-buddhistischer Qualität. Als Mitbegründer des einflussreichen „Forum Kunst Rottweil“ prägte er die Kulturregion nachhaltig und sicherte der reduzierten Objektkunst des Südwestens als Träger des Professorentitels ehrenhalber des Landes Baden-Württemberg einen absolut gleichrangigen, international vernetzten Platz in der Nachkriegsavantgarde.
Bernd Berner (1930–2002): In Hamburg geborener Maler, Grafiker und bedeutender Kunstpädagoge, der nach Studien in Hamburg, Paris und Stuttgart (u. a. bei Willi Baumeister) ab 1952 fest in Stuttgart lebte und von 1971 bis 1994 als Professor an der Hochschule in Pforzheim lehrte. Berner gilt kunsthistorisch als einer der profiliertesten Pioniere des Post-Informel und des autonomen Farbraums in Deutschland. Ab Mitte der 1960er Jahre fokussierte er sein gesamtes Schaffen auf das sogenannte „Flächenbild“. Dabei löste er die informelle Geste in dichte, strukturierte Geflechte aus zahllosen, gitterartigen Pinselstrichen und übereinandergelegten Farblasuren auf. Berners Gemälde besitzen keine Gegenständlichkeit oder geometrische Begrenzung; sie leben ausschließlich von der inneren Vibration, der Dichte und der atmosphärischen Tiefenwirkung pulsierender Farbschichten. Als langjähriges Vorstandsmitglied des Deutschen Künstlerbundes hinterließ er eine der stringentesten und meditativsten Positionen der ungegenständlichen südwestdeutschen Kunstgeschichte.

Kunst im deutschen Südwesten, Bernd Berner, Flächenraum, 1963-1964, 130,5 cm x 110,5 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Rolf-Gunter Dienst (1942–2016): In Kiel geborener Maler, Grafiker, einflussreicher Kunstkritiker und herausragender Protagonist der deutschen Nachkriegsabstraktion. Er kam Mitte der 1960er-Jahre nach Stuttgart, wo er mit der Gründung der Künstlergruppe SYN (1965) die Abkehr vom rein emotionalen Informel einleitete, und lehrte später als langjähriger Professor an der Kunstakademie Nürnberg. Um seine künstlerische Sprache international zu schärfen, verbrachte er in den späten 1960er- und 1970er-Jahren prägende Arbeitsaufenthalte in New York, wo er sich intensiv mit dem amerikanischen Color Field Painting und dem Minimalismus auseinandersetzte. Als langjähriger Redakteur der renommierten Zeitschrift Das Kunstwerk prägte er über Jahrzehnte den kunstkritischen Diskurs der Bundesrepublik. Diensts Werk zeichnet sich durch eine singuläre, skripturale Rhythmik aus: Sowohl in seinen großformatigen Ölbildern als auch in seinen nuancierten Zeichnungen befreite er die Linie von jeglicher abbildenden Funktion und steigerte sie zu autonomen, tief poetischen Rastern aus winzigen, asemantischen Chiffren. Als zweifacher Villa-Massimo-Stipendiat, Träger des Bundesverdienstkreuzes und prägende Figur im Grenzbereich von Visueller Poesie und Malerei sicherte er der systematischen, aber zutiefst lyrischen Abstraktion einen absolut singulären, international vernetzten Platz in der deutschen Kunstgeschichte.
Markus Prachensky (1932–2011): In Innsbruck geborener Maler, Grafiker und prägender Pionier des europäischen Informel. Nach seinem Studium der Architektur und Malerei an der Akademie der bildenden Künste Wien gründete er 1956 gemeinsam mit Hollegha, Mikl und Rainer die avantgardistische Gruppe um die Galerie nächst St. Stephan. Ab Ende der 1950er-Jahre trat Prachensky in intensiven, befruchtenden Austausch mit der südwestdeutschen Kunstszene, flankiert durch wegweisende Galeriepräsentationen und Museumsbegegnungen im Stuttgarter und Karlsruher Raum. Prachenskys Œuvre ist ein radikales Monument der reinen, ungebändigten Geste: Seine weltberühmten, hochexpressiven Zyklen (wie Rot auf Weiß, St. Stephan oder seine späteren italienischen Reisebilder) bannen eruptive, gewaltige Farbschwünge – dominiert von einem eigens gemischten, unverkennbaren Prachensky-Rot – auf die Leinwand. Als internationaler Fixstern der Aktions- und Informelmalerei brachte er eine ungestüme, architektonisch-rhythmische Wucht in den abstrakten Diskurs des Südwestens ein und etablierte die physische Präsenz der Farbe als reines Energieereignis.
Lothar Quinte (1923–2000): In Insterburg geborener Maler, Grafiker und bedeutender Wegbereiter der Farbfeld- und Lichtkunst. Nach seinem Studium an der Kunstschule Bernstein (Bernsteinschule) bei HAP Grieshaber und Hans Paul Schmohl wirkte er jahrzehntelang im Südwesten (u. a. in Wettelbrunn). Quinte gilt kunsthistorisch als eine der profiliertesten Galionsfiguren der deutschen Op-Art und meditativen Lichtfeldmalerei. Seine frühen Arbeiten waren noch vom Informel geprägt, doch ab den frühen 1960er Jahren reduzierte er seine Bildsprache radikal auf die Erforschung von geometrischen Systemen, Fächerbündelungen, strahlenden Farbgrenzen und den berühmten Schlitzbildern, bei denen feine, vertikale Lichtspalten die Monochromie der Leinwand spannungsvoll durchbrechen. Neben seinen Gemälden schuf er ein international wegweisendes Œuvre an architekturbezogener Kunst, darunter die monumentalen Fensterzyklen für den Dom zu Speyer oder die Kirche St. Andreas in Karlsruhe. Als Teilnehmer der documenta 4 (1968) und Gastdozent an der Stuttgarter Akademie (1959/1960) hob er das Wechselspiel von Farbe, Raum und optischer Vibration auf internationales Spitzenniveau.
K.R.H. Sonderborg (1919–2000): Eigentlich Karl Robert Harvey Sonderborg, in Sønderborg (Dänemark) geborener Maler und Grafiker. Nach Studien in Hamburg und Paris (Atelier Hayter) wurde er 1965 als Professor an die Stuttgarter Kunstakademie berufen, wo er bis 1985 eine der einflussreichsten Klassen leitete. Sonderborg gilt als einer der international radikalsten Hauptvertreter des deutschen Informel und der Aktionsmalerei. Seine Werke – fast ausschließlich auf kontrastreiches Schwarz-Weiß-Rot reduziert – entstanden oft in eruptiven, rasanten Malsitzungen unter dem Einfluss von Jazzmusik. Unter Einsatz von unkonventionellen Werkzeugen wie Spachteln, Kratzern, Rasierklingen oder Autowischern riss, schleuderte und strukturierte er die Farbe auf den Untergrund. Diese Bilder fangen die nackte Dynamik von Zeit, Rhythmus und Bewegung ein und verweisen metaphorisch auf urbane Architekturen und technische Landschaften. Als dreifacher documenta-Teilnehmer (1959, 1964, 1977), Vertreter Deutschlands auf der Biennale von Venedig (1958) und Gewinner des Hans-Molfenter-Preises der Stadt Stuttgart (1987) verankerte er die internationale Aktionsavantgarde unwiderruflich im Südwesten.
Rudolf Haegele (1926–1998): In Schömberg bei Rottweil geborener Maler, Glasgestalter und einflussreicher Hochschullehrer der baden-württembergischen Nachkriegsmoderne. Schockiert von den traumatischen Erlebnissen im Kriegsdienst bei der Kriegsmarine, verwarf er seinen ursprünglichen Wunsch, Ingenieur zu werden, und wählte die Malerei als Instrument des existenziellen Protests und gesellschaftlichen Wandels. Nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Fritz Steisslinger und Hermann Sohn (1946–1948) sowie einem prägenden Pariser Stipendiaten-Aufenthalt stieg er zu einer zentralen Leitfigur der regionalen Kunstszene auf. Er amtierte ab 1968 als Vorsitzender der Stuttgarter Sezession und leitete von 1965 bis 1992 als angesehener Professor fast drei Jahrzehnte lang eine eigene Malklasse an der Stuttgarter Kunstakademie. Haegeles Werk zeichnet sich durch eine singuläre existentielle Materialtiefe aus: Sowohl in seinen vielschichtigen Leinwandgemälden als auch in seinen monumentalen Glasfenstern für kommunale und sakrale Räume befreite er das Bild von glatten Oberflächen. Tief beeinflusst von der Philosophie Albert Camus’ und dem französischen Existenzialismus, mischte er Sand und andere Werkstoffe in die Farbmaterie, um durch Schichtung und anschließendes brachiales Auskratzen raue, verletzte Fels- und Mauerstrukturen sowie kryptische Schriftzeichen freizulegen. Als engagierter Pädagoge und unermüdlicher Sucher nach der Conditio humana sicherte er der materialbetonten, philosophisch aufgeladenen Abstraktion einen absolut zentralen, unverwechselbaren Platz im kulturellen Erbe des deutschen Südwestens.

Kunst im deutschen Südwesten, Rudolf Haegele, Palimpsest VOLTERRA, 1981, 195 cm x 163 cm, Mischtechnik auf Leinwand, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Kunst im deutschen Südwesten, Rudolf Haegele, Dreiteiliges Bild Rivoli, 1974 1975, Mischtechnik auf Platte, 60 cm x 131 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
FORMREDUKTIONEN & FORMPRÄZISIONEN IN DER FIGURATIVEN BILDHAUEREI DES DEUTSCHEN SÜDWESTENS
Otto Baum (1900–1977): In Leonberg geborener Bildhauer und einflussreicher Hochschullehrer, der als einer der bedeutendsten Wegbereiter der abstrakten und formreduzierten Nachkriegsplastik im deutschen Südwesten gilt. Nach einer Farbenmischer-Lehre studierte er an der Stuttgarter Kunstakademie und unternahm prägende Studienreisen nach Italien und Paris, wo er sich früh von der mimetischen, rein abbildenden Bildhauerei abwandte. Während der Zeit des Nationalsozialismus geriet er kulturpolitisch ins Abseits, erhielt Ausstellungsverbot und musste seine Kunst im Verborgenen weiterentwickeln. Trotz dieser Isolation verfolgte er konsequent den Weg der extremen Formvereinfachung hin zur autonomen, reinen Plastik, für die ihn internationale Kollegen wie Hans Arp und Henry Moore tief schätzten. Im Jahr 1946 folgte die späte Anerkennung: Er wurde als Professor an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart berufen, wo er bis 1965 eine der prägendsten Bildhauerklassen (Herbert Baumann, Dieter Bohnet, Reinhold G. Müller, Ursula Sachs) der Region leitete. Baums berühmte Werkgruppen (darunter stark abstrahierte, blockhafte Tierplastiken und menschliche Torsi) untersuchten das organische Spannungsverhältnis von Volumen, Masse und Raum im Sinne der klassischen Moderne. Als Teilnehmer der historischen documenta 1 (1955) in Kassel sowie durch zahlreiche monumentale Aufträge legte er ein fundamentales, kompromissloses Fundament für die Akzeptanz ungegenständlicher Skulptur im öffentlichen Raum des Südwestens.
Walter Schelenz (1903–1987): In Karlsruhe geborener Bildhauer und Kulturorganisator, der als einer der profiliertesten Vermittler zwischen Figuration und Abstraktion in der badischen Kunst des 20. Jahrhunderts gilt. Nach einer Ausbildung zum Tierpräparator studierte er an der Kunstakademie Dresden bei Karl Albiker, der ihn 1926 zum Meisterschüler ernannte. Ab 1927 wirkte er als freischaffender Künstler in Berlin und Neubabelsberg, wo er in engem, fruchtbarem Austausch mit Weggefährten der Ateliergemeinschaft Klosterstraße (darunter Gustav Seitz und Hermann Blumenthal) stand. Der Zweite Weltkrieg bedeutete eine tiefe Zäsur: Als technischer Zeichner zur Luftwaffe eingezogen, verlor er bei den Bombenangriffen auf Berlin fast sein gesamtes, bis dahin rein figürliches Frühwerk. Nach Kriegsende schlug er im Schwarzwald Wurzeln, gründete 1947 die Kunsthandwerk-Schule im Schloss Bonndorf und leitete von 1954 bis 1961 als Erster Vorsitzender den Berufsverband Bildender Künstler (BBK) Südbaden. Mit seinem Umzug nach Freiburg im Breisgau (1955) vollzog Schelenz eine radikale stilistische Neuausrichtung: Er löste sich schrittweise von der reinen Naturform und wandte sich abstrakten, surreal anmutenden Bronze-Konstruktionen zu. Seine berühmten Werkgruppen und filigranen Reliefs (wie Formenspiel im Raum oder Verloren in Zeit und Raum) untersuchten die Balance zwischen plastischem Volumen, geometrischen Achsen und kosmischer Leere. Ausgezeichnet mit dem Kunstpreis Oberrhein (1959) und dem Reinhold-Schneider-Preis (1970) sowie geehrt als Gast der Villa Massimo in Rom (1973), wurde ihm 1977 der Professorentitel verliehen. Schelenz’ Arbeiten, die heute unter anderem im Museum für Neue Kunst Freiburg bewahrt werden und zahlreiche öffentliche Bauten der Region zieren, bilden ein intellektuell wie handwerklich meisterhaftes Fundament der südbadischen Nachkriegsmoderne.
Gustav Seitz (1906–1969): In Mannheim geborener Bildhauer, Zeichner und herausragender Hochschullehrer, der als einer der bedeutendsten Meister der figürlichen Plastik in Deutschland gilt. Er absolvierte eine Steinmetzlehre in Mannheim, studierte an den Kunstakademien in Karlsruhe und Berlin und reifte als Meisterschüler des renommierten Wilhelm Gerstel an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst. In den 1930er-Jahren arbeitete er im fruchtbaren Umfeld der legendären Ateliergemeinschaft Klosterstraße in Berlin, zu der auch Künstler wie Käthe Kollwitz gehörten. Nach Kriegsdienst, Gefangenschaft und dem Totalverlust seines Ateliers durch Bombenangriffe prägte er die deutsche Nachkriegskunst maßgeblich als Brückenbauer in einem geteilten Land: Er lehrte ab 1950 als Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin-Weißensee (DDR) und folgte 1958 einem Ruf an die Hochschule für bildende Künste Hamburg. Seitz’ berühmte Werkgruppen (darunter feinsinnige Porträtbüsten bedeutender Zeitgenossen wie Thomas Mann und Bertolt Brecht, monumentale Denkmäler wie das Käthe-Kollwitz-Denkmal auf dem Berliner Kollwitzplatz sowie sinnlich-voluminöse weibliche Akte) untersuchten das organische Wachstum von Formen, die menschliche Würde und die ausdrucksstarke Reduktion des Körpers auf das Wesentliche. Als zweifacher Teilnehmer der documenta (1955 und 1959) und Vizepräsident der Akademie der Künste in Berlin legte er das intellektuelle und handwerkliche Fundament für eine zeitlose, humanistisch geprägte Bildhauerei der Moderne. Seine künstlerische Hinterlassenschaft wird heute durch die Gustav-Seitz-Stiftung in Trebnitz (Brandenburg) bewahrt.
Fritz Ruoff (1906–1986): In Nürtingen geborener Bildhauer, Maler und Grafiker, der neben Willi Baumeister und HAP Grieshaber zu den profiliertesten Wegbereitern der abstrakten Nachkriegskunst im deutschen Südwesten zählt. Er absolvierte zunächst eine Holzbildhauerlehre und studierte anschließend von 1927 bis 1931 an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule, wo er als Meisterschüler des renommierten Alfred Lörcher bereits früh den Weg hin zu einer radikalen Abstraktion des menschlichen Körpers beschritt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde er 1933 aus politischen Gründen zum Verlassen der Schule gezwungen und arbeitete fortan isoliert als freischaffender Künstler. Nach Kriegsdienst und der Heirat mit seiner Lebens- und Schaffenspartnerin Hildegard Scholl gründete er 1947 unter anderem mit Grieshaber die avantgardistische Künstlergruppe „Die Freunde“ und trat in einen engen kreativen Austausch mit Willi Baumeister. Ruoffs facettenreiches Œuvre zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Eigenständigkeit aus: Seine skulpturalen Werkgruppen entwickelten sich von stark vereinfachten, organisch-runden Holz- und Bronzeplastiken hin zu strengen, geometrischen Reliefs und monumentalen Stahlplastiken im öffentlichen Raum. Parallel dazu bildete die eigenständige Zeichnung und die Farbgrafik (insbesondere leuchtende Farbserigrafien) ein lebenslanges, gleichberechtigtes Fundament seines Schaffens. Als gefragter Meister für „Kunst am Bau“ gestaltete er in den Nachkriegsjahrzehnten zahlreiche Kirchenfenster und Großobjekte in Baden-Württemberg. Sein bleibendes intellektuelles und praktisches Fundament wird heute durch die 2003 gegründete Fritz und Hildegard Ruoff Stiftung in seiner Heimatstadt bewahrt, wo auch die Fritz-Ruoff-Schule als lebendiges Denkmal an sein kompromissloses Bekenntnis zur Moderne erinnert.
Rudolf Daudert (1903–1988): In Metz (Lothringen) geborener Bildhauer, Maler, Zeichner und herausragender Hochschullehrer, der als einer der wichtigsten und einflussreichsten Pädagogen für die figurative Bildhauerei der Nachkriegszeit im deutschen Südwesten gilt. Er studierte ab 1921 an der Kunstakademie Königsberg in der Klasse von Hermann Brachert und absolvierte parallel eine handwerkliche Lehre zum Steinmetz. Bereits in seiner frühen ostpreußischen Phase erlangte er durch ausdrucksstarke Bauplastiken, Beton-Reliefs sowie Gedenktafeln und Bronze-Büsten im öffentlichen Raum rasch künstlerische Anerkennung. Nach den tiefen Zäsuren des Zweiten Weltkriegs und der Vertreibung fand Daudert in Stuttgart eine neue Heimat, wo er von 1947 bis 1970 als Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart wirkte. In dieser über zwei Jahrzehnte währenden Lehrtätigkeit formte er eine legendäre Klasse und wurde zum richtungsweisenden Mentor für eine ganze Generation bedeutender Nachkriegskünstler, darunter Otto Herbert Hajek, Karl-Henning Seemann, Jürgen Weber, Jan Peter Tripp und Doris Waschk-Balz. Stilistisch blieb Daudert zeitlebens konsequent der Figürlichkeit verhaftet, verweigerte sich jedoch dem akademischen Realismus zugunsten einer sparsamen, aufs Wesentliche reduzierten Formensprache. Seine berühmten Werkgruppen umfassen klein- und mittelformatige Torsi, Reliefplatten sowie sensible Porträtbüsten – wie jene für das Haus Baden-Württemberg in Bonn oder die Universitätsbibliothek Tübingen. Die in Stein, Bronze und insbesondere in oft farbiger Terrakotta ausgeführten Plastiken zeichnen sich durch eine reiche, bewusst rau belassene Oberflächenstruktur aus, die den handwerklichen Entstehungsprozess lebendig sichtbar macht. Als Brückenbauer zwischen klassischem Handwerk und moderner Abstraktion legte Daudert ein praktisches wie pädagogisches Fundament, das durch große Retrospektiven, unter anderem in den Städtischen Museen Heilbronn (1980) oder im Gerhard-Marcks-Haus in Bremen (1983), bleibende kunsthistorische Würdigung erfuhr.
Waldemar Grzimek (1918–1984): In Rastenburg (Ostpreußen) geborener Bildhauer, Grafiker und herausragender Hochschullehrer, der als einer der bedeutendsten und eigenständigsten Meister der figurativen Plastik im geteilten Nachkriegsdeutschland gilt. Aufgewachsen in Berlin, wurde sein außergewöhnliches Talent früh im Zoologischen Garten entdeckt, wo er als Junge unter der Anleitung von Hugo Lederer erste Tierplastiken modellierte. Er absolvierte eine Steinmetzlehre bei Philipp Holzmann, studierte an der Berliner Hochschule der Bildenden Künste und wurde 1941 Meisterschüler des renommierten Wilhelm Gerstel, ehe er 1942 mit dem Villa-Massimo-Preis in Rom ausgezeichnet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog Grzimek ein kunsthistorisches Kunststück als wandernder Brückenbauer zwischen den Systemen: Er lehrte zunächst an der Kunstschule Burg Giebichenstein in Halle (1946–1948), als Professor an der HBK Berlin-Charlottenburg im Westen (1948–1951) sowie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee im Osten (1956–1961). Am Tag des Mauerbaus 1961 verblieb er im Westen, schuf in Friedrichshafen ein neues Atelier und wirkte ab 1968 für fast zwei Jahrzehnte als prägender Professor für Plastisches Gestalten an der Technischen Hochschule Darmstadt. Stilistisch blieb Grzimek zeitlebens unerschütterlich der menschlichen und tierischen Figur verbunden, die er mit expressiver Vitalität, rauen Oberflächenstrukturen und tektonischer Spannung auflud. Seine berühmten Werkgruppen (darunter sinnliche, vitale Frauenakte wie die Schwimmerin, charakterstarke Porträts und ausdrucksvolle Tierbronzen) untersuchten das vitale Kraftspiel von Volumen im realen Raum. Als Schöpfer bedeutender öffentlicher Monumente – wie dem Mahnmal für die Gedenkstätte Sachsenhausen (1961) oder der David-Statue Der Bedrohte II (1969) – sowie als Autor des Standardwerks Deutsche Bildhauer des zwanzigsten Jahrhunderts (1969) legte er ein intellektuelles und praktisches Fundament, das die figurative Bildhauerkunst der Moderne über politische Grenzen hinweg nachhaltig prägte.
Wilhelm Loth (1920–1993): In Darmstadt geborener Bildhauer, der nach prägenden Lehrjahren bei Toni Stadler und Fritz Schwarzbeck ab 1958 als Professor für Bildhauerei an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe berufen wurde (wo er bis 1986 lehrte). Loth gilt als einer der radikalsten Erneuerer der gegenständlichen Plastik im Deutschland der Nachkriegszeit. Berühmt wurde er für seine obsessive, lebenslange Auseinandersetzung mit dem weiblichen Torso und Körperfragmenten. Seine Skulpturen aus Bronze, Aluminium und später eingefärbten Kunststoffen brachen radikal mit dem klassischen, akademischen Schönheitsideal: Er zeigte den Körper ungeschönt, asymmetrisch, von inneren Kräften deformiert oder wie tektonisch geschichtet. Als documenta-Teilnehmer (1964), Gewinner des Jerg-Ratgeb-Preises (1979) und Mitglied der Darmstädter Sezession prägte er das bildhauerische Klima im Südwesten über Jahrzehnte und schuf ein starkes Gegengewicht zur reinen Abstraktion.

Kunst im deutschen Südwesten, Wilhelm Loth, Neue Figuration, Torso, 1950, Bronze, 62 cm x 31 cm x 22 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Wilhelm Loth, Neue Figuration, Torso aus konvexen Formen, 1984, Bronze, 50 cm x 82 cm x 15,5 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Jürgen Brodwolf (geb. 1932): In Dübendorf (Schweiz) geborener Bildhauer, Objektkünstler, Maler und international gefeierter Schöpfer der weltberühmten „Tubenfigur“. Nach einer Ausbildung zum Entwurfszeichner in einer Zürcher Lithografieanstalt und ausgedehnten Studienreisen nach Paris und Florenz kam er Mitte der 1950er-Jahre in den deutschen Südwesten, wo er zunächst als freischaffender Restaurator in Vogelbach (Südbaden) wirkte. Im Jahr 1959 vollzog er seine kunsthistorische Jahrhundertentdeckung: Er fand eine ausgedrückte, deformierte Bleitube, deren plastische Form ihn an den menschlichen Körper erinnerte, und erhob dieses weggeworfene Alltagsobjekt zu seiner lebenslangen, archetypischen Urfigur. Um diese faszinierende Schnittstelle zwischen banalem Konsumgut und verletzlicher menschlicher Existenz tiefer zu erforschen, entwickelte er über Jahrzehnte hinweg ein singuläres, unerschöpfliches Werk aus Skulpturen, Reliquiaren und raumgreifenden Installationen. Als langjähriger Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (1976–1982) prägte er die Region nachhaltig. Brodwolfs Werk zeichnet sich durch eine zutiefst berührende, existenzielle Materialästhetik aus: Sowohl in seinen mit Mullbändern, Asche und Kreide umwickelten Tuben-Menschlein als auch in seinen monumentalen Figurengruppen aus Blei, Holz oder Papier befreite er die Figur von heroischen Posen und steigerte sie zu Chiffren von Vergänglichkeit, Isolation und Schutzbedürftigkeit. Als Teilnehmer der documenta 6 (1977), Träger des Hans-Thoma-Preises des Landes Baden-Württemberg (1981) und Begründer der geschichtsträchtigen Brodwolf-Stiftung im Kulturzentrum Kandern sicherte er der anthropomorphen Objektkunst einen absolut unverwechselbaren, zeitlosen Spitzenplatz in der europäischen Nachkriegsavantgarde.

Kunst im deutschen Südwesten, Jürgen Brodwolf, Ikarus II , 1997, Fundstück, verhüllte Tubenfigur, 1974, 45 cm x 51 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Jürgen Brodwolf, Figurentypologie 2008, umhüllte Tubenfigur um 1980, 40 cm x 30 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Gerda Bier (*1943): In Schwäbisch Hall geborene Bildhauerin und Objektkünstlerin, die nach ihrem Studium an der Berliner Staatlichen Akademie für Werkkunst und der Hochschule der Künste (wo sie 1975 Meisterschülerin wurde) seit 1976 als freischaffende Künstlerin arbeitet. Bier gilt als eine der profiliertesten Künstlerpersönlichkeiten Süddeutschlands und erlangte große Bekanntheit für ihr zutiefst humanistisches Œuvre, das zwischen figurativer Plastik, sakral anmutenden Gehäusen und materieller Spurensicherung changiert. Berühmt wurde sie für ihre charakteristische, symbiotische Materialtrias aus verwittertem Holz, oxidiertem Eisen und polierter Bronze. Ihre meist reduzierten Arbeiten – wie die Serien der Häuser, Köpfe oder Seelentürme – brechen mit dem konventionellen Abbildcharakter der klassischen Skulptur: Durch die gezielte Einbindung von Alltags-Fundstücken, tiefen Einschnitten und schützenden Eisenummantelungen thematisiert sie existentielle Motive von Verletzlichkeit, Erinnerung und Bewahrung. Als Trägerin des Erich-Heckel-Preises (1998), des Hohenloher Kunstpreises (2020), langjähriges Mitglied der Darmstädter Sezession sowie mit zahlreichen Großskulpturen im öffentlichen Raum prägt sie die zeitgenössische bildhauerische Landschaft im Südwesten nachhaltig.
DER RADIKALE BRUCH MIT DER BILDHAUERTRADITION: DIE AUFLÖSUNG DES KERNVOLUMEN UND DIE ERFINDUNG DER INFORMELLEN PLASTIK
Die europäische Nachkriegskunst stand nach 1945 vor den Trümmern einer Epoche und vor der existenziellen Notwendigkeit, eine völlig neue visuelle Sprache zu finden. In der Bildhauerei führte dies zu einer beispiellosen Revolution: dem radikalen Bruch mit der jahrhundertealten Tradition der klassischen, geschlossenen Monumentalplastik. An die Stelle des festgefügten, figürlichen Abbildes und des massiven „Kernvolumens“ trat das Prinzip der radikalen Öffnung, der Formzertrümmerung und der Spontaneität – die Geburtsstunde der informellen Plastik. Über Epochen hinweg definierte sich Bildhauerei primär über die Masse. Eine Skulptur war ein massiver Körper, der den Raum verdrängte. Die Künstler des Informel – getrieben von den Erschütterungen des Krieges und im Gleichschritt mit der gestischen Malerei (Tachismus/Abstract Expressionism) – erklärten diesen traditionellen Werkbegriff für obsolet. Sie wollten keine geschlossenen Harmonien mehr abbilden, sondern psychische Grenzzustände, vitale Energien und den unkontrollierten Prozess des Schaffens selbst sichtbar machen.
Emil Cimiotti (1927–2019): In Göttingen geborener Bildhauer und langjähriger Professor, der von 1951 bis 1954 an der Stuttgarter Akademie bei Willi Baumeister und Otto Baum studierte. Cimiotti gilt als der international bedeutendste Pionier der informellen Bildhauerei in Deutschland. Seine biomorphen, hochfiligranen und raumoffenen Bronzegüsse im Wachsausschmelzverfahren brachen radikal mit dem klassischen Dogma des geschlossenen, geometrischen Volumens. Seine plastischen Strukturen erinnern an zerklüftete Landschaften, wucherndes vegetabiles Geäst oder geologische Formationen, in denen Innen- und Außenraum organisch miteinander verschmelzen. Als zweifacher Teilnehmer der Biennale von Venedig (1958, 1960) sowie der documenta in Kassel (1959, 1964) und Gewinner des Kunstpreises der Stadt Stuttgart (1957) prägte er die dreidimensionale Nachkriegskunst im Südwesten fundamental.

Kunst im deutschen Südwesten, Emil Cimiotti, Pineta III, Bronze gussrau, 58 cm x 24 cm x 23 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Kunst im deutschen Südwesten, Emil Cimiotti, Baum – Strukturen, 2014, Bronze gussrau, 49 cm x 83 cm x 27 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Kunst im deutschen Südwesten, Emil Cimiotti, Knieende, 1983, Bronze gussrau auf Stahl, teilweise bemalt, 191 cm x 44 cm x 67 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Otto Herbert Hajek (1927–2005): In Kaltenbach geborener Bildhauer, Maler und herausragender Pionier der ungegenständlichen Plastik im öffentlichen Raum. Er kam 1947 nach Stuttgart, absolvierte dort sein Bildhauerstudium an der Kunstakademie und machte die Landeshauptstadt zum Zentrum seines weltweiten Schaffens. Nach prägenden Anfängen im Informel erlangte er ab den 1950er-Jahren erste internationale Anerkennung durch sein bahnbrechendes Frühwerk: In seinen plastisch dichten „Raumknoten“ und vielschichtigen „Raumschichtungen“ durchbrach er die geschlossene Form der klassischen Skulptur und webte filigrane Netze aus Linien, Graten und Durchbrüchen in den Raum, die das Licht in plastische Energie verwandelten. Ab den 1960er-Jahren übertrug er diese plastischen Raumuntersuchungen radikal in den urbanen Bereich und begründete seine weltbekannte „Stadtikonographie“ – monumentale, geometrische und begehbare Beton- und Stahlsuklpturen, die mit signalhaften Farbwegen die graue Nachkriegsarchitektur humanisieren und damit einen positiven gesellschaftspolitischen Beitrag leisten sollten. Er gestaltete Plätze sowie Universitäten weltweit und prägte als langjähriger Vorsitzender des Deutschen Künstlerbundes die Kulturpolitik der Bundesrepublik entscheidend mit. Als zweifacher documenta-Teilnehmer (1959, 1964) und Professor in Karlsruhe sicherte er der abstrakten Plastik des Südwestens einen absolut prägenden, international vernetzten Platz in der Moderne.

Kunst im deutschen Südwesten, Otto Herbert Hajek, P 138, 60 3, 1960, Bronze, 27 cm x 25 cm x 11 cm – Höhe ohne Sockel, Unikat, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Otto Herbert Hajek, Raumknoten, 1958, Tusche laviert auf Papier, 44 cm x 62 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Paul Reich (1925–2009): In Aue (Sachsen) geborener Bildhauer, der nach einer Ausbildung zum Pädagogen und seiner Flucht in die Bundesrepublik (1954) an der Stuttgarter Kunstakademie im Kreis um Willi Baumeister zu einem radikalen Verfechter der freien, ungegenständlichen Form reifte. Berühmt wurde Reich vor allem ab 1960 als Pionier der „Lichtplastik“: Er kombiniert exzessiv die im Grunde unvereinbare Materialtrias aus schwerem Stein, Metall und transparentem Acrylglas. Seine Arbeiten brechen das traditionelle, geschlossene Kernvolumen der klassischen Skulptur radikal auf, um Licht, Transparenz und Reflexion als eigenständige, immaterielle Gestaltungselemente zu integrieren. Mit seinen visionären Lichttoren, Raumschach-Multiples, markanten Architekturplastiken im öffentlichen Raum sowie als Ehrengast der Villa Massimo in Rom (1985) prägte er die deutsche Nachkriegsavantgarde im Südwesten entscheidend, bevor er sich ab 1983 ganz aus dem Kunstbetrieb zurückzog, um sich der paläontologischen Forschung zu widmen.
Gerson Fehrenbach (1932–2004): In Villingen im Schwarzwald geborener Bildhauer, der nach einer klassischen Holzbildhauerlehre, Studien bei Walter Schelenz in Bonndorf sowie als Meisterschüler von Karl Hartung an der Berliner Hochschule für Bildende Künste (1954–1960) zu einem der profiliertesten Vertreter der organisch-informellen Plastik in Deutschland heranwuchs. Berühmt wurde Fehrenbach für seine charakteristischen Raumfigurationen aus Stein, Bronze, Beton und Keramik, in denen er das traditionelle, geschlossene Kernvolumen radikal aufbrach. Seine oft monumentalen Skulpturen sind geprägt von einem spannungsvollen Gerüst aus horizontalen und vertikalen Achsen, das von wuchernden, knospenartigen Ausstülfungen und amorphen Hohlräumen überlagert wird. Damit übersetzte er das Prinzip der informellen Formauflösung in lebendig und prähistorisch anmutende Körpergebilde. Als documenta-Teilnehmer (1964), Gewinner des Villa-Romana-Preises (1962), langjähriger Lehrender an der Technischen Universität Berlin sowie als Schöpfer des geschichtsträchtigen Synagogen-Mahnmal (1963) im Berliner Bayerischen Viertel hinterließ er ein international beachtetes Œuvre, das den Dialog zwischen raumgreifender Abstraktion und existentieller organischer Urform meisterhaft verdichtet.
Rudolf Hoflehner (1916–1995): In Linz geborener österreichischer Bildhauer, Maler und Grafiker, der nach Studien des Maschinenbaus, der Architektur und des Bühnenbilds sowie entscheidenden Lehrjahren im Wiener Atelier von Fritz Wotruba ab 1962 als Professor für Bildhauerei an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart berufen wurde wo er bis 1981 lehrte. Neben Wotruba gilt Hoflehner als der bedeutendste Bildhauer der österreichischen Nachkriegszeit. Er erlangte Weltruhm für seine wuchtigen, archaisch-monumentalen Eisen- und Stahlplastiken, die das traditionelle skulpturale Kernvolumen radikal aufbrachen. Seine ungegenständlichen, oft technoid montierten Glieder- und Säulenstelen (die sogenannten Krieauer Kreaturen) bewegen sich im spannungsreichen Grenzbereich zwischen expressiver Figuration und konstruktivem Zeichen, um existenzielle Themen menschlicher Verwundbarkeit physisch im Raum zu verankern. Als zweifacher documenta-Teilnehmer (1959, 1964), Träger des Großen Österreichischen Staatspreises (1967) und Schöpfer geschichtsträchtiger Monumente – wie dem berühmten Bundesadler im österreichischen Parlamentssaal oder der Großplastik Kampf gegen den Krebs in Heidelberg – prägte er die europäische Nachkriegsavantgarde und das bildhauerische Klima im deutschen Südwesten über zwei Jahrzehnte hinweg maßgeblich.
Gerson Fehrenbach (1932–2004): In Villingen im Schwarzwald geborener Bildhauer, der nach einer klassischen Holzbildhauerlehre, Studien bei Walter Schelenz in Bonndorf sowie als Meisterschüler von Karl Hartung an der Berliner Hochschule für Bildende Künste (1954–1960) zu einem der profiliertesten Vertreter der organisch-informellen Plastik in Deutschland heranwuchs. Berühmt wurde Fehrenbach für seine charakteristischen Raumfigurationen aus Stein, Bronze, Beton und Keramik, in denen er das traditionelle, geschlossene Kernvolumen radikal aufbrach. Seine oft monumentalen Skulpturen sind geprägt von einem spannungsvollen Gerüst aus horizontalen und vertikalen Achsen, das von wuchernden, knospenartigen Ausstülfungen und amorphen Hohlräumen überlagert wird. Damit übersetzte er das Prinzip der informellen Formauflösung in lebendig und prähistorisch anmutende Körpergebilde. Als documenta-Teilnehmer (1964), Gewinner des Villa-Romana-Preises (1962), langjähriger Lehrender an der Technischen Universität Berlin sowie als Schöpfer des geschichtsträchtigen Synagogen-Mahnmal (1963) im Berliner Bayerischen Viertel hinterließ er ein international beachtetes Œuvre, das den Dialog zwischen raumgreifender Abstraktion und existentieller organischer Urform meisterhaft verdichtet.
DIE ABSTRAKTE OBJEKTKUNST IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
Die abstrakte Objektkunst im deutschen Südwesten formierte sich in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg als eine der radikalsten Strömungen der Nachkriegsavantgarde und machte die Kunstzentren Stuttgart, Karlsruhe und Ulm zu wegweisenden Experimentierfeldern. In diesem produktiven Klima wurde die traditionelle Trennung zwischen Malerei und Bildhauerei zugunsten eines völlig neu definierten Objektbegriffs aufgegeben. Diese neue Kunstform verweigerte sich konsequent jeglicher figurativen Symbolik, psychologischen Deutung oder literarischen Erzählung; ein Objekt im Sinne dieser Bewegung stellte nichts mehr dar, sondern behauptete sich als autonomer, realer Gegenstand in der Umwelt des Betrachters. Unterstützt wurde diese Entmystifizierung durch den radikalen Verzicht auf den klassischen Sockel, wodurch die Kunstwerke ihre sakrale Distanz verloren und auf Augenhöhe in den realen, architektonischen oder urbanen Raum integriert wurden. Innerhalb dieser visuellen Revolution entwickelten sich im Südwesten zwei dominante, eng miteinander verflochtene Tendenzen, die die Nachkriegsmoderne maßgeblich prägten. Auf der einen Seite etablierte sich, stark beeinflusst von der Lehre der Hochschule für Gestaltung Ulm und der rationalen Informationstheorie des Stuttgarter Philosophen Max Bense, die Konstruktiv-Konkrete Systemkunst. Hier wurde das Kunstwerk als ein logisch planbares, mathematisch fundiertes Experiment verstanden. Max Bill materialisierte rein geistige Gesetzmäßigkeiten und topologische Phänomene in seinen weltberühmten, unendlichen Bändern. Günter Neusel machte komplexe mathematische Ordnungsprinzipien durch das systematische Verschieben, Schichten und Modulieren von Prismen und Linienrastern visuell erfahrbar. In diese Reihe reiht sich auch Christoph Freimann ein, der das geschlossene Volumen eines Kubus radikal dekonstruierte, indem er seine offenen, dynamischen Raumobjekte konsequent aus exakt zwölf roten, industriellen Winkelstählen fügte.
Parallel zu dieser mathematischen Strenge vollzog sich auf der anderen Seite ein tiefgreifendes technoid-materielles Experiment, das den traditionellen Skulpturbegriff über den Einsatz völlig neuartiger, industrieller Werkstoffe aufbrach. Erich Hauser avancierte mit seinen monumentalen, technoiden Primärstrukturen aus hochglanzpoliertem Edelstahl zum international erfolgreichsten deutschen Großplastiker seiner Generation, dessen geschweißte und hitzegebogene V2A-Platten das Umgebungslicht reflektierten und die Schwere der Masse visuell auflösten. Ähnlich nutzte Karl-Heinz Franke hochglanzpolierten Chrom-Nickel-Stahl für seine seriellen Module, um die Statik des Raumes durch Lichtreflexionen dynamisch zu brechen. Als absoluter Pionier im Umgang mit modernen Kunststoffen gilt wiederum Horst Kuhnert, der bereits ab 1964 glasfaserverstärkten Polyester als primäres Arbeitsmaterial wählte. Seine innen hohlen, intensiv farbigen Raumkörper balancierten sockellos auf eigenen Ecken und Spitzen und verkörperten die kompromisslose Aufbruchsstimmung einer Epoche, in der der Geist nicht mehr in die Materie hineingeheimnisst, sondern durch die rationale Struktur des Objekts selbst offengelegt wurde.
Thomas Lenk (1933–2014): In Berlin geborener Bildhauer, Grafiker und herausragender Pionier der abstrakten Objektkunst des 20. Jahrhunderts. Nach der Übersiedlung nach Württemberg im Jahr 1945 studierte er kurzzeitig an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und absolvierte anschließend eine handwerkliche Steinmetzlehre. Um die herkömmliche, geschlossene Masse der traditionellen Bildhauerei aufzubrechen, entwickelte er ab 1964 seine weltberühmten „Schichtplastiken“: Hierbei stapelte und verschob er identische, flache Quadrate mit charakteristisch abgerundeten Ecken. Durch diese mathematisch-serielle Methode erzeugte er eine faszinierende optische Raumtiefe und Scheinbewegung. Als enger Weggefährte von Künstlern wie Georg Karl Pfahler und Heinz Mack setzte er gezielt leuchtende Signalfarben ein, um die plastischen Körper visuell zu dynamisieren. Lenks Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus Minimal Art und Op-Art aus: Er überführte mit seinen monumentalen Stahlschnitt-Skulpturen im öffentlichen Raum als auch in seinen geometrischen Siebdrucken die Werke in raumgreifende, architekturbezogene Raumkonstruktionen. Als Teilnehmer der documenta 4 (1968) und des legendären Deutschen Pavillons der Venedig-Biennale (1970) sicherte er der konstruktiven, raumgreifenden Abstraktion des Südwestens einen prägenden Platz in der internationalen Avantgarde.
Hans Nagel (1926–1978): In Frankfurt am Main geborener bildender Künstler und Bildhauer, der nach seinem Studium an der Werkkunstschule Offenbach und der Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt ab den 1960er-Jahren zu einer Schlüsselfigur der abstrakten Metallplastik in Deutschland wurde. Berühmt wurde Nagel für seine radikalen, oftmals intensiv farbig lackierten Röhren- und Zylinderplastiken aus Eisen, die mit dem klassischen Verständnis einer statischen Skulptur brachen. Seine Werke – die er oft seriell unter Chiffren wie „ER“ (für Eisenrohr) oder „K“ (für Kopf) ordnete – wirken wie industrielle Fragmente oder organisch gewachsene, technische Schlauchsysteme, die den Raum durchdringen und umschließen. Als documenta-Teilnehmer (1964), Professor an der Kunstakademie Karlsruhe (Außenstelle Freiburg) und Vorsitzender des Deutschen Künstlerbundes prägte er die avantgardistische Nachkriegskunst im Südwesten maßgeblich und schuf eine unverwechselbare Synthese aus industrieller Materialästhetik und dynamischer Raumplastik.
Reinhold Georg Müller (1937–2000): In München geborener Bildhauer, der nach einer klassischen Holzbildhauerlehre sowie prägenden Studienjahren an der Frankfurter Städelschule (bei Hans Mettel) und der Stuttgarter Kunstakademie (bei Otto Baum) zu einer der eigenwilligsten Positionen der süddeutschen Nachkriegsplastik reifte. Weithin bekannt als „Quetsch-Müller“, widmete er sein Werk dem faszinierenden Widerspruch physikalischer Gesetze. Berühmt wurde Müller für seine handwerklich hyperperfekten Skulpturen, bei denen er die Illusion erzeugte, dass unnachgiebige, harte Materialien wie Marmor oder Granit von angespanten Edelstahlseilen, massiven Schrauben und tonnenschweren Gewinden wie weiche Masse deformiert und eingeschnürt werden. Seine Modelle entwickelte er prozesshaft aus weichem Schaumstoff oder Ton, um die scheinbare Elastizität des Steins im finalen Werk auf die Spitze zu treiben. Mit eindrucksvollen Arbeiten im öffentlichen Raum – wie der ikonischen Großplastik „Durch die Mange“ (1979) vor dem ehemaligen Arbeitsamt in Stuttgart – schuf er einen unverwechselbaren, materialbetonten Stil, der mit der traditionellen Statik des Steins brach und die pure, visuelle Manifestation von mechanischem Druck und plastischer Verformung feierte.
TEKTONISCHE ANTHROPOMORPHIE – FIGUR UND RAUM IM DIALOG
Die Jahrzehnte nach 1945 waren in der bildhauerischen Landschaft des deutschen Südwestens von einer tiefen Zäsur und einer radikalen Neuorientierung geprägt. Während im Zuge der künstlerischen Befreiung die reine, ungegenständliche Abstraktion (das Informel) und die mathematisch-rationale Logik (die Konkrete Kunst) zu den dominierenden Strömungen avancierten, formierte sich in Baden-Württemberg eine Gruppe wegweisender Künstlerpersönlichkeiten, die einen gänzlich eigenen, dritten Weg beschritten. Dieser lässt sich kunsthistorisch am treffendsten mit dem Begriff „Tektonische Anthropomorphie“ überschreiben.
Gerlinde Beck (1930–2006): In Stuttgart-Bad Cannstatt geborene Bildhauerin und Malerin, die nach ihrem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie (unter anderem bei Willi Baumeister) sowie einer pragmatischen Feinblechner-Lehre zu einer der wegweisenden Metallbildhauerinnen der deutschen Nachkriegsmoderne avancierte. Berühmt wurde sie für ihre von ihr selbst so getauften „Raumchoreografien“: Fasziniert vom Ausdruckstanz einer Dore Hoyer übersetzte Beck die Dynamik von Bewegung, Rhythmus und Zeit in die statische Materie des Metalls. Ihre meist aus Stahl, Eisen oder Feinblech geschweißten Werke brechen die klassisch-kompakte Skulpturenform radikal auf und verwandeln menschliche Figuren in grazile, geometrische Liniengefüge, die den umgebenden Raum regelrecht durchmessen und aktivieren. Mit zahlreichen Großplastiken im öffentlichen Raum (wie dem Stuttgarter Wasserspiel mit Pfeifen), internationalen Erfolgen wie dem Preis beim Grand Prix de Sculpture in Monaco (1962) und der Verleihung des Professorentitels (1989) etablierte sie eine unverwechselbare skulpturale Symbiose aus Ton, Tanz und Stahl, die bis heute über die Gerlinde-Beck-Stiftung und deren eigenen Skulpturenpreis fortwirkt.
Franz Bernhard (1934–2013): In Neuhäuser (Böhmerwald) geborener Bildhauer, Zeichner und herausragender Erneuerer der ungegenständlichen, anthropomorphen Plastik der Nachkriegszeit. Nach Flucht und Vertreibung kam er 1946 in den Landkreis Heilbronn, absolvierte eine Schreinerlehre und studierte anschließend von 1959 bis 1966 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Wilhelm Loth und Fritz Klemm. Um den menschlichen Körper ohne jede anatomische Detailtreue neu zu begreifen, entwickelte er ab den Spätsechzigern monumentale, sockellose Außenskulpturen, die er vorzugsweise aus der archaischen, rauen Materialkombination von massivem Holz und rostendem CorTen-Stahl zusammensetzte. Trotz der harten, industriellen Werkstoffe transportieren seine Arbeiten stets eine vitale, existenzielle Körperlichkeit, die Haltung, Gestik und Aufrichtung versinnbildlicht. Als langjähriger Erster Vorsitzender des Künstlerbundes Baden-Württemberg (1994–2001) und Träger des Bundesverdienstkreuzes prägte er die Kulturlandschaft im deutschen Südwesten tiefgreifend. Bernhards Werk zeichnet sich durch eine singuläre Synthese aus minimalisierter Tektonik und anthropomorpher Präsenz aus: Sowohl in seinen tonnenschweren Stadtikonen wie der „Großen Mannheimerin“ als auch in seinen kraftvollen, zeichenhaften Großzeichnungen befreite er das Menschenbild von abbildenden Konventionen. Als Teilnehmer der documenta 6 (1977), Villa-Romana-Preisträger und Träger einer Ehrenprofessur des Landes Baden-Württemberg sicherte er der zeichenhaften, materialbetonten Abstraktion einen absolut singulären, zeitlosen Platz in der europäischen Plastik.

Kunst im deutschen Südwesten, Franz Bernhard, Kreuzform, 1994, Eisen, Gips, Höhe 167 cm, Breite 99 cm,, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Franz Bucher (1928–1995): In St. Gallen geborener und hauptsächlich im süddeutschen Raum tätiger Bildhauer, der nach einer Holzbildhauerlehre und prägenden Studienjahren bei HAP Grieshaber an der Bernsteinschule zu einem der profiliertesten Holzbildhauer der deutschen Nachkriegsmoderne reifte. Bucher erlangte internationale Anerkennung für seine monumentalen, meist aus Eichenstämmen gearbeiteten Skulpturen, die sich im Spannungsfeld zwischen architektonischer Konstruktion und organischer Urform bewegen. Seine Werke brechen die geometrische Strenge des Kubus durch tiefe Einschnitte, Verwitterungsspuren und reliefartige Wucherungen auf, wodurch er die existenziellen Kräfte von Natur, Raum und Zeit bildhauerisch sichtbar machte. Als Mitbegründer des Forum Kunst Rottweil (1970), documenta-Teilnehmer (1964) und Träger des renommierten Villa-Romana-Preises (1965) prägte er die Kunstlandschaft im deutschen Südwesten maßgeblich und schuf ein kraftvolles Œuvre an der Schnittstelle von Informel und konkreter Struktur.
KONSTRUKTIVISMUS, KONKRETE KUNST & GEOMETRISCHE ABSTRAKTION IN DER BILDHAUEREI DES DEUTSCHEN SÜDWESTENS
Während im Nachkriegsdeutschland der 1950er- und 1960er-Jahre vielerorts das emotionale, freie Informel die Kunstwelt beherrschte, etablierte sich im deutschen Südwesten – rund um die Zentren Stuttgart und Ulm – ein radikaler Gegenpol. Hier entwickelte sich eine Bildhauerei, die nicht mehr abbilden oder Gefühle ausdrücken wollte. Stattdessen erhob sie die mathematische Logik, die geometrische Form und das industrielle Material selbst zum Kunstwerk.
Max Bill (1908–1994): In Winterthur geborener Schweizer Allrounder – Bildhauer, Maler, Architekt, Typograf und Designer –, der nach wegweisenden Studienjahren am Bauhaus Dessau (unter anderem bei Wassily Kandinsky und Paul Klee) zum weltweit einflussreichsten Theoretiker und Mitbegründer der Konkreten Kunst avancierte. Berühmt wurde Bill für seine mathematisch-rational fundierte Bildhauerei, die jeglichen literarischen oder figurativen Bezug radikal verweigerte, um rein geistige, logische Gesetzmäßigkeiten physisch erlebbar zu machen. Seine mathematisch präzisen Skulpturen aus poliertem Stein, Granit oder Metall – darunter seine ikonischen, unendlichen Bänder in Form von Möbiusband-Formen – brechen das traditionelle, geschlossene Plastikvolumen auf und führen Innen- und Außenraum in einer perfekten, unendlichen Kontinuität zusammen. Als Mitbegründer und Rektor der legendären Hochschule für Gestaltung Ulm (1953), dreifacher documenta-Teilnehmer (1955, 1959, 1964) und Schöpfer monumentaler Großplastiken (wie der Pavillon-Skulptur in Zürich) prägte er die europäische Avantgarde und Nachkriegsmoderne über Jahrzehnte wie kaum ein anderer und schuf ein universelles Gesamtwerk an der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst.
Karl-Heinz Franke (1916–2006): In Berlin geborener Maler, Bildhauer und Bühnenbildner, der nach seinem Studium in Dessau und an der Stuttgarter Kunstakademie im Kreis um Willi Baumeister zu einem markanten Vertreter der geometrisch-konstruktiven Abstraktion im deutschen Südwesten reifte. Franke wurde weit über die Region hinaus für seine technoid-eleganten Großplastiken und dreidimensionalen Strukturen aus hochglanzpoliertem Edelstahl und Chrom-Nickel-Stahl bekannt. Seine Arbeiten brechen radikal mit dem klassischen Verständnis einer massiven, geschlossenen Skulptur: Stattdessen konzipierte er mathematisch fundierte, serielle Module, die sich im Zusammenspiel mit Umgebungslicht und Architektur dynamisch auflösen. Als langjähriger Leiter der Galerie im Kolpinghaus in Stuttgart (1974–1981) sowie mit prägenden Werken im öffentlichen Raum – wie dem ikonischen Edelstahl-Säulenwald (1979) vor der Stuttgarter Liederhalle oder der Monumentalplastik Kavernikus – schuf er eine faszinierende Verbindung aus industrieller Materialästhetik und mathematisch-konkreter Raumordnung.
Hans Dieter Bohnet (1926–2006): In Trossingen geborener Bildhauer, der nach Kriegsdienst und einem anfänglichen Architekturstudium als Meisterschüler von Otto Baum an der Stuttgarter Kunstakademie zu einem der einflussreichsten Meister der geometrischen Klarheit in der Nachkriegsavantgarde avancierte. Während Bohnets Frühwerk noch von grazilen, klassischen Figurationen geprägt war, vollzog er Ende der 1960er-Jahre eine radikale Wendung hin zur reinen geometrischen Abstraktion. Weltberühmt wurde er für seine monumentalen, ungegenständlichen Systemplastiken aus Edelstahl, Beton und Aluminium, bei denen er die stereometrischen Urformen von Kugel, Kubus und Quader systematisch aufbrach, anschnitt und verschachtelte. Als Stipendiat der renommierten Villa Massimo in Rom, Schöpfer der geschichtsträchtigen Großplastik Integration ’76 vor dem ehemaligen Bundeskanzleramt in Bonn sowie durch seine allgegenwärtigen Brunnen und Kugelobjekte prägte er das Erscheinungsbild der modernen Kunst im öffentlichen Raum über Jahrzehnte hinweg fundamental.
Erich Hauser (1930–2004): In Rietheim bei Tuttlingen geborener Stahlbildhauer und Graveur, der nach einer Ausbildung zum Stahlgraveur bei Aesculap und Abendkursen an der Freien Kunstschule Stuttgart zum international erfolgreichsten deutschen Großplastiker seiner Generation avancierte. Berühmt wurde Hauser für seine technoide, monumentale Ästhetik aus hochglanzpoliertem Edelstahl (V2A-Stahl). Seine Werke brachen radikal mit der organisch-informellen Materialbehandlung seines Frühwerks: Ab 1962 schweißte er industriell gefertigte Stahlplatten zusammen, bog sie unter Hitze auf und formte himmelstürmende Säulenformationen, scharfkantige Röhrensysteme und spitz zulaufende, geometrische Splitterkörper (die sogenannten „Igel“). Diese massiven, meist nur chronologisch nummerierten Edelstahlskulpturen brechen das klassisch-statische Volumen auf und setzen mit ihren spiegelnden Oberflächen, tiefen Schnitten und dynamischen Kipplagen architektonische Kontrapunkte im urbanen Raum. Als Gewinner des Großen Preises der Biennale von São Paulo (1969), dreifacher documenta-Teilnehmer (1964, 1968, 1977) und Gründer der Kunststiftung Erich Hauser in Rottweil (1996) hinterließ er über 160 Großplastiken im öffentlichen Raum – unter anderem vor dem ehemaligen Bundeskanzleramt in Bonn –, die bis heute als visuelle Synonyme für die kompromisslose konstruktive Aufbruchsstimmung der westdeutschen Nachkriegsmoderne gelten.

Kunst im deutschen Südwesten, Erich Hauser, 5-89, Edelstahl, poliert, Unikat signiert, 137 cm x 86 cm x 16 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Günter Neusel (1930–2020): In Kassel geborener Bildhauer, Maler und Grafiker, der nach Studienjahren in Kassel, Düsseldorf und Berlin (unter anderem bei Hans Uhlmann und Paul Dierkes) ab 1958 in Stuttgart zu einem wegweisenden Vertreter der konstruktiven und Konkreten Kunst in Deutschland reifte. Dort fand er schnellen Anschluss an den avantgardistischen Kreis um den Philosophen Max Bense und schloss sich der Künstlergruppe Konstruktive Tendenzen an. Berühmt wurde Neusel für seine streng rationalen, mathematisch-geometrisch fundierten Arbeiten, die den klassischen Skulpturbegriff durch systematische Konzepte ersetzten. Er schuf meist serielle Objekte und Wandreliefs, bei denen er Formelemente wie Würfel, Prismen und Linienraster mathematisch präzise schichtete, verschob oder modulierte, um Wahrnehmungsprozesse von Rhythmus und Raum logisch sichtbar zu machen. Mit einem frühen ars viva-Stipendium ausgezeichnet (1956), prägte er als langjähriger Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe (1974–1996) das künstlerische Klima im Südwesten entscheidend und hinterließ ein stringentes Œuvre, das jegliche figurative Symbolik radikal verweigerte zugunsten einer reinen Materialisierung des Geistes.
Horst Kuhnert (*1939): In Schweidnitz (Schlesien) geborener Bildhauer und Maler, der nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Heinrich Wildemann (1957–1962) zu einem der konsequentesten und innovativsten Vertreter der konstruktiv-konkreten Plastik in Deutschland reifte. Kuhnert erlangte kunsthistorische Berühmtheit als absoluter Pionier der Kunststoff-Plastik: Als einer der ersten deutschen Künstler überhaupt wählte er ab 1964 glasfaserverstärkten Polyester als primäres Arbeitsmaterial, um einen bewussten Bruch mit traditionellen Werkstoffen wie Holz oder Stein zu vollziehen. Unter dem Leitmotiv „Von der Fläche in den Raum“ entwickelte er mathematisch fundierte, serielle Werkgruppen wie die Raumflächen (Reliefs) und Raumkörper (freistehende Plastiken). Seine meist glatten, geometrisch reduzierten, innen hohlen und oft intensiv farbigen oder schwarz-weißen Skulpturen verzichten radikal auf einen Sockel; sie balancieren unmittelbar auf ihren eigenen Ecken und Spitzen, wodurch ein fließender, interaktiver Dialog zwischen massivem Volumen und der umschlossenen Leere entsteht. Später erweiterte er sein strenges Vokabular durch die Werkgruppen Stabil–Instabil und Konstruierte Dekonstruktion aus Holz und Metall, bei denen er geometrische Ordnungsprinzipien scheinbar chaotisch aufbrach. Als Preisträger des Königreichs Nepal (1970), Mitglied des Künstlerbundes Baden-Württemberg und mit Werken in bedeutenden Sammlungen wie der Staatsgalerie Stuttgart oder dem Deutschen Bundestag prägte der in Stuttgart lebende Künstler die Kunst im öffentlichen Raum des Südwestens über Jahrzehnte hinweg fundamental.
Christoph Freimann (*1940): In Leipzig geborener Bildhauer und Grafiker, der nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Otto Baum und Herbert Baumann zu einem der profiliertesten und konsequentesten Vertreter der Konkreten Kunst und der geometrischen Abstraktion in Deutschland heranwuchs. Freimann erlangte internationale Anerkennung für ein radikal reduziertes, unverwechselbares Gestaltungskonzept: Seit 1977 formt er seine Skulpturen fast ausschließlich aus genau zwölf handelsüblichen, L-förmigen Winkelstählen – den symbolischen zwölf Kanten eines imaginären Kubus. Seine Arbeiten brechen vollständig mit der Idee einer wuchtigen, geschlossenen skulpturalen Masse; stattdessen erzielen sie ihr Volumen allein durch offene Linien und Flächen im Raum. Indem er diese ungleich langen Segmente zu scheinbar willkürlichen, dynamischen Clustern verschachtelt, in spitzen Winkeln verkeilt oder stabil-labil ausbalanciert, entstehen hochkomplexe, expressive Raumgefüge. Konsequent im markanten Rotton RAL 3000 lackiert, entmaterialisieren sich seine Werke im Zusammenspiel mit Licht und Natur. Als Stipendiat der Villa Massimo in Rom (1979/80), Gastprofessor an der HfG Offenbach sowie mit allgegenwärtigen Großplastiken im öffentlichen Raum – wie den 12 Kanten vor dem Oberlandesgericht Stuttgart – schuf er eine spielerische, unerschöpfliche Symbiose aus industrieller Materialstrenge und absoluter gestalterischer Freiheit.
GEOMETRISCHER ILLUSIONISMUS, KONSTRUKTIVER ILLUSIONISMUS & MAGISCHER KONSTRUKTIVISMUS
1969 – 2024
In der südwestdeutschen Kunstgeschichte nach 1945 nimmt Hans Peter Reuter eine faszinierende Sonderstellung ein: Er verbindet die im Südwesten tief verwurzelte Tradition der mathematisch-strengen, rationalen Kunst mit den irritationsträchtigen Sehexperimenten der Postmoderne. Während der deutsche Südwesten (insbesondere durch Max Bill in Ulm oder Anton Stankowski in Stuttgart) eine Hochburg der „Konkreten Kunst“ und des Konstruktivismus war, bricht Reuter radikal aus deren reiner Zweidimensionalität aus.
Hans Peter Reuter (1942–2024): In Villingen-Schwenningen geborener Maler und prägender Hochschullehrer, der als einer der konsequentesten Vertreter der geometrischen Abstraktion und analytischen Malerei in Deutschland gilt. Er studierte an den Kunstakademien in Karlsruhe und München bei Herbert Kitzel und Franz Nagel und entwickelte ab Ende der 1960er Jahre Kachelstrukturen zu seinem radikalen, lebenslangen Zentralmotiv. Unter den kunstweltlichen Spitznamen „Kachel-Reuter“ und „Der Blaue Reuter“ erlangte er internationale Bekanntheit durch seine monumentalen, fast ausschließlich monochrom in leuchtenden Blautönen gehaltenen Rasterbilder. Seine Werke nutzen mathematisch präzise Perspektiven und meisterhafte Licht-Schatten-Konstruktionen, um dem Betrachter dreidimensionale Scheinarchitekturen und unendliche Raumelemente vorzugaukeln. Nach bedeutenden Auszeichnungen wie dem Villa-Romana-Preis (1973) und dem Villa-Massimo-Stipendium (1975) folgte 1977 mit der Teilnahme an der documenta 6 der endgültige internationale Durchbruch. Ab 1985 leitete er über zwei Jahrzehnte lang eine Klasse für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, wo er Generationen nachfolgender Künstler prägte. Reuters berühmte Werkgruppen und Großinstallationen (wie das monumentale „Kraftwerk Blau“, 2012 im Neuen Museum Nürnberg) untersuchten die Ordnung gegen das gefühlte Chaos sowie das metaphysische Zusammenspiel von künstlichem Licht, Zeit und unendlicher Tiefe.
REDUKTIVER MATERIAL-REALISMUS, EXISTENTIELLE MATERIALABSTRAKTION & POETISCHER MINIMALISMUS IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1968 – 1990
Fritz Klemm hat als „Grenzgänger der Kunst“ eine Werkgruppe, die sich als reduktiver Material-Realismus oder poetischer Minimalismus charakterisieren lässt, im Zeitraum von Ende der 1960er-Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1990 entwickelt und geschaffen.
Fritz Klemm (1902–1990): In Mannheim geborener Maler, Zeichner und einflussreicher Wegbereiter einer radikal reduzierten, materialbetonten Stillleben- und Raumkunst. Nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe kehrte er nach dem Zweiten Weltkrieg dorthin zurück und prägte die Institution von 1953 bis 1970 als legendärer Professor für Kunsterziehung, wodurch er Generationen bedeutender Künstler des Südwestens (darunter Franz Bernhard und Walter Stöhrer) formte. Um die traditionelle Malerei von akademischen Zwängen zu befreien, konzentrierte er sich in seinem reifen Werk auf scheinbar banale Gegenstände seines unmittelbaren Alltags: Atelierwände, karge Tische, Fensterrahmen oder einfache Holzbretter. Ausgehend von diesen Motiven entwickelte er ab den 1960er-Jahren seine charakteristischen Mischtechniken und Materialcollagen, bei denen er grobe Packpapiere, Wellpappe, Karton und dünne Lasuren so übereinanderlegte und bearbeitete, dass die raue Textur des Bildträgers selbst zum eigentlichen Bildinhalt wurde. Klemms Werk zeichnet sich durch eine singuläre Sensibilität für das Unscheinbare und eine meisterhafte Beherrschung von Nuancen aus: Sowohl in seinen fast monochromen, weiß-grauen Ölbildern als auch in seinen fragilen Zeichnungen steigerte er die Struktur des Materials zu autonomen, zutiefst meditativen und melancholischen Bildräumen. Als früher Villa-Romana-Preisträger (1938), Träger des Hans-Thoma-Preises des Landes Baden-Württemberg (1971) und Ehrenmitglied der Karlsruher Kunstakademie (1983) sicherte er der minimalistischen, existentiellen Materialabstraktion einen absolut prägenden, zeitlosen Platz im künstlerischen Gefüge der Nachkriegszeit.
MONUMENTALE BILDHAUEREI, NEUE FIGURATION & KRITISCHER REALISMUS IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1970er & 1980er Jahre
Als Reaktion auf das Dogma der Abstraktion bildete sich an der Karlsruher Akademie eine weltberühmte figurative Schule. Parallel dazu erlebte der Südwesten eine Blütezeit der monumentalen Architektur-Plastik und des kritischen Realismus.
STILE & STRÖMUNGEN
Neue Figuration
Kritischer Realismus
Neo-Expressivismus
Konzeptuelle Figuration
monumentale, architektonische Bildhauerei
Kunst im öffentlichen Raum.
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
Hans Baschang (1937–2017): In Karlsruhe geborener Maler, Zeichner und Bildhauer, der an der Karlsruher Akademie bei HAP Grieshaber, Herbert Kitzel und Fritz Klemm studierte. Baschang gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter und theoretischen Köpfe der Karlsruher „Neuen Figuration“. Sein Werk zeichnet sich durch eine radikale Erforschung des menschlichen Körpers mittels der autonomen Linie aus: Als virtuoser „Magier der Linie“ reduzierte er die menschliche Gestalt auf hochsensible Chiffren, fragile Strichlagen und skulpturale Zeichenkonstrukte, die im Spannungsfeld von Abstraktion und Figuration eine enorme existenzielle Wucht entfalten. Er prägte die Nachkriegskunst im Südwesten nachhaltig und wirkte als langjähriger, einflussreicher Professor an der Münchner Kunstakademie, wo er nachfolgende Generationen prägte.
Walter Stöhrer (1937–2000): In Stuttgart geborener Maler und Grafiker, der von 1956 bis 1959 an der Karlsruher Akademie gemeinsam mit Horst Antes und Heinz Schanz in der Klasse von HAP Grieshaber studierte. Stöhrer zählt zu den einflussreichsten Protagonisten der deutschen Nachkriegskunst. Seine fundamentale Bildsprache – von ihm selbst als „intrapsychisch realistisch“ definiert – bricht radikal das Diktat der reinen Abstraktion auf: Stöhrer ging von Schriftzeichen, Gedichtfragmenten (u. a. André Breton) und feinen kalligrafischen Kürzeln aus, die er impulsiv mit ungezähmten, hochexpressiven Farbbahnen verstrich, verwischte und übermalte. Seine großformatigen, wuchtigen Werke erinnern an das surrealistische Prinzip der Écriture automatique und bündeln ein enormes energetisches Kraftfeld. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Kunstpreis der Jugend (1962) und dem Hans-Molfenter-Preis (1995), hinterließ er als langjähriger Berliner Akademieprofessor ein wegweisendes grafisches und malerisches Erbe.
Heinz Schanz (1927–2003): In Genkingen geborener Maler und Zeichner. Er war Schüler von HAP Grieshaber an der Bernsteinschule und folgte ihm 1956 an die Karlsruher Akademie. Schanz gilt neben Horst Antes und Walter Stöhrer als Mitbegründer der Karlsruher „Neuen Figuration“. Seine Werke zeichnen sich durch ein radikales Pendeln zwischen ungegenständlicher Geste und figurativer Rückkehr aus: Schanz schleuderte und goss Temperafarbe kraftvoll auf den Bildträger und unterwarf seine Kompositionen einem obsessiven Prozess der Schichten-Übermalung. Dadurch steigerte er eine leuchtende, zutiefst charakteristische Tiefenräumlichkeit. Als Träger des Villa-Romana-Preises (1977) und des Kunstpreises der Stadt Stuttgart (1990) prägte er die südwestdeutsche Nachkriegsmalerei maßgeblich.
Horst Antes (*1936): In Heppenheim geborener Maler, Grafiker und Bildhauer, der von 1957 bis 1959 an der Karlsruher Akademie bei HAP Grieshaber studierte und dort später selbst jahrzehntelang als einflussreicher Professor lehrte. Antes gilt als eine der wegweisendsten Galionsfiguren der deutschen Nachkriegskunst und als Mitbegründer der Karlsruher „Neuen Figuration“. Zu Beginn der 1960er Jahre erfand er sein ikonisches Kunstsymbol: den „Kopffüßler“, eine archaische, auf Kopf und Füße reduzierte Kunstfigur, die er in zahllosen malerischen, grafischen und bildhauerischen Variationen (u. a. monumentale Eisen- und Cortenstahlskulpturen im öffentlichen Raum) untersuchte. Seine Bildwelten verknüpfen Einflüsse der klassischen Moderne, indigene Kunstformen (Hopis) und existentielle Fragen zu Chiffren von zeitloser Symbolkraft. Als dreifacher documenta-Teilnehmer (1964, 1968, 1977), Träger des Großen Preises der Biennale von São Paulo (1991) und des Hans-Molfenter-Preises der Stadt Stuttgart (1989) prägte er die visuelle Identität des deutschen Südwestens auf internationalem Spitzenniveau.
Markus Lüpertz (*1941): International gefeierter Maler, Grafiker und Bildhauer; wirkte von 1974 bis 1986 als prägender Professor für Malerei an der Karlsruher Akademie und brach mit seiner „Dithyrambischen Malerei“ sowie seinen monumentalen, suggestiven Bildchiffren und Skulpturen radikal die Vorherrschaft der reinen Abstraktion im Nachkriegsdeutschland.
Georg Baselitz (*1938): Lehrte ab 1977 in Karlsruhe; erlangte Weltruhm durch das Umkehren seiner Bildmotive auf den Kopf.
Max Kaminski (1938–2019): Bedeutender documenta-Teilnehmer und langjähriger Professor an der Karlsruher Kunstakademie (ab 1981); erlangte große Relevanz durch seine hochexpressiven, farbgewaltigen Figurenbilder und raumgreifenden Zyklen, die existenzielle Themen wie Mythologie, Tragik und Tod formal konsequent gegen den Trend des reinen Informel behaupteten.

Kunst im deutschen Südwesten, Max Kaminski, Notre Dame (Marseille), 2003, Öl auf Leinwand, 190 cm x 190 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Peter Dreher (1932–2020): In Mannheim geborener Maler, Grafiker und weltweit gefeierter Pionier des konzeptuellen Realismus. Er studierte an der Karlsruher Kunstakademie bei Karl Hubbuch und Wilhelm Schnarrenberger und leitete von 1968 bis 1997 als Professor die Freiburger Außenstelle der Akademie, an der er Generationen von Schülern (darunter Anselm Kiefer) grundlegend prägte. Drehers Schaffen bildet ein monumentales Monument der zeitgenössischen Malereigeschichte: Im Zentrum steht sein 1974 begonnenes und über 45 Jahre fortgeführtes Serien-Hauptwerk „Tag um Tag guter Tag“. Darin porträtierte er ein einfaches leeres Wasserglas unter sich ständig ändernden Lichtverhältnissen weit über 5.000 Mal in absolut realistischer Präzision auf identischen 25 × 20 cm großen Bildträgern. Abseits dieser Jahrhundertserie schuf er komplexe Interieurs, dichte Stillleben und großformatige Landschaften (wie die Schwarzwald-Bilder). Als Träger des Hans-Thoma-Preises (1979) und des Reinhold-Schneider-Preises (2000) bewies er meisterhaft, dass die gegenständliche Malerei durch radikale konzeptuelle Serialität die Grenzen zwischen Realismus, Meditation und zeitgenössischer Konzeptkunst vollkommen aufhebt.
Dieter Krieg (1937–2005): In Lindau geborener Maler, Zeichner und langjähriger Professor, der von 1958 bis 1962 an der Karlsruher Akademie bei HAP Grieshaber und Herbert Kitzel studierte. Krieg gilt als einer der radikalsten Grenzgänger der deutschen Nachkriegskunst. Mit einer geradezu eruptiven, zentimeterdicken Pastosität schleuderte und strich er reine Farbmaterie auf gigantische Leinwände und Packpapierbögen. Seine Bildmotive sind von einer monumentalen und zugleich existentiellen Profanität: Er malte banale Alltagsgegenstände wie Fritten, Fleischbrocken, Betten, Badewannen, Kreuze, Salatköpfe oder Eimer, die in ihrer schieren materiellen Wucht den Raum physisch attackieren und sich zwischen vollkommener Abstraktion und schonungslosem Ding-Realismus bewegen. Als Vertreter Deutschlands auf der Biennale von Venedig (1978) sowie als Empfänger des Hans-Molfenter-Preises der Stadt Stuttgart (1993) prägte sein kompromissloses Werk das kunsthistorische Klima im Südwesten tiefgreifend.
Ben Willikens (*1939): Weltbekannt für seine monumental-metaphorischen „Grauen Räume“, Anstalt-Interieurs und die Neugestaltung des Stuttgarter Landtags.

Kunst im deutschen Südwesten, Ben Willikens, Boxer – Spind, Olympia 1972 München 1971, Gemälde Acryl auf Leinwand, 78 cm x 54 cm, 81,5 cm x 57 cm mit Rahmen, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Helmut Goettl (1934–2011): Wichtiger Vertreter des sozialkritischen Realismus im Raum Karlsruhe; dokumentierte den Alltag mit ironisch-analytischem Blick.

Kunst im deutschen Südwesten, Helmut Goettl, Gartenfest, 1992, Zeichnung, 102 cm x 73 cm, goh010re, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Romane Holderried Kaesdorf (1922–2007): Schuf ein unverwechselbares zeichnerisches Werk, das menschliche (oft männliche) Verhaltensmuster skurril-ironisch zerlegte.

Kunst im deutschen Südwesten, Romane Holderried-Kaesdorf, die Spielerinnen, 1994, Öl und Bleistift auf Sperrholz, 77 cm x 80 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Julius Kaesdorf (1914–1993): Als Autodidakt schuf er minimalistische, zeichenhafte und humorvolle Werke von hoher Prägnanz.

Kunst im deutschen Südwesten, Julius Kaesdorf, Kleine Figur im Sessel, 1957-67 2, Werkverzeichnis I995, Öl auf Leinwand auf Platte, 18,2 cm x 14 cm, mit Rahmen 33 cm x 30 cm, Sammlung Fritz Genkinger, SüdWestGalerie
Günter Schöllkopf (1935–1979): Grafiker und Zeichner; bekannt für seine literarischen Illustrationen und surreal-grotesken Radierungen.

Kunst im deutschen Südwesten, Günter Schöllkopf, Another Sherlock Holmes, 1979, Radierung, 44 cm x 33 cm, scg001re, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Artur Stoll (1947–2003): Schüler von Grieshaber; schuf hochexpressive, reliefartige Gemälde von urwüchsiger, physischer Präsenz.

Artur Stoll, Das Tier und die Wahrheit, 1988, Öl auf Leinwand, 133 cm x 143 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Artur Stoll, Blumen für die Welt, je t’aime Liebe, 2000, Öl auf Leinwand, 120 cm x 160 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Ulrich Nuss (*1943): Setzte die Familientradition (Sohn von Fritz Nuss) fort; schuf ausdrucksstarke, oft narrative Bronzefiguren im öffentlichen Raum.
Hans Schreiner (1930–2023): Übersetzte Landschaften und Naturerlebnisse in großformatige, lyrisch-abstrakte Farbräume.

Kunst im deutschen Südwesten, Hans Schreiner, ohne Titel, 1960, Öl auf Leinwand, 61 cm x 81 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Hans Schreiner, ohne Titel, 1960, Öl auf Leinwand, 61 cm x 81 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
DAS SPÄTE INFORMEL UND DIE LYRISCHE NATURABSTRAKTION IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1980–2000er-Jahre
Das Späte Informel beschreibt die Weiterentwicklung und Reifung der informellen Kunst ab den 1960er, 1970er und 1980er Jahren.
Während das frühe Informel (direkt nach 1945) ein radikaler, fast brutaler Befreiungsschlag aus Trümmern, Wut und existenzieller Krise war (die sogenannte „Stunde Null“ der Kunst), wandelte sich das späte Informel zu einer reflektierten, hochgradig differenzierten und ästhetisch komplexen Malerei.
Die Lyrische Naturabstraktion schlägt eine Brücke zwischen der reinen Abstraktion und der realen Welt. Sie ist nicht völlig formlos, sondern transportiert die emotionale Essenz von Landschaften und Naturphänomenen.
Elke Wree (1940–2025): In Flensburg geborene Malerin und leidenschaftlich engagierte Kulturakteurin, die als eine der ausdrucksstärksten Stimmen der naturinspirierten Abstraktion im deutschen Südwesten gilt. Nach einem Studium der Kunstgeschichte in Kiel absolvierte sie von 1962 bis 1967 ein Studium der Malerei an der Kunstakademie Karlsruhe bei Heinrich Klumbies sowie an der Hochschule für Bildende Künste Berlin bei Hann Trier. Geprägt von den existenziellen Nachkriegsdebatten um Realismus und Abstraktion, entwickelte sie – bestärkt durch ein prägendes DAAD-Auslandsstipendium in Paris (1967/68) – ab 1969 von ihrer Wahlheimat Karlsruhe aus eine kompromisslose, eigenständige Formensprache. Ihr facettenreiches Œuvre verknüpft lyrische Abstraktion untrennbar mit dem Erleben von Natur und nordischen Küstenlandschaften. Wrees berühmte, oft serielle Werkgruppen (die sie unter poetischen Titeln wie „Verdichtungen und Lichtungen“, „Zwischenland“ oder „Lebenslinien“ zusammenfasste) untersuchten das sensible Übereinanderlagern von transparenten Farbräumen, rhythmischen Linienstrukturen und spontanen Malgesten. Als langjähriges Mitglied des Künstlerbundes Baden-Württemberg und der Münchener Secession sowie als Trägerin des renommierten Hanna-Nagel-Preises (2004) erlangte sie weitreichende Anerkennung. Ihre Werke, die unter anderem in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe bewahrt werden, legten ein kraftvolles ästhetisches Fundament, das die Brücke zwischen norddeutscher Lichtatmosphäre und südwestdeutscher Abstraktion meisterhaft schlug.

Kunst im deutschen Südwesten, Lyrische Naturabstraktion, Elke Wree, Nebelwolken, 2015, Tusche auf Papier, 57 cm x 77 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
PLURALISMUS, GRAFIK-INNOVATIONEN & MATERIALEXPERIMENTE IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
1990er Jahre bis ca. 2010
Mit der Gründung des ZKM in Karlsruhe öffnete sich die Kunstregion der Digitalisierung. Gleichzeitig etablierte sich eine Generation, die das Erbe der klassischen Abstraktion, der Bildhauerei und insbesondere der manuellen Druckgrafik durch unkonventionelle Werkstoffe und serielle Konzepte radikalisierte.
STILE & STRÖMUNGEN
Neokonstruktivismus
Radikale Druckgrafik
experimenteller Holzschnitt
Farbfeld-Radierung
architektonische Holzbildhauerei
Konzeptkunst
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
GRAFISCHE & MALERISCHE POSITIONEN
Rudolf Schoofs (1932–2009): Herausragender Maler und Zeichner des deutschen Informel; erlangte als Professor für Freie Grafik an der Stuttgarter Akademie (1976–1997) fundamentalen Einfluss im Südwesten. Seine international beachteten, in sensiblen Strichlagen geschichteten Dickichte, kosmischen Vegetationen und Stadtlandschaften bildeten das pädagogische und ästhetische Fundament für eine ganze Generation moderner Zeichner der Region.

Kunst im deutschen Südwesten, Rudolf Schoofs, Stadtlandschaft, 1983, Öl auf Leinwand, 155 cm x 220 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Peter Guth (1957–2006): In Mengen geborener Zeichner und Holzschneider erlangte Bedeutung durch seine kraftvollen, dichten Zeichnungen sowie experimentelle, raumgreifende Holzschnitte und serielle Buchobjekte, die auf archaischen Werkstoffen basierten.
Werner Zaiß (*1943): In Stuttgart geborener und an der Höheren Grafischen Fachschule ausgebildeter Künstler; wirkte über Jahrzehnte als freier Grafiker und prägte als langjähriger Leiter der Radierwerkstätten am Studium Generale der Universität Stuttgart nachfolgende Generationen durch seine meisterhaften Farbradierungen und prägnanten Farblinolschnitte.

Kunst im deutschen Südwesten, Peter Guth, Treppensockel, Tanzboden, Holzschnitt Unikat, 1995, 169 cm x 123 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Georg Heller (*1954): In Eichstätt geborener, an der Stuttgarter Akademie ausgebildeter Grafiker und Kunsterzieher; bekannt für großformatige, konzeptionell streng durchdachte Linoldrucke mit Offsetfarbe auf Köper sowie experimentelle PC-Grafiken.

Kunst im deutschen Südwesten, Georg Heller, und wenn sie nicht gestorben sind, Linolschnitt, 1992, 200 cm x 280 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Isa Dahl (*1965): Bekannt für dynamische, rhythmische Schlingen- und Pinselstrukturen, die tiefe visuelle Farbräume erzeugen.
Hanspeter Münch (*1951): Meister der lyrischen Abstraktion; schafft lichtdurchflutete, vielschichtige Farb- und Lasurgemälde.

Kunst im deutschen Südwesten, Isa Dahl, nur so, 2011, Öl auf Leinwand, 210 cm x 240 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Bruno Kurz (*1957): Nutzt Metallgaze und transluzide Untergründe, um in seinen abstrakten Landschaften Lichtphänomene einzufangen.

Kunst im deutschen Südwesten, Bruno Kurz, Korona, 2018, Acryl und Öl auf Leinwand, 180 cm x 180 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Oliver Christmann (*1960): Untersucht in seiner Malerei das
Zusammenspiel von reduzierter Form, Farbkörper und raumgreifender Farbwirkung.
Sabine Christmann (*1961): Virtuose des zeitgenössischen Stilllebens; erhebt profane Alltagsgegenstände (Plastiktüten, Verpackungen) zu fotorealistischen Studien.

Kunst im deutschen Südwesten, Sabine Christmann, Rot macht high, 2020, Öl auf Leinwand, 70 cm x 120 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Sabine Christmann, Trügerische Ruhe 2, Acryl auf Papier, 70 cm x 100 cm, 2021, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Thomas Kitzinger (*1955): Vertreter eines radikalen, analytischen Realismus; seziert Objekte und Porträts mit extrem präziser Maltechnik.
Andreas Lau (*1964): Arbeitet mit systematischen Rasterungen und Verfremdungen; bewegt sich im Grenzbereich von Erkennbarkeit und Abstraktion.
Werner Fohrer (*1947): Verknüpft in seinen Werken fotorealistische Fragmente mit gesellschaftspolitischen und zeitgeschichtlichen Themen.

Kunst im deutschen Südwesten, Werner Fohrer, Artificial Life II, 2018, Öl auf Leinwand, 150 cm x 200 cm , Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Uwe Ernst (*1947): Schafft hochkomplexe, oft düstere, figurativ-surreale Bildwelten voller mythologischer und zeitkritischer Chiffren.

Kunst im deutschen Südwesten, Uwe Ernst, Die Stiefelwichser, 1993, Schwarze Kreide auf Papier, 81 cm x 104 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Joachim Kupke (*1947): Konzeptkünstler und Maler; hinterfragt in altmeisterlicher Perfektion die Mechanismen der Kunstgeschichte und Zitatkultur.

Kunst im deutschen Südwesten, Joachim Kupke, Farewell, 1972, 42 cm x 52,5 cm, Bleistift Tempera Buntstift auf Papier, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Hannes Münz (1940–2014): Autonomer Einzelgänger; schuf ein radikal reduziertes, expressives Werk zwischen Figuration und Chiffre.

Kunst im deutschen Südwesten, Hannes Münz, Ausblick, 1988, Kassein auf Papier, 50 cm x 70 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Hannes Münz, Dynamische Landschaft, 1991, 38 cm x 25 cm, Rahmengröße: 63,cm x 53 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Elke Wree (*1940): Übersetzt vegetative Strukturen und Landschaften in lichte, freie Farbkompositionen.

Kunst im deutschen Südwesten, Elke Wree, Yamara, 2016, Tusche auf Papier, 57 cm x 77 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
BILDHAUERISCHE POSITIONEN
Robert Schad (*1953): Zeichnet mit massivem, vierkantigem Erzeugnisstahl filigrane, tanzende Linien in den Raum und die Landschaft.

Kunst im deutschen Südwesten, Robert Schad, FILIMU, 2014, Vierkantstahl massiv; 45 mm, 260 cm x 130 cm x 100 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Werner Pokorny (1949–2022): Arbeitete in Holz und Cortenstahl; variierte obsessiv das Ur-Motiv des „Hauses“ als Chiffre für Verortung und Existenz.

Kunst im deutschen Südwesten, Werner Pokorny, Gefäß und Haus XV, 2004, 213 cm x 68 cm x 30 cm, WVZ 616, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Armin Göhringer (*1959): Schneidet mit der Kettensäge fragile, gitterartige Strukturen aus massiven Holzblöcken; visualisiert Schwere und Halt.

Kunst im deutschen Südwesten, Armin Göhringer, ohne Titel, 2001, Holz geschwärzt, 199 cm x 70 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalrie

Kunst im deutschen Südwesten, Armin Göhringer, o.T. (24), 2013, Holz geschwärzt, 87 cm x 120 cm x 28 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Andrea Zaumseil (*1956): Schafft monumentale, raumgreifende Skulpturen aus tiefdunklem Eisenblech sowie melancholische Riesenpastelle.

Kunst im deutschen Südwesten, Andrea Zaumseil, Ohne Titel, 1998, Stahl, 3 Teile, Höhe ca. 278 cm, 295 cm, 265 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Andrea Zaumseil, o.T., 1998, Stahl, 90 cm x 100 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Rudolf Kurz (*1952): Schafft reduzierte Steinskulpturen und sakrale Räume, die durch präzise Schnitte die innere Kraft des Materials freilegen.

Kunst im deutschen Südwesten, Rudolf Kurz, Torso, 1993, 65 cm x 50 cm x 14 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Christoph Traub (*1964): Steinkünstler, der die harte Materie in organisch fließende, anthropomorphe Torsi und Wachstumsformen verwandelt.

Kunst im deutschen Südwesten, Christoph Traub, Haut 1, 2014, Jura, Stahl, 95 cm x 15 cm x 30 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
ZEITGENÖSSISCHE TENDENZEN & GEGENWART IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN
Ab 2010
Die aktuelle Kunstszene zeichnet sich durch einen global vernetzten Pluralismus aus. Im Südwesten fällt eine starke Dichte an Positionen auf, die traditionelle Handwerke (Guss, Keramik, Schnitzerei) konzeptuell brechen oder sich mit Ökologie und postdigitaler Identität befassen.
STILE & STRÖMUNGEN
Postdigitale Kunst
Expressive Materialmalerei
Bio-Art
Dekonstruktive Bildhauerei
Rauminstallation
Konzeptuelle Keramik
WEGWEISENDE KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER
MALERISCHE & KONZEPTUELLE POSITIONEN
Max Peter Haering (*1948): Maler und Zeichner der Fantastischen Kunst. Er befasst sich in seinen altmeisterlich dichten, suggestiven Tuschfeder- und Graphitzeichnungen intensiv mit literarischen Vorlagen. Seine Werke eröffnen durch komplexe Meta-Erzählungen aus Linien und Punkten tiefgründige Doppelbedeutungen. International erlangte sein zeichnerisches Schaffen herausragende Anerkennung durch den renommierten Gold Award des asiatischen JIA Illustration Awards.

Kunst im deutschen Südwesten, Max Peter Haering, Küste der Blinden, 1987, Tuschzeichnung, 26 cm x 33 cm, ham010, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Dietmar Brixy (*1961): Der Mannheimer Künstler ist bekannt für hochexpressive, reliefartige und farbgewaltige Materialbilder, die Naturprozesse reflektieren.
Alfred Bast (*1948): Begreift Kunst als Bewusstseinsprozess; dokumentiert in feinsinnigen Bildern, Zeichnungen und Naturstudien („Krieger des Friedens“) existentielle Zusammenhänge.

Kunst im deutschen Südwesten, Alfred Bast, Kosmische Verwandlung, 1978, 119 cm x 89 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Kunst im deutschen Südwesten, Alfred Bast, Ver-Bindungen, 1985, Farbstift auf Malgrund, 200 cm x 155 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Ulrich Brauchle (*1971): Maler und exzellenter Radierer; fängt Landschaften in dynamischen Strichen und sensiblen Farbräumen ein.

Kunst im deutschen Südwesten, Ulrich Brauchle, Malerei, 2020, Öl auf Leinwand, 175 cm x 185 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Elly Weiblen (*1950): Schichtet transparente Farben und Pigmente auf; beschäftigt sich mit Erinnerungstopografien, Natur und Zeit.
Gerlinde Zantis (*1962): Bildet in fein nuancierten Kreide- und Pigmentzeichnungen Landschaften und dichte Waldstrukturen von fast fotorealistischer, meditativer Tiefe ab.

Kunst im deutschen Südwesten, Gerlinde Zantis, Dépt 07/Ruisseau de la Fontinelle VI, 2018, Pastell, 120 cm x 160 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Thomas Rissler (*1962): Schafft farbgewaltige, expressive Gemälde sowie monumentale, zeitgenössische Holzschnitte.

Kunst im deutschen Südwesten, Thomas Rissler, ohne Titel, 2022, Acryl, Öl und Sprühfarbe auf Leinwand, 130 cm x 120 cm, Preis auf Anfrage, rit013kü, SüdWestGalerie
Paul Groll (*1962): Seine farbenfroh-heiteren und vor Lebensfreude sprühenden, vom Zeichnerischen getragenen Werke wirken im ersten Augenblick durch ihre verspielten Farbkompositionen und eine barock-opulente Farbenpracht in einem lebhaften Durcheinander chaotisch. Dieser Eindruck löst sich jedoch auf, sobald sich die Linien und amorphen Fleckenformen zu schemenhaften Gebilden und feinsinnig austarierten, asymmetrischen Ordnungen zusammenziehen.

Kunst im deutschen Südwesten, Paul Groll, Sitzende, 1994, Mischtechnik, 34 x 24 cm, grp003re, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
BILDHAUERISCHE POSITIONEN
Jeanette Zippel (*1963): Grenzgängerin zwischen Bildhauerei, Landschaftsgestaltung und Ökologie. Sie gilt im Südwesten als Pionierin einer skulpturalen Land Art. Berühmt ist sie für ihre architektonisch-landschaftlichen Bienengärten (u. a. für die IGA 1993 in Stuttgart), deren Wegenetze der Choreografie des Bienentanzes folgen. Im Zentrum dieser Areale stehen ihre monumentalen, aus Naturmaterialien (Eichenholz, Lehm, Weidengeflecht) errichteten, figurativen Figurenstöcke. Diese anthropomorphen, an die antike Bienen-Göttin Artemis angelehnten Skulpturen sind konzeptionell so konstruiert, dass sie von Honig- und Wildbienen real besiedelt und durch deren Naturwabenbau im Inneren zu „belebten Plastiken“ werden.

Kunst im deutschen Südwesten, Jeanette Zippel, Wabenbau, Soziales Prinzip 3, 2005, Bienenwachs auf Kartonträger, 70 cm x 100 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Daniel Wagenblast (*1963): Seine aus Holz geschlagenen, farbig gefassten Männerfiguren (oft mit Auto oder Weltenkugel) sind humorvolle, weltberühmte Ikonen des „Jedermann“.

Kunst im deutschen Südwesten, Daniel Wagenblast, Schoko Frau, 2014, Holz bemalt, 25 cm x 27 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Andreas Welzenbach (*1965): Bildhauer des zeitgenössischen Holzbildwerks; bricht die Tradition der Schnitzkunst durch ironische, erzählerische und popkulturelle Motive.

Kunst im deutschen Südwesten, Andreas Welzenbach, Selbstmordattentäter, 2007, Holz, farbig gefasst, 110 x 80 x 72 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Miriam Lenk (*1975): Schafft opulente, barock-üppige Skulpturen aus Ton und Epoxidharz, die patriarchale Schönheitsideale lustvoll untergraben.

Kunst im deutschen Südwesten, Miriam Lenk, Oktopussy, 2013, Keramik, 40 cm x 40 cm x 38cm 33, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Silvia Siemes (*1960): Bildhauerin der leisen Töne; schafft melancholische Figuren aus Terrakotta, deren matte Bemalung ihnen eine zeitlose Aura verleiht.

Kunst im deutschen Südwesten, Silvia Siemes, Große Sitzende, 2020, Terrakotta, gebrannt, Höhe 73cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
Stephan Hasslinger (*1960): Transformiert das klassische Medium Keramik in glänzende, geschwungene und oft textile Assoziationen weckende Skulpturen von hoher Sinnlichkeit.

Kunst im deutschen Südwesten, Stephan Hasslinger, Paisly, Keramik und Glasuren, 2017, 112 cm x 66 cm x 65 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Gerda Bier (*1943): Kombiniert verwittertes Altholz, Fundstücke und Blei zu sakral wirkenden Objekten, die von Vergänglichkeit und Würde erzählen.
Stefanie Ehrenfried (*1964): Erzeugt durch ihre bahnbrechenden, teils lebensgroßen Filz-Plastiken ein tiefes Spannungsfeld aus unmittelbarer Irritation und archaischer Präsenz. In einem jahrelangen, hochintensiven Arbeitsprozess verdichtet sie naturbelassene Schafwolle mittels zehntausender Einstiche der Filznadel zu erstaunlich stabilen, autonomen Körpern.

Kunst im deutschen Südwesten, Stefanie Ehrenfried, Große Beere, 2012-2017, Schafwolle nadelgefilzt, 55 cm x 75 cm x 115 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner
Martin Bruno Schmid (*1970): Konzeptueller Bildhauer; bohrt, spaltet oder verletzt bestehende Architekturen und Materialien (z. B. Säulen oder Leinwände), um deren inneres Wesen sichtbar zu machen.
Susanne Rudolph (*1943): In monumentalen Skulpturen, wie der „Fischgöttin“, gegossen in massivem, mineralischem Steinguss/Beton) verdichtet Susanne Rudolph ihr zentrales Thema – das menschliche Abbild und dessen inhärente Widersprüche – zu einer archetypischen, fast mythologischen Chiffre.

Kunst im deutschen Südwesten, Susanne Rudolph, Fischgöttin, 2017, Steinguss, Höhe: 130 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie